AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2016

Unterfinanzierte Unis Wenn das Geld ins Schulklo fließt

Marode Gebäude, zu wenig Professoren, veraltete Technik: Zahlreiche Rektoren klagen, ihre Universitäten bekämen zu wenig Geld. Dabei ist genug da, es wird nur falsch investiert. Von Miriam Olbrisch


Hörsaal der Universität Koblenz-Landau: Leidtragende sind Lernende wie Lehrende gleichermaßen
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Hörsaal der Universität Koblenz-Landau: Leidtragende sind Lernende wie Lehrende gleichermaßen

Udo Sträter könnte ein zufriedener Mann sein. Aus dem Fenster seines Jugendstilbüros blickt der Rektor der Universität Halle-Wittenberg auf junge Menschen, die über den Campus wuseln, zu den Hörsälen hasten, in der einen Hand einen Kaffeebecher, in der anderen Ordner.

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Heft 31/2016
Wie Deutschland sich gegen den Terror wehren kann

Andere sitzen auf den Stufen vor dem Juridicum in der Sonne, gehen ihre Aufzeichnungen durch - und fühlen sich sichtlich wohl. Sträters Universität ist bei Studierenden beliebt wie nie. Im CHE-Ranking, der umfassendsten deutschen Hochschul-Hitliste, belegte Halle-Wittenberg Spitzenplatzierungen: Erziehungswissenschaften kann man demnach fast nirgendwo so gut studieren wie hier, auch Chemie landete in der Bestengruppe.

Sträter freut sich über den Erfolg. Einerseits. Andererseits bereitet er ihm Sorgen: "Da lässt es sich nur schwer glaubhaft argumentieren, dass bei uns das Geld knapp ist?"

Monatelang diskutierte die deutsche Wissenschaftspolitik über die Fortführung der Exzellenzinitiative, jetzt in "Exzellenzstrategie" umgetauft, jenes milliardenschwere Förderprogramm von Bund und Ländern, das eine Handvoll herausragende Hochschulen auf eine Stufe mit internationalen Forschungs-Leuchttürmen wie Stanford stellen soll. Doch was hat Exzellenzinitiative wirklich gebracht? Und wie steht es um all jene deutschen Hochschulen, die keine Eliteförderung bekommen? Lesen Sie hier mehr.

Die Nöte derer, die nicht von dem Geldregen profitieren, rückten dabei in den Hintergrund. "Die Exzellenzinitiative löst nicht die Probleme, die wir in der Fläche haben", sagt Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands. Das größte dieser Probleme sei die Grundfinanzierung, die den laufenden Betrieb in Forschung und Lehre sichern soll. Sie ist nach Ansicht der Hochschulchefs längst nicht mehr ausreichend. "Die Länder lassen die Hochschulen am langen Arm verhungern", sagt Kempen.

Überall im Land klagen Hochschulrektoren über marode Gebäude, fehlendes Personal, veraltete Technik und Mangel an Forschungsgeldern. Zwar ist die Höhe der Grundfinanzierung kontinuierlich gestiegen, aber nicht so schnell wie die Zahl der Studenten. Der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratergremium der Hochschulpolitiker, empfiehlt, die Ausgaben jährlich um mindestens einen Prozentpunkt über der allgemeinen Kostensteigerung aufzustocken. In Wirklichkeit lagen die Grundausgaben pro Student im Jahr 2013 unter denen von 2006.

Dass die Hochschulen im selben Zeitraum viele externe Gelder, sogenannte Drittmittel, einwarben, hilft kaum. Im Gegenteil: Für jedes Drittmittelprojekt muss die Uni eigenes Geld zuschießen und zum Teil Kosten für Räume, technische Ausstattung, Strom und Heizung übernehmen. Geld, das oft nicht vorhanden ist. "Wir siegen uns zu Tode", beschrieb Ulrich Rüdiger, Rektor der forschungsstarken Universität Konstanz, das Dilemma.

Leidtragende sind Lernende wie Lehrende gleichermaßen. Ein Arbeitspapier der Konrad-Adenauer-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass die Grundfinanzierung in den meisten Ländern so weit abgesunken ist, dass sogenannte explorative Forschung in neuen, bislang nicht beforschten Gebieten ohne externe Förderung nicht mehr möglich ist. Das gefährde die Innovationsfähigkeit der Unis.

Und die Studierenden? 63 von ihnen mussten sich 2013, statistisch gesehen, einen Professor teilen. 2005 waren es noch 54. In Nordrhein-Westfalen liegt das Verhältnis sogar bei 83:1. Und das, obwohl die Umstellung auf das Bachelor-Master-System mehr Personaleinsatz erfordert, wie der Hamburger Universitätspräsident Dieter Lenzen argumentiert. "Es gibt eine Vielzahl mehr Prüfungen, dadurch wächst der Betreuungsaufwand", sagt Lenzen. Außerdem strömten seit einigen Jahren mehr junge Leute an die Universitäten, denen Grundlagenwissen fehle und die erst für das Studium fit gemacht werden müssten. "Wir haben die Zahl der Mathe-Vorkurse deutlich erhöht", sagt Udo Sträter aus Halle. "Dafür braucht man Personal."

Auch in Hörsäle und Labors müsste wegen des Studentenandrangs investiert werden. 2,7 Millionen Menschen studieren inzwischen an deutschen Hochschulen, gut ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren. "Irgendwo müssen die Leute ja hin", sagt der Hamburger Präsident Lenzen.

An seiner Hochschule ist der Geldmangel von Weitem sichtbar. 52 Meter ragt der sogenannte Philosophenturm in den Himmel, ein Mahnmal des Sanierungsstaus. Teile der Gebäudetechnik befinden sich nahezu auf dem Stand der Eröffnung in den frühen Sechzigerjahren. Der Brandschutz ist veraltet, innen bröckelt der Putz. Mindestens 51 Millionen Euro soll die Sanierung kosten, die 2018 wohl endlich beginnen könnte.

In Kiel müssen die sogenannten Angerbauten aus den Sechzigerjahren, in denen etwa die Geografen untergebracht sind, bei Sturm evakuiert werden - die verklinkerten Fassaden halten dem Wind nicht stand. An manchen Stellen sickerte Regenwasser hinter die Verkleidung, es schimmelte. Im September wird das erste der Gebäude abgerissen. Auf erstaunliche 11,7 Milliarden Euro summiert sich der Sanierungsstau an deutschen Hochschulen allein seit 2008, wie das Hochschulinformationssystem in einem Gutachten feststellte. Aber auch für den bloßen Bestandserhalt müssten demnach von 2017 bis 2025 rund 29 Milliarden Euro aufgewendet werden.

Es ist ein dramatisches Bild - obwohl das Bundesbildungsministerium immer wieder Hunderte Millionen spendiert, um die Länder zu entlasten.

Neben der Exzellenzstrategie gibt es den Qualitätspakt Lehre (zwei Milliarden Euro zwischen 2011 und 2020), das Förderprogramm "Innovative Hochschule" (550 Millionen Euro, verteilt auf zehn Jahre), die erste Säule des Hochschulpakts, mit knapp 20 Milliarden Euro bis 2020 das dickste Extrabündel vom Bund. Allerdings sind all diese Maßnahmen befristet.

"Wenn ich an das Auslaufen des Hochschulpakts denke, mache ich mir Sorgen", sagt der Hallenser Rektor Sträter. Offiziell habe seine Universität rund 13.700 Studienplätze, eingeschrieben seien aber knapp 20.000 - finanziert würden die Zusatzkosten aus befristeten Hochschulpaktmitteln. "Wir brauchen eine dauerhafte Zusage, dass wir mit dem Geld rechnen können", fordert Sträter. "Eine Professur ist ein Beruf auf Lebenszeit", sagt der Rektor. "Mit Mitteln, die auf Zeit vergeben werden, kann ich keine Professoren berufen." Immerhin hat der Bund seit der Lockerung des Kooperationsverbots im vorletzten Winter die Erlaubnis, sich dauerhaft in der Hochschulfinanzierung zu engagieren.

