01.01.2000

STUDIEREN MIT GEHALT

Christoph Kortmann hat eine harte Zeit hinter sich: montags bis mittwochs von 5.45 Uhr bis 15.15 Uhr Ausbildung zum Energieelektroniker bei Opel, donnerstags und freitags von 8 bis 14. Uhr Vorlesungen an der Fachhochschule Bochum. Am Wochenende pauken für Facharbeiterprüfung und Vordiplom, in den Semesterferien arbeiten im Betrieb.
Die Doppelbelastung hat einen Namen: duales Studium - die enge Verbindung von betrieblicher Praxis und akademischem Betrieb. Die Studiengänge sind bei den Studenten begehrt, die Absolventen als Nachwuchskräfte in den Firmen gefragt.
1200 Mark im Monat und 30 Tage Urlaub, im Jahr bekam Kortmann, 24, als Student mit Ausbildungsvertrag. Nach der Facharbeiterprüfung, so sichert ihm Opel vertraglich zu, kann er in den Semesterferien als Energieelektroniker arbeiten und sich im Übrigen voll dem Ingenieurstudium widmen. Wenn er einen entsprechenden Eignungstest der Firma besteht, wird Opel ihn schließlich als Ingenieur einstellen.
Vor dreieinhalb Jahren hatte sich Kortmann für den neu eingerichteten Studiengang Kooperative Ingenieurausbildung Mechatronik an der Fachhochschule Bochum entschieden. Es ist die Kombination einer auf zwei (statt dreieinhalb) Jahre verkürzten Ausbildung zum Facharbeiter und zu einem zunächst parallel laufenden Ingenieurstudium von insgesamt zehn Semestern. Mechatronik - eine neue Wortschöpfung - fasst die klassischen Disziplinen Maschinenbau, Elektronik und Införmatik zusammen.
"Mechatronische Systeme, wie Industrieroboter und Fertigungsstraßen, bestehen aus mechanischen und elektronischen Komponenten, die durch eine intelligente Software zusammenwirken", sagt Detlef Bremkens, Sprecher der Fachhochschule Bochum. "An diesen Schnittstellen kommt den Mechatronikingenieuren eine Schlüsselstellung zu."
Die Fachhochschule kooperiert mit großen Firmen wie Opel, Nokia, Ruhrgas und einigen regionalen Betrieben. Die Bewerber werden von den Unternehmen ausgewählt. Wer dort den Zuschlag erhält, hat automatisch einen Studienplatz.
"Wir waren die Versuchskaninchen", sagt Kortmann, der mit 13 anderen Abiturienten als erster Jahrgang 1996 an den Start gegangen war. Doch für ihn hat sich der Einsatz schon gelohnt. Nach vier Semestern hatte er seinen Facharbeiterbrief, nach fünf das Vordiplom, und seitdem ist er als Vollzeitstudent fürs Hauptstudium vom Betrieb freigestellt. "Jetzt geht es etwas entspannter zu", sagt Kortmann, mittlerweile im 7. Semester.
Ein weiterer Vorteil: Die Studenten müssen sich nicht durch zeitraubende Nebenjobs selbst finanzieren. Nach der Gesellenprüfung entfällt zwar die Ausbildungsvergütung. In den Semesterferien können sie jedoch weiterhin bei Opel als Facharbeiter mit 30 Mark Stundenlohn anständig verdienen und ihr Praxiswissen vertiefen.
Die duale Idee ist nicht neu. Bereits 1974 wurde die Berufsakademie Baden-Württemberg für die Bereiche Wirtschaft und Technik gegründet. Die kooperierte mit Daimler-Benz, Bosch und SEL. Die Gewerkschaften protestierten massiv gegen den neuen Studiengang, weil sie eine weitere Akademisierung der Ausbildung verhindern wollten. Das bildungspolitische Konzept damals lautete eher Gleichheit statt Differenzierung.
Zurzeit werden vor allem die Fachrichtungen Betriebswirtschaft, Informatik, Ingenieurswissenschaften, Pflegepädagogik und Pflegemanagement angeboten. Ab dem Jahr 2001 plant Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn ein Förderprogramm für duale Studiengänge an Fachhochschulen.
Auf einer Fachtagung der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) über dusle Studiengänge im vergangenen November in Wolfsburg warnte BLK-Generalsekretär Jürgen Schlegel vor übertriebener Euphorie: "Die Innovationen haben wahrlich kein revolutionäres Tempo!" Verbindliche Studienrichtlinien gibt es noch nicht. In Einzellcooperationen handeln Fachhochschulen und Unternehmen meist auf sehr unterschiedliche, regionalspezifische Bedürfnisse abgestimmte Modelle aus. Diese Vielfalt verhinderte bisher, dass sich die Beteiligten auf Eckdaten dualer Studienstrukturen einigen konnten.
Trotz des gewachsenen Interesses aus der Wirtschaft ist es für die Fachhochschulen nicht einfach, genügend geeignete Firmen für Kooperationen zu gewinnen und sie über alle Konjunkturschwankungen hinweg von dem erforderlichen Engagement zu überzeugen.
Wer einen der begehrten dualen Ausbildungsplätze bekommen hat, hält meistens trotz des strammen Pensums bis zum Ende durch, nur wenige geben vorzeitig auf.
Auch Mechatronikstudent Kortmann nimmt das harte Tempo in Kauf: "Die Zeit muss man durchstehen."
Von Gudrun Patricia Pott

UniSPIEGEL 1/2000
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