04.04.2015

Fette Fehler

Es ist gar nicht schwer, seine Abschlussarbeit zu veröffentlichen. Der Omni-Scriptum-Verlag bringt auch den letzten Mist auf den Markt – und verdient damit Millionen.
Thomas Czernik hatte im Januar 2014 gerade sein Studium beendet, als er eine überraschende E-Mail bekam. Ob er seine Masterarbeit veröffentlichen wolle, wurde er darin gefragt. Er werde auch an den Verkaufserlösen beteiligt. Czernik, der in Salzburg Medieninformatik studiert hatte, wunderte sich zwar über die Anfrage des AV Akademikerverlages, denn massentauglich schien ihm seine Arbeit nicht gerade zu sein: Er hatte 50 Seiten darüber verfasst, wie Gemeinden und Kommunen mit statistischen Daten umgehen. Gleichzeitig fühlte er sich aber auch geschmeichelt und erzählte seinen ehemaligen Kommilitonen von dem verlockenden Angebot. Dabei machte er eine ernüchternde Feststellung: Fast alle aus seinem Jahrgang hatten eine solche Anfrage erhalten. Für den 29 Jahre alten Freiberufler war das ein guter Grund, den Deal abzulehnen.
Er und die anderen Jungakademiker hatten Bekanntschaft mit einer Firma gemacht, die kaum jemand kennt, aber nach eigener Aussage der Verlag mit dem weltweit größten Buchprogramm ist. Die Firma heißt OmniScriptum und ist die Mutter des AV Akademikerverlages und etwa 50 weiterer Ableger. Das Geschäftsmodell des Riesen ist simpel und unterschiedet ihn von den meisten Unternehmen seiner Branche. Es lautet: Quantität vor Qualität.
"Sicherlich mehr als 100000" potenzielle Autoren schreibe OmniScriptum jährlich an, sagt Wolfgang P. Müller, Gründer und Alleingesellschafter der Unternehmensgruppe. Nicht alle machen mit, aber die Quote ist so hoch, dass es kein Verlag der Welt auf mehr Neuerscheinungen bringt: Zwischen 30000 und 35000 Buchtitel veröffentlicht OmniScriptum pro Jahr, davon etwa 80 Prozent in der akademischen Sparte.
Diese Bücher, die hinterher über Buchhändler als Fachliteratur zu Preisen zwischen 10 und 250 Euro verkauft werden, sind: schnöde Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten. Ganz gleich, aus welchem Fachgebiet sie stammen, mit welcher Note sie bewertet wurden, ob sie vor Rechtschreibfehlern oder gar inhaltlichen Mängeln strotzen – der Verlag hat Interesse daran und lektoriert sowie korrigiert nichts. Egal, ob fette Fehler drin stehen – Hauptsache, das Buch ist erst mal im Programm.
Dieses Geschäftsmodell, das unweigerlich Tausende enttäuschte Leser produzieren muss, nennt Müller "überaus erfolgreich": 1,6 Millionen Bücher seien so im vergangenen Jahr verkauft worden. Das lohnt sich für OmniScriptum, dessen Gewinne im Millionenbereich liegen.
Damit der Geldstrom nicht abreißt, suchen die Verlagsmitarbeiter laut eigener Aussage auf Facebook, Xing oder den Internetseiten der Hochschulen nach Nachwuchsautoren. Dabei beschränkt sich die Gruppe längst nicht nur auf Deutschland. Auch für englisch-, französisch- und spanischsprachige Autoren hat OmniScriptum eigene Verlage, ebenso wie für den chinesischen Markt. Zudem werden unter anderem Büros auf Mauritius, in Malaysia und Moldawien unterhalten. Die meisten Autoren kommen aus den USA, Russland und China.
Wer einwilligt, seine akademischen Arbeiten zu veröffentlichen, überträgt dem Verlag für drei Jahre kostenlos die Exklusivrechte. Doch erst, wenn jemand das Buch zum Beispiel über Amazon bestellt, wird es gedruckt und lohnt sich für den Akademikerverlag: Dann bekommt die Firma einen Anteil vom Erlös, "in der Regel 55 bis 65 Prozent", sagt Müller. Bei einem solchen Modell lohnt es sich bereits, wenn nur Mama, Papa und Oma ordern. Wer zum Beispiel sollte sich auch ansonsten ernsthaft für eine Bachelorarbeit für 23,90 Euro interessieren, die folgenden Titel trägt: "Die kleine Organschaftsreform und ihre großen Auswirkungen: Eine Darstellung der wichtigsten Änderungen der ertragsteuerlichen Organschaft und ihre Auswirkungen."
