Ungerechtigkeit "Es wurde Egoismus gesät und Trump geerntet"

Thomas Straubhaar hat sich weltweit die Folgen der Globalisierung angesehen, seine Analyse: Die Gewinne wurden ungerecht verteilt. Deshalb schlägt der Ökonom ein bedingungsloses Grundeinkommen vor. Wie könnte das Modell aussehen?
Wissenschaftler Straubhaar: "Arbeit ist keine existenzielle Pflicht mehr"

Wissenschaftler Straubhaar: "Arbeit ist keine existenzielle Pflicht mehr"

Foto: Henning Bode/Laif

In seinem neuen Buch "Radikal gerecht. Wie das bedingungslose Grundeinkommen den Sozialstaat revolutioniert" fordert der Hamburger Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar, 59, einen radikalen Systemwechsel.


SPIEGEL: Sie sind viel gereist, um sich ein Bild von den Folgen der Globalisierung zu machen. Was haben Sie gelernt?

Straubhaar: Dass wir neu nachdenken müssen. Darüber, wie wir Ungleichheit bewerten. Wie wir sie messen. Es genügt nicht, wenn wir uns den Durchschnitt von Volkswirtschaften ansehen. Ökonomische Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte.

SPIEGEL: Was verschweigen sie?

Straubhaar: Ich war in Lateinamerika unterwegs. Natürlich wusste ich, dass dort die Ungleichheit am größten ist. Es ist aber etwas anderes, die Ungleichheit unmittelbar zu erleben. Die U-Bahnen in Mexiko-Stadt sind rappelvoll, die Menschen fahren ein bis zwei Stunden am Morgen zur Arbeit und ein bis zwei Stunden am Abend zurück nach Hause. Und dann verdienen sie den Mindestlohn von 80 Peso, also rund vier Euro - am Tag. Das in einer Stadt, die durchaus ihre Alltagskosten hat.

SPIEGEL: Sie sind bekannt als Ökonom, der Marktmechanismen vertraut. Ist Ihr Weltbild ins Wanken geraten?

Straubhaar: Ich hatte ja schon vorher an der reinen Effizienztheorie gezweifelt. Meine empirischen Beobachtungen haben diese kritischen Überlegungen verstärkt. Wir haben zu lange an die Theorie geglaubt, dass freier Handel, freies Unternehmertum, wenig Staat automatisch zum Ausgleich führen und dass wir nur lange genug warten müssen, bis am Ende alle belohnt werden. Wenn man durch diese Länder reist, wachsen die Zweifel.

SPIEGEL: Das klingt, als hielten Sie die Globalisierung für gescheitert.

Straubhaar: Na ja, erst einmal hat es die Globalisierung geschafft, dass es heute so vielen Menschen so gut geht wie nie zuvor. Noch nie haben so viele so gut und so lange und so gesund gelebt wie heute, und das erleben praktisch alle Gesellschaften.

SPIEGEL: Wo ist dann das Problem?

Straubhaar: Menschen lehnen Win-win-Situationen ab, wenn die Gewinne ungleich verteilt sind. Wenn Sie eine Situation schaffen, in der 100 gewonnen werden kann, aber Sie verteilen diesen Gewinn 99 zu 1, dann wird derjenige, der 1 kriegt, die Lösung nicht für fair und damit akzeptabel halten. Obwohl er ja objektiv mehr hätte als vorher.

SPIEGEL: Das heißt: Alle haben gewonnen, nur manche sehr viel mehr.

Straubhaar: Den meisten ist es bewusst, dass es ihnen ökonomisch besser geht als ihren Eltern oder Großeltern. Aber sie sehen, dass die Schere spürbar auseinandergeht. Und dass, wie in der Bankenkrise, Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Jüngere Menschen sagen, dass das Leben härter geworden sei. Die Unsicherheit ist größer, die Planbarkeit ist schwieriger geworden. Das erste Mal seit Langem steigt in Amerika wieder die Sterberate Erwerbstätiger mittleren Alters.

SPIEGEL: Wird durch den Digitalisierungsschub diese Kluft noch verstärkt?

Straubhaar: Ja, deshalb bin ich dafür, aus den Fehlern der vergangenen Jahre zu lernen. Wir müssen Mittel finden, dass sich die Gesellschaft durch Globalisierung und Digitalisierung nicht weiter polarisiert.

SPIEGEL: Ist es dafür nicht zu spät? Jetzt, da diejenigen, die sich für die Opfer der Globalisierung halten, Donald Trump ins Weiße Haus befördert haben?

Straubhaar: Vielleicht haben wir noch eine Chance. In Europa wird ja dieses Jahr erst noch gewählt. Ich glaube, wir könnten so etwas wie einen Aufbruch schaffen, der zeigt: Wir haben verstanden, wir reagieren. Doch wenn wir dies nicht tun, dann werden wir den Trumpismus und den Neonationalismus auch in Europa erleben. Wenn wir keinen europäischen Trump wollen, müssen wir etwas anbieten, das den Menschen das Signal gibt, dass sie eben nicht abgehängt werden.

SPIEGEL: Markiert Trump das Ende der Globalisierung?

Straubhaar: Es ist zu kurz gesprungen, sich über Trump zu beklagen. Er hat nur ausgenutzt, was die Elite vorher verursacht hat. Die Fehler wurden früher gemacht. Es hat sich ein Egoismus etabliert, der sich in den letzten Jahren auch noch selbst gefeiert hat. Es wurde Egoismus gesät und Trump geerntet. Wir sollten klug genug sein, den Egoismus nicht auszureizen, im eigenen Interesse. Wir brauchen eine neue Versöhnung von sozialen und liberalen Werten.

SPIEGEL: Und die liegt für Sie in der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens von vielleicht 1000 Euro im Monat, das alle Sozialleistungen wie Rente, Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe ersetzt.

Straubhaar: Ja. Unser Sozialsystem, unser Steuersystem: Alles beruht auf Grundlagen, die bröckeln. Sämtliche Modelle gehen davon aus, dass wir 45 Jahre lang ununterbrochen arbeiten, dass Familien aus Mann und Frau und zwei Kindern bestehen. Aber das ist nicht mehr der Normalfall und wird es in Zukunft noch weniger sein. Das System ist voller Ungerechtigkeiten. Da gibt es die Beitragsbemessungsgrenzen: Wer darunterbleibt, muss zahlen. Wer darüberliegt, kann sich aus der Solidarität freikaufen. Beamte zahlen gar nicht ein. Wer Miet- oder Kapitaleinnahmen hat, ist auch fein raus.

SPIEGEL: Das lässt sich ja alles ändern. Aber braucht man gleich einen kompletten Systemwechsel? Man könnte doch auf Basis des alten Modells nachjustieren.

Straubhaar: Das funktioniert nicht. So etwas funktioniert nie. Kleine Reformen scheitern meist an Interessengruppen. Man braucht schon einen großen Wurf, um Veränderungen zu erreichen. Eine Reparatur des Bestehenden genügt nicht. Aber es gibt noch einen weiteren Grund für ein Grundeinkommen: Wir haben damit die historische Chance, Arbeit neu zu denken.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Straubhaar: Bislang beruht unser System darauf, dass Menschen gezwungen sind, Jobs anzunehmen, die eigentlich menschenunwürdig sind. Rund 200 Jahre lang war das auch so. Aber in einer Welt, in der Roboter fast jede Arbeit übernehmen können, brauchen wir das nicht mehr. Kein Mensch muss mehr für wenig Geld Jobs annehmen, die niemand gern macht. Arbeit ist keine existenzielle Pflicht mehr.

SPIEGEL: Das Grundeinkommen könnten Arbeitgeber auch als historische Chance betrachten, sich elegant der Kosten zu entledigen. Macht es Sie nicht misstrauisch, wenn Top-Manager plötzlich vom Grundeinkommen schwärmen?

