01.08.1999

BachelorMotor für eine Uni-Reform

Den Hochschulen droht eine Kulturrevolution: Verdrängen die anglo-amerikanischen Studienabschlüsse Bachelor und Master deutsche Titel wie Diplom und Magister?
Die Klamotten habe ich für den ganzen Jahrgang per Internet in den USA bestellt", berichtet Christoph Schlick, 25, mit stolzem Blick auf seinen leuchtend blauen Talar samt Kappe, "in Deutschland gibt's die noch gar nicht." Für die Abschlussfeier seines Studiums erschienen ihm die feierlichen Gewänder unverzichtbar.
Schlick darf sich als Pionier fühlen: Bereits im Herbst 1997 bescheinigte ihm die Ruhr-Universität Bochum nach sieben Semestern den akademischen Grad eines Baccalaureus Artium, auch B.A. oder Bachelor genannt, in Geschichte, Politik und Pädagogik - ein ursprünglich anglo-amerikanischer Hochschul-Grad, damals zwischen Kiel und München noch eine Rarität.
Hinter dem unscheinbaren Kürzel B.A. verbirgt sich eine kleine Kulturrevolution für die deutschen Hörsäle: Aufeinander aufbauende Studiengänge nach internationalem Vorbild - erst Bachelor, dann Master - werden innerhalb der nächsten Jahre möglicherweise die klassischen deutschen Abschlüsse Magister und Diplom verdrängen.
Im März haben die Kultusminister die Regeln festgelegt, nach denen die Hochschulen entsprechende Titel verleihen dürfen, den Bachelor nach drei oder vier Studienjahren, den Master nach einem oder zwei weiteren Jahren.
Und die akademischen Lehranstalten reagieren schnell: Im kommenden Wintersemester können Studienanfänger bereits unter mehr als 130 Bachelor-Angeboten wählen, von Abfallwirtschaft über Griechische Philologie und Mathematik bis hin zu Wirtschaftsinformatik - an Fachhochschulen genauso wie an Universitäten.
Die meisten dieser Studiengänge bieten die Möglichkeit, anschließend im gleichen Fach noch einen Master-Abschluss draufzusetzen oder, derzeit noch, die alten Magister- und Diplom-Prüfungen abzulegen. Daneben gibt es bereits über 80 Aufbaustudiengänge ausschließlich zum Master-Grad, viele in englischer Sprache, um ausländische Interessierte anzulocken.
In den neuen Bachelor-Studiengängen werden an der Uni Bochum drei geisteswissenschaftliche Fächer nebeneinander studiert - eine breite akademische Grundbildung, offen für spätere Spezialisierungen. Andere Angebote werden eng an einem Berufsfeld ausgerichtet, wie etwa "Information Engineering" an der Universität Konstanz.
Aber was sind diese Schnell-Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt wert? Kruno Hernaut, bei Siemens zuständig für die Nachwuchssicherung, sieht durchaus Bedarf etwa für Ingenieurwissenschaftler mit eher allgemeinem Profil: "60 Prozent Grundlagen, 25 Prozent exemplarische Vertiefung, 15 Prozent übergeordnete Inhalte wie Sprachen und Betriebswirtschaft" - ein so aufgebautes Kurz-Studium reiche häufig aus. Bezahlen will Siemens die künftigen Bachelor-Absolventen wie heute Abgänger von den Fachhochschulen.
Doch nicht in allen Bereichen werden sich die schnellen Abschlüsse kurzfristig durchsetzen. Vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften ist Skepsis angebracht. "Da wird der Bachelor als einziger Abschluss keinen allzu großen Erfolg haben", vermutet Sigmar Gleiser von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt am Main. Die hohe Arbeitslosigkeit etwa unter Historikern, Philosophen oder Soziologen werde für Druck sorgen, auf jeden Fall zusätzlich einen höheren Abschluss zu machen.
Jung-Akademiker Schlick sieht das ganz realistisch: "Den B.A. kennen in der Wirtschaft noch nicht viele." Deshalb will er bis zum Magister dabeibleiben. "Bislang macht der größte Teil der Studierenden weiter", bestätigt Astrid Steger, Koordinatorin des Bochumer Modellversuchs. Sie verweist aber auch auf Gegenbeispiele: 10 der bisher 70 Bachelor-Absolventen sind direkt in den Beruf eingestiegen. Dazu gehören eine Redakteurin des Westdeutschen Rundfunks genauso wie ein Veranstaltungsmanager und ein Mitarbeiter der Wirtschaftsförderung in Hessen.
Kristina Fleck, 22, hat den blauen Talar für die Abschlussfeier schon einmal vorab anprobiert (siehe Titelbild). Die Aachenerin hat die Möglichkeit, bereits nach sechs Semestern zwischen Beruf oder weiterem Studium wählen zu können, an die Universität Bochum gelockt: "Ich will mich nicht zu früh festlegen." Seit zwei Jahren studiert sie Amerikastudien, Germanistik und Sprachlehrforschung. Für den Fall, dass sie sich nach dem Bachelor noch in England oder Amerika einschreiben will, ist sie optimistisch: "Der B.A. ist dort überall bekannt, da kann ich direkt an mein Studium in Deutschland anschließen." Die weltweit geläufigen Abschlüsse erleichtern auch Kommilitonen aus dem Ausland das Studium in Deutschland. Völlig reibungslos werden solche Wechsel aber auch in Zukunft nicht laufen. "Die Anerkennung der akademischen Grade" über Ländergrenzen hinweg "ist keineswegs so eindeutig und transparent, wie es das Grundschema von Bachelor-Master-Doktorat hoffen lässt", belegt eine Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) in Hannover.
Noch ist offen, ob die alten Abschlüsse neben Bachelor und Master bestehen bleiben. Ein gleichberechtigtes Nebeneinander ist nach Meinung von Hochschul-Experten auf Dauer eher unwahrscheinlich. So hat die Uni Bochum bereits entschieden, den Modellversuch zum Regelfall zu machen, für die ausschließlichen Magister-Studiengänge bleibt nur noch eine Übergangsfrist.
Sogar der Philosophische Fakultätentag, bislang ein energischer Verteidiger der klassischen Studienabschlüsse, hat sich Ende Juni für einen Systemwechsel ausgesprochen. Offenbar versprechen sich die Professoren davon mehr Elite-Bildung: Denn nur dem besten Drittel der B.A.-Absolventen, so der Beschluss, soll künftig der Weg zum Magister offen stehen.
Die meisten Experten sind sich einig, dass der Übergang nach dem Bachelor in ein weiteres Studium nicht automatisch möglich sein wird. Aber: "Niemand sollte a priori ausgeschlossen werden", mahnt Kruno Hernant von Siemens, "Quoten und Noten sind zu simple Instrumente, sie entsprechen planwirtschaftlichem Denken." Wahrscheinlich werden sich die deutschen Professoren daran gewöhnen müssen, ähnlich wie ihre englischen und amerikanischen Kollegen Beratungs- und Aufnahmegespräche zu führen.
Ein Teil der Dozenten glaubt offenbar noch, es reiche aus, bestehende Studiengänge mit neuen Etiketten zu versehen. So fordert der Fakultätentag Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Bachelor- und Master-Angebote einfach aus Elementen der alten Diplomstudiengänge zusammenzusetzen.
"Das wollen wir auf gar keinen Fall", sagt Ursula Schaefer, die als Vize-Präsidentin der Humboldt-Universität in Berlin für die neuen Modelle wirbt, "wir müssen die Umstellung als Motor für eine tiefe Reform nutzen." Das Studium soll durchgängig modularisiert, also in aufeinander aufbauende Teile gegliedert werden, ein Credit-Point-System nach europäischem Standard eingeführt, Evaluation verpflichtend gemacht und mehr Beratung in den Studienordnungen verankert werden.
Unter den Studiosi haben sich Bachelor und Master allerdings noch nicht so richtig herumgesprochen: Etwa ein Fünftel weiß überhaupt nichts von den neuen Möglichkeiten, wie Christoph Heine vom HIS bei einer Umfrage unter 8000 Studierenden herausgefunden hat. Und nur zwölf Prozent der Nachwuchs-Akademiker würden heute einen Bachelor-Grad als einzigen Abschluss anstreben, wenn sie noch einmal von vorn beginnen könnten - offenbar jene, die, pragmatischer als die Masse der Studenten, möglichst schnell und zielgerichtet ins Berufsleben drängen. "Letztlich", so die Bilanz von Heine, "ist der Bachelor ein Angebot für einen neuen Typus von Studenten." MATTHIAS KOLBECK
Von Matthias Kolbeck

UniSPIEGEL 3/1999
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