AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2016

Zirkustiere Zoff in der Manege

Ist es Quälerei, wilde Tiere in Zirkussen vorzuführen? Viele Städte verbieten solche Auftritte. Die Schausteller sehen sich von Naturfreunden verfolgt, Demonstranten schüchtern Zuschauer ein.

Von


Der Mann, der ein Tierquäler sein soll, geht zu den zwei Giraffen, die Blätter von abgeschnittenen Zweigen rupfen. Dann stellt er sich vor das Außengehege der vier Elefanten, umgrenzt von einem Eisengitter. Schließlich lässt er sein Flusspferd Jedi aus dem Badetank steigen, auf den er so stolz ist. Als Jedi, über zwei Tonnen schwer, das Maul aufsperrt, wirft der Zirkusdirektor Kraftfutter hinein.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 43/2016
Deutsche Bank: Die Geschichte eines Untergangs

"Wir tun alles, damit es unseren Tieren gut geht", sagt Alois Spindler, Zirkusmann in neunter Generation, auch seine drei Kinder arbeiten im Circus Voyage. "Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen, trotzdem werden wir benachteiligt."

Spindler ist sauer auf die Tierschützer, denen er "Volksverhetzung" vorwirft, und auf Politiker, die deren Argumenten blind folgen. Seine Truppe wirbt mit der "größten tierischen Circus-Show", sie gastiert in Biberach an der Riß. Hinter Spindler errichten Männer die Pylonen fur das Zelt. In München, dem vorigen Tourneeort, darf die Show nicht mehr am angestammten Platz im Stadtteil Trudering stattfinden. Die Stadt duldet auf der Festwiese keine Zirkusvorstellungen mit Wildtieren mehr.

Mehr als 50 Kommunen haben ähnliche Beschlüsse gefasst, jüngst unter anderen Bielefeld, Erfurt, Heilbronn, Leipzig, Passau und Rostock. Meistens trifft das Verbot die "großen sechs": Bär, Elefant, Giraffe, Nashorn, Flusspferd, Menschenaffe. Was heißt das für die Zirkusse - und die Tiere?

Elefantenshow des Circus Krone 2014 in München
Getty Images

Elefantenshow des Circus Krone 2014 in München

Stuttgart könnte die nächste Metropole werden, die Großtiere verbannt. Hier ist die Liste sogar länger und umfasst auch Flamingos und Lamas. Derzeit sind Vorführungen noch auf dem Cannstatter Wasen erlaubt, dem Festplatz am Neckar. Im Oktober gastiert dort der Circus Carl Busch mit den Elefanten Carla und Mashibi. Im Dezember folgt der Weltweihnachtscircus mit rund 50 Vorstellungen, in denen Seelöwen ihre Tricks zeigen.

Dann soll Schluss sein mit dem tierischen Defilee, das wollen Grüne, SPD und die Fraktionsgemeinschaft der Linken, die im Rat über eine Mehrheit verfügen, gemeinsam beantragen. "Viele Dressuren passieren nur unter Zwang", sagt Christoph Ozasek von der Linken in Stuttgart, der den Antrag mitformuliert hat.

Auch die Landesbeauftragte für Tierschutz, die Grünen-Vertreterin Cornelie Jäger, will die Wildtiere aus der Manege verbannt sehen: "Bestimmte Tierarten können im Zirkus nicht artgerecht gehalten werden." Außerdem bestehe in der Bevölkerung inzwischen "ein gewisses Unbehagen", wenn Tiger durch Reifen springen oder Bären auf Ballen balancieren. Manche Tiere seien schlicht gefährlich.

Vor einem Jahr riss in Buchen im Odenwald ein Elefant aus und tötete einen Spaziergänger. Jägers Stabsstelle hat Musteranordnungen entworfen, mit denen Kommunen die Zirkusse verpflichten können, ihre Gehege zu sichern. Solche Regeln seien nur eine Notlösung, sagt Jäger: "Wünschenswert ist ein bundesweites Verbot für bestimmte Tierarten." Peta und andere Tierschutzorganisationen fordern es schon lange. In einer Kampagne des Deutschen Tierschutzbundes heißt es neben dem Foto eines Zirkusbären: "Zirkus fur Sie. Folter fur ihn."

Der Bundesrat hielt im März fest, dass eine artgerechte Haltung "in einem reisenden Zirkus schon im Grundsatz nicht erfüllt werden" könne. Zum dritten Mal, nach 2003 und 2011, forderte er die Bundesregierung auf, eine Rechtsverordnung zu erlassen. Doch der Bund, zuständig für den Tierschutz, mag bisher keine systematische Quälerei in den Zirkussen feststellen. Laut einem Sachstandsbericht der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags von 2015 gibt es keine unabhängigen Studien, "die belegen, dass es sich bei der Haltung von 'Wildtieren' im Zirkus nicht nur in Einzelfällen um Tierquälerei handelt".

Nilpferd "Jedi"
DPA

Nilpferd "Jedi"

Wiederholt haben Zirkusse erfolgreich gegen Auflagen geklagt, einige wollen nun gemeinsam gegen Düsseldorf und Schwerin vor Gericht ziehen. Das Verwaltungsgericht Chemnitz befand 2008, ein Auftrittsverbot greife "unzulässig in die Freiheit der Berufsausübung" ein. Das Verwaltungsgericht München hingegen gestand den Kommunen Verbote zu.