Straubhaar: Bislang ist es doch so: Sobald jemand entlassen wurde, musste sich der Staat um ihn kümmern. Die Unternehmen hatten nichts damit zu tun. In Zukunft werden die Arbeitgeber sich anstrengen müssen, ein Umfeld zu schaffen, in dem die Arbeitnehmer etwas leisten wollen.

SPIEGEL: Manch einer wird die 1000 Euro nehmen und es sich bequem machen.

Straubhaar: Einen besseren Menschen wird auch das Grundeinkommen nicht erzeugen. Es gibt immer Leute, die sich verweigern, auch im heutigen System. Aber es ist keine Stilllegungsprämie, wie oft behauptet wird. Ein Grundeinkommen ermächtigt die Menschen, die etwas leisten wollen. Wer schlecht ausgebildet ist, kann sich für eine gewisse Zeit herausnehmen und sich weiterbilden. Das kommt dann allen zugute.

SPIEGEL: Der Einzelne verlöre jedoch seine individuellen Ansprüche. Mit 1000 Euro wäre alles abgegolten. Aber das ist ungerecht. Wer im Bayerischen Wald lebt, kommt mit einer solchen Summe über die Runden, ein Münchner sicher nicht.

Straubhaar: Wenn es gute Gründe für Ausnahmen gibt, dann ist es völlig in Ordnung, sie geltend zu machen. Natürlich kommt auch der Invalide im Rollstuhl mit 1000 Euro nicht zurecht. Der Staat muss dann einen Zuschlag gewähren.

SPIEGEL: Dann wird eine Gruppe nach der anderen Ansprüche erheben, das Dickicht an Sozialleistungen wäre so groß wie zuvor.

Straubhaar: Nicht unbedingt. Es muss eben wirklich gut begründet sein, wenn man im Einzelfall vom Grundmodell abweicht. Dadurch verliert es nicht gleich seine Attraktivität. Es ist viel transparenter, viel gerechter. Es hilft, Bürokratie abzubauen. Und es kommt zum richtigen Zeitpunkt, da Maschinen immer mehr Tätigkeiten übernehmen und die Finanzierung des Sozialstaats über Lohnabgaben immer weniger funktioniert.

SPIEGEL: Was macht Sie da so sicher? Schon vor Jahrzehnten dachten viele, die Automatisierung erzeuge Massenarbeitslosigkeit. Tatsächlich stehen heute in vielen Werkhallen Roboter, und dennoch sind in Deutschland derzeit so viele Bürger erwerbstätig wie nie zuvor.

Straubhaar: Ich sage nicht, dass uns die Arbeit ausgeht. Die Digitalisierung wird Millionen Jobs vernichten, aber sie wird auch Millionen Jobs entstehen lassen, an die wir heute noch gar nicht denken.

SPIEGEL: Dann besteht doch gar kein Anlass für ein Grundeinkommen.

Straubhaar: Doch, der technologische Schub kommt unweigerlich, und die Arbeitswelt der Zukunft wird andere Anforderungen haben. Man wird nicht mehr acht Stunden am Tag in 46 Wochen im Jahr über 45 Jahre hinweg ohne Unterbrechung eine Erwerbsarbeit verfolgen und so ein Leben lang sein Einkommen erwirtschaften. Der Prozess wird viel brüchiger sein, Freizeit wird an Stellenwert gewinnen. Dieser Umbruch überfordert die bisherige Finanzierung des Sozialstaats.

SPIEGEL: Halten Sie es denn für realistisch, dass die Idee verwirklicht wird?

Straubhaar: Es geht mir nicht darum, das Modell gleich morgen umzusetzen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich eine Diskussion entwickelte, damit die Bürger nicht das Gefühl haben, mit der Digitalisierung läuft es genauso schief wie mit der Globalisierung. Bei der Globalisierung haben wir es vermasselt, weil wir nur auf Effizienz aus waren und Fragen der Verteilung von Wohlstand untergeordnet blieben. Daraus sollten wir lernen und bei den Folgen der Digitalisierung die Verteilungsfrage ganz nach oben stellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.