09.12.2017

Das anonyme ProtokollMein Leben als Steuerberater Bücherwälzer und Bürohocker – ein angestaubtes Image. Ein Steuerberater widerspricht und erzählt, warum sein Beruf zuallererst mit Emotionen zu tun hat.

Das angestaubte Bild des Steuerberaters verstehe ich bis heute nicht. Und ich bin 58. Ellenbogenflicken am Sakko und dicke Wälzer lesen, so in etwa stellen sich viele den Beruf vor. Dabei ist ein Steuerberater vor allem eines: persönlicher Problemlöser. Fast jeden Tag habe ich mit menschlichen Schicksalen zu tun. Wie es auf dem Bankkonto aussieht, verraten die meisten Menschen ja nicht mal ihren engsten Freunden. Plötzlich muss ich einem verschuldeten jungen Mann erklären, dass er mit seinem Kunstgeschichtsstudium seine Kapitalgesellschaft wohl nicht retten kann. Da ich zudem als Wirtschaftsprüfer arbeite, erlebe ich solche Dramen auch bei Insolvenzen – allerdings in ganz anderen Dimensionen. Dann muss ich einem engagierten, aber erfolglosen Unternehmer erklären, dass die Bank ihm wahrscheinlich keinen Kredit mehr geben wird. Dem steht das Wasser bis zum Hals und seine 500 Mitarbeiter umfassende Belegschaft bald auf der Straße. Damit muss ich umgehen. Langweilig ist das ganz bestimmt nicht.
Viele Kunden sehen in mir einen Navigator durch das Steuerdickicht – andere haben ein größeres steuerliches oder wirtschaftliches Problem und brauchen meine Beratung. Wenn ich Lösungen vorschlage, muss ich aber auch immer darauf achten, dass sie emotional zu verkraften sind. Das übersehen viele. Neulich hatte ich einen Fall, bei dem eine ältere Frau ihr Haus aus steuerlichen Gründen auf ihre Kinder übertragen sollte. Die Idee stammte von den Kindern. Gleichzeitig sollte die Dame Nießbrauchsvorbehalt bekommen. Das bedeutet, das Nutzungs- und Vermietungsrecht bleibt ihr; nur das Eigentum auf dem Papier wäre auf die Kinder übertragen worden. Eigentlich war alles geklärt, aber kurz vor dem Notartermin kam besagte Dame in mein Büro: "Wenn ich unterschreibe, dann gehört mir das Haus nicht mehr, oder?", fragte sie. "Das stimmt", antwortete ich. "Dann kann ich das nicht!", sagte sie, stand auf und ging nach Hause. Die steuerliche Seite hätte nur Vorteile gebracht, aber wenn sie damit nicht leben kann, nützen wirtschaftliche Argumente nichts.
Berufseinsteiger haben es in meiner Branche oft nicht leicht: Ein richtiger Berater ist für viele Mandanten nur, wer graue Haare hat. Dabei haben auch Anfänger schon Knochenarbeit geleistet: Auf das Masterstudium, oft BWL, folgt die Steuerberaterprüfung, die es echt in sich hat. Rund die Hälfte fällt regelmäßig durch. Die Anforderungen sind so hoch, weil es sich um eine anspruchsvolle Tätigkeit handelt.
Doch die Mühe lohnt sich: Anfänger erreichen schnell ein Jahresgehalt von 50000 bis 60000 Euro. In Großkanzleien ist auch mehr drin. Als spezialisierter Selbstständiger mit mehreren angestellten Beratern verdiene ich im sechsstelligen Bereich.
Im Gegenzug sind die Arbeitszeiten lang, das Stress-Level hoch, gute Organisation unerlässlich. Um einem Magengeschwür oder Burn-out vorzubeugen, treibe ich Sport. Dabei geht es mir im Mittelstand noch gut. Bekannte aus großen Kanzleien klagen über noch höhere Belastungen.
Das Gute ist: Mittlerweile kann ich einfache Aufgaben an meine Mitarbeiter delegieren und widme mich eher solchen Fällen, in denen das Gesetz keine eindeutige Lösung bereithält. Wie verkaufe ich die Arbeitsecke im Flur als Arbeitszimmer? Man muss den Finanzbeamten mit einem eigens gestrickten Argumentationsmuster überzeugen. Das macht richtig Spaß.
Spannend finde ich auch, dass ich in meinem Beruf immer dazulernen kann – und muss. Regelmäßige Fortbildungen sind unerlässlich. Es gibt unzählige neue Regelungen und Gesetze, außerdem erscheint am laufenden Band Steuerfachliteratur. Bekommt ein Steuerberater solche Entwicklungen nicht mit, kann es brenzlig werden. Wenn ich einen Fehler mache, kann mein Mandant mich verklagen. Wer die aktuelle Rechtslage nicht umfassend im Blick hat, geht ein großes Risiko ein.
In letzter Zeit beobachte ich bei Mandanten immer häufiger einen Hang zum Sparen. Manchmal bekomme ich Anrufe mit einer ganz speziellen Frage. Den Rest hat sich der Kunde vorher zusammengegoogelt, um möglichst wenig Geld auszugeben. Denn er möchte natürlich, dass ich nur die Viertelstunde für das Gespräch abrechne.
Außerdem verstehen Kunden häufig nicht, wofür sie bezahlen. Anders als beim Tischler gibt es zum Schluss kein Produkt. Wenn ich für einen Jahresabschluss eines Unternehmens 5000 Euro abrechne, werde ich wegen der Höhe der Summe schief angeguckt. Dass hohe Vermögen mit hoher Verantwortung verbunden sind, sehen die Mandanten in dem Moment nicht. Das muss ich immer wieder erklären – bleibe dabei aber natürlich freundlich. Auf den Punkt gebracht: Wer Menschen nicht mag, ist in dem Beruf falsch.
Von Aufgezeichnet von Antonia Schaefer

UniSPIEGEL 6/2017
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