14.10.2017

Lohnt sich das?

In Deutschland studieren so viele Menschen wie nie zuvor. Ist ein Abschluss von der Uni da tatsächlich noch ein Garant für einen sicheren Job und ein gutes Einkommen?
Eigentlich, dachte Kandil Uluc, müsste sie sich keine Sorgen machen. Einen Bachelorabschluss in BWL in der Tasche, Notenschnitt passable 2,3, hoch motiviert – was sollte da schiefgehen? Gerade in einem Fach wie BWL, das nicht als brotlos verschrien ist wie vielleicht Altphilologie. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Firmen händeringend nach gutem Personal suchen, wie überall zu lesen war. Arbeitsmarkt, hier komme ich!
Das war im Februar 2015. Kandil bewarb sich als Trainee bei einer Modekette und auf Absolventenstellen bei großen Logistikunternehmen – in Frankfurt, Hamburg, deutschlandweit. "Das war Phase eins", sagt sie heute. "Ich habe mir die Stellen herausgesucht, auf die ich wirklich Lust hatte."
Doch die Rückmeldungen blieben aus. Dann kamen Absagen. Dann zwei, drei Telefoninterviews, aber kein Stellenangebot. "Das war der erste Dämpfer", sagt sie. Ihr wurde klar: Das wird schwieriger als gedacht. Sie schrieb weiter Bewerbungen, jetzt auch an kleinere Firmen. Eine Unternehmensberatung in Düsseldorf bat sie zu einem Eignungstest, zu Hause am Computer löste Kandil Aufgaben zum analytischen Denken. Sie bekam eine Einladung zum Gespräch, die Atmosphäre war angenehm, alles schien zu passen. Doch ein paar Tage später: eine Absage, ohne Begründung. Und eine weitere Lektion: "Ich weiß jetzt, dass ein gutes Gefühl noch lange nichts heißt."
Mehr als hundert Bewerbungen hat Kandil, 30 Jahre, seit ihrem Studienabschluss geschrieben. Vergebens. Um Mietkosten zu sparen, ist sie wieder bei ihren Eltern eingezogen. Mittlerweile fragt sie sich: Hat sich das Studium überhaupt gelohnt?
Was Kandil lernte: So begehrt, wie sie dachte, sind Uni-Absolventen wohl doch nicht. Und: Kandil ist mit ihrem Hochschulabschluss eine von vielen – eine von zu vielen vielleicht?
Fest steht: In Deutschland studieren heute so viele Menschen wie noch nie zuvor, fast drei Millionen sind es. Allein zu diesem Wintersemester werden eine halbe Million Neueinschreibungen erwartet. Ein Studium galt bisher als Königsweg zu einem guten Job. Ein Uni-Abschluss war ein Versprechen auf ein gutes Einkommen, auf Status, Aufstieg – auf ein Leben in materieller Sicherheit, weitgehend zumindest.
Auch Kandil hat so gedacht. Ihre Eltern kamen in den Achtzigerjahren aus der Türkei nach Deutschland, ihr Vater ist Busfahrer, ihre Mutter putzt. Nach der Schule machte Kandil zuerst eine Ausbildung in der Verwaltung. Aber ein Leben lang Akten abarbeiten? "Ich wollte mehr erreichen", sagt sie. Doch kann sich diese Hoffnung erfüllen, wenn es die Hälfte eines Altersjahrgangs in die Hörsäle und Seminarräume zieht? Verlieren die Abschlüsse dann nicht an Wert?
Diese Fragen bewegen viele Studierende in Deutschland, die Stimmung ist durchwachsen. Einerseits hat der Optimismus zugenommen. Nur eine Minderheit erwartet größere Schwierigkeiten bei der Jobsuche, das zeigt der "Studierendensurvey", für den Forscher der Uni Konstanz im Auftrag der Bundesregierung regelmäßig Studenten befragen. Andererseits ist der Wunsch nach einem stabilen Arbeitsplatz stark gestiegen. 2001 war 51 Prozent der Studierenden die Sicherheit im Job sehr wichtig, 2013 waren es bereits 67 Prozent. Deutlich mehr junge Menschen als früher richten die Entscheidung für das Studienfach nach den Arbeitsmarktchancen aus. Einfach nur drauflosstudieren, das tun heute die wenigsten – für die Forscher ein Indiz dafür, dass die "Verunsicherung der Studierenden im Hinblick auf die Zukunft" immens sein muss. Es wird schon irgendwie klappen mit dem Einstieg in den Job, aber so einfach und planbar wie früher ist es wohl nicht – so könnte man die Stimmung an den Hochschulen zusammenfassen.
Das Bundesinstitut für Berufsbildung geht sogar davon aus, dass bald mehr Akademiker einen Job suchen als in den Ruhestand gehen. Bis 2035 rechnen die Forscher mit 6,5 Millionen Hochschulabsolventen, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen. Aber nur 3,9 Millionen Berufstätige mit Uni- oder FH-Abschluss werden im selben Zeitraum aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Künftig suchen die Unternehmen vielleicht gar nicht mehr so dringend nach Ingenieuren, Betriebswirten und Chemikern – sondern nach Menschen mit Berufsausbildung, nach Mechatronikern oder kaufmännischen Angestellten. Pflegekräfte sind schon jetzt rar.
Seit einigen Jahren macht daher das Wort vom Akademisierungswahn die Runde – ein Wort, das suggeriert, Bildungsdeutschland sei verrückt geworden und junge Menschen manisch auf ein Studium fixiert. In die Welt gesetzt hat es der Münchner Philosophieprofessor und ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. Der Andrang auf die Hochschulen, so seine These, frustriere am Ende alle: die Absolventen, die nicht den Job finden, den sie sich versprochen hätten. Die Lehrlinge, die nach ihrer Ausbildung nun auch noch mit den vielen nicht untergekommenen Akademikern um Stellen konkurrieren müssten. Und natürlich Professoren wie Nida-Rümelin selbst, die sich in den überfüllten Hörsälen voller Credit-Point-gieriger und arbeitsmarktverbissener Studenten nicht mehr so zweckfrei und leidenschaftlich wie dereinst in philosophischen Gedankenflügen verlieren könnten. Kein Wunder, dass der Beifall für die These vom Akademisierungswahn eher von der konservativen Seite kam, von Professoren, deren Selbstverständnis es ist, für eine kleine Bildungselite zuständig zu sein, nicht für den Aufstieg der Massen.
Die Frage ist: Wie berechtigt sind solche Alarmrufe? Hat das Studium wirklich an Wert verloren?
Die Antwort lautet: Es ist kompliziert.
Zuerst die guten Nachrichten: Im vergangenen Jahr meldeten Unternehmen der Arbeitsagentur 193000 Stellenangebote für Hochschulabsolventen – so viele wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. Wer ein Studium abgeschlossen hat, muss laut Statistik nicht lange nach einem Job suchen: 73 Prozent der arbeitslosen Akademiker fanden nach weniger als sechs Monaten eine Stelle. Die Arbeitslosenquote für Hochschulabsolventen lag 2016 bei 2,6 Prozent – ein Wert, bei dem Ökonomen von Vollbeschäftigung sprechen. Selbst wenn die Wirtschaft mal nicht wie im Moment auf Hochtouren läuft, haben Hochschulabsolventen kaum das Risiko, ohne Job auf der Straße zu stehen: Seit der Wiedervereinigung ist die Arbeitslosenquote unter Akademikern nie über vier Prozent gestiegen. Und das alles, obwohl immer mehr Menschen ein Studium abschließen.
Das klingt, als dürfte es Absolventen wie Kandil gar nicht geben. Als wäre die Betriebswirtin eine krasse Ausnahme. Und hier wird es nun kompliziert: Kandil – und viele andere, die sich in einer ähnlichen Lage befinden – tauchen in der Arbeitslosenstatistik gar nicht auf. Offiziell ist Kandil Teil der Akademiker-Vollbeschäftigung. Als die Stellensuche schwierig wurde, knüpfte sie an einen alten Job aus der Studienzeit an: Seit zwei Jahren sitzt sie am Flughafen Düsseldorf hinter dem Geldwechselschalter, tauscht Geschäftsreisenden noch rasch vor dem Abflug Euro gegen Dollar, Złoty gegen Euro, mal von morgens um fünf Uhr bis mittags, mal von mittags bis abends um neun, 40 Stunden die Woche. Es ist eine Notlösung, ihre Kollegen am Wechselschalter haben teilweise keine Ausbildung, erzählt sie. Andere haben – wie sie – studiert. Ein Kollege mit Bachelorabschluss und kleinen Kindern sage, er könne nicht ewig die richtige Stelle für seine Qualifikation suchen. Er brauche das Geld.
Es ist keine ungewöhnliche Erfahrung: Ein Drittel der Akademiker in Deutschland arbeitet in einer Beschäftigung, die ihrem Abschluss nicht entspricht. Auf diesen Wert kommt die Ökonomin Christina Boll, die am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut zum Thema Überqualifikation forscht. Je nach Definition fällt der Anteil mal höher, mal niedriger aus. Aber klar ist immer: Hochschulabsolventen haben ein deutlich größeres Risiko als Menschen mit mittleren Abschluss, sich auf dem Arbeitsmarkt unter Wert verkaufen zu müssen. Die Gefahr scheint auf den ersten Blick sogar gewachsen zu sein. 1984 waren von den Männern mit Uni- oder FH-Abschluss 30 Prozent überqualifiziert für ihren Job, 2010 waren es immerhin fast 34 Prozent. Unter den Frauen schoss der Anteil sogar von etwa 23 Prozent auf 33 Prozent, was aber auch daran liegt, dass heute mehr Frauen erwerbstätig sind als früher.
Der Trend könnte sich fortsetzen, sagen die Forscher vom Bundesinstitut für Berufsbildung voraus. Wenn in der Vergangenheit zum Beispiel ein kaufmännischer Angestellter in Rente ging, erklärt Studienautor Tobias Meier, haben manche Firmen die Stellen mit einem BWL-Absolventen von der Uni nachbesetzt – gut möglich also, dass auch in Zukunft Akademiker auf Stellen nachrutschen, die bisher noch von Beschäftigen mit Ausbildung besetzt wurden. Gleichzeitig werden einige Jobs anspruchsvoller und verlangen stärker als bisher nach Hochschulabsolventen.
Ein paar alte Grundsätze werden wohl auch weiterhin gelten: Geisteswissenschaftler tun sich auf dem Arbeitsmarkt schwerer als Ingenieure. In Ostdeutschland sind Akademiker häufiger arbeitslos als im Westen. So wie Sebastian, 34 Jahre alt. An der Uni Leipzig hat er Englisch und Französisch studiert, 2014 den Abschluss als Diplom-Übersetzer gemacht. "Seitdem bin ich fast durchgehend auf Stellensuche", sagt er. Er bewarb sich bei Übersetzungsbüros, den verschiedensten Firmen im In- und Ausland, einmal sogar bei den Vereinten Nationen. Er gibt Nachhilfe, um die Sprache nicht zu verlernen, nimmt Computerkurse, fährt zu Jobmessen. Die einzige Stelle bisher: ein paar Wochen im Callcenter. "Wenn ich die Gründe für meinen bisherigen Misserfolg reflektiere, bin ich offen gesagt etwas ratlos", sagt Sebastian, der anders heißt, aber nicht mit seinem echten Namen an die Öffentlichkeit will – zu groß ist die Scham. Die vermeintlich guten Arbeitsmarktzahlen für Hochschulabsolventen haben immer eine Kehrseite: Wer keine Stelle findet, den muss der Misserfolg besonders schmerzen. Das Gefühl des Scheiterns quält dann umso mehr.
Angebot und Nachfrage von Akademikern sind nicht der einzige komplizierte Teil der Erzählung. Die Einkommen von Hochschulabsolventen sind auf den ersten Blick stabil geblieben – trotz der größeren Absolventenzahlen. Ein Akademiker verdient nach einer Berechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Schnitt im Leben 1,08 Millionen Euro mehr als ein Beschäftigter ohne Berufsabschluss. Die OECD stellt sogar fest: Der Verdienstabstand zwischen Akademikern und Nichtstudierten ist in Deutschland in den vergangenen Jahren noch gewachsen.
Aber auch das ist wieder nur eine Seite der Geschichte. Die andere kann man zum Beispiel in einem Internetforum nachlesen, in dem eine junge Frau von ihrem Klassentreffen berichtet.
Die meisten hätten bereits den Bachelorabschluss geschafft und seien ins Berufsleben gestartet, schreibt sie. "Viele haben Sozialpädagogik oder Lehramt studiert." Ein alter Klassenkamerad sei Architekt geworden, eine andere Mitschülerin Psychologin. Irgendwann sei das Gespräch aufs Geld gekommen. "Dann habe ich mein Einstiegsgehalt genannt und wurde etwas ungläubig angeschaut." Mit so einer hohen Summe hatte anscheinend niemand gerechnet.
