12.10.2018

Der Erfolgscode

Carlos Mwendwa lebt in einem Slum in Nairobi. Er träumt von einem besseren Leben – und lernt deshalb programmieren. Der Technologieboom in Kenia gibt einer ganzen Generation Hoffnung.
Das klingt doch irgendwie nach einem schlechten Witz. Der Uhuru Highway, Hauptverkehrsader Nairobis, kilometerlange Einfahrtsstraße, steht still. Mal wieder. Wann immer Autos auf diese Straße einbiegen, bleiben sie im Stau stecken. Und das bei diesem Namen: Uhuru bedeutet Freiheit auf Kisuaheli. Doch davon ist hier nichts zu spüren. Die Fahrer sind es gewöhnt zu warten, gleichmütig wie die Marabus in den Baumkronen. Manche rutschen tiefer in ihren Sitzen und zücken das Smartphone. Wenigstens der mobile Datenverkehr in Nairobi fließt, selten ist der Empfang schlechter als LTE-Qualität.
Und das ist eine gute Nachricht, für Menschen wie Carlos Mwendwa sogar eine sehr gute.
Carlos Mwendwa lebt seit seiner Geburt in Nairobi. Nach der Schule arbeitete er in einer Autowerkstatt, bockte Fahrzeuge auf Steine auf, improvisierte mit Schraubenschlüsseln. Es fehlte an Werkzeug, an Technik, an Geld. Mwendwa, 22, schmaler Körper, skeptisches Lächeln, ist in Mukuru Kwa Ruben aufgewachsen, einem Slum in Nairobi. Seine Mutter verkauft europäische Secondhandkleidung auf dem Markt. Wenn es gut läuft, verdient sie 400 Schilling am Tag, etwa drei Euro. Nicht immer reicht das für ein Abendessen für die fünfköpfige Familie. Der Vater ist arbeitslos.
Alle Hoffnungen ruhen nun auf Carlos – und auf seinem Elan, etwas Großes zu schaffen, etwas zu gründen, ein Start-up, das Geld bringt und Erfolg und Sicherheit. Er folgt dem Aufsteigertraum seiner Generation, die sich nicht mehr auf andere verlassen möchte, sondern selbst aktiv werden will.
In einem Klassenzimmer im Hinterhof eines alten Fabrikgeländes arbeiten Jugendliche an Rechnern, Ventilatoren surren. Mwendwa und sein Freund Hashimalle sitzen vor einem der Bildschirme, klicken, scrollen, tippen. Sie arbeiten am Entwurf eines Onlineshops, schneiden Fotos zu, prüfen Quellcodes, setzen Links. Seit neun Monaten kommt Mwendwa zu »Nairobits«, einer Einrichtung, in der Jugendliche gegen eine geringe Gebühr die Grundlagen von Webdesign, Web Development oder Grafikdesign lernen. Carlos, der Junge aus dem Slum, lernt hier programmieren.
Kenia ist das wirtschaftlich stärkste Land Ostafrikas, fünf Prozent Wachstum jährlich. Im Weltbank-Index »Ease of Doing Business«, einem Indikator für die Geschäftsfreundlichkeit eines Landes, stieg Kenia innerhalb weniger Jahre von Platz 129 auf Platz 80. Konzerne wie Google und Intel haben inzwischen einen Sitz in Nairobi, IBMs zweiter Supercomputer »Lucy« rechnet dort. Hunderte Tech-Start-ups entwickeln Produkte, Apps und Services. In Nairobi, Afrikas Hauptstadt der ausländischen Hilfsorganisationen, stehen sie für ein neues Selbstbewusstsein: Sie suchen Investitionen statt Almosen, Inkubatoren statt Hilfsprojekte, Business Angel statt Entwicklungshelfer.
Doch noch lebt fast die Hälfte aller Kenianer von weniger als zwei US-Dollar am Tag. Von den 800000 jungen Menschen, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt strömen, finden nicht mal zehn Prozent eine Festanstellung. Die Mehrheit der Bevölkerung arbeitet im informellen Sektor, ohne Absicherung. Schon deshalb überlegen viele, selbst Unternehmer zu werden.
Die Programmierschüler haben Mittagspause. Doch fast alle bleiben an ihren Rechnern und arbeiten weiter. Einige können sich kaum die paar Cent leisten, die es kostet, mit den Sammelbussen hierherzufahren. Einen eigenen Computer haben die wenigsten. Sie sind getrieben vom Ehrgeiz, das zu ändern. Auch Carlos Mwendwa möchte keine Unterrichtsstunde verpassen, und so kommt er manchmal auch hierher, wenn er krank ist. Seine Eltern, »so proud«, tun schließlich alles, um ihm die Schule zu finanzieren.
Meistens beginnt Mwendwa zwei Stunden früher und bleibt zwei Stunden länger. Er möchte so viele Programmiersprachen wie möglich lernen. Rubion, Javascript, HTML5. Spätabends zu Hause studiert Mwendwa analog weiter. Die Codes hat er in einer abgewetzten Kladde notiert.
Um etwas Geld zu verdienen, hat er einmal versucht, sein Zimmer über AirBnB zu vermieten. Niemand wollte in dem kleinen Raum schlafen, in dem die Wände aus Lkw-Planen sind und der Boden aus festgetretener Erde. »Gott ist so gut zu mir«, hat er über sein Bett geschrieben. »Du bist nicht gescheitert, sondern nur noch nicht angekommen« steht daneben.
Zuversicht braucht Carlos Mwendwa dringend. Seine Plastikhütte heizt sich mittags auf wie ein Treibhaus. Regnet es, überflutet das Wasser die engen Wege, auch die Zimmer der Familien stehen manchmal kniehoch unter Wasser. Die einzigen Toiletten in der Nähe sind von einer NGO und kostenpflichtig. Nachts, sagt Mwendwa, sei es zu gefährlich, sie aufzusuchen. Regelmäßig werden Bewohner überfallen, auch er selbst, kürzlich erst, sein Smartphone wurde geraubt. Jetzt hat er nur noch ein klobiges Tastenhandy. Kein mobiles Netz mehr, keine Freiheit.
Bislang konnte er kleine Auftragsarbeiten auf dem Schul-PC erledigen; die Optik für eine Tourismus-Website, Visitenkarten für eine Journalistenorganisation. Aber was macht er, wenn seine Ausbildung in wenigen Monaten endet?
Erik Hersman bezeichnet junge Männer wie Carlos als »die richtigen Hustler«: Weil sie von ganz unten kommen, müssen sie hart für ihre Ziele kämpfen. Hersman, Anfang 40, Vollbart, kräftige Statur, dröhnendes Lachen, wirkt wie ein Holzfäller, ist Sohn amerikanischer Missionare und Begründer der kenianischen Start-up-Szene. 2010 hat er das iHub ins Leben gerufen, ein Coworking Space und Inkubator, das zum Vorbild für ähnliche Einrichtungen auf dem Kontinent wurde. Designer, Programmierer und Hacker konnten dort mit High-Speed-Internet arbeiten, sich austauschen, Geschäftsideen und Businesspläne entwickeln. Schnell wuchs eine Gemeinschaft von über 15000 Mitgliedern heran, etwa 150 Start-ups entstanden im Umfeld.
In einem Hinterhof in einer ruhigen Seitenstraße von Kilimani, dem Geschäftsviertel Nairobis, schrauben sechs Personen an wunderlichen Maschinen. Zwischen Kunststoffkabeln, Platinen und Werkbänken ist Roy Mwangis Reich. Roy, 28, wortkarg, ist Elektroingenieur und hat das Start-up »AB3D – African Born 3D-Printing« gegründet. Es stellt 3-D-Kunststoffdrucker her. »Innovation, Craft, Impact« lautet das Unternehmensmotto, »Innovation, Handwerk, Auswirkung«. Jede verbaute Komponente stammt aus Kenia, zu 30 Prozent bestehen die Drucker aus Elektroschrott, den Roy und seine Leute regelmäßig sammeln. Die Drucker sollen robust sein, simpel, aber vor allem: günstig. 40000 kenianische Schilling kostet einer, weniger als 350 Euro. Sie sollen zum Beispiel helfen, Schuhe zu drucken für Kinder mit Klumpfüßen, deren Eltern sich keine Spezialanfertigung leisten können.
Bisher verdient Roy gerade genug, um sich selbst zu finanzieren. Eine Familie könnte er nicht versorgen. Doch der Bedarf für seine Drucker sei enorm.
An Ideen, sagen Experten, scheitere es nicht. Häufig werden sie aber nicht umgesetzt, weil das Geld fehlt. Bei Mpesa war dies nicht der Fall. Der Service ist die kenianische Erfolgsgeschichte schlechthin und hat den Start-up-Boom beflügelt. Mpesa ist eine Bezahl-App fürs Handy, mit ihr können Nutzer gegen eine kleine Gebühr Geld per SMS überweisen. Millionen Kenianer ohne Bankkonto nahmen plötzlich Teil am virtuellen Geldverkehr, eine finanzielle Revolution. Egal ob Kiosk-Einkauf oder Steuern: So ziemlich alles kann damit bezahlt werden. Über 90 Prozent der Kenianer besitzen inzwischen ein Handy. Mehr als 20 Millionen nutzen Mpesa. Viele neu entwickelte Apps und Services basieren auf dem Bezahlsystem.
Von Nairobi aus hat sich die Tech-Bewegung im ganzen Land verbreitet. Es gibt Coworking Spaces in Eldoret im Westen oder in der alten Küstenstadt Mombasa am Indischen Ozean, jahrhundertelang Swahili-Handelszentrum und nach Nairobi die zweitgrößte Stadt des Landes. Dort, wo die Hitze das Leben träge macht und fünfmal am Tag der Muezzin ruft, liegt der zweite Ursprung für die rapide Entwicklung der kenianischen Kommunikationsbranche.
2009 schlossen Techniker Mombasa mit dem Glasfaserkabel Teams ans Internet an. Die Breitbandkosten sanken drastisch. Parallel wurden Smartphones erschwinglicher. Millionen Kenianer, die nie einen analogen Telefonanschluss oder Geld für eine Tageszeitung hatten, konnten sich jetzt eine E-Mail-Adresse einrichten, chatten, surfen, sich informieren.
Am Rande von Mombasas Altstadt kreischen Krähen über der Bucht. Früh kamen hier schon Seefahrer an, unterwarfen die Küste. Ende des 15. Jahrhunderts die Portugiesen, später die Engländer. Das verwitterte Fort Jesus gegenüber dem alten Hafen ist Zeichen dieser kolonialen Vergangenheit. Die Portugiesen überwachten von seinen Zinnen aus die Küste. Später sperrten die Briten hier ihre Gefangenen ein.
Doch gleich nebenan findet sich ein Stück Gegenwart. Ein grauer Container steht in der Äquatorsonne, in ihm laufen alle See- und Landkabel zusammen. Datenströme aus aller Welt kommen hier an und verteilen sich ins Landesinnere, nach Nairobi, zu Unternehmen und Start-ups und zu Menschen wie Carlos Mwendwa. »Future« steht auf dem kleinen Schild neben seiner Eingangstür, »Zukunft«.
Von Von Konstanze Faßbinder Fotos: Janek Stroisch

UniSPIEGEL 5/2018
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