Der SPIEGEL

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03. Januar 2018, 08:31 Uhr

Postergirl der deutschen Waffenlobby

Feuer frei!

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Blümchenbettwäsche und Schießeisen: Die Studentin Carolin Matthie trägt aus Überzeugung eine Pistole - und avancierte zum Aushängeschild der deutschen Waffenlobby.

Wenn Carolin Matthie in Berlin unterwegs ist, ist sie nur selten allein. Meistens hat sie Walther dabei. Die beiden kennen sich aus einem Waffenladen im Wedding. Walther ist schwarz, er wiegt 600 Gramm, und meist versteckt er sich in einem Holster an Carolins Gürtel.

Walther ist eine Pistole, genauer gesagt: eine Schreckschusspistole. Eine Walther P99, "schön geschwungen, handlich", sagt Carolin und streicht sich die langen dunklen Haare aus dem Gesicht.

Die 24-Jährige trägt Walther bei sich, weil sie sich auf den Straßen ihrer Stadt nicht mehr sicher fühle, sagt sie. Und weil eine Waffe am Körper ihr weniger Angst mache als die potenziellen Gefahren, die in einem Berliner Studentenalltag lauern könnten. Auch wenn die Waffe nicht scharf ist.

Walther hat Carolin auch ein bisschen Berühmtheit verschafft - denn die Studentin trägt die Waffe nicht bloß aus Angst, sondern aus Überzeugung. Und sie spricht darüber: im Radio, in Fernsehbeiträgen, im Internet. Auf YouTube gibt es Videos, die sie beim Schießen zeigen, und solche, in denen Carolin eine Anleitung zum Beantragen des Kleinen Waffenscheins oder Tipps zur Selbstverteidigung gibt.

Mehr als 7000-mal haben Nutzer diese Videos angeklickt, Hunderte haben sie kommentiert. Manche loben ihren unverkrampften Umgang mit dem Thema, andere sind fassungslos und wollen wissen, ob sie eine schlechte Kindheit hatte. Hatte sie nicht, sagt Carolin gelassen. Solche Stimmen ließen sie kalt. Vor ein paar Monaten drehte die Studentin ein Werbevideo für den Krefelder Waffenhersteller "Schmeisser". Sie nimmt an Misswahlen teil, auch bei "Germany's Next Topmodel" hat sie es schon versucht - und überall ist ihre Leidenschaft für Waffen ein Thema.

Waffen bieten nur scheinbare Sicherheit

Carolin Matthie ist das Aushängeschild der deutschen Waffenlobby. Die "German Rifle Association" lobt ihr Engagement - zumal die Studentin die Forderungen der Vereinigung druckreif wiedergibt und prominent platziert. "Deutschland braucht ein liberaleres Waffengesetz", sagt Carolin etwa. Als Vorbild nennt sie Tschechien, wo es seit Juni 2017 erlaubt ist, eine scharfe Waffe zu tragen. "Mehr Waffen führen zu mehr Sicherheit."

Sicherheit - das ist das Thema, mit dem Carolin und ihre Unterstützer immer häufiger auf offene Ohren stoßen. Denn Deutschland, so scheint es, hat Angst. Von Ende 2015 bis September 2016 stieg die Anzahl der ausgegebenen Kleinen Waffenscheine hierzulande von 286.000 auf 440.000 Stück. Experten betrachten diese Entwicklung mit Sorge, denn auch der Einsatz einer Schreckschusspistole kann zu Verbrennungen oder zum Verlust des Augenlichts führen - und im schlimmsten Fall sogar töten, nämlich dann, wenn man die Waffe direkt auf dem Körper aufsetzt.

Auch Carolin bewaffnete sich, weil sie sich in ihrer Wahlheimat Berlin unsicher fühlte, so erzählt sie es. Es gab diesen Abend im Sommer 2016. Carolin, die Informatik und Physik studiert, geht wie so häufig spätabends von der S-Bahn nach Hause. Plötzlich bemerkt sie eine Gruppe von sechs jungen Männern hinter sich. Sie scheinen betrunken zu sein, rufen nach Carolin, "auf eine aggressive Art und Weise und in einer fremden Sprache", wie sie sagt. Carolin versucht, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen, läuft nur ein wenig schneller.

Die Gegend rund um ihr Studentenwohnheim am Campus der Humboldt Universität in Adlershof wirkt an den meisten Abenden wie ausgestorben. Der Ort fühlt sich an wie eine einzige große Baustelle, die Hochschule lässt dort zurzeit viele Gebäude errichten. Aus diesem Grund fahren regelmäßig Sicherheitsfirmen Patrouille. Als die Männergruppe, die Carolin verfolgt, eines dieser patrouillierenden Autos sieht, dreht sie ab.

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Auch eine Schreckschusspistole kann töten

"Das war mein Glück", sagt Carolin. Doch auf Glück will sie sich in Zukunft nicht mehr verlassen. Sie klickt sich im Internet durch Behördenseiten, schließlich fährt sie zur Polizeiwache Berlin-Johannistal und beantragt einen Kleinen Waffenschein. 50 Euro kostet das grünliche Dokument. Weil Carolin keine Vorstrafen hat, ist das Verfahren unkompliziert. Mit dem Papier in der Tasche fährt sie in den Wedding, 30 Kilometer entfernt, zu "Waffen Schuster".

Eine große Auswahl kann ihr das Geschäft nicht bieten, anscheinend geht es vielen Berlinern ähnlich wie Carolin. Sie haben die Regale bei "Waffen Schuster" beinahe leergekauft. Schließlich entscheidet sich Carolin für die Walther P99, ein Magazin aus 14 Schuss mit vier grünen Knallpatronen, zwei roten Pfefferpatronen und zwei gelben Reizgaspatronen. 189 Euro legt sie dafür auf den Tisch, nicht gerade ein Klacks für eine Studentin.

In Carolins Freundeskreis machen Geschichten von nächtlichen Bedrohungssituationen die Runde. Eine Freundin etwa, erzählt die Studentin, sei in der U-Bahn belästigt worden. Niemand habe ihr geholfen. Auch die anderen beantragen nun Waffenscheine. Die meisten entscheiden sich für Pfefferspray, auch dafür braucht man die offizielle Erlaubnis.

Von Pfefferspray aber hält Carolin nicht viel. "Das kann man im Notfall gar nicht so schnell hervorholen. Und wenn der Angreifer Schal oder Brille trägt oder ein starker Wind weht, ist es ohnehin nutzlos." Allein der Anblick einer Pistole dagegen könne Angreifer abschrecken. "Und im Notfall könnte ich damit auch noch zuschlagen, besser als mit der Hand", sagt Carolin. Es klingt abgeklärt, fast brutal, wie sie spricht. Wie in einer Krimiserie auf Netflix.

Carolin kann die Skepsis gegenüber Waffen nicht verstehen, Berührungsängste hatte sie nie. Allerdings ist sie auch seit ihrer Kindheit mit dem Thema vertraut. Ihr Großvater war Förster, der Vater in der Nationalen Volksarmee (NVA) der ehemaligen DDR. Aufgewachsen ist Carolin in einem Dorf in Thüringen. Nach der Schule bewarb sie sich für eine Ausbildung bei der Berliner Polizei.

Eine Waffe sieht sie als Sportgerät, ähnlich wie einen Schlittschuh - was merkwürdig klingt, weil sich niemand einen Schlittschuh zulegt, um Angreifer abzuwehren. Trotzdem sagt Carolin: "Es ist ja an sich erst einmal kein Tötungswerkzeug. Ein Schlagring ist weitaus gefährlicher." An der Wand in ihrem Zimmer hängt ein Poster mit der Aufschrift "Lebe, liebe, lache und wenn das nicht geht: lade, ziele, schieße".

Mehr Waffen, mehr Tote

Angesichts der jüngsten Ereignisse in Orlando, Texas oder Las Vegas eine Einstellung, die auf Unverständnis stößt. Amerikanische Forscher haben Daten in 26 Ländern erhoben und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl von Feuerwaffen in Privatbesitz und der Häufigkeit tödlicher Schussverletzungen gibt. Das heißt: Mehr Schusswaffen führen zu mehr Schusswaffentoten.

Waffen böten nur scheinbare Sicherheit, heißt es in deutschen Behörden, das gelte auch für die erlaubnisfreien. Gefährlich werde es vor allem, wenn der Besitzer nicht mit der Waffe umgehen könne oder in Stresssituationen überfordert sei. Die Polizei rät darum, in brenzligen Situationen immer den Notruf zu wählen und nicht selbst zu handeln.

Carolin hält das für Quatsch. "Wir haben eine gute Polizei", sagt sie, "aber die kann auch nicht zaubern. Wenn sie am Tatort ankommt, ist es oft schon zu spät." Sie plädiert für mehr Eigenverantwortung: "Hört auf, euch auf andere zu verlassen."

Mittlerweile betreibt sie Schießen auch als Sport, trainiert auf der Schießanlage Weißensee und reist quer durch Deutschland zu Wettkämpfen.

Ihr Ziel: eine Sportpistole zu besitzen, die sie zu Hause in einem eigens dafür angeschafften Tresor aufbewahren darf.

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