Die Autoren selbst erhalten pro verkauftem Buch zwar einige Prozent des Verlagserlöses, ausgezahlt wird Geld aber nur, wenn das Werk pro Monat durchschnittlich 50 Euro einspielt – wenn es weniger ist, bekommt der Autor sein Honorar nur als Büchergutschein und darf sich etwas aus dem reichhaltigen und im Grunde bizarren Onlineshop des Verlags aussuchen. Damit die Einnahmen stimmen, übt zumindest ein amerikanischer Ableger des OmniScriptum-Verlags Druck auf seine Autoren aus. Das schreibt der US-Journalist Joseph Stromberg, der eine von ihm angefertigte Arbeit bei LAP Lambert Academic Publishing veröffentlichte. Als er sein eigenes Werk nicht in Buchform kaufen wollte, erhielt er von LAP aggressive E-Mails mit dringenden Kaufaufforderungen. Schließlich erwarb er ein Exemplar – und bekam noch einmal einen eindrucksvollen Beweis für die kuriose Methode, nach der OmniScriptum arbeitet. Auf Seite 86 stand nämlich immer noch ein Satz, den Stromberg vor Manuskript-Abgabe untergebracht hatte: "Liest irgendein Korrektor dieses Buch, bevor es gedruckt wird? Ich glaube nicht."
OmniScriptum-Gesellschafter Müller ficht das alles nicht an – in Wahrheit brauche der Buchhandel viel mehr Revolutionäre wie seinen Verlag. Dass Doktoranden die Veröffentlichung ihrer Dissertation selbst bezahlen und Uni-Bibliotheken hochpreisige Abos mit wissenschaftlichen Zeitschriften abschließen müssen, hält er für mehr als überholt. Genau wie es nur "journalistische Arroganz" sei, dass die OmniScriptum-Gruppe immer wieder für eine ihrer anderen Buchreihen kritisiert wird: Der Verlag bringt auch Wikipedia-Einträge als kostenpflichtige Bücher heraus.
Bei Professoren hat der Buchriese keinen guten Ruf. "Veröffentlicht nicht bei diesem deutschen Verlag", rät zum Beispiel Jonathan Sterne seinen Studenten. "Es wird eurer Karriere nicht helfen, es wird Auswahlkommissionen nicht beeindrucken, und es wird nicht von euren Kommilitonen gelesen werden." Sterne ist Professor an der McGill University in Montreal in Kanada und hat auch in den USA gelehrt.
Sterne kann sich an keinen einzigen Fall erinnern, in dem eine Veröffentlichung bei OmniScriptum einem jungen Wissenschaftler in irgendeiner Form genutzt hätte. Der Verlag werde weder als Quelle zitiert noch in Literaturverzeichnissen oder Lehrplänen auftauchen. Durch eine Veröffentlichung bei OmniScriptum würden Studenten ihre Arbeiten vielmehr entwerten und verhindern, dass diese einen "normalen" wissenschaftlichen Publikationsprozess durchlaufen – inklusive Korrektur und Verbesserungen.
Verlage wie OmniScriptum hätten keine intellektuelle Integrität, und sie zögen Arbeiten aus dem Verkehr, anstatt sie in den Kreislauf einzuspeisen – was der Sinn einer Veröffentlichung sei. Wer in so einem Verlag publiziere, warnt Sterne, der schade seiner Arbeit: Er schicke sie "auf einen akademischen Friedhof".
Von Lena Greiner

UniSPIEGEL 2/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


UniSPIEGEL 2/2015
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 05:45

Überwachung in China Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind

  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben" Video 01:16
    Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben
  • Video "Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: Herr Rösler ist gerne Vizekanzler" Video 02:05
    Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: "Herr Rösler ist gerne Vizekanzler"
  • Video "50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt..." Video 01:15
    50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt...
  • Video "Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022" Video 01:01
    Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind