TV-Skandal Das Phantom der Volksmusik

Der Mann, der Helene Fischer zum Star machte, fiel selbst sehr tief: Als MDR-Unterhaltungschef stürzte Udo Foht über dubiose Zahlungen, dann tauchte er ab. Hier spricht er.
Ehemalige Foht-Schützlinge Fischer, Silbereisen bei "Das Adventsfest der 100.000 Lichter"

Ehemalige Foht-Schützlinge Fischer, Silbereisen bei "Das Adventsfest der 100.000 Lichter"

Foto: Jens Schlueter/ Getty Images

Udo Foht hat sich unsichtbar gemacht. Zumindest für alle, die ihn gern zur Rede stellen würden, und davon gibt es einige im deutschen Showgeschäft.

Jene TV-Produzenten, die Foht mit Darlehen aus der Patsche halfen, auch der guten Beziehung zuliebe, und so in den Verdacht gerieten, ihn geschmiert zu haben.

Oder die ehemalige Managerin von Yvonne Catterfeld, die in der Branche herumerzählt, sie habe eine Rentenpfändung gegen Foht erwirkt, weil sie ihm einmal 10.000 Euro geliehen und diese nie wiederbekommen habe. Auf der Jagd nach ihm komme sie sich vor "wie Miss Marple", er werde sich doch nichts angetan haben.

Foht lebt. In Süddeutschland, wo der 66-Jährige unter falschem Namen arbeitet, weil der echte verbrannt ist. Manchmal ist er auch in Berlin zu finden, nur nicht mehr unter seiner alten Adresse.

Sein Leben war die Show, zuletzt glich es eher einem Krimi. Zu den Vorwürfen gegen ihn hat er bislang geschwiegen.

Jetzt, sagt er, sei es an der Zeit, sich zu äußern.

Der kleine Mann mit dem gestutzten Bart war mal eine große Nummer: Unterhaltungschef des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), 20 Jahre lang. Ein Genie des Seichten. Seine Sendungen waren pappsüß, plüschig und ungemein populär. Fohts Schunkelshows wurden Dauerbrenner und seine Schützlinge zu Stars. Er baute die Schlagerdiva Helene Fischer mit auf, Showmaster Florian Silbereisen ist seine Entdeckung.

Im Juli 2011 krachte die heile Fernsehwelt zusammen. Udo Foht musste seinen Schreibtisch beim MDR räumen, er war aufgeflogen. Vom Leipziger Sender aus hatte er über Jahre ein System geschaffen, in dem er Geschäftspartner zur Zahlung größerer Summen überredete. Schmiergeld, so der erste Verdacht. Meist flossen die Beträge jedoch an eine Firma des von ihm protegierten Moderators Carsten Weidling.

Die Staatsanwaltschaft Leipzig ging mit Getöse ans Werk. Bundesweit wurden Wohnungen und Büros durchsucht, darunter auch das von Fischers Manager, für den der Unterhaltungschef auch mal nebenbei gearbeitet hatte. Gegen Foht wurde ermittelt. Das alte Gerücht kam wieder hoch, er habe für die Stasi gespitzelt. Wurde er damit erpresst? Dann tat sich - nichts mehr. Fünf Jahre später tritt die sächsische Justiz noch immer auf der Stelle.

Rentner Foht: "Ich war besessen"

Rentner Foht: "Ich war besessen"

Foto: Bernd Lammel/ DER SPIEGEL

Der Fall ist eine der wunderlichsten Affären der ARD-Geschichte. Geblieben sind zwei Rätsel: Warum hat das Landgericht Leipzig es bis heute nicht geschafft, ein Verfahren zu eröffnen? Und wo steckt Foht? Darüber wird gebrütet, sobald die TV-Branche bei Shows zusammenhockt, die früher von Foht verantwortet wurden. So wie Mitte November bei der "Bambi"-Verleihung, am Potsdamer Platz in Berlin.

Foht war nicht weit weg, ein paar Kilometer nur, er saß in seiner Wohnung vor dem Fernseher und schaute "Bambi". Dort wurde neben Jogi Löw und dem Papst auch Florian Silbereisen geehrt, und damit irgendwie auch Foht.

Er war 2003 der Einzige gewesen, der dem damals 22-Jährigen die Moderation der ARD-Show "Feste der Volksmusik" zutraute, als Nachfolger von Carmen Nebel. Foht drückte ihn im Sender durch. Nun stand Silbereisen da, ein Bronze-Reh in der Hand, ein Peter-Alexander-Lächeln im Gesicht, er grüßte seine niederbayerische Heimat, nannte seine Lebensgefährtin Helene Fischer "die allerschönste Frau" im Saal, dankte seiner Mama, seinem Manager und dem MDR, nur nicht Foht. Der sagt, er habe das auch nicht erwartet.

Fischer, Silbereisen mit "Bambi"

Fischer, Silbereisen mit "Bambi"

Foto: Clemens Bilan/ dpa

Foht ist heute noch stolz auf seinen damaligen Alleingang. Das ist zu spüren, als er am Tag nach "Bambi" darüber redet, in einem Hotel in Berlin-Köpenick. Das Treffen ist eine Premiere. Als er noch der Show-Zampano war, wollte er mit Journalisten nichts zu tun haben. Ohnehin sprach er nie über sich, auch nicht mit Kollegen, ebenso wenig interessierte er sich für sie. Er ging nicht einmal mit ihnen in die Kantine. Foht galt als unnahbar.

In den folgenden Stunden erzählt er seine Version des Falls. Sie handelt vom Wahnsinn im Innern einer ARD-Anstalt. Manche Fragen bleiben auch danach offen.

Fohts Geschichte ist die eines Getriebenen. Eines Mannes, der sich nie wertgeschätzt fühlte, der unter dem mangelnden Vertrauen seiner Vorgesetzten litt, irgendwann im MDR-Reich sein eigenes Fürstentum errichtete und dabei jedes Augenmaß verlor, bis ihm alles entglitt. "Ich wollte immer nur erfolgreiches Fernsehen machen", sagt Foht. "Das war mein Lebensinhalt. Dem war alles andere untergeordnet. Ich war besessen."

Der MDR profitierte davon. Intendant Udo Reiter schätzte Foht - oder zumindest dessen Quoten. Trotzdem habe Reiter ihn nie wirklich gefördert, sagt Foht. Ebenso wenig der Fernsehdirektor. "Sie hätten sagen können, der Foht hat den Riecher, den lassen wir machen. Aber ich musste immer kämpfen."

Die Vertreter der anderen ARD-Anstalten rollten mit den Augen, wenn er Einfälle präsentierte, die selbst für öffentlich-rechtliche Verhältnisse Biederkeit verströmten. So wie damals die Idee mit dem "längsten Weihnachtslied der Welt".

Es stammt aus dem Erzgebirge, heißt "Heiligobndlied", umfasst 156 Strophen. Foht schlug vor, es am Stück aufzuführen. "Es gab nur Bedenkenträger, auch in meinem eigenen Laden. Blicke, die sagten: Jetzt dreht er völlig am Rad." Foht zog den Plan durch, die Zuschauer im Saal waren beseelt, die Einschaltquote top. "Trotzdem kam hinterher keiner zu mir und sagte, tut uns leid, wir haben uns geirrt."

Foht wurde zum Ein-Mann-Kommando. Ideen behielt er für sich, aus Angst, jemand könne sie klauen oder torpedieren. Ein Dreivierteljahr lang verhandelte er mit Startenor José Carreras über eine gemeinsame Gala und erzählte dem Fernsehdirektor erst davon, als alles fix war. Der sei noch monatelang beleidigt gewesen.

Hatte Foht sich in eine Idee verguckt, ließ er von ihr nicht ab. Standen ihm Vorschriften im Weg, die er als unsinnig erachtete, versuchte er zunächst, deren Abschaffung zu erreichen. Gelang das nicht, unterlief er sie. Wie 2004 die neue Ansage, dass eine Produktionsfirma, die Ausschnitte aus dem MDR-Archiv verwenden will, beim Sender dafür bezahlen muss, selbst wenn sie damit eine Sendung für den MDR produziert.

Fatal war das für Fohts Nostalgieshow "Damals war's", die zu 80 Prozent aus Archivmaterial bestand und plötzlich irre teuer wurde. Foht hätte seinen Etat schröpfen müssen, um dem MDR an anderer Stelle Einnahmen zu bescheren. Er jedoch deklarierte die Sendung zur Eigenproduktion und kündigte der Firma die Zusammenarbeit, um deren Mitarbeiter auf Honorarbasis wieder ins Boot zu holen.

