04.04.2015

Dokumentation"Wir nehmen den Armen das Essen aus dem Mund"

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Weltbevölkerung noch in diesem Jahrhundert auf zehn Milliarden Menschen anwachsen – und damit doppelt so groß sein wie vor 30 Jahren. Da stellt sich die Frage: Ist eigentlich für all diese Männer, Frauen und Kinder genügend Essen da? Der Kölner Dokumentarfilmer Valentin Thurn, 51, hat nach Antworten gesucht – und die Dokumentation "10 Milliarden" gedreht, die am 16. April in die Kinos kommt.
Herr Thurn, was haben Sie bei Ihren Dreharbeiten herausgefunden: Kann diese Erde zehn Milliarden Menschen ernähren? Eigentlich schon. Allerdings nimmt derzeit weltweit der Fleischkonsum zu, vor allem in den Industrie- und Schwellenländern. Das hat zur Folge, dass gerade in den armen Gegenden immer mehr Ackerflächen genutzt werden, um Futtermittel für Tiere anzubauen. Damit fehlen die Erträge für die Menschen. Genau. Wir nehmen den Armen das Essen mit unserem eigenen Konsum also quasi aus dem Mund – und verfüttern es an Tiere. Und weil Getreide und andere Lebensmittel knapp werden, treiben wir auch noch die Preise nach oben. Was erhoffen Sie sich von Ihrem Film? Mit meinem Film "Taste the Waste" habe ich 2011 eine Debatte über das Wegwerfen von Lebensmitteln in Gang gesetzt, die noch immer anhält. Man ist also als Dokumentarfilmer nicht machtlos. Es wäre schön, wenn einige Zuschauer auch nach diesem Kinobesuch bewusster ihr Essen kaufen, als sie es vorher getan haben – und dabei helfen, die lokale und regionale Landwirtschaft zu stärken. Inwiefern hilft das den Menschen zum Beispiel in Entwicklungsländern? Wenn jede Region in der Lage ist, die Grundversorgung an Lebensmitteln selbst zu gewährleisten, kann sie sich ein bisschen stärker vom Weltmarkt abkoppeln. Die Maisbauern in Malawi sollten nichts mit den Getreidepreisen der Rohstoffbörse in Chicago zu tun haben. Dabei sollten wir sie unterstützen, anstatt ihnen durch den Konsum billigen Fleisches Ackerland zu stehlen oder ihren Markt mit unseren subventionierten Agrarprodukten zu überfluten. Die großen Konzerne haben anderes vor. Sie zeigen im Film Forscher, die genetisch veränderte Pflanzen entwickeln, die das Ernährungsproblem lösen sollen. Es mag sein, dass es gelingen wird, Pflanzen zu entwickeln, die man mit Salzwasser wässern kann. Mir bereitet jedoch Bauchschmerzen, dass diese neuen Entwicklungen die Abhängigkeit afrikanischer oder asiatischer Kleinbauern von der Industrie noch weiter verstärken werden. Im schlimmsten Fall entwickeln Forscher also neue Saatgutmethoden, die sich jedoch dort, wo Hunger herrscht, keiner leisten kann.

UniSPIEGEL 2/2015
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UniSPIEGEL 2/2015
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