Lehre statt Uni Die Freunde gehen tanzen - sie backen Brot

Bäcker gehört zu den unbeliebtesten Ausbildungsberufen. Zwei Schwestern wollen die Backstube ihrer Eltern dennoch übernehmen - unbedingt. Was treibt sie an?

Carolin und Barbara in der Konditorei Jansen in Haldern
Julia Sellmann/ UNI SPIEGEL

Carolin und Barbara in der Konditorei Jansen in Haldern


Als die Bombe platzte, saß die ganze Familie am Küchentisch. Es war Sonntag, eine halbe Nacht und ein ganzer Vormittag Arbeit lagen hinter den vier Jansens: hinter Mutter Eva, Vater Michael und den Töchtern Barbara und Carolin. Zeit für einen starken Kaffee, ein zweites Frühstück - und für ein Geständnis. "Mama, Papa, wir müssen euch etwas sagen", begannen die Schwestern.

"Entweder sie sind beide schwanger, oder sie ziehen nach Australien", diese beiden Optionen seien ihr durch den Kopf geschossen, sagt Eva Jansen, eine zupackende Frau, die normalerweise nichts so schnell erschüttert. Ihre beiden Töchter standen sich schon immer sehr nah. Dass sie gemeinsam ihre Zukunft planten, sei nicht völlig abwegig gewesen. Beide studierten Jura, beide hatten sich dafür nach dem Abitur die Universität zu Köln ausgesucht.

Zurück ins Örtchen

Umziehen wollten die beiden Schwestern tatsächlich. Allerdings nicht ans andere Ende der Welt, sondern - und das war fast ein größerer Schock - zurück nach Haldern am Niederrhein. Zurück in das 5000-Seelen-Örtchen, in dem sie aufgewachsen sind und wo ihre Eltern seit den Achtzigerjahren eine mittelständische Bäckereikette mit vier Filialen führen. Zurück in die Heimat.

Und nicht nur das: Das Jurastudium, hatten sie beschlossen, wollten sie abbrechen - und stattdessen den Betrieb, den ihr Großvater nach dem Krieg aufgebaut hatte, in dritter Generation fortführen. Heimlich hatten sie sich sogar schon zwei Ausbildungsstellen gesucht. Denn Kenntnisse in Gesellschafts- und Handelsrecht sind zwar sicherlich ganz sinnvoll - reichen aber nicht, um gute Brötchen zu backen.

Hände der Schwestern bei der Arbeit
Julia Sellmann/ UNI SPIEGEL

Hände der Schwestern bei der Arbeit

Die Eltern konnten nicht glauben, was sie da hörten, schwankten zwischen Freude und Ablehnung. Wussten die Töchter, worauf sie sich einließen? Das frühe Aufstehen? Die nächtliche Arbeit in der Backstube? Die Verantwortung für die Mitarbeiter? Das fehlende Wochenende? Den Kampf gegen die großen Bäckereiketten und deren niedrige Preise?

500 Euro monatlich im ersten Lehrjahr

Doch die beiden waren fest entschlossen. Schließlich hatten sie doch mehr als 20 Jahre lang miterlebt, was hinter den Kulissen einer Backstube passiert - und genau das hatte sie zuvor immer abgeschreckt. "Wir wollten niemals in die Fußstapfen unserer Eltern treten", sagt Barbara. Es habe immer wieder zarte Anfragen gegeben, ob sie sich nicht eine Bäckerlehre vorstellen könnten. "Das haben wir immer abgeschmettert."

Die Haltung ist nicht ungewöhnlich: Seit Jahren hat die Branche ein massives Nachwuchsproblem. Neben Klempner, Metzger und Restaurantfachkraft gehört der Bäcker zu den unbeliebtesten Ausbildungsberufen. Nach Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) blieb 2015 - dem Jahr, in dem die Jansen-Schwestern sich für das Backhandwerk entschieden - jeder vierte Ausbildungsplatz unbesetzt. Die Arbeitszeiten und die geringe tarifliche Vergütung von 500 Euro monatlich im ersten Lehrjahr schrecken viele junge Leute ab.

Auch Barbara und Carolin mussten sich an den neuen Rhythmus gewöhnen - zumal ihre Freunde weiterhin studierten. "Wir haben uns oft zum Vorglühen getroffen", erzählt Barbara, die ihre Ausbildung in Köln macht. "Meine Freunde zogen dann irgendwann weiter in einen Klub. Ich fuhr in die Backstube."

Hol Dir den gedruckten UNI SPIEGEL!
Den UNI SPIEGEL gibt's auch kostenlos an den meisten Hochschulen.

Warum haben die beiden das gemacht? Die Freiheit des Studierens aufgegeben, die Großstadt hinter sich gelassen für einen so streng getakteten Alltag von knochenharter Arbeit?

"Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass mir Jura nicht die Freude bringt, die ich mir erhofft hatte", sagt Barbara, die jüngere der beiden Schwestern. "Ich fand das Fachliche nicht uninteressant, aber ich konnte mir nicht vorstellen, mein Leben damit zu verbringen."

Das änderte sich auch nicht, als Carolin, die Ältere, nach einer Ausbildung zur Bankkauffrau ebenfalls in Köln ein Jurastudium begann. Im Gegenteil: Nun, da sie zusammen waren, spürten die Schwestern umso stärker, dass sich der eingeschlagene Weg nicht richtig anfühlte. In den Semesterferien verbrachten sie die meiste Zeit zu Hause, halfen in der elterlichen Backstube und dem angeschlossenen Café mit und merkten: Da ist doch eine Verbundenheit, eine, die vielleicht schon immer da gewesen war, aber die sie nie wahrhaben wollten.

Nächtelang geredet

"Rückblickend glaube ich, dass wir uns lange nicht getraut haben", sagt Barbara. "Es ist doch so: Wer heute Abitur macht, studiert - das wird von der Gesellschaft und dem eigenen Umfeld so erwartet."

Und was ist, wenn man diese Erwartungen nicht mehr erfüllen mag? In ihrer Kölner Wohnung redeten die Schwestern sich nächtelang die Köpfe heiß. Statt die Vorlesungen in Bürgerlichem Recht nachzubereiten oder für Klausuren zu lernen, kamen sie immer wieder auf diese eine Frage zurück: Was wäre, wenn...? Ja, was wäre, wenn wir doch das machen, was wir eigentlich nie machen wollten? Was wäre, wenn wir doch feststellen, dass es das Beste für uns ist? Nur in einer Sache waren sie sich sicher: zusammen, oder gar nicht.

Freitagabend in der Backstube

Seitdem ist viel passiert. In wenigen Monaten werden die Schwestern ihre Ausbildungen abschließen und dürfen sich dann "Konditorin" nennen. Weil sie Abitur haben - was unter Lehrlingen in dieser Branche nicht üblich ist - und weil beide in der Berufsschule sehr gute Noten schrieben, konnten sie ihre Ausbildungen auf zwei und eineinhalb Jahre verkürzen. Im Anschluss wollen sie die Meisterschule besuchen, vielleicht sogar noch einmal studieren, Wirtschaft oder Handwerksmanagement. Denn wenn sie ihre Eltern ablösen, werden sie Unternehmerinnen sein - und damit Herrinnen über vier Filialen und 45 Angestellte.

Um sich warmzulaufen, verbringen sie auch jetzt schon fast jedes Wochenende in Haldern. Gleich am Freitagabend nach ihrer Ankunft stehen sie in der Backstube. Nicht nur sie selbst müssen sich an ihre zukünftigen Rollen gewöhnen, sagt Barbara. Auch die Mitarbeiter brauchten Zeit. "Viele kannten uns als kleine Mädchen - und dann werden wir plötzlich Chefinnen."

insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bandelier 31.12.2018
1. Glückwunsch an die beiden Mädels
Sie entschieden sich für etwas Kreatives und Produktives, das ihnen wahrscheinlich viel mehr Zufriedenheit im Leben bescheren wird als lebensleere Juristerei. Wenn es ihnen dann noch gelingt, besonders gute Brote und Brötchen zu produzieren, werden sie nicht nur viele Menschen beglücken, sondern auch wirtschaftlich reüssieren.
steuerzahler1972 01.01.2019
2. Meine Hochachtung und alles Gute für die Zukunft!
Ich wünsche den beiden Schwestern alles Gute und denke, dass man mit guten Ideen und Unternehmertum auch heute noch eine Bäckerei mit der nötigen Größe in die nächste Generation führen kann. Ich drücke die Daumen!
njotha 01.01.2019
3. Gratulation!
ich wünsche den Beiden ganz viel Glück, Erfolg, ein gutes Händchen bei der Mitarbeiterführung und ganz viel Lebenszufriedenheit! Wow, eine tolle und mutige Entscheidung und mit Sicherheit der interessantere und erfüllendere Weg.
Michael Kn 01.01.2019
4. Verdrehung der Tatsachen
Denn was hier angeführt wird, wie frühes Aufstehen und streng getakteter Alltag findet man in vielen Berufen. Und dafür haben dann Bäcker zu Zeiten frei, wo die ehemaligen Wegbegleiter noch in ihren Büros arbeiten. Und durchgetaktet ist der Alltag bei vielen Arbeitnehmern. Die Bäcker die ich kenne genießen durchaus im Winter zu hellen Stunde Feierabend zu haben und im Sommer den Nachmittag genießen zu können. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Berufen, hat dieser Beruf eine gute planbare Arbeits- und damit auch Freizeit. Auch das Thema Wochenendarbeit kommt gar nicht so selten in der Arbeitswelt vor. Da muss in der hippen Firma das Projekt fertig gestellt werden, man arbeitet im Medien-, Gesundheits- / Rettungswesen, IT, Stahlbranche, irgendwas Luftfahrt, Bahn, Tourismus allgemein, etc. etc. Die Führungsaufgaben die die Beiden übernehmen sind auch nicht anders, als in unendlichen vielen anderen Berufen. Der Vorteil im Handwerk ist jedoch, dass häufiger direkter geführt wird. Bleibt noch die Belastung als Unternehmer. Da wird es kaum einen Unternehmer geben, der diese nicht hat. Also bleibt abstrakt nur die Entscheidung, macht mir ein Beruf Spass und bringt er hoffentlich genug zum Leben ein. Und wenn die Beiden später Unternehmerinnen sind, können die auch freiwillig ihren Azubis mehr bezahlen.
YourSoul Yoga 01.01.2019
5. Gut so
Beruf kommt von Berufung. Was mich aber erstaunt ist, dass ein Vorgang der Jahrhunderte lang normal war, es heute in einen Bericht in einem Nachrichtenmagazin schafft: Kinder übernehmen den elterlichen Betrieb.... Den beiden alles gute und viel Erfolg !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UNI SPIEGEL 6/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.