Ausbildung zum Psychotherapeuten Enttäuscht, frustriert, verschuldet

Die Ausbildung zum Psychotherapeuten dauert Jahre, kostet Zehntausende Euro und Praktika werden kaum bezahlt. Ist der Beruf nur noch was für gut situierte Mittelschichts-Kids?

Und dann hat sie es einfach sein lassen. Die restlichen Vorstellungsgespräche abgesagt. Keine weitere Klinik für ein Praktikum gesucht. Weil sie nicht schon wieder eine billige Arbeitskraft sein wollte, die nicht aufmucken darf. Weil dieses System ungesund ist. Weil das System sie mal kann. Einerseits.

Andererseits: Was ist die Alternative? Im Studium stand für Esther Bockwyt nie infrage, was einmal aus ihr werden sollte: Psychotherapeutin. Ihre Diplomarbeit schrieb sie, ganz zielgerichtet, über den Zusammenhang von Persönlichkeitsstörungen und Psychosen. Sie wollte Menschen bei seelischen Schwierigkeiten helfen. Und jetzt? Kam ihr alles wie ein großer Irrtum vor. Sie kannte nur noch einen Weg: raus hier.

Einen Plan B hatte sie nicht, als sie einen großen Strich durch Plan A zog. "Zuerst habe ich mich sehr haltlos gefühlt. Meine Zukunftsperspektive war weg", sagt die heute 31-Jährige.

Dabei wird der Therapeutenjob immer beliebter: 2352 Menschen haben im vergangenen Jahr die Abschlussprüfung als Erwachsenen- oder Kinder- und Jugendpsychotherapeut abgelegt, fast viermal so viele wie noch 2005.

Vor der Prüfung liegt in der Regel eine sehr lange, sehr prekäre Strecke. Schon der Zugang zum Studium, Psychologie, ist in Deutschland stark reglementiert. Wer auf dem Abiturzeugnis keine Eins vor dem Komma schafft, muss mit jahrelanger Wartezeit rechnen - oder den Traum vom Traumberuf gleich begraben.

Nach dem Uni-Abschluss lernen angehende Therapeuten an einem meist privaten Institut, das sich die Seminare gut bezahlen lässt. Nebenbei müssen sie Behandlungserfahrung sammeln, 600 Stunden in der Praxis eines Therapeuten oder in einer Einrichtung, davor 1200 Stunden Pflichtpraktikum in psychiatrischen Kliniken. Die wiederum bezahlen ihren PiAs wenig, manchmal nichts. PiA steht für: Psychotherapeut in Ausbildung. Psychotherapeut in Ausbeutung träfe es besser, meinen viele PiAs. Nicht wenige verschulden sich dafür.

Vergütung: null Euro, null Cent

Nach dem Studium in Köln zog Esther Bockwyt nach Berlin, nahm einen Kredit über 20.000 Euro auf und telefonierte eine Liste mit 20 Kliniken der Umgebung ab: Wird das Praxisjahr bei Ihnen bezahlt?

Sie fand schließlich eine Psychiatrie gut 50 Kilometer südlich von Berlin, morgens eine Autostunde hin, abends eine zurück. Ihre Arbeit wurde mit zwei Verträgen geregelt. Mit der Klinik schloss sie einen Praktikumsvertrag, 20 Stunden in der Woche, Vergütung: null Euro, null Cent.

Über weitere 20 Stunden schloss sie mit einer zum Klinikunternehmen gehörenden Leiharbeitsfirma einen Arbeitsvertrag als "Psychologin im Praktikum". Bruttovergütung: 1302,63 Euro, rund 200 Euro unter dem üblichen Tarifgehalt, netto knapp 1000 Euro. Das war die Einnahmenseite eines Monats.

Ein wackliges Konstrukt

Die Ausgaben: rund 200 Euro Sprit, dazu Versicherung und Leasingkosten für einen Kleinwagen, den ihre Eltern für die Ausbildung besorgt hatten. 340 Euro Miete für die Einzimmerwohnung im Prenzlauer Berg. 400 Euro Gebühren für die Ausbildung am Institut, für Wochenendseminare, Grundlagen der Schematherapie, Erstgespräche mit den Patienten, Entspannungsverfahren im Gruppensetting. Macht: 940 Euro.