"Es ist wichtig, den Geldfluss zu verstetigen", sagt auch Christiane Konegen-Grenier, die seit Jahrzehnten am Institut der deutschen Wirtschaft Köln zum Thema Hochschulfinanzierung forscht. Zusätzliche Fördermittel hält sie aber - im Gegensatz zu den Rektoren - nicht zwingend für nötig. "Wenn man sich die Summen anschaut, ist eigentlich genug Geld im System", sagt die Bildungsforscherin. Das Geld fließe nur nicht dahin, wo es am meisten nütze. "Es gibt kein Gesamtkonzept - und damit ein massives Steuerungsproblem." Der Sanierungsstau im Hochschulbau hätte vermieden werden können, sagt die Wissenschaftlerin. Doch seit der Bund im Zuge der Föderalismusreform 2006 den Hochschulbau allein den Ländern überlassen habe, gebe es hierfür kein Koordinierungsgremium mehr.

Schon im Vorfeld warnte die Hochschulrektorenkonferenz: "Es ist offen, ob die Länder ihrer Verantwortung gerecht werden könnten." Inzwischen ist klar, dass sie es nicht können. Seit die Länder selbst entschieden, habe es keine solide Planung mehr gegeben, urteilt Hochschulforscherin Konegen-Grenier. Die Länder stopften mit dem Geld lieber Löcher, als langfristig zu denken.

Ähnlich ungesteuert läuft die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Die Hochschulen produzierten für viel Geld massenhaft Doktoranden. Die meisten von ihnen haben aber keine Chance, jemals eine Professur zu ergattern. "Nur zwei von zehn kommen durch, ein wahnsinnig enger Flaschenhals", rechnet Bernhard Kempen vom Deutschen Hochschulverband vor. "Die Leute haben jahrelang auf befristeten Verträgen gesessen, haben immer wieder gehofft - und jetzt wissen wir nicht, wohin mit ihnen."

Auch der Fächerkanon könnte besser koordiniert werden. "Die Hochschulen sollten stärkere Profile mit klar definierten Kernfächern entwickeln und dafür in anderen Bereichen einsparen", findet Expertin Konegen-Grenier. Besonders Fächer wie Physik, Ingenieurswissenschaften und Medizin brauchen ausreichend Ressourcen, da dort ohne Labors und teure Großgeräte nicht geforscht werden könne. Udo Sträter aus Halle hält von derlei Vorschlägen nicht viel. In Sachsen-Anhalt gebe es nur zwei Universitäten. "Soll ich etwa die Erziehungswissenschaften einsparen - und wir holen uns dann die Lehrer aus Nordrhein-Westfalen?"

Was passieren kann, wenn man die Länder einfach machen lässt, lernte Johanna Wanka auf die harte Tour. Seit Anfang 2015 schenkt die Bundesbildungsministerin den Unis jährlich gut eine Milliarde Euro, indem der Bund den Länderanteil der Bafög-Kosten übernimmt. Die frei werdenden Mittel, so die Erwartung, sollten die Länder zur Hochschulfinanzierung einsetzen.

Blöd nur: Erwartungen sind nicht bindend. Während Bayern und Hessen die Hochschulen tatsächlich großzügig bedachten, sanierte Berlin Schultoiletten, investierte in die Jugendhilfe und trieb die Inklusion voran. Bei den Hochschulen kam weniger als die Hälfte des Geldes an. Schleswig-Holstein steckte seine Millionen sogar komplett in die Schulen. Hamburg gab lediglich an, "aus haushalterischen Gründen keine Zuordnung der frei gewordenen Bafög-Mittel vornehmen" zu können - weiß der Teufel, wo das Geld geblieben ist, in der Sanierung des Philosophenturms bisher jedenfalls nicht. "Eine Heidenschweinerei", schimpft Hochschulverbandschef Bernhard Kempen.

