Zukunftsfragen junger Menschen Diese Frau hilft, den richtigen Beruf zu finden

Schule geschafft und dann keinen Plan? Studium angefangen und frustriert? Eine Berufsberaterin erzählt, wie sie mit ihren Klienten die großen Fragen angeht.

Während der Berufsberatung: Wofür brennt ein Mensch?
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Während der Berufsberatung: Wofür brennt ein Mensch?

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Er weinte, als er reinkam. Er schluchzte noch, als er rausging. Ein junger Mann, 21 Jahre alt, mit Abitur, aber ohne jeden Plan. "Ich suche seit drei Jahren", sagte er. "Nur weiß ich nicht, wonach genau." Es kommt nicht häufig vor, dass Menschen bei mir weinen. Dieser Mann tat mir wirklich leid. Gleichzeitig war mein Ehrgeiz geweckt. Ich versuche, Menschen aufzufangen, mich in sie hineinzuversetzen. Gemeinsam überlegen wir: Wie lassen sich Ideen entwickeln? Wofür brennt ein Mensch? Was könnte ein gutes Ziel sein?

In meiner Beratung kann jeder frei sprechen. Es geht um die großen Fragezeichen nach dem Schulabschluss. Darum, wie es sich anfühlt, wenn alle Freunde an ihrer Zukunft basteln, nur man selbst hat den Weg noch nicht gefunden. Oder darum, wie es weitergehen soll, wenn die ersten drei Semester gezeigt haben: Ich will dieses Studium nicht. Wer zu mir kommt, bekommt Unterstützung.

Ich brauche viel Empathie, muss mich auf jeden Gesprächspartner neu einstellen. In einer vollen Woche führe ich bis zu 30 Gespräche. Meine Klienten sind zwischen 18 und 25 Jahre alt. Manche bringen ihre Eltern mit, viele sind allein.

"Ich kann nicht jeden aufbrechen"

Ich besuche auch Schulen und berate auf Messen. Auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch haben schon so einige gesessen. Es passiert, dass jemand, der Mediengestalter werden wollte, am Ende lieber zum Zoll ging. Es gibt Menschen, die hochbegabt sind und Hilfe suchen bei der Wahl der Uni. Viele sind dankbar, weil sie nach der Beratung endlich etwas Passendes gefunden haben. Schwierig sind die, die zwar freiwillig kommen, aber mit meinen Vorschlägen nicht viel anfangen können. Das kommt allerdings sehr selten vor.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Ich kann nicht jeden aufbrechen - nicht mal nach mehr als 20 Jahren in diesem Job. Auch dem Mann, der weinend ins Büro kam, konnte ich nur bedingt helfen. Denn sein Problem ging weit über die Suche nach einem passenden Beruf hinaus. Die Verzweiflung über seine Situation hatte ihn einsam werden lassen, er schaute den ganzen Tag Filme und Serien, ging kaum aus dem Haus - er war depressiv. Von mir bekam er ein offenes Ohr und einen Berg Taschentücher. Dann vermittelte ich ihn in psychologische Betreuung.

Im Vergleich zu früher haben sich meine Beratungen verändert - und die Menschen, mit denen ich spreche. Damals waren sie immer wieder gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Die Telefone steckten in der Wand, es gab keine Handys, kein WhatsApp, kein Instagram. Wenn Kumpels nicht erreichbar waren und der Fernseher nichts hergab, mussten junge Menschen sich fragen: Wozu hab ich denn jetzt Lust? So kamen sie auf Gedanken. "Kreative Langeweile", nenne ich das.

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Die gibt es heute nicht mehr. Wer sich langweilt, zückt das Smartphone und lässt sich unterhalten. Alle sind ständig erreichbar. Das führt dazu, dass sich viele nicht mehr konzentrieren und mit selbstreflexiven Fragen nicht viel anfangen können. Gleichzeitig können soziale Netzwerke und die vielen Streaming-Angebote die Berufswahl erleichtern. Wenn eine neue Arztserie läuft, häufen sich die Nachfragen nach Jobs in der Medizin. Die Knochenjägerin "Bones" hat dafür gesorgt, dass viele Forensik interessant fanden.

"Es gibt für jeden einen passenden Weg"

Was mich stört: Über die Arbeitsagentur gibt es einige Vorurteile. Es heißt, wir würden die Leute einfach in die Ausbildungsberufe stecken, in denen gerade Mangel herrscht. Das stimmt nicht. Unsere Beratungen sind neutral. Sie kosten auch nichts. Andere meinen, wir seien uncool oder starr, als sei bei der Arbeitsagentur die Zeit stehen geblieben.

Zu jedem Termin gehören bis zu 30 Minuten Sachbearbeitung, jeder Klient bekommt eine elektronische Akte - und ich richte mich häufig nach den Terminwüschen der Leute. Berufsberater verdienen zwischen 3890 und 5360 Euro brutto im Monat, die genaue Höhe richtet sich nach der Berufserfahrung.

