14.10.2017

Der Kriegstechniker

Asem Hasna verlor in Syrien seinen linken Unterschenkel. Er bekam einen künstlichen und hilft fortan jenen, denen es ähnlich ergangen ist: mit Prothesen aus dem 3-D-Drucker.
Jeden Morgen, wenn Asem Hasna sich an den Bettrand hievt, einen Silikonstrumpf über den Rest seines linken Beines zieht und den Stumpf in eine Carbonprothese steckt, ist er dankbar. Dankbar für den Verlust. Er sagt: "Ich habe meinen Unterschenkel verloren, aber ein besseres Leben gewonnen." Er findet, das sei ein fairer Deal.
Asem Hasna, 23, rundes Gesicht, eckige Brille, schwarzer Vollbart, stammt aus dem syrischen Städtchen Qatana und lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Er sitzt auf einem Klappstuhl aus Plastik in seiner Einzimmerwohnung in Berlin-Charlottenburg und erzählt, wie ihm der Krieg zuerst seine Freunde und später seine Heimat nahm. Wie ihm der Krieg sein Bein raubte und wie er aus diesem Unglück eine Chance für sich und jene machte, denen es ähnlich ergangen ist.
Die Geschichte seiner Flucht ist die einer lebensgefährlichen Reise, auf der er Verletzten half – und an deren Ende auch ihm geholfen wurde: mit Asyl, einer Bleibe und einem Studienplatz. Ab kommendem Frühjahr wird Hasna an der TU Berlin Informatik studieren. Eigentlich hätte er längst einen Uni-Abschluss, sagt er: "Wären die Behörden nicht hinter mir her gewesen."
Bis Anfang 2013 studierte Hasna Mathematik in Syriens Hauptstadt Damaskus. Er stand kurz vor dem Bachelorabschluss, als der syrische Geheimdienst und 20 Soldaten des Regimes von Staatspräsident Baschar al-Assad am Haus seiner Eltern in Qatana klopften. Sie wollten Hasna verhören, weil er sich als freiwilliger Sanitäter in einer versteckten Klinik um verletzte Rebellen gekümmert hatte. Aber Hasna war nicht da. Die Männer vom Geheimdienst zerschlugen die Möbel im Haus, stahlen Geld und nahmen seinen Vater mit. Sie brachten ihn in ein Gefängnis am Stadtrand von Damaskus und folterten ihn sechs Monate lang mit Stromschlägen.
Hasna floh nach Khan al-Shih, einer von Rebellen kontrollierten Stadt, etwa 13 Kilometer von Qatana entfernt. Dort heuerte er in einem Feldlazarett an, weil er glaubte, als Sanitäter mehr für sein Land tun zu können als an der Waffe. Das Hospital war ein Raum mit vier Betten in einem unterirdischen Gemüselager. Es gab keinen Defibrillator, kein Messgerät für die Herzfunktion, nur drei Ärzte, die viel operierten und wenig schliefen. Sie versorgten Zivilisten, Rebellen, auch Assads Soldaten. "Für uns waren das alles Menschen", sagt Hasna.
Der Tag, der Hasnas Leben veränderte, war der 27. April 2013, ein Samstag. Er war morgens mit einem Kollegen im Krankenwagen unterwegs, um die Opfer eines Artillerieangriffs einzusammeln. Die zwei Patienten waren verladen, Hasna wollte gerade auf den Fahrersitz steigen, da schlug neben ihm eine Granate ein – abgefeuert von Regierungstruppen, da ist er sich sicher. 30 Sekunden lang konnte er nichts sehen und hören. Als sich der Staub gelegt hatte, sah er überall Blut, sein Kopf dröhnte, die Ohren fiepten. Dann bemerkte er, dass etwas fehlte: sein linker Unterschenkel. "Der lag fünf Meter neben dem Auto." Es tat erst mal nicht weh, erzählt er. "Zu viel Adrenalin."
Hasna hatte Glück. Ein Freund aus dem Sanitäterteam war in der Nähe, zog alle aus dem brennenden Fahrzeug. In einem Krankenhaus stoppten Ärzte Hasnas Blutung und organisierten einen Transport in eine hundert Kilometer entfernte Spezialklinik in Jordanien. Drei Tage dauerte die Fahrt mit 13 anderen Verletzten auf der offenen Ladefläche eines Lkw. Als sie an einer Basis syrischer Regierungstruppen vorbeifuhren, wurden sie beschossen. Hasna presste sich auf den Boden, dachte an seine Familie, die nicht wusste, wo er war. Und er dachte an seine Verlobte, die er bis heute nicht wiedergesehen hat.
In den folgenden sechs Wochen wurde er zwölfmal operiert. Im Krankenbett überlegte Hasna, wie er ohne Unterschenkel leben sollte. Er besorgte sich eine SIM-Karte, rief seine Familie an und las im Internet alles, was er über Prothesen finden konnte. Zwei Monate später bekam er sein erstes künstliches Bein verordnet, es kostete 5000 Dollar, dafür hatten seine Eltern ihren Mitsubishi verkauft. Die Prothese passte nicht richtig, zwickte beim Laufen, aber Hasna war froh, überhaupt eine zu besitzen. Dann beschloss er, anderen Amputierten helfen zu wollen.
Anfang 2014 zog Hasna zu einem Cousin in ein Apartment in Jordaniens Hauptstadt Amman. Er fand einen Platz in einem Programm des US-Außenministeriums, das zusammen mit dem Roten Kreuz in einer Klinik Orthopädietechniker ausbildete – Fachkräfte, die das Königreich, das mehr als 650000 Flüchtlinge aufgenommen hat, dringend braucht. Hasna blieb acht Monate und lernte, wie man Prothesen baut.
Im Herbst traf Hasna über einen Kontakt Kilian Kleinschmidt, einen deutschen Entwicklungshelfer und damaligen Leiter des jordanischen Flüchtlingslagers "Saatari". Kleinschmidt arbeitete mit dem in Amman gegründeten Start-up "Refugee Open Ware" (ROW) an einem Pilotprojekt, bei dem Flüchtlinge mit 3-D-Druckern ihre eigenen Prothesen fertigen konnten. Eine Hand, erklärte Kleinschmidt, koste 15 Dollar und dauere acht Stunden, bis sie fertig ist. Hasna staunte. Die Idee der schnellen, kostengünstigen Hilfe aus dem Drucker ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.
In Amman ließ sich Hasna von ROW-Mitarbeitern in den Grundlagen des 3-D-Druckens schulen. Stundenlang schaute er YouTube-Videos zur Drucktechnik, durchforstete Handbücher. Nach drei Tagen hatte er das Verfahren verstanden. Es erlaubt, Objekte in millimeterdünnen Kunststoffschichten aufzubauen und so Formen herzustellen, die mit herkömmlichen Methoden wie Fräsen oder Schleifen unerreichbar sind.
Hasna lieh sich einen 3-D-Drucker, nahm ihn mit in seine Wohnung und legte los. Er druckte Handflächen, Finger und Fingergelenke. Für eine junge Syrerin, für einen kleinen Jungen aus dem Jemen. "Die Freude in ihren Augen, wieder greifen zu können, werde ich nie vergessen." Für seine Beinprothese fertigte er einen Gummibolzen – eine Art Gelenk für den künstlichen Fuß, das zwischen Ferse und Knöchel sitzt und das Carbonbein stabilisiert. Vollständige Beinprothesen zu drucken sei bislang schwierig, weil sie das Gewicht eines Erwachsenen nicht dauerhaft tragen können, erklärt Hasna.
Er hatte gerade begonnen, das Leben wieder zu genießen, da wandte sich die politische Stimmung in Jordanien gegen die Flüchtlinge im Land. "Die Leute auf der Straße beschimpften mich als Eindringling", erzählt er. Als klar wurde, dass es aufgrund der enormen Nachfrage fast unmöglich war, ein Arbeitsvisum zu bekommen, entschied sich Hasna im Herbst 2015 erneut aufzubrechen. Nach Deutschland. Die Reise, vor der er sich am meisten fürchtete.
Sein Vater, inzwischen aus dem Gefängnis entlassen, besorgte einen Reisepass, schickte den nach Amman. Mit einem Dutzend Verwandten und Freunden flog Hasna über Istanbul in die türkische Hafenstadt Izmir, wo sie in einem Café einen Schleuser trafen. Am nächsten Morgen um zwei Uhr bestiegen sie, bewacht von drei Männern mit Kalaschnikows, ein sechs Meter langes Schlauchboot, ausgelegt für 15 Personen. Sie waren 55 Mann, darunter zehn Kinder. Jeder von ihnen hatte den Schleppern knapp 1200 Dollar bezahlt.
Hasna sah das Meer zum ersten Mal. Es lag vor ihm wie eine schwarze Hölle. Er dachte daran, dass er nicht schwimmen kann und dass er eine drei Kilogramm schwere Prothese mit sich herumschleppt. Dann erfuhr er, dass es an Bord keine Rettungswesten gab. "Da war ich mir sicher: Mein Leben endet auf diesem Boot", sagt er. Doch die Überfahrt glückte, nach dreieinhalb Stunden erreichte Hasna die griechische Insel Lesbos.
Auf einem Segelboot floh Hasna weiter nach Athen, fuhr mit Bus und Zug quer durch Europa bis nach Deutschland. Er lief zu Fuß, schlief in Feldern, fror, hungerte. Am 14. Oktober 2015 kam er in Berlin an, auf dem Rücken einen Rucksack, darin nur ein paar Klamotten und sein Handy. Die Festplatte, auf der Fotos seiner Familie und der Heimat gespeichert waren, hatte er unterwegs verloren. Seine neue Heimat wurde ein Wohnheim in Berlin-Niederschöneweide, in dem er sich mit vier Mann ein Zimmer teilte und in dem es außer den festen Essens- und Ruhezeiten nichts gab.
Hasna plagte die Langeweile. Er erinnerte sich an die Zeit beim Start-up ROW in Amman, wo er einem erblindeten Freund ein Armband mit Echolot gebaut hatte, das ihn durch Vibrieren vor Treppen und Hindernissen warnte. Hasna sagt: "Ich wollte wieder mit Technik arbeiten, die Menschen hilft, sich selbst zu helfen." Im Flüchtlingswohnheim begann Hasna, ein paar Kindern und Erwachsenen die Grundlagen des Programmierens beizubringen. Mit dem Bastelcomputer Arduino, den ihm ROW gestellt hatte, zeigte er seinen Schülern, wie man Schaltkreise zusammensteckt und mit den richtigen Steuerbefehlen eine Leuchtdiode zum Blinken bringt.
Sein Talent sprach sich herum – auch bei der Berliner ReDI School of Digital Integration, einem gemeinnützigen Start-up, das technikaffinen Flüchtlingen das Programmieren beibringt. Bis vor Kurzem arbeitete Hasna dort als Lehrer für Robotertechnik, im April traf er Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Schule zu einer Diskussionsrunde. "Sie riet mir, zügig Deutsch zu lernen."
Hasna macht jetzt einen Sprachkurs an der TU Berlin. Außerdem arbeitet er weiter für ROW und eine Hilfsorganisation. Er soll dem Syrischen Zivilschutz über eine Onlineplattform das Programmieren beibringen. Der Job zahle Miete und Krankenversicherung. Er wolle dem Staat nicht auf der Tasche liegen. In Deutschland habe er schon eine neue Prothese bekommen, bezahlt von der Krankenkasse. "Dieses Land ist ein Segen", sagt Hasna.
Und er tüftelt weiter. Neulich zum Beispiel, da überlegte Hasna, was er tun könne, damit seine Balkonpflanzen nicht verdursten, wenn er länger unterwegs ist. Jetzt steht auf der Brüstung ein mit Wasser gefüllter Eimer, gekoppelt an ein Schlauchsystem und einen Funkempfänger – steuerbar über eine selbst entwickelte App auf dem Handy. Ein Knopfdruck genügt, und das Wasser fließt.
Wenn man Asem Hasna fragt, was ihn am meisten sorgt, dann sagt er: "Dass die Syrer als Volk nicht mehr zusammenfinden". Zerstörte Häuser könne man wieder aufbauen, aber die Seele eines ganzen Landes retten? Für beides wird es Leute wie ihn brauchen. Leute mit Köpfchen und Leidenschaft.

"Im Flüchtlingswohnheim brachte er Kindern das Programmieren bei."

Von Matthias Fiedler Fotos: Gordon Welters

UniSPIEGEL 5/2017
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