06.12.2018

Königin mit Helm

Die Schwedin Simone Giertz entwickelt Roboter, die niemand braucht und die oft nicht mal funktionieren. Das macht sie so gut, dass sie damit berühmt wurde. Dann fanden Ärzte einen Tumor in ihrem Gehirn.
Simone Giertz ist die Königin der »Shitty Robots« – sie baut Nonsense-Maschinen, die Lippenstift großzügig irgendwo zwischen Kinn und Nase auftragen, die Menschen mit Popcorn füttern oder Applaus spenden, wenn es mal nötig ist. Die 28-Jährige stattete scharfe Messer mit Motoren aus und nannte das Gebilde »Gemüseschneidemaschine«, entwickelte einen Helm, der seinem Träger die Zähne putzen kann und baute einen Roboter, der Bier eingießen soll, aber leider mit zu viel Wucht das Glas kaputt schepperte. Simone lebt in San Francisco, ihren YouTube Kanal haben 1,4 Millionen Menschen abonniert.
Dementsprechend groß war die Aufmerksamkeit, als Simone im April in einem Video von ihrer Diagnose erzählte, eingeleitet von dem Satz »Achtung, jetzt wird's hässlich«: Ärzte hatten bei ihr einen Hirntumor von der Größe eines Golfballs gefunden. »Dabei mag ich Golf nicht mal.«
Simone, du hast auf YouTube sehr schonungslos von deiner Diagnose erzählt. Die Zuschauer konnten später sogar bis in dein Krankenhausbett schauen. War dir das nicht zu privat? Ich habe ein paar Tage lang versucht, so zu tun als sei alles in Ordnung. Aber dann wurde mir ziemlich schnell klar, dass ich den Menschen erzählen wollte, was gerade in meinem Leben passiert und wie beängstigend es ist. Dass ich keine Ahnung habe, wie ich damit umgehen soll. Ich bin es gewohnt, viel zu kommunizieren und weiß, welche Grenzen ich zu meinem Privatleben ziehe. Aber das hier war komplett neues Terrain. Für mich war nur klar: Bitte kein Mitleid! Wie haben deine Zuschauer reagiert? Es gab so viel Unterstützung, das war der Wahnsinn. Die Leute haben mir Pakete mit Geschenken und selbst gebastelten Robotern geschickt, haben Mützen gestrickt und Hüte gemacht, weil ich für die OP einen Teil meiner Haare abrasieren musste. Andere haben Videos aufgenommen, die unglaublich lustig und rührend waren. Betroffene haben sich gemeldet, wir konnten uns über unsere Erfahrungen austauschen, das war sehr wertvoll. Das Internet kann ein rauer Ort sein, aber in diesem Fall waren die Leute echt lieb, sensibel und respektvoll. Das war definitiv das Beste an der ganzen Sache, die ganze Liebe, es war so surreal. Trotz dieser extremen Situation hast du weiter Videos gedreht, über deine Ängste gesprochen – und teilweise sogar Witze über den Tumor gemacht. Wie hast du das hingekriegt? Es war genau das Richtige, den Leuten davon zu erzählen. Viele Zuschauer sehen auf zu dem Leben, das ich führe. Darum habe dieses komische Gefühl von Verantwortung, den Menschen zu zeigen, dass das Leben auch mal scheiße sein kann und du plötzlich dastehst und einen Gehirntumor hast. Ich habe ihn übrigens Brian genannt, ein Anagramm von »Brain«, »Gehirn«. So konnte ich leichter drüber sprechen. Im Nachhinein denke ich nur: Bei Gott, ich hätte mir echt eine längere Pause gönnen können. Warum hast du das nicht getan? Ich liebe meine Arbeit, ich wollte unbedingt weiter Roboter bauen. Außerdem hängt mein Selbstwertgefühl zu einem großen Teil davon ab, produktiv zu sein. Wenn ich nichts tue, werde ich traurig, fühle mich schlecht. Zudem bin ich selbstständig, bin mein eigener Boss. Mein Leben und meine Arbeit gehen Hand in Hand – und meine Arbeit besteht nun mal auch daraus, mein Leben zu dokumentieren. Trotzdem: Ich hatte nicht einmal einen Monat frei. Das war schon extrem. Man könnte sagen, du lebst ein modernes Internetmärchen: Eine junge Frau hat tolle Ideen und wird damit im Netz berühmt. Das war so nicht geplant. Eigentlich wollte ich eine Fernsehsendung über Elektronik für Kinder in Schweden moderieren. Darum habe ich mir eine Kamera von einem Freund geliehen, in meinem Schlafzimmer den Zahnputzhelm gebaut und das Ganze als Bewerbungsvideo eingeschickt. Das hat anscheinend nicht geklappt. Überhaupt nicht. Wenn ich mir das Video heute anschaue, finde ich es ganz schrecklich. Die haben sich nie bei mir gemeldet, und ich kann das total verstehen. Ich hatte dann aber nun mal diesen superkomischen Helm, mit dem ich noch etwas anstellen wollte. Also habe ich einen siebensekündigen Clip gedreht. Darin trage ich den Helm, die Zahnbürste klappt herunter und bürstet. Daraus habe ich dann ein GIF gemacht und es ins Netz gestellt. Auf einmal ging das viral, es landete sogar auf der ersten Seite bei Reddit. Ich dachte mir: Hey, das macht mir total Spaß, ich versuche jetzt noch so ein Projekt. Ist der Helm dein Lieblingsroboter? Eigentlich mag ich alle gleich gern. Aber es gibt einen, den mag ich am wenigsten von allen. Der Roboter ist aus einer Kooperation mit Westworld entstanden, einer Serie auf HBO. Es ist eine Replika von mir, eine Figur, die aussieht wie ich! Die macht mich total verrückt. Eine Weile lag sie unter meinen Bett, ich habe einfach keine Ahnung, was ich mit ihr machen soll. Es fühlt sich fast so an, als müsse ich eine Leiche loswerden. Wohin mit ihr? Ein Bein abschrauben und in den Schrank stellen? Total komisch. Technik gilt ja oft als Männerthema. Wie viele Frauen schauen deine Videos? Eine Zeit lang waren 90 Prozent meiner Zuschauer männlich, jetzt ist immerhin gut ein Drittel weiblich. Ich bin sehr froh, dass sich das etwas angeglichen hat. Ich werde oft gefragt, wie man weibliche Zuschauer gewinnt. Vielleicht erwarten die Leute das, weil ich selbst eine Frau bin. Ich sage dann immer: »Ich habe doch selbst keine Ahnung, bei mir gucken auch viel mehr Männer zu.« Kannst du von deinen Videos leben? Ich finanziere meinen Kanal nicht nur über Werbung, ich bin auch bei »Patreon«, einer Art Crowdfunding-Seite für Erfinder und Künstler, wahrscheinlich der freundlichste Ort im ganzen Internet. Das Prinzip funktioniert so: Man kann »Mitglied« werden und jemanden mit einem festen monatlichen Betrag unterstützen. Für mich ist Patreon wie ein Sandkasten: Dort kann ich neue Dinge ausprobieren und bekomme konstruktives Feedback für meine Erfindungen. Die Leute dort sind richtig enthusiastisch, quasi »Superfans«. Andere YouTuber lassen sich von Firmen sponsern. Du auch? Ja, ich arbeