15.10.2016

FÜR EINE HANDVOLL GOLD

Marc Rappe ist erst 28 – leitet aber bereits Deutschlands derzeit wohl spannendste archäologische Ausgrabung. Porträt eines modernen Schatzsuchers.
Die Sensation misst nur wenige Quadratzentimeter. Man könnte sie bequem in die Hosentasche stecken. Doch was Marc Rappe da mit seinem Bagger aus dem Sandboden im Osnabrücker Umland hervorgekramt hatte, war mitnichten eine Kleinigkeit: acht runde Goldscheibchen aus der Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus, der größte zusammenhängende Fund antiker Münzen, den es in Europa je gegeben hat. Ein Schatz, der Archäologen weltweit hyperventilieren lässt.
Doch der Student Marc Rappe, der die Ausgrabung leitet, stand unbewegt wie ein blonder Buddha an seinem Baggerloch und sagte ganz nüchtern: "Ich rechne eigentlich nur in wissenschaftlichen Veröffentlichungen."
Ein paar Wochen später, beim Gespräch in seinem Büro in der Osnabrücker Universität, zeigt er dann doch so etwas wie Emotionen. "Es war schon ein sehr besonderer Fund. Sogar die 'New York Times' hat über uns berichtet." Mehr Enthusiasmus hat Marc Rappe dann aber wirklich nicht zu bieten. "Ich bin Wissenschaftler", sagt er. "Er ist Ostwestfale", sagen die Ausgrabungskollegen.
Der Landstrich ist für seine wortkargen Bewohner bekannt. Marc Rappe verbrachte dort seine Kindheit und Jugend vor allem unter freiem Himmel.
"Haben Sie denn immer schon gern gebuddelt, Herr Rappe?"
"Nee. Aber ich war immer schon gern draußen."
Seine Eltern setzten den kleinen Marc auf einen Trecker, dann fuhr der Grundschüler mit Standgas über den Acker, und die Verwandtschaft warf hinten Heuballen auf den Anhänger. Später baggerte er für seinen Onkel, der eine Firma für Garten- und Landschaftsbau hat. Praktisch: Noch bevor Rappe mit der Archäologie irgendetwas am Hut hatte, lernte er den Umgang mit dem schweren Gerät, ohne das kaum eine Grabung auskommt.
Was seine Qualität an der Baggerschaufel angeht, stapelt er allerdings tief und verweist lieber auf seine Kollegen, echte Virtuosen, die das Gerät beherrschen, als wäre es ihr verlängerter Arm.
"Ach, er ist viel zu bescheiden", sagt Klaus Fehrs, der seit 25 Jahren für das Museum Kalkriese arbeitet und fast doppelt so alt ist wie Rappe. Gemeinsam suchen sie nach weiteren Erkenntnissen über die Varusschlacht, in der hier in der Nähe von Osnabrück ein germanischer Fürst mit seinen Soldaten das überlegene römische Heer besiegt haben soll.
Fehrs läuft zum Rand der Grabungsstelle und fährt dort mit dem Finger an einer Schnittkante entlang. "Marc zieht mit dem Bagger immer dünne Schichten ab, die ich dann absuche", erklärt er. "Und wenn ich ihm sage, dass die Schicht zwei Zentimeter dick sein soll, dann macht er genau zwei Zentimeter."
Marc Rappe hört sich das Lob mit zufriedenem Grinsen an. Zu diesem Klaus Fehrs, der schon an Grabungen teilgenommen hat, als Rappe noch im Sandkasten spielte, hat er ein besonderes Verhältnis. Als ihm Fehrs die erste Goldmünze brachte, die Rappe gerade mit seiner Baggerschaufel freigelegt hatte, glaubte der an einen Scherz. "Klaus hat da drüben schon mal ein Späßchen mit mir gemacht und mir eine Replik hingelegt." Archäologenhumor, schon klar.
Dass der Ausgrabungsleiter deutlich jünger ist als der Großteil seiner Mitarbeiter, ändert nichts an seiner Autorität. Knapp 25 Grabungen hat er schon mitgemacht: Er kenne niemanden in seinem Alter, der das von sich behaupten könne. Das verschafft Respekt. "Material und Aufzeichnungen einpacken!", ruft Rappe, als es plötzlich zu regnen beginnt. Es ist ein Befehl, keine freundliche Bitte. Alle spuren, niemand widerspricht.
Man müsse nun mal klare und deutliche Anweisungen geben, sagt Marc Rappe später. "Sonst gehen am Ende Befunde verloren."
Ein Befund ist der Kontext eines archäologischen Fundes: Wo liegen die Münzen genau? Wie liegen sie im Boden? Der Befund ist wichtiger als der Fund, weil er Informationen zum Hergang der Schlacht beinhalten kann. Und als Ausgrabungsleiter ist Rappe am Ende dafür verantwortlich, wenn durch Nachlässigkeit ein Befund zerstört wird. Die Regeln, die für die Mitglieder einer archäologischen Ausgrabung gelten, sind entsprechend streng.
"Wer mit einer Bierflasche erwischt wird, kann sofort gehen."
Und wenn jemand auf der Grabungsfläche raucht? "Eigentlich gleich Finger ab."
Essen ist genauso verboten. Jeder Krümel, jedes bisschen Asche kann den Befund verfälschen.
Eine archäologische Grabung ist aus Sicht des Laien eine eigenartige Veranstaltung. Einerseits muss im Dienste der Wissenschaft alles vor Fremdeinflüssen geschützt werden, es geht fast zu wie im Labor. Andererseits ist es eine ganz normale Baustelle, mit Bagger, Stahlkappenschuhen und Baustellenhumor. Je länger die Grabung dauert, desto tiefer wird das Loch – und desto flacher werden die Witze. "Manchmal steht man 13 Stunden am Stück draußen. Das wirkt sich natürlich auf die Stimmung aus."
Für Rappe gibt es trotzdem nichts Größeres, als weiterhin Tag für Tag in der Erde zu wühlen – und er freut sich darauf, das auch in Zukunft tun zu können. Sein Professor, dem Rappe schon von der Kölner Uni nach Osnabrück gefolgt ist, zieht nun nach München weiter. Der Student kommt mit, nach der Masterarbeit wird er an der Ludwig-Maximilians-Universität promovieren. Seine Daten erhebt er allerdings in dem kleinen Ort nördlich von Osnabrück, an dem die Römer einst von den Germanen in einen Hinterhalt gelockt wurden. Mindestens drei weitere Jahre lang darf Rappe in Kalkriese buddeln. Finanziert wird seine Forschung durch ein Stipendium. Dass er von der Archäologie auch in den nächsten Jahren leben kann, ist für ihn ein großes Glück, das nicht vielen Archäologen vergönnt ist – vor allem wenn sie so jung sind wie er. "Ich lebe meinen Traum."
Auf das feste Gehalt, das ihm ein Stipendium verschafft, ist Marc Rappe dringend angewiesen, denn seit drei Jahren ist er Vater einer Tochter. Von der Mutter, die ebenfalls Archäologie studiert hat, lebt er mittlerweile getrennt. Als Student Unterhalt zahlen zu müssen sei alles andere als leicht, sagt er. Der Verzicht falle ihm aber nicht schwer. "Meine Tochter ist das Beste, was mir passieren konnte." Und jetzt grinst er nicht nur, jetzt strahlen auch seine Augen. Geht doch mit den Emotionen.
"ICH LEBE MEINEN TRAUM"
Von Hendrik Steinkuhl

UniSPIEGEL 5/2016
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