01.06.1999

„Die geheimen Sieger“

Und es gibt sie doch: Universitäten, die im Ranking bei der Beurteilung von Studenten und Professoren ganz oben liegen.
Wie ein modernes Dorf aus Glas und Beton liegt der Campus der Universität Konstanz auf dem Gießberg, nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Jeden Morgen mühen sich Hunderte von Studenten mit dem Fahrrad die Steigung empor, andere fahren lieber bequem mit dem Bus oder Auto die Anhöhe hinauf.
Oben angekommen bietet sich bei klarer Sicht - insbesondere von der Terrasse der Mensa aus - eines der schönsten Panoramen Süddeutschlands: unten in fast voller Länge der Bodensee, dahinter die verschneiten Gipfel der Schweizer und österreichischen Alpen.
Doch die Studenten, viele stammen aus der Region, manche sprechen besser badisch oder schwäbisch als Hochdeutsch, genießen nicht nur geographisch einen herausgehobenen Platz. Auch in der deutschen Wissenschaftslandschaft zählt die kleine Uni mit nur rund 7500 Studenten zu den herausragenden Bildungsstätten.
Innerhalb der Science Community gilt: Das fachliche Niveau in Konstanz ist hoch, Studium wie Forschung sind bestens organisiert, die Universitätsleitung ist innovativ.
Nicht verwunderlich also, daß Konstanz auch beim Uni-Ranking des SPIEGEL exzellent abgeschnitten hat. Im Vergleich aller Hochschulen landete die südlichste deutsche Alma mater auf dem sechsten Platz.
Für das Ranking wurden mehr als 12 000 Studenten an 81 Hochschulen in ganz Deutschland befragt. Studierende aus zwölf verschiedenen Fächern mußten das pädagogische Können ihrer Dozenten beurteilen, ebenso das Angebot an Vorlesungen und Seminaren sowie die Ausstattung von Bibliotheken, Labors und Computerräumen.
Gefragt wurden zudem mehr als 1000 Professoren. Die Gelehrten empfahlen Hochschulen für ihr eigenes Fachgebiet - und warnten zugleich vor jenen Fakultäten, die sie für ungeeignet halten.
Für die Aufstellung der Gesamt-Rangliste wie auch der Fächer-Ranglisten wurden allein die Bewertungen der Studenten berücksichtigt; die Urteile der Professoren sind getrennt erfaßt worden (siehe Grafiken von Seite 6 bis 18).
Meist unterscheiden sich die Ergebnisse der Studierenden und der Professoren augenfällig, denn die Erwartungen der beiden Gruppen an eine Hochschule sind unterschiedlich. Während die Dozenten vor allem Erfolge in der Forschung honorieren, bewerten die Studenten hauptsächlich die Qualität der akademischen Lehre. So rangieren Traditions-Universitäten wie München, Bonn oder Heidelberg in der Gunst der Professoren ganz vorn, bei den Studenten meist nur unter "ferner liefen".
Um so bemerkenswerter, wenn an einigen Hochschulen einzelne Fächer sowohl von den Studiosi als auch von der Professorenschaft gelobt werden. "Das sind die geheimen Sieger", erklärt Hans-Dieter Daniel, Professor am Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung der Universität Kassel und wissenschaftlicher Berater der SPIEGEL-Studie. "An diesen Universitäten wird auf hohem Niveau geforscht, gleichzeitig kümmern sich die Dozenten intensiv um ihre Studenten, und die Ausstattung der Institute ist vorbildlich."
Und so schneidet die Uni Konstanz nicht nur im Urteil der Studenten ausgezeichnet ab, sondern auch bei den Professoren. Die Wirtschaftswissenschaften landen bei den Studenten auf dem achten Rang, bei den Professoren auf dem neunten. Die Biologen erreichen gar die Plätze drei (Studenten) und sechs (Professoren). In beiden Fächern hat, betrachtet man Studierende und Dozenten gemeinsam, keine Universität in Deutschland besser abgeschnitten.
Ähnliche Top-Ergebnisse erzielen auch die Mathematiker der Universität Leipzig - vierter und neunter Rang -, die Juristen in Passau - dritter und fünfter Rang -, die Uni Greifswald in Medizin mit einem dritten und neunten Platz.
Die SPIEGEL-Untersuchung macht damit deutlich: Nicht an jeder Universität, wo viel und gut geforscht wird, kommt die Lehre zu kurz - und umgekehrt.
Wer sich seinen Studienort sorgfältig aussucht, findet trotz Studentenschwemme und Finanznot hervorragende Studienbedingungen, kann sich an einer Uni einschreiben, die ihre Studenten intensiv betreut und gleichzeitig exzellente Wissenschaft betreibt.