Manche Gespräche nehme ich im Kopf mit nach Hause. Einmal stand ein junger Mann vor mir und sagte: "Ich habe nichts zu essen, weil zu Hause nichts mehr stimmt." Ihm fehlte nicht nur die Perspektive, er hatte eine suchtkranke Mutter und war halb verhungert. Ich nahm ihn mit in unsere Kantine und kaufte ihm etwas zu essen. Das hat mich schon sehr berührt.

Ich will den Menschen klarmachen, dass sie gut sind, so wie sie sind. Die Berufs- und Studienorientierung braucht nun mal Zeit. Manche treffen Entscheidungen im Sprint, für andere ist es eher ein Halbmarathon.

Für fast alle ist der Beruf ein Teil ihrer Identität, er symbolisiert eine Rolle in der Gesellschaft. Deswegen ist es einigen unangenehm, keinen Berufswunsch zu haben. Doch das bedeutet nicht, dass sie keine Talente besitzen, dass nichts mehr kommt. Es gibt für jeden einen passenden Weg.



insgesamt 11 Beiträge
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dasfred 01.08.2019
1. Der Berufsberater ist vielleicht noch wichtiger als früher
Früher war man mit vielen Berufen im Alltag konfrontiert. In großen Familien konnte man von älteren Verwandten Einblick in verschiedene Richtungen bekommen, sich in Praktika parallel zur Schule ausprobieren, kannte meistens die Berufe der Eltern von Schulfreunden. Wenn Freunde im Internet stattfinden, man selbst nichts handwerkliches mehr ausprobiert und sich das Interesse an Technik in der reinen Nutzung erschöpft, wird es schwer. Einen Beruf auswählen bedeutet schließlich, sich auf reale Menschen jeden Alters einstellen, konsequent ein Thema zu bearbeiten, zu testen, ob man mit der Umgebung und dem Arbeitsumfeld überhaupt klar kommt. Ist man im gewählten Beruf überhaupt Konkurrenzfähig? Droht Überforderung? Möchte man bewusst allein Arbeiten oder braucht man ein lebhaftes Umfeld. Wer erst mit achtzehn bis fünfundzwanzig Jahren anfängt, darüber nachdenken, hat schon viel Zeit verdaddelt. Heute würde es mir schwerer fallen, eine Beruf mit Zukunft zu wählen, als vor vierzig Jahren. Mag auch damit zusammenhängen, dass da schon viel positive und negative Erfahrungen einfließen.
Sibylle1969 01.08.2019
2.
Schon in meinem Abiturjahrgang 1989 hatte nur die Hälfte einen Plan, was nach dem Abi kommen sollte. Die andere Hälfte eher nicht. Die männlichen Mitschüler gingen halt erstmal zur Bundeswehr oder machten Zivildienst. Die Mitschülerinnen, die keinen Plan hatten, begannen oft Vernunftsausbildungen wie eine kaufmännische Ausbildung oder die Ausbildung beim Finanzamt, oft von den Eltern in diese Richtung gedrängt. Sehr oft führte das aber zu einer späteren Neuorientierung, denn seien wir ehrlich, wer wird beim Finanzamt schon glücklich, wenn man sich nicht für Steuern interessiert?
mlarsen 01.08.2019
3.
Mir kommt folgender Satz merkwürdig vor: "..das große Fragezeichen nach dem Abschluss". Es gibt Leute, die sich erst NACH dem Abi umschauen ? Ich finde, das ist ein wenig spät, oder ? Mit 18-20 sollte man schon zumindest die ungefähre Richtung wissen, auch wenn "irgenwas mit Menschen/Medien" nicht gerade genau definiert ist.
kika2012 02.08.2019
4. mlarsen
Ich wusste das nur bedingt. Erstmal wie oben erwähnt eine kaufmännische Ausbildung gemacht und dann ein Studium drangehangen. Erst mit ca. 30 wusste ich, was ich wirklich machen wollte. Dank Auslandserfahrung und Fremdsprachen habe ich die 10 Jahre locker wieder aufgeholt.
katj.steinb 02.08.2019
5. bla-bla-bla
Entweder hat man bereits einen Plan, inspiriert durch Elernhaus, Hobby, etc oder man hat keinen Plan. Selten hat man eine realistische Vorstellung von der Arbeitswelt, man kennt nicht einmal alle existierenden Berufe, weil Schule keinerlei Bezug zum Alltagsleben hat, dort sitzt man lediglich seine Zeit ab, kein Wunder wenn dann selbst Abiturienten mit ihrem Zeugnis in der Hand keinen Plan haben..... Was soll ein Berufsberater schon bringen ?...der betet auch nur aus dem Netz aufgeschnappte infos herunter....toll! Schüler müßten in das praktische Alltagsleben integriert werden, das schafft Orientierung.
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