"Mir wird schwindelig, wenn ich sehe, wie wackelig dieses Konstrukt war", sagt Esther Bockwyt heute. Aber sie hatte nun mal dieses Ziel. Damals.

Zahlen gibt es kaum darüber, wie viele die Therapeutenausbildung aufgeben. Wo man auch fragt, fast alle bescheinigen, dass die Abbruchraten niedrig seien. Trotz der üblen Bedingungen. Oder gerade deswegen. Wer so viel in den Beruf investieren muss, tut sich möglicherweise schwer mit dem Aufgeben. Man beißt sich durch.

Peter Freytag, der im Vorstand des Verbands Psychologischer Psychotherapeuten für den Nachwuchs zuständig ist, glaubt, dass viele Uni-Absolventen sich wegen der Kosten von vornherein gegen die Ausbildung entscheiden - vor allem diejenigen aus bescheidenen Verhältnissen.

Beruf für gut situierte Mittelschichts-Kids

Das hat Folgen, auch für die Patienten: Psychotherapeut werde immer mehr zu einem Beruf für gut situierte Mittelschichtskinder, befürchtet Freytag. "Und hinterher wundern sich die Leute, dass viele Psychotherapeuten mit Patienten mit eher schwachem Bildungshintergrund kaum arbeiten können."

Ute stammt nicht aus einer wohlhabenden Familie. An der Uni hatte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin gejobbt, konnte "ein bisschen was" für die Therapeutenausbildung zurücklegen. Aber genügen würde das lange nicht, das war ihr von Anfang an klar.

Also brauchte sie eine Klinik, die zahlt. Im Juli 2014 sprach sie bei einer Psychiatrie vor; sie würden sich melden, hieß es dort. Sie meldeten sich nicht. Und Ute bekam Panik. Die Wochenendseminare am Institut liefen schon, 380 Euro buchte es jeden Monat vom Konto ab.

Bei einer anderen Klinik hieß es: Im Februar werde eine Praktikantenstelle auf der Depressionsstation frei. Ob es nicht auch früher gehe, fragte Ute. Ging es nicht. Dafür gab es auf der Suchtstation einen freien PiA-Platz, allerdings fehlte dort eine Therapeutin, die sie anleiten könnte.

Allein mit einer Gruppe Suchtpatienten

Ute nahm die Stelle, was sollte sie auch machen, die Vorgängerin gab ihr eine Mappe mit Übungen für die Rückfallgruppe, die sie nun leiten sollte. Das war alles. Für ihren Job als leitende Praktikantin bekam sie 1200 Euro netto. Da saß sie nun, die Berufsanfängerin, frisch von der Uni, allein mit einer Gruppe Suchtpatienten. "Mir war das viel zu viel", sagt Ute. Trotzdem machte sie weiter, Augen zu und durch, nur nicht nachdenken.

Nach einem Jahr zog sie die Notbremse. Es ging einfach nicht mehr. "Kann man die Ausbildung eigentlich pausieren?", fragte sie ihren Institutsleiter. Dann suchte sie sich eine neue Stelle bei einer Firma, die Eignungstests und psychologische Beratungen für große Unternehmen anbietet. Dass sie ihre Ausbildung irgendwann fortsetzen wird, daran glaubt Ute nicht. "Man verdient lange nichts und zahlt viel", sagt sie. "Das ist doch ein blödes System."

Enttäuscht, frustriert, verschuldet

Nicht mal Mitleid dürfen die Ausgebeuteten erwarten. Esther Bockwyts erster Arbeitstag begann mit einer eher harschen Begrüßung. Als sie sich im Besprechungsraum Wasser aus einer Karaffe eingießen wollte, wurde sie direkt von einer der Stationsschwestern angeblafft: "Das ist nur für uns Pflegekräfte."

Ab der zweiten Woche musste Bockwyt Einzelgespräche führen, mit schwer depressiven Patienten, acht- bis zehnmal pro Woche, ein Sprung ins kalte Wasser. Sie habe sich hilflos gefühlt in diesen Sitzungen, sagt sie. Bei so kranken Menschen dauert es, ihnen neuen Lebensmut zu geben. "Man hat mich in diese Gespräche geschickt, als wäre ich eine fertige Therapeutin."