Vor dem Abitur sei sie von der Schule abgegangen, habe eine Lehre begonnen – als Fachinformatikerin. Nun verdiene sie, die Abi-Abbrecherin, mehr als viele Akademiker mit den höchsten Bildungsweihen.
Es gibt viele solcher Geschichten. Die Forscher des IAB haben für verschiedene Arbeitsbereiche die Verdienste für Studierte und beruflich Gebildete verglichen. Wer zum Beispiel eine Lehre als Mechatroniker oder in der Elektrotechnik macht, kommt laut IAB aufs Leben gerechnet auf ein Einkommen von 1,6 Millionen Euro. Akademiker im Bereich Tourismus und Hotellerie müssen sich dagegen im Schnitt mit 1,3 Millionen begnügen. In der Informatik bringt bereits die Berufsausbildung 2,2 Millionen Euro Lebenseinkommen – deutlich mehr als viele Studienberufe. Kein Wunder also, dass beim Klassentreffen die meisten alten Schulkameraden erblassten, als sie die Geschichte der Abi-Abbrecherin hörten.
Diejenigen, die vor dem Akademisierungswahn warnen, verweisen gern auf solche Zahlen. Seht her, es müssen nicht alle studieren, manchmal macht man mit der klassischen Lehre sogar mehr Geld. Der Run auf die Unis folge also falschen Annahmen.
Die Frage ist nur, ob der Vergleich nicht selbst einer falschen Annahme folgt. Ein Abiturient steht oft nicht vor der Wahl, ob er Sozialpädagoge wird oder Fachinformatiker. Er entscheidet eher zwischen einer Ausbildung als Krankenpfleger oder einem Medizinstudium, zwischen der Fachschule für Fremdsprachenassistenz oder dem Studiengang für Übersetzung – also zwischen Lehrberufen und Studiengängen in dem Bereich, der den eigenen Interessen entspricht.
Ist es da nicht sinniger, dem Elektrotechniker den Elektroingenieur gegenüberzustellen und dem Fachinformatiker den IT-Experten mit Uni-Diplom – statt Äpfel mit Birnen zu vergleichen? Die IAB-Zahlen zeigen nämlich auch: Innerhalb der verschiedenen Tätigkeitsfelder stehen – mal mit größerem, mal mit kleinerem Abstand, aber durchgängig – die Akademiker ganz oben in der Einkommenspyramide. Hätten alle Schulkameraden der Abi-Abbrecherin Informatik studiert, hätte es gar kein großes Staunen beim Wiedersehen gegeben. Dann hätte das Bild wieder gestimmt: Wer studiert hat, verdient mehr.
Aber weil ein Klassentreffen von lauter Informatikern sehr unrealistisch ist, kann man aus dem Staunen vielleicht doch eine Erkenntnis ziehen. Wir erwarten von der Gesellschaft oft, dass sie Anstrengungen belohnt. Dass Leistungen sich auszahlen. Dass es honoriert wird, wenn man lernt und in Bildung investiert, Abitur macht, Semester um Semester im Hörsaal verbringt. Aber strengt sich, wer Informatik paukt, mehr an als derjenige, der zwei Seminarräume weiter Byzantinistik studiert? Sind zehn Semester Medizin eine größere Leistung als zehn Semester Sozialpädagogik?
Am Ende zählen andere Dinge oft mehr: die Branche, die Region, das Unternehmen, der Zufall, dass die eigenen Neigungen und Interessen gerade auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt sind. Ist das gerecht? Wenn Studierende heute für etwas ihre Stimme erheben könnten, dann vielleicht für mehr Gleichheit in der Arbeitswelt. Wenn die Gehälter und Chancen nicht so weit auseinanderdriften, dann muss sich niemand die Frage stellen, die auch Absolventin Kandil umtreibt: Lohnt sich der Gang an die Hochschule?
Dann kann man einfach studieren.
Sind zehn Semester Medizin eine größere Leistung als zehn Semester Sozialpädagogik?

"Ein Studium galt als Königsweg zu einem guten Job – bisher."

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Von Bernd Kramer Illustrationen: Joni Majer

UniSPIEGEL 5/2017
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