Doch was zeichnet diese Fachbereiche in ihrer täglichen Arbeit aus? Was unterscheidet sie von der Masse der Fakultäten an deutschen Universitäten? Was machen die Lehrkräfte dort anders oder gar besser?
Die Universität Konstanz wurde Mitte der sechziger Jahre gezielt als Reform-Universität gegründet, vorangetrieben vor allem vom damaligen baden-württembergischen Kultusminister Wilhelm Hahn. An der Bodensee-Uni gilt bis heute die Maxime "Lehre aus der Forschung" - was an anderen Hochschulen schnell zu einer leeren Formel verkommen könnte, hier wird es ernst genommen.
"Meine Forschungsergebnisse der vergangenen zehn Jahre sind stets direkt in die Vorlesungen und Seminare eingeflossen", sagt Friedrich Breyer, Dekan an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Statistik. "In den sogenannten Vertiefungsfächern im Hauptstudium gehören die aktuellen Forschungsvorhaben der Dozenten immer auch zum normalen Unterricht."
Der Arbeitsethos unter den Wissenschaftlern ist hoch: Wer nicht regelmäßig Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht und in Publikationen zitiert wird, der fällt negativ auf. Sogenannte Gremien-Professoren, die sich längst von der Wissenschaft verabschiedet haben, dafür aber in allen möglichen Sitzungen herumhocken, haben in Konstanz keine Chance.
Gleichzeitig kümmern sich die Dozenten intensiv um ihre Studenten. So führten die Wirtschaftswissenschaftler vor fünf Jahren ein Mentorensystem ein, nach dem jedem Professor zu Semesteranfang rund zehn Studienanfänger zugeteilt werden. Die Gelehrten helfen bei allen Fragen zum Studium und offerieren, je nach Vorliebe, Ausflüge oder Abendessen.
So ganz uneigennützig ist derlei Fürsorge allerdings nicht. Die kleine Elite-Uni leidet seit der Gründung an ihrer Randlage. Die Region ist dünn besiedelt, und auch aus der nahen Schweiz kommen kaum Studenten. Seit 1992 sank die Zahl der Kommilitonen, damals rund 10 000, um etwa ein Viertel.
Entsprechend intensiv ist die Betreuung. Im Fach Biologie können die Studenten zu ihren Professoren kommen, wann sie wollen - kein einziger Dozent hat eine festgelegte Sprechstunde. "Unsere Türen stehen immer offen", erzählt Rolf Knippers, Biologie-Professor. Es muß auch niemand ein oder gar mehrere Semester auf einen Praktikumsplatz warten, und wer ins Ausland will, den unterstützt die Universität tatkräftig.
Dafür wird von den Studierenden einiges verlangt. "Unser Grundstudium ist rabiat, die Prüfungen sind schwer", gibt Knippers zu. Schon nach dem ersten Semester stehen sieben Klausuren an.
Die Studenten scheinen sich damit jedoch zu arrangieren. "Die ersten fünf Semester sind richtig Streß, Arbeitstage von 8 bis 22 Uhr", sagt Martin Ott, 24, im sechsten Semester, "aber im Hauptstudium hat dafür jeder viel Freiheiten."
Büros und Labors liegen direkt beieinander. "Schon als Studenten sind wir vorn an der Forschungsfront", erzählt begeistert Jürgen Zitzler, 23, ebenfalls Biologie-Student, "wir erproben in den Labors wirklich Neues und müssen nicht seit Jahren bekannte Versuche nachexerzieren."
Zitzler hatte sich acht Unis in ganz Deutschland angeschaut, bevor er sich für Konstanz entschied. "Hier gibt es keine überfüllten Hörsäle, und man kann echt viel lernen."
Auf besondere Weise ergänzen sich auch im Fach Mathematik an der Universität Leipzig Spitzenforschung und gute Studienbedingungen. Ende 1996 wurde direkt neben der Universität ein Max-Planck-Institut für Mathematik eingeweiht, eines von zweien in Deutschland. "Die Kooperation zwischen Hochschule und Forschungsinstitut ist eng", betont Jürgen Stückrad, Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik.
Oberseminare werden gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut abgehalten, Studenten können bereits frühzeitig Einblick in den aktuellen Forschungsstand nehmen. "Und die Ausstattung ist sehr gut. Unsere Computer sind auf dem neuesten Stand", lobt Karen Bernhardt, 21, Studentin im sechsten Semester, "in den Computerraum kann ich 24 Stunden am Tag, natürlich auch am Wochenende und an Feiertagen."
Nicht nur mit einem anspruchsvollen wissenschaftlichen Niveau, sondern auch durch zusätzliche Angebote können sich Hochschulen Ansehen verschaffen. So bietet der juristische Fachbereich in Passau - Studenten- und Professorenurteil zusammen genommen der beste in Deutschland - eine einzigartige Fremdsprachenausbildung.
Die Studenten können parallel zum juristischen Studium eine von über 15 Sprachen lernen, von Englisch und Französisch bis zu Russisch oder Koreanisch. Dazu kommen eine Einführung in das Rechtssystem des jeweiligen Landes und Vorlesungen in der Landessprache. Am Abschluß der Sprachausbildung steht eine Prüfung - und für den, der besteht, ein entsprechendes Zertifikat.
"Internationalität wird bei uns groß- geschrieben", so Bernhard Haffke, Jura-Professor in Passau - und natürlich auch der Kontakt zu den Studenten: Zu jedem Semesteranfang gibt es etwa die Veranstaltung "Professoren zum Anfassen" im "Scharfrichter", einem Lokal in Uni-Nähe.
Außerdem bieten die Passauer Juristen ein eigenes Repetitorium an, das den sonst vor dem ersten Staatsexamen üblichen Gang zu einem teuren Jura-Pauker erspart. "Die Uni bereitet einen intensiv auf das Examen vor, nah an der Praxis und effektiv", lobt Maren Jelinek, 25. Die Jura-Studentin im zehnten Semester, die auch ein Jahr in Melbourne in Australien studierte, würde "sich sofort wieder in Passau einschreiben".
Auch die Medizinische Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald hat sich bei Studenten und Professoren ein besonderes Renommee verschafft. "Community Medicine" (Bevölkerungsmedizin) heißt der unspektakuläre Titel des neuen Ausbildungs-Schwerpunktes, der dort angeboten wird.
Im Mittelpunkt stehen die gewöhnlichen und nicht die speziellen Krankheiten. Das in angloamerikanischen und skandinavischen Ländern erprobte Konzept beruht auf der Erkenntnis, wonach Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit - nämlich Wohlbefinden.
Die Studenten können bereits ab dem ersten Semester mit Ärzten auf Visite gehen und regelmäßig Patienten betreuen. An traditionellen medizinischen Fakultäten kommen die angehenden Ärzte frühstens ab Mitte des Studiums mit Patienten in Kontakt. Der Unterricht in Greifswald ist interdisziplinär, der Mensch wird ganzheitlich betrachtet. Auch medizinische Fakultäten anderer Hochschulen wollen inzwischen diese Art der Ausbildung übernehmen.
An kleineren und mittleren Hochschulen finden nicht nur die Studenten leichter Geborgenheit und akademische Nestwärme, auch für die Forscher ist es offenbar einfacher, sich auszutauschen, sich gegenseitig anzuregen und vor allem, sich auch um die Studenten zu kümmern. Grundsätzlich müssen sich kleinere Hochschulen stärker engagieren, um bei Studenten und Wissenschaftlern einen guten Ruf zu erwerben. Veränderungen sind allerdings auch einfacher umzusetzen als an den Massenuniversitäten mit ihren verkrusteten Strukturen.
So will sich die Reform-Universität Konstanz, drei Jahrzehnte nachdem sie gegründet wurde, bereits aufs neue reformieren. Unter der Leitung des dort lehrenden Philosophen Jürgen Mittelstraß hat eine Kommission einen radikalen Entwurf vorgelegt: Die bestehenden neun Fakultäten sollen aufgelöst und zu drei Sektionen zusammengefaßt werden; die Hochschulleitung soll eine in Deutschland bislang beispiellose Machtfülle erhalten; vom Ziel der "vollständigen Universität", die ihren Studenten alle wichtigen Fächer anbietet, muß Abschied genommen werden, dafür sollen "profilbildende Schwerpunkte" eingeführt werden.
Ziel von "Reinventing Konstanz", wie das Vorhaben modernistisch genannt wird, ist es, die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Studenten und Wissenschaftlern zu verbessern sowie dem Grundsatz "Lehre aus der Forschung" zu noch mehr Bedeutung zu verhelfen.
Im Detail sind die Reformpläne zwar umstritten, doch weder Professoren noch Studenten widersetzen sich grundsätzlich der Erneuerung. "In Konstanz", sagt Wirtschafts-Professor Breyer, "will sich niemand auf irgendwelchen Lorbeeren ausruhen." Joachim Mohr
Von Joachim Mohr

UniSPIEGEL 2/1999
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