04.07.2015

SüdkoreaSpanner auf dem Campus

Die Ewha Womans University in Seoul hat ein Problem, das jeden Tag in Reisebussen vorfährt und massenweise auf den Campus strömt: chinesische Touristen, ausgestattet mit Kameras und der unbändigen Neugier, jeden Winkel der weltweit größten Frauenuniversität zu erkunden – auch den, der sie eigentlich nichts angeht. Sie wollen die mit Efeu berankte Kapelle fotografieren, das Haupthaus in gotischer Optik, und außerdem noch ein paar hübsche Mädchen.
Immer wieder beschweren sich Studentinnen, die Chinesen könnten sich nicht benehmen. Sie würden mit Kameras um den Hals in Seminare platzen und mit ihren Selfie-Sticks über den Campus geistern. Einige der Männer, die zu Hause in China eher unter prüden Bedingungen leben, würden am liebsten die Beine der Studentinnen fotografieren.
Auf der Onlineplattform Ewhaian, wo sich die Kommilitoninnen austauschen, heißt es: "Ganze chinesische Reisegruppen laufen durch die Bibliothek, machen Fotos und sind viel zu laut." Eine Studentin berichtet, dass ein Mann sogar in die Turnhalle geplatzt sei und die Mädchen beim Sport fotografiert habe. Auch Warnungen werden im Netz ausgesprochen: "Im Starbucks vor dem Haupteingang knipsen chinesische Touristen wahllos Studentinnen. Seid vorsichtig, Mädchen!"
Kürzlich berichtete die "Korea Times" unter der Überschrift "Ewha von chinesischen Touristen belagert", dass Fotos von Studentinnen auf einem chinesischen Blog veröffentlicht worden seien. Vielen Studentinnen geht das zu weit: Sie schieben nun selbst Wache. "Ich fühle mich unwohl, wenn Männer ihre Kamera auf mich richten", sagt eine hübsche Aufpasserin, die vor der Kapelle ihren Freiwilligendienst schiebt und Männer davon abhält, das kleine Gotteshaus zu betreten: Nur Studentinnen dürfen hinein.
Die Uni-Leitung tut sich schwer, Gäste vom Campus fernzuhalten: Die Besucher geben nämlich viel Geld im Ewha-Souvenirshop aus. Erst vor Kurzem kaufte ein Chinese dort für fast tausend Dollar Kaffeebecher und Kapuzenpullover – solche Kunden will die Universität nicht vergraulen. Um mögliche Spanner zumindest ein wenig von den schönen Studentinnen wegzuleiten, wird nun ein neuer Shop gebaut, der nicht direkt auf dem Campus liegt.

UniSPIEGEL 4/2015
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