Vielleicht ist das etwas, worauf man in der DDR trainiert wurde, wo Foht aufgewachsen ist: sich in einem System durchzubeißen, dessen Regeln einem das Leben schwer machen. Foht allerdings vermutet, seine Arbeitsweise habe eher mit ihm persönlich zu tun.

Seine Mutter starb an Krebs, als er neun war. Sein Vater war da schon 65 und kein guter Gesprächspartner für den Jungen. Foht gewöhnte sich daran, alles mit sich auszumachen. Freunde habe er als Kind keine gehabt, sagt er. Nach dem Tod der Mutter nahm er sich vor, Arzt zu werden. Das ging nicht, da er kein Blut sehen kann. Er folgte seiner Neigung und machte Unterhaltung, erst beim DDR-Fernsehen, seit dessen Gründung 1991 dann beim MDR. Dort werkelte er mit chirurgischer Akribie - und der Selbstherrlichkeit eines Oberarztes.

Beim MDR geht man davon aus, dass Foht dem Sender finanziell nicht geschadet hat.

Fohts Vorgesetzten hätte es schon genügt, wenn er die bewährten Sendungen fortgesetzt hätte. Sein Ehrgeiz hingegen drängte ihn, Neues auszuprobieren. Nur war dafür kaum Geld da. Vergebens habe er für einen Topf zur Entwicklung frischer Formate gekämpft, sagt Foht. Stattdessen seien die Budgets zusehends geschrumpft. Foht wusste sich auch hier zu helfen. Er produzierte drauflos, selbst wenn Sendungen nicht oder noch nicht genehmigt waren - und holte sich das Geld woanders. Vor allem das für Carsten Weidlings Sendung.

Der Moderator ist der Sohn von DDR-Fernsehlegende O.F. Weidling, der in den Achtzigerjahren kaltgestellt wurde, weil er dem Regime zu aufmüpfig geworden war. Der Junior galt beim MDR stets als untalentiert, Foht jedoch hielt an ihm fest.

Binnen weniger Jahre erbettelte Foht bei Geschäftspartnern mehrere Hunderttausend Euro, die an Weidlings Firma flossen. Mit dem Geld, sagt Foht, habe Weidling seine MDR-Reihe "Wir sind überall" finanziert, für die er ostdeutsche Auswanderer besuchte. Die Sendung sei aufwendig gewesen, mit Reisen nach Neuseeland oder Australien.

Die Staatsanwaltschaft hat dazu eine andere Meinung. Sie hat Weidling wegen Erpressung angeklagt. Als Beleg dienen harsche Mails an Foht, in denen Weidling damit droht, sich an den MDR-Intendanten zu wenden. Einem Geschäftspartner schrieb Weidling, er denke, er habe Foht an den Eiern, und lasse ihn um sein Leben winseln.

Die Frage ist, womit er ihn zum Winseln bringen wollte. Mit dem Wissen über sein krudes Finanzierungsmodell? Oder mit Details aus seiner Vergangenheit? Schon früher hatte es Hinweise gegeben, Foht könnte für die Stasi spioniert haben. Bekannt ist, dass die ihn als IM "Karsten Weiß" führte. Foht bestritt bereits 2001 vor Gericht, Spitzel gewesen zu sein. Ein ehemaliger Stasi-Mann sprang ihm bei. Fohts Akte ist großteils verschollen.

"Es gab keine Erpressung", sagt Foht. "Womit hätte man mich erpressen sollen? Ich habe nie für die Staatssicherheit gearbeitet. Ich habe keine Berichte geliefert, nie eine Verpflichtung unterschrieben."

Weidling sagt auf Anfrage, er gehe davon aus, dass sich die Vorwürfe gegen ihn als "absurd" herausstellen werden. "Ich bin gespannt, ob der MDR und die Staatsanwaltschaft Leipzig dann zu einem angemessen schlechten Gewissen fähig sind."

Die Leipziger Ankläger sind gerade weniger mit Gewissensfragen beschäftigt. Sondern damit, eine drohende Blamage abzuwenden, was die Vorwürfe gegen Foht angeht. Dabei glaubte die Staatsanwaltschaft vor fünf Jahren, mit ihm einen dicken Fisch an der Angel zu haben.

MDR-Leuten traute man damals alles zu. Zu präsent war die Erinnerung an den Sportchef, der gegen Geld Veranstaltungen und Interviews im Programm platziert hatte. Zu frisch der Fall des Herstellungsleiters des Kinderkanals, der Millionen im Kasino verspielt hatte. Damals hatte der MDR interne Ermittler angeheuert, durch sie war Foht überhaupt erst aufgeflogen.

Eifrig hörte die Staatsanwaltschaft Telefone ab. Sie beschlagnahmte, so Weidling, kistenweise Aufnahmen seiner Radiogags und TV-Sendungen. Über ein Rechtshilfeverfahren bat sie die amerikanische Justiz, den US-Konzern Google zur Herausgabe von privaten Mails zu drängen, die Foht über den Dienst Gmail verschickt hatte. Heraus kam nichts.

Mehrere Staatsanwälte arbeiteten sich an dem Fall ab, taten sich jedoch schwer, Belastendes zu finden. 2013 wurde Foht zwar beschuldigt, in 13 Fällen von Betrug, zwei Fällen von Untreue, einmal Bestechlichkeit, fünfmal Steuerhinterziehung. Doch die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft wurde vom Gericht als unzureichend zurückgewiesen, ein ungewöhnlicher Vorgang. Seither wird nachgebessert.

Nun soll ein Mann helfen, dessen Name von Beginn an mit der Affäre Foht verbunden war: Werner Kimmig, 68, ehemaliger Produzent von "Bambi" und "Echo". Er zahlte mehrmals Geld an Weidling. Es gab einen Strafbefehl wegen Beihilfe zur Untreue gegen ihn, den Kimmig jedoch erfolgreich abwehrte.

Der umtriebige Badner ist die vielleicht letzte Hoffnung der Leipziger Staatsanwaltschaft. Zugleich könnte er auch Fohts Hoffnung sein, und allein das zeigt, wie kurios dieser Fall ist. Kimmig soll am 13. Dezember vernommen werden. Seine Aussage sei notwendig, um zu klären, ob überhaupt ein Verfahren eröffnet werde, heißt es vom Gericht.

Büßen muss Foht schon jetzt. Seine Ehe ging kaputt. Zu den Stars, die er groß machte, hat er keinen Kontakt mehr. "Ich merke, das ich in der Branche keine Freunde hatte", sagt Foht. In seinem Leben gebe es nur zwei Menschen, "bei denen ich mich durchringen könnte, sie Freunde zu nennen", sagt Foht. Er sei einsam.

Um Abstand zu gewinnen, ging er vor zwei Jahren ins Teilzeit-Exil. Er tauchte in der schwäbischen Provinz unter, in Winnenden. Tageweise arbeitet er in einem Büro mit telefonzellengelber Tür in der Nähe des Bahnhofs, unter Pseudonym schreibt er dort Texte für eine Zeitschrift namens "Drive". Verlegerin ist Antoinette P., eine alte Bekannte Fohts und im Einsammeln von Geld ähnlich begabt wie er.

P. bettelte über Jahre um Spenden für ihre Stiftung "Villa Sans Souci". Mit ihnen sollte angeblich ein Erholungsdorf für kranke Kinder gebaut werden. Sie schaffte es, illustre Namen für ihre Zwecke einzubinden, bis hin zu Angela Merkel und Bill Clinton. Es gab Spatenstiche, gebaut wurde nichts, das Geld war weg.

Vor zwei Jahren wurde die Society-Lady wegen Betrugs verurteilt. Ihre Haft hat sie bislang nicht angetreten, aus gesundheitlichen Gründen. P. bezahlt die Miete für ein möbliertes Apartment, das Foht in Winnenden bewohnt. In der Not darf man nicht wählerisch sein, was Verbündete angeht, aber für Foht soll das nur eine Lösung auf Zeit sein. Er sagt, er lote neue Projekte aus, "schon allein, damit mein Kopf nicht verrückt wird". Über Details könne er noch nicht sprechen.

Vorwerfen will er sich nichts, er sei immer verantwortungsvoll mit MDR-Geld umgegangen. In 20 Jahren habe er nie seinen Etat überzogen und stets günstiger produziert als andere ARD-Sender. "Ich würde mit Sicherheit wieder so handeln."

Foht hat Geld hin- und hergeschoben. Er hat gegen Dienstanweisungen verstoßen. Doch beim MDR geht man davon aus, dass er dem Sender finanziell nicht geschadet hat. Allenfalls wurde das Image des MDR geschädigt, aber das war schon vorher nicht das beste.

Wenn das stimmt, bliebe nicht viel Schlimmes, was Foht dem deutschen Fernsehen angetan hat. Außer vielleicht Florian Silbereisen.

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