Die Zirkusse sehen sich von Protestierern verfolgt. Sie berichten von zerstörten oder beschmierten Plakaten und von Demonstranten, die Zuschauer einschüchterten. "Einige Eltern trauen sich nicht mehr, mit den Kindern in den Zirkus zu gehen, weil sie fürchten, von den anderen Eltern im Kindergarten kritisiert zu werden", sagt der Sprecher des Circus Carl Busch, Sven Rindfleisch. Dabei hätten die Auftritte der Elefanten mit herkömmlicher Dressur nichts zu tun, die Tiere wurden nicht in entwürdigenden Posen ausgestellt. Frank Keller, einer von zwei Tierschutzbeauftragten des Circus Krone, sagt, die Auflagen für die Zirkusse seien schon jetzt strikt.

Die Regeln betreffen eine sinkende Zahl von Tieren in Deutschland. Jedi ist das letzte Flusspferd auf Tour, das alte Nashorn des Circus Voyage ist kürzlich verstorben. Ein Veterinäramt in Niederbayern beschlagnahmte im Frühjahr in einem anderen Zirkus den letzten Bären. Und Robby, der einzige Zirkusschimpanse, darf laut einem Gerichtsbeschluss nicht mehr zur Schau gestellt werden.

Bleiben rund 25 zumeist betagte Elefanten. "Wenn unsere Gesellschaft diese Tiere nicht mehr im Zirkus sehen will, muss sie sich auch fragen, wohin sie sollen", sagt Cornelie Jäger, die Tierschutzbeauftragte. Der Zoo Karlsruhe übernahm im Juni einen Elefanten mit Sehschwäche, er will eine Altersresidenz für die Tiere einrichten. Auch dagegen protestieren Tierschützer: Elefanten gehörten nicht in ein enges Zoogehege.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 43/2016
Deutsche Bank: Die Geschichte eines Untergangs


insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
torpedo-of-truth 26.10.2016
1.
Wildtiere gehören nicht in einen Zirkus! Das ist Fakt und diese komischen Schausteller sollten das endlich mal verstehen. Elefanten in einem kleinen Käfig halten und jeden Abend widernatürliche Kunststückchen aufführen lassen ist Tierquälerei.
Freifrau von Hase 26.10.2016
2.
Bei einigen Mitmenschen sind die Wertevorstellungen leider etwas durcheinandergeraten und das Tier wird höher geschätzt als der Mensch. Das Tier soll nicht im Zirkus gehalten werden, aber die Zirkusmitarbeiter sollen ruhig H4 beantragen. Der Hund ist im Esszimmer bei Mahlzeiten anwesend (und wird ggf. noch vom Tisch gefüttert), aber verhungernde Flüchtlinge sollen bitte in Afrika bleiben. Das Haustier schläft im Bett, aber eigene Kinder sind nicht in Sicht. Für einen Hund fährt man nach Kroatien und campt anschliessend noch eine Woche an der Autobahn, weil der Wauwau abgängig ist, aber Zuwanderung ist des Teufels.
troy_mcclure 26.10.2016
3.
Zitat von torpedo-of-truthWildtiere gehören nicht in einen Zirkus! Das ist Fakt und diese komischen Schausteller sollten das endlich mal verstehen. Elefanten in einem kleinen Käfig halten und jeden Abend widernatürliche Kunststückchen aufführen lassen ist Tierquälerei.
Wieso bezieht sich Tierschutz nur auf Wildtiere? Hunde, Katzen und Vögel gehören m.E. auch nicht in Wohnungen, dies ist doch viel dringlicher als die im Vergleich dazu verschwinden geringe Anzahl an Wildtieren in Zirkussen.
mettwurstlolli 26.10.2016
4. Kindheit
Ich war neulich mit meinem Kind im Zirkus. Ich glaube, Zirkus gehört zu den magischen Ereignissen in der Kindheit. Das Staunen, die Begeisterung, all das funktioniert auch heute noch und ist viel ehrlicher und wahrhaftiger, als irgendwelche youtube - Filmchen. Ja und in einen "richtigen" Zirkus gehören meiner Meinung nach auch exotische Tiere. Obs nun Elefanten sein und Giraffen sein müssen, sei dahingestellt, aber sie gehören zum archetypischen Bild des Zirkus' dazu. Finde ich jedenfsalls. Und an den paar tieren entscheidet sich nicht das Wohl und Wehe der weltweit bedrohten Tierarten. Raubbau an der Natur und Tierquäleri findet woanders in ganz anderen Dimensionen statt, als dass man jetzt über die Zirkusleute herfallen müsste. Auch Naturschutzaktivisten sollten sich satisfaktionsfähige Gegner suchen.
hermes69 26.10.2016
5. K.a. was es da überhaupt noch zu überlegen gibt
Elefanten die zu Werbezwecken an Tankstellen stehen. Wildtiere in deutschen Innenstädten - da sollte sich eigentlich der gesunde Menschenverstand einschalten. Scheinbar aber wollen einige ewig Gestrige das nicht einsehen und halten weiterhin an diesem "Schauspiel" fest. Circus mit Wildtieren ist am aussterben, mMn viel zu spät, aber immerhin.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 43/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.