06.12.2018

Im Visier

Sinah Marie hat eine Leidenschaft, die nicht jedem gefällt: Sie geht auf die Jagd. Als sie im Netz Fotos davon postet, drohen ihr Fremde mit dem Tod, lauern ihr auf. Aus der Jägerin wird eine Gejagte.
Als die Männer das erste Mal kommen, ist der letzte Schnee des Winters gerade geschmolzen. Sie gehen die Allee zum Hof entlang, vorbei am leeren Hundezwinger, das Licht ihrer Taschenlampe leuchtet spärlich den Weg aus. Sinah Marie Böttcher schläft.
In den vergangenen Tagen hatte sie gespürt, wie aggressiv Fremde sein können. Immer wieder las sie es auf Instagram: Sie, Sinah Marie, solle vergewaltigt und getötet werden, stand dort. Sie solle ausgeweidet werden, ihre Kehle durchgeschnitten. Das war kein Shitstorm mehr, das klang nach einem Lynchmob.
Und dann sind sie wirklich da.
Kurz bevor die Männer das Haus erreichen, schlägt der Hund im Hausflur an. Sinah Marie schreckt auf, will zur Tür gehen. Da sieht sie durch ein Fenster, wie die Gruppe durch den Garten streift. Sie öffnet ein Fenster und schreit. Kurz halten die Männer inne. Dann rennen sie und verschwinden im Moor hinter dem Grundstück.
Sie werden wiederkommen, da ist sich Sinah Marie sicher.
Sinah Marie Böttcher ist 25 Jahre alt, Hausbesitzerin, Studentin in Hamburg, Hundeliebhaberin und Jägerin. Letzteres hat ihr den Ärger eingebracht.
Sinah Marie wuchs auf dem Land in Oldenburg auf, ihre Großmutter führte einen landwirtschaftlichen Betrieb in Kappeln an der Schlei, einem idyllischen Streifen in Schleswig-Holstein. Schon als Fünfjährige zog Sinah Marie Federn aus geschlachteten Gänsen, sammelte Preiselbeeren, kochte sie ein.
Als Jugendliche trat sie der Landjugend bei. Sie lernte junge Jäger kennen, begleitete sie. Bald bestand ein Großteil ihres Freundeskreises aus Jägern, und sie beschloss, selbst den Jagdschein zu machen. Mit 22 Jahren bestand sie die Prüfung – und erwarb nicht nur eine Erlaubnis zu schießen. Ihr Blick auf die Natur habe sich durch das Hobby vollkommen geändert, sagt sie.
Sinah Marie kann 30 verschiedene Eier der passenden Vogelart zuordnen, Dutzende Bäume und Sträucher erkennen. Sie kann voraussehen, an welchen Abschnitten einer Landstraße sie langsamer fahren muss, weil Rehe oder Wildschweine über die Fahrbahn laufen könnten.
Vier Monate nach der Prüfung tötete Sinah Marie das erste Mal. Sie erlegte ein wenige Tage altes Rehkitz, dessen Mutter bei einem Autounfall gestorben war. Nach dem Schuss weinte sie. »Das war nicht leicht für mich. Aber ich bin überzeugt, dass es notwendig war.«
Am Anfang tat sich Sinah Marie schwer, in der örtlichen Jägerschaft anerkannt zu werden. Sie besitzt kein Revier, andere Jäger nahmen sie selten auf eine Jagd mit. Deshalb suchte sie im Netz, erstellte Accounts bei Facebook und Instagram – und fand so Anschluss. Bald schrieb sie mehr Leuten, als sie zum Jagen treffen konnte.
Sie findet Gefallen daran, ihre Streifzüge in den Wald im Netz zu dokumentieren. Als @Waidfraeulein postet sie auf ihrem Instagram-Kanal Bild um Bild; von sich bei der Jagd, von ihren Hunden, von erlegtem Wild. Daneben stehen Sätze wie »Eigentlich war ich auf der Suche nach meinen geliebten Sauen ... aber ein mittelalter Hirsch auf 5 Metern tut es auch« und »Ich bin soooo dankbar, dass der liebe Gott mir solch eine perfekte Situation geschenkt hat« – garniert mit Herzchen in Pink. Mehr als 10000 Follower lesen regelmäßig mit.
Jagen hat nicht unbedingt das allerbeste Image. Für viele symbolisiert es ein Hobby alter Männer, die sich stark und mächtig fühlen, wenn sie Tiere töten. Sinah Marie möchte das ändern. Es mache sie wütend, wie verächtlich über Jäger gesprochen werde, sagt sie. »Dabei essen über 90 Prozent der Deutschen Fleisch.« Sie selbst verzehrt nur Tiere, die sie persönlich erlegt hat – ein Praktikum in einem Schweinemastbetrieb hat sie in dieser Entscheidung bestärkt. Ihr Studium der Agrarwissenschaften brach sie ab, wechselte zu Betriebswirtschaftslehre. Ein Waidfraeulein im Kampf gegen die Doppelmoral unserer Fleischgesellschaft, so sieht sie sich. Bis es kippt.
Am 4. März dieses Jahres postet Sinah Marie wieder ein Foto. Das Motiv: Die junge Frau kniet in Jagdmontur hinter einem toten Fuchs. Ihr Hund Anton kuschelt sich in die Armbeuge, in der Hand hält Sinah Marie ihr Gewehr. Dazu schreibt sie: »Der alte Lümmel dachte wohl, er könnte sich meine Pfauen holen. Falsch gedacht.« Sie ist stolz auf die majestätischen Vögel, die sie auf ihrem Grundstück hält.
Als sie am nächsten Mittag auf ihr Handy schaut, haben wildfremde Menschen üble Kommentare hinterlassen. Sie sei eine widerwärtige Person, steht da zum Beispiel. Fünf sind es. Sinah Marie entscheidet sich, sie zu löschen.
Doch dann geht es erst richtig los: Ein paar Stunden später stehen Tausende weiterer Kommentare unter dem Bild. Tierschützer haben den Post im Netz geteilt. Der digitale Lynchmob formiert sich. Töten. Vergewaltigen. Ausweiden. »Ich war erschrocken«, sagt Sinah Marie. »Viele von denen waren Familienväter, die hatten Töchter, die nicht viel jünger waren als ich. Warum schreiben die so was?«
Anfangs versucht sie, mit den Kommentatoren zu diskutieren. Doch es hilft nichts. Wenig später finden Unbekannte die Handynummern ihrer Schwester und Mutter heraus und veröffentlichen sie. Dann erscheinen die Männer auf dem Grundstück, auf dem Sinah Marie mit ihrem Freund wohnt. Der Hass hat das Netz verlassen, und er hat Sinah Marie zu Hause aufgespürt.
Am nächsten Abend kommen die Männer wieder. Sie klingeln und verschwinden, klingeln und verschwinden. Die junge Frau ruft die Polizei. Doch ihr Haus liegt in einem Tal, einige Kilometer außerhalb des Ortes Malente, wo sich die nächste Wache befindet. Als die Polizisten kommen, sind die Männer wieder verschwunden. Sie nehmen Sinah Maries Anzeige auf. Dann gehen sie. Wenig später leuchten die Männer mit Taschenlampen in das Schlafzimmer. »Das war eine eindeutige Drohung«, sagt Sinah Marie. »Die wollten mir zeigen: Wir sind immer noch hier.«
Die Männer kommen jetzt fast jeden Abend. Ihr Freund arbeitet viel, ist häufig auch über Nacht beruflich unterwegs. Doch auch seine Anwesenheit schreckt die Besucher nicht ab. Einmal öffnet Sinah Marie die Tür, ihren Hund am Halsband. Einer der Männer steht in der Dunkelheit des Hofes, schaut sie stumm an. Dann verschwindet er.
Sinah Marie schläft und lernt und telefoniert in diesen Tagen auf einem ihrer Hochsitze am Waldrand. Ihr Haus, sagt sie, war für sie ein Kriegsgebiet. Sie schläft meist tagsüber, wenn die Männer sich nicht in der Dunkelheit verstecken können.
In einer Nacht schicken sie ein Bild bei Snapchat: ein mit Tabletten gespicktes Stück Fleisch, das jemand vor den Hundezwinger auf Sinah Maries Grundstück hält.
Sie sei eine starke Frau, sagt die 25-Jährige. Sie jage und zerlege die Tiere selbst, verbringe viele Stunden allein auf dem Hochsitz. Aber in diesen Wochen habe sie richtig Angst gehabt. Sie lässt eine Videokamera installieren, bringt weitere Scheinwerfer auf dem Hof an. Doch es hilft nicht. Die Männer kommen weiterhin. Kurz danach wird der Hochsitz eines Nachbarn zerstört. Sinah Marie geht davon aus, dass der Angriff ihr galt.
Doch genauso wie die Besuche begannen, flauen sie irgendwann ab, werden weniger. Und hören schließlich ganz auf. Wie ein Sturm. Wie ein schlechter Traum.
Sinah Marie hat die, die sie auf Facebook angriffen, wegen Beleidigung angezeigt. »Ich möchte klarmachen, dass das so nicht geht«, sagt sie. »Ich bin für Kritik und Auseinandersetzung. Aber ich lasse mich nicht beschimpfen.« Das Foto mit dem toten Fuchs hat sie nicht gelöscht. Sie möchte, sagt sie, keinen Zentimeter zurückweichen. Und sie hofft darauf, eines Tages wenigstens einen ihrer Peiniger persönlich zu treffen.
Dann sagt sie, wolle sie ihn fragen, was er für die Natur tue. Stehe er auch fünfmal die Woche um drei Uhr nachts auf, um verletzte Rehe aus Drähten zu befreien? Lasse er sich auch nachts wachklingeln, um einem Tier den Gnadenschuss zu geben, das bei einem Autounfall verletzt wurde? Und was wollte er eigentlich mit den Drohungen erreichen? Was war das Ziel? Kann er nachvollziehen, was er ihr angetan hat?
Jedes Mal, wenn es heute an ihrer Tür klingelt, spürt Sinah Marie Böttcher erst einmal: Angst.

Mit 22 Jahren tötet sie das erste Reh. Danach weint sie.

Fast jeden Abend kommen die Männer. Ihr Haus wird für sie zu einem Kriegsgebiet.

Sinah Marie ist als @waidfrauelein auf Instragram aktiv. Follower: mehr als 10000.
Von Marc Bädorf

UniSPIEGEL 6/2018
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