Auf der Station war Bockwyt die einzige Psychologin. Die mit zwei Verträgen sorgsam gezogene Grenze zwischen unbezahlten Praktikumsstunden unter Anleitung und bezahlter Stationstätigkeit nach Dienstplan verschwamm im Alltag von Anfang an. Am Ende verließ sie das Krankenhaus nach einem halben Jahr enttäuscht, frustriert, verschuldet. "Es ist scheiße, wenn der erste Job nach der Uni so verläuft."

Das System ist reformbedürftig

Psychotherapeut ist noch ein relativ junger Beruf. Psychologen konnten ihre Dienste lange Zeit nur im Auftrag von Ärzten anbieten, im sogenannten Delegationsverfahren. Mit der Krankenkasse abrechnen durften sie nicht; um Weiterbildungen mussten sie sich selbst kümmern. Bis 1999 gab es keine geregelte Ausbildung.

Erst mit dem Psychotherapeutengesetz wurden Therapeuten in das Gesundheitssystem aufgenommen; die Weiterbildungsanbieter wurden zu Ausbildungsinstituten mit verpflichtendem Lehrprogramm. Dass das Gesetz Praxisstunden vorschreibt, nutzen Kliniken seither, um billige Arbeitskräfte anzuheuern. Ob und wie die praktische Tätigkeit zu vergüten ist, wurde im Gesetz nicht geregelt.

In den vergangenen Jahren haben PiAs immer wieder protestiert, manche haben für ihr Praktikum ein Arbeitsgehalt bei den Kliniken eingeklagt, mal mit Erfolg, mal ohne. Dass das System reformbedürftig ist, hat inzwischen auch die Politik erkannt. "Wir werden das Psychotherapeutengesetz samt den Zugangsvoraussetzungen zur Ausbildung überarbeiten", kündigte die schwarz-rote Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag an.

Vor Kurzem hat das Gesundheitsministerium einen ersten Entwurf vorgestellt. Verabschiedet wird die Novelle in dieser Legislaturperiode aber wohl nicht mehr.

Vorbild Medizinstudium

Die Richtung für die Reform hat die deutsche Psychotherapeutenkammer bereits vorgezeichnet: Es soll eine Art eigenes Psychotherapiestudium geben, angelehnt an das Medizinstudium. Angehende Therapeuten sollen schon an der Uni Praxiserfahrungen mit Patienten sammeln und mit ihrem Abschluss genau wie Ärzte die Approbation erhalten - also die staatliche Zulassung zur Berufsausübung.

Damit würde sich, so die Hoffnung, ihr Status und vor allem die Bezahlung in den Kliniken verbessern. Sie könnten ein geregeltes Gehalt bekommen, so wie Assistenzärzte, die sich zum Facharzt weiterbilden. Und ebenso wie Ärzte würden Therapeuten eine eigene Praxis erst nach der Fachausbildung an den Instituten eröffnen können.

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Für Esther Bockwyt kommt das alles zu spät. Sie hat sich vom Therapeutentraum verabschiedet. Eine absurde Erfahrung, die sie auf der Suche nach einer neuen Klinik machte, hatte das Fass für sie zum Überlaufen gebracht. In einer Psychiatrie durfte sie Probe arbeiten, kam in die engere Auswahl - und wurde abgelehnt.

Berufserfahrung als Minuspunkt

Die Begründung: Sie habe zu viele Praktikumsstunden bei der vorherigen Klinik geleistet. Damit wären weniger Stunden geblieben, die man mit einem Praktikantengehalt hätte vergüten können. "Meine Berufserfahrung war bei der Bewerbung ein Minuspunkt." Das war der Moment, in dem es ihr reichte.

Sie nahm sich Zeit für die Umorientierung und machte sich schließlich selbstständig. Jetzt unterstützt sie Praxen bei der Diagnostik, schreibt Gutachten, statt zu therapieren. Das liege ihr ohnehin mehr, sagt sie. "Ich verstehe gar nicht, warum alle so fixiert sind auf die Therapeutenausbildung."