Die "ganze Bafög-Sache" sei ein Beleg dafür, wie wenig sich manche Länder um die Lage der Hochschulen scherten, sagt Kempen. "Wenn sich die Bedingungen nicht drastisch verbessern, rutschen wir als Wissenschaftsnation in die zweite Liga."

Viele Doktoranden haben keine Chance, jemals eine Professur zu ergattern.

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Wie Deutschland sich gegen den Terror wehren kann


insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Benjowi 03.08.2016
1.
Das Problem ist nicht allein ein gewisser Mangel an Geld, sondern Organisationsdefizite, wie sie in allen deutschen beamteten Verwaltungen, so auch in den Universitätsverwaltungen und Staatsbauämtern üblich sind. Zielgerichtetes Handeln ist Mangelware, die Nutzung von Resourcen wird durch kleinteilige Bürokratie teilweise verhindert-ein Wust von vielfach sinnlosen Vorschriften wird genutzt, um möglichst jede Bewegung zu unterbinden. Nicht umsonst hatte die TU München den Neubau von Teilen ihres Campus der Bauorganisation eines Industriekonzern übertragen, um die Staatsbauämter zu umgehen-ein Desaster wie in BER wäre wohl vorgezeichnet gewesen. J
tomymind 03.08.2016
2.
Hauptsache die deutschen Universitäten richten "Ruheräume",muslimische Gebetsräume, ein.
crazy_swayze 03.08.2016
3.
Meine Universität hat sich zu Zeiten der Studiengebühren Fernseher für die Mensa gegönnt (das Menü muss ja schließlich elektronisch und hochauflösend präsentiert werden) und einen Teil der Gebühren dafür benutzt, um die Heizkosten der Universität zu bezahlen. Da soll mir keiner erzählen, Studiengebühren würden die Lehre verbessern.
spon_2999637 03.08.2016
4. Falsch
Zitat von tomymindHauptsache die deutschen Universitäten richten "Ruheräume",muslimische Gebetsräume, ein.
Falsch - sie werden geschlossen... http://www.tagesspiegel.de/themen/charlottenburg-wilmersdorf/universitaet-und-religion-technische-universitaet-berlin-schliesst-gebetsraum/13025730.html http://www.focus.de/regional/essen/studenten-beklagen-einschuechterung-universitaet-essen-schliesst-muslimischen-gebetsraum_id_5280048.html http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/uni-duisburg-schliesst-gebetsraum-fuer-muslimische-studierende-id11660723.html
kenterziege 03.08.2016
5. Na gut - dann eben.....
Zitat von spon_2999637Falsch - sie werden geschlossen... http://www.tagesspiegel.de/themen/charlottenburg-wilmersdorf/universitaet-und-religion-technische-universitaet-berlin-schliesst-gebetsraum/13025730.html http://www.focus.de/regional/essen/studenten-beklagen-einschuechterung-universitaet-essen-schliesst-muslimischen-gebetsraum_id_5280048.html http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/uni-duisburg-schliesst-gebetsraum-fuer-muslimische-studierende-id11660723.html
....Lehrstühle für Gender-Studies! Oder Lehrstühle für Politologie an der alten ehrwürdigen RWTH, an denen solche Flachpfeifen, wie Laschet, den Studenten etwas über die große Welt der Landespolitik erzählen und die Klausuren verbusseln. Mir geht es da aber im Grundsatz um Politiologie. Es gibt von diesem Fach zu viele. Das sind versteckte ABM-Maßnahmen für Akademiker ohne wirtschaftspraktische Verwendung. Also eher zehrend am Sozialprodukt, dass erst mal andere schaffen müssen!
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