AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Toyota-Aufsichtsratschef über das Auto der Zukunft "Tesla ist kein Vorbild"

Die Konkurrenten setzen auf Batterieautos - Toyota arbeitet lieber weiter am Wasserstoffantrieb. Aufsichtsratschef Uchiyamada erklärt die Vorzüge.

Toyota Mirai an einer Wasserstoff-Tankstelle in Tokio
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Toyota Mirai an einer Wasserstoff-Tankstelle in Tokio

Ein Interview von


Thekla Ehling/ DER SPIEGEL

Takeshi Uchiyamada, 71, leitete bei Toyota die Entwicklung des Hybridantriebs. Die halbelektrischen, spektakulär sparsamen Modelle machten den japanischen Autokonzern zum Innovationstreiber der Branche. Der Physiker führt heute den Aufsichtsrat des Unternehmens.


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Heft 47/2017
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SPIEGEL: Toyota hat mit dem Hybridantrieb die Tür aufgestoßen zur massenhaften Elektrifizierung der Antriebe, zögert aber mit dem reinen Batterieauto. Hat Sie der Mut verlassen?

Uchiyamada: Nein. Wir sind nur nicht davon überzeugt, dass das Elektroauto zwingend ein reines Batterieauto sein muss. Und auch andere Hersteller und Regierungen teilen unsere Skepsis. Wenn Gesetzgeber, wie in Kalifornien und China, solche Autos fordern, sind wir vorbereitet und können sie auch herstellen. Wir weisen aber darauf hin, dass ein in China betriebenes Elektroauto wegen des hohen Kohlestromanteils das Klima mehr schädigt als unsere sparsamen Hybridfahrzeuge.

SPIEGEL: Was spricht gegen ein Batterieauto, wie es Tesla baut?

Uchiyamada: Batterieautos, die große Reichweiten erzielen, haben einen schweren Akku, für dessen Herstellung viel Energie verbraucht wird, sie sind sehr teuer und haben lange Ladezeiten. Solche Autos passen nicht in unser Programm. Tesla ist nicht unser Gegner und auch nicht unser Vorbild. Ich denke, dass die deutschen Hersteller Tesla eher als Konkurrenten sehen.

SPIEGEL: Auch die setzen neuerdings aufs Batterieauto. VW, Mercedes und BMW wollen ein Netz von Schnellladestationen aufbauen, um so das Problem der begrenzten Reichweite zu lösen.

Uchiyamada: Einiges deutet darauf hin, dass tatsächlich ein Durchbruch bevorsteht. Aber wir müssen erst untersuchen, was das für die Lebensdauer der Batterie bedeutet. Hier haben wir uns noch kein abschließendes Urteil gebildet.

SPIEGEL: Toyota betreibt eine eigene Entwicklung und Fertigung von Batteriezellen. Die Branche setzt große Hoffnungen auf neuartige Feststoffbatterien, die weit mehr Strom speichern und sich schneller laden lassen als bisherige Akkus. Arbeiten Sie auch daran?

Uchiyamada: Selbstverständlich tun wir das. Diese Technologie wird einen großen Entwicklungsschritt bedeuten. Aber das dauert noch. Wir gehen von einer Massenproduktion in vier bis fünf Jahren aus.

SPIEGEL: Toyota setzt wegen der Batterieschwächen auf die Brennstoffzelle, also ein Elektroauto, das Strom aus getanktem Wasserstoff gewinnt. Wenn die Feststoffbatterie eine Revolution bringt, wird dann die Brennstoffzelle überflüssig?

Uchiyamada: Das glauben wir nicht. Wasserstoff wird in der Energiewirtschaft der Zukunft als Speichermedium eine bedeutende Rolle bekommen. Mit zunehmendem Ausbau von Wind- und Solarstrom wird überschüssige Energie anfallen, die sich in Wasserstoff umwandeln und speichern lässt. Hier entsteht automatisch ein Kraftstoffmarkt. Und bei allem Fortschritt wird auch die Feststoffbatterie das Problem der Reichweite nicht völlig beseitigen. Wer Fahrzeuge wie Fernlastwagen und Reisebusse ohne Verbrennungsmotor betreiben will, hat keine plausible Alternative zur Brennstoffzelle.

SPIEGEL: Wasserstoff hat den großen Nachteil, dass für die Herstellung, den Vertrieb und die Rückumwandlung zu Strom im Auto gut drei Viertel der ursprünglichen Energie verloren gehen. Beim Laden von Batterien hingegen bleibt im Idealfall fast alles erhalten.

Uchiyamada: Ich stimme Ihnen zu. Das ist aber nur dann ein Problem, wenn der Strom aus fossilen Quellen stammt. Eine nachhaltige Wasserstoffproduktion wird das Ergebnis einer ganzheitlichen Energiewende sein - mit Stromüberschüssen, die das Netz nicht aufnehmen kann. Und für diesen Zweck ist Wasserstoff bei all seinen Nachteilen eines der besten Speicher- und Transportmedien, weitaus besser geeignet als Batterien. Die Ölnationen Arabiens werden künftig ihren Wohlstand mit Sonnenenergie sichern, die sie ja ebenfalls im Überfluss haben. Wenn sie diese Energie exportieren wollen, bietet sich Wasserstoff an.

SPIEGEL: Ehe der Ölscheich zum Wasserstoffscheich wird, müsste eine aufwendige Infrastruktur von Wasserstofftankstellen errichtet werden. Davon ist noch in keinem Land der Welt viel zu sehen.

Uchiyamada: Noch ist das ein Problem. Aber für Europa, Kalifornien und vor allem Japan bin ich sehr zuversichtlich. Im kommenden Jahrzehnt werden in all diesen Ländern attraktive Tankstellennetze entstehen. In Japan werden bereits heute 91 Wasserstofftankstellen betrieben. Und bis zu den Olympischen Spielen 2020 sollen es bis zu 180 sein. Aber Sie haben recht, die Infrastruktur ist die größte Hürde.

SPIEGEL: Der schnellste und beste Weg zu einer klimaschonenden mobilen Gesellschaft wäre die Abkehr vom Auto als Massenverkehrsmittel. Aber dazu können Sie dem Konsumenten ja schlecht raten.

Uchiyamada: Das können wir nicht, und das wollen wir nicht. Die Begeisterung für Autos ist in Ihrem Land und auch in meiner Heimat ungebrochen. Es gibt ein japanisches Wort dafür: Eisha. "Sha" heißt "Auto". Und "Ei" heißt "Liebe".

SPIEGEL: Die Liebe scheint zu schwinden. Es gibt zunehmend junge Menschen, die gar keinen Führerschein mehr machen.

Uchiyamada: Das ist ein Phänomen in den Großstädten der Industrieländer. Auf dem Land und in Schwellenländern ist das anders. Nur 30 Prozent aller Menschen haben die Möglichkeit, ein Auto zu nutzen. Viele freuen sich darauf, diese Freiheit zu genießen. Weltweit wächst der Markt.

SPIEGEL: Nur, wie lange noch?

Uchiyamada: Ich weiß es nicht.



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