21.05.2016

SCHWEIGEN IST TOD

Grönland hat eine der höchsten Suizidraten der Welt. Es sind vor allem junge Menschen, die sich umbringen. Weil die Erwachsenen kaum etwas dagegen tun, versucht die Jugend nun, sich selbst zu retten.
Am Ende ihres Lebens sollte es kalt sein, furchtbar kalt. Eine 16-Jährige am Hafenbecken, betrunken. Die Sonne stand am Himmel, mitten in der Nacht, so ist das hier in Grönland, wenn der Sommer naht. Auch der Sprung ins eiskalte Becken, so ist das in Grönland, sagt die Statistik. Ich wollte sterben, sagt das Mädchen. Doch da sind andere Jugendliche. Zufällig. Sie ziehen das Mädchen aus dem Wasser. Bringen es nach Hause, an den Ort, der Geborgenheit geben soll. Die Eltern geben ihm trockene Kleider, legen es ins Bett. Fragen haben sie keine und auch keine tröstenden Worte. Das ist ebenfalls typisch. Das sagt keine Statistik, aber jeder, den man in Grönland danach fragt. "Issumaminik" nennen die Menschen das hier. "Misch dich nicht ein", heißt das übersetzt.
"Es ist wie eine Wunde, die einfach zugedeckt wird", sagt das Mädchen, das heute eine junge Frau ist. Sie heißt Paninnguaq und ist 25 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und trockene Alkoholikerin. Sie hat tiefschwarze Haare, die runde Symmetrie ihres Gesichts macht sie zu einer Schönheit.
Grönland ist für wenige Dinge bekannt. Für das ewige Eis, für eine alte Kultur – und für eine der höchsten Selbstmordraten der Welt.
In Grönland töten sich rund 50 Menschen jedes Jahr selbst – von nur 56000 Einwohnern. Die Rate ist mehr als siebenmal so hoch wie in Deutschland. Viele Grönländer glauben, dass Selbstmorde ansteckend sind. So erklären sie sich die Häufung von Fällen, die sich wie Epidemien durch Schulklassen oder Dorfgemeinschaften ziehen. Tatsächlich finden Selbstmörder häufig Nachahmer.
Die hohe Zahl der Suizide hat eine lange Geschichte in Grönland. Sie reicht zurück bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts, als die Dänen kamen, Grönland kolonialisierten und das Volk der Inuit aus ihren bunten Holzhäusern in die Wohnblocks der Städte umsiedelten, Jäger zu Angestellten machten. Bis heute sind es vor allem junge Grönländer, die sich selbst töten, die meisten zwischen 15 und 29 Jahre alt. Warum verzweifeln sie am Leben?
In Nuuk, der Hauptstadt, wohnen 16000 Menschen, deren Häuser sich an den Fingern eines Fjords aufreihen. Vor dem Supermarkt liegt auf Pappen Robbenfleisch neben Walfleisch und selbst gemachten Ketten. Im Zentrum stehen Sozialbauten, fünf Etagen, drei Aufgänge, zehn Blocks. In Block vier lebt Henrik, 19 Jahre alt. In seiner Freizeit ist er Rapper. Und etwas anderes als Freizeit gibt es in seinem Leben derzeit nicht.
Henriks Hosen hängen tief. Die schwarzen Haare streicht er zurecht, bevor er ein Käppi draufsetzt. Er betrachtet sich gern im Spiegel, sieht neben seinem rechten Auge den Notenschlüssel mit dem kleinen Herzen, ein Tattoo, das er sich selbst gestochen hat, dorthin, wo eigentlich Tränen fließen.
Er möchte sein wie Eminem, sagt Henrik. Deswegen kommt er häufig in den Jugendklub. In einem kleinen Raum, an den Füßen nur Socken, übt er seine grönländischen Verse, in denen es um die erste Liebe geht oder um seinen Alltag. Oder darum, wie wütend es ihn macht, dass so viele seiner Freunde aufgeben. Sein erster bester Freund war gerade einmal 14 Jahre alt, als er sich umbrachte. Fragt man Henrik, wie viele seiner Freunde ihrem Leben ein Ende setzten, antwortet er zunächst: sieben. Dann: zehn. Dann sagt er: "Weiß ich nicht."
Henrik hat ein Lied für diejenigen geschrieben, die kurz davor sind aufzugeben. "Du bist kostbar", rappt er, und: "wir sind alle geliebt". Das klingt kitschig. Allerdings passiert es in Grönland leicht, dass diese einfachen, aber wichtigen Dinge vergessen werden. Das wisse er selbst, sagt Henrik, der so etwas wie der Prototyp eines Selbstmordgefährdeten in diesem Land ist: männlich, arbeitslos, jung. Fünf Geschwister von drei Vätern und eine Mutter, die nachts wach liegt, weil sie die schlimmen Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend nicht aus dem Kopf bekommt.
Grönland nimmt in Statistiken über Armut, häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe internationale Spitzenpositionen ein. Viele Jugendliche zerbrechen, wenn ein weiteres Drama dazukommt. Schlechte Noten, der erste Liebeskummer. Und kein Ventil für diese Sorgen. "Vielleicht sollten die Erwachsenen uns Jüngeren öfter zuhören", sagt Henrik.
Offiziell ist Grönland seit 2009 ein eigenständiges Land und bis auf wenige Bereiche nur formal der dänischen Königin unterstellt. Tatsächlich aber bestimmt Dänemarks Regierung weiterhin über wichtige Angelegenheiten Grönlands, zum Beispiel über die Außenpolitik. Grönland ist auf Unterstützungszahlungen angewiesen und hat wenig Einfluss, weil es nur 2 von 179 Plätzen im dänischen Parlament bekommt. Zugezogene Dänen besetzen wichtige Posten in der Wirtschaft, sie sind Schulleiter und Polizisten. Sogar das Sorgentelefon, bei dem die Inuit anrufen, wenn sie nicht mehr weiterwissen, wird von einer Dänin geleitet.
Was das mit den Selbstmorden zu tun hat? Paninnguaq, die junge Frau, die mit 16 Jahren die Lust am Leben verloren hatte, sitzt in ihrer Wohnung. Drei Zimmer, Küche, Tochter, Kaninchen. Der Fernseher läuft, Paninnguaq starrt gebannt hin, dabei hat sie den Film schon mehrere Male gesehen. Er erzählt von der großen Unabhängigkeitsbewegung der Inuit in den Siebzigerjahren, als sie auf die Straßen gingen und Wünsche formulierten.
Schulunterricht in ihrer Muttersprache statt auf Dänisch. Die eigene Kultur pflegen zu dürfen. "Es ist so wahr", sagt Paninnguaq, als die Menschen im Film von ihrem Gefühl der Unterdrücktheit sprechen. "Egal, wie gut mein Dänisch auch sein wird, ich bin keine Dänin", sagt Paninnguaq.
Sie glaubt, in ihr lebten zwei Persönlichkeiten: Die eine sieht das moderne Europa jeden Tag im Internet, die andere schaut aus dem Fenster, sieht Eis, Schlittenhunde und Nachbarn, die Robben jagen.
Paninnguaq versuchte ein zweites Mal, sich umzubringen, da war sie 19 Jahre alt. Auch ihre beiden Schwestern haben Suizidversuche hinter sich. Doch statt Hilfe gaben Ärzte ihr Schlaftabletten.
Eines Morgens sah Paninnguaq auf Facebook wieder diese drei Buchstaben "R.I.P.", Rest in Peace, Ruhe in Frieden. Das brachte sie auf eine Idee, die banaler kaum sein kann: nicht mehr ruhig zu sein. Sie bittet Menschen auf der Straße, Botschaften auf Schilder zu schreiben und sich damit fotografieren zu lassen. "Das Leben hat erst angefangen!" oder "Wir wollen dich nicht verlieren!". Sie richtet eine Facebookseite ein und lädt die Fotos dort hoch. Eine Stunde später bekommt sie eine Nachricht von einem Mann, der viele Flugstunden entfernt in einem Dorf im Norden lebt. Er schreibt: "Ich weiß nicht, wohin, ich habe Selbstmordgedanken."
Das war vor fast zwei Jahren. Noch immer, sagt Paninnguaq, kommen solche Nachrichten. Sie antwortet dann: "Wenn ich leben kann, dann schaffst du das auch." Heute reist Paninnguaq zu Konferenzen nach Kanada und Schweden. Sie saß in allen Talkshows des Landes, erzählte vom Alkoholiker-Vater, von den Lehrern, die sie aus dem Unterricht warfen, den Pillen. Sie lud noch mehr Fotos auf ihrer Facebookseite hoch, die bis heute mehr als 6000 Menschen gelikt haben.
Politiker gaben vor Kameras das Versprechen, die Sorgen der Jugendlichen zu einer nationalen Aufgabe zu machen. Sie taten es wirklich, ein bisschen. Es gibt Broschüren, Studien, Programme. Was fehlt, ist eine nationale Strategie, ein Bekenntnis der Gesellschaft, sich um die gebrochene Jugend zu kümmern. Was fehlt, sind Fachkräfte. Und: Geld.
Paninnguaq hat eine Stiftung überzeugt, ihr 25000 Euro zu geben. Damit will sie eine Website bauen, auf der Verzweifelte Hilfe finden. Sie versucht, mit einfachen Mitteln und den Möglichkeiten des Internets hinzubekommen, was die Politik nicht schafft. Die Zeit drängt. Laut Polizei haben sich im vergangenen Jahr 37 Menschen umgebracht, darunter ein 16-jähriges Mädchen. Es hat sich ertränkt.
Von Christina Schmidt

UniSPIEGEL 3/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


UniSPIEGEL 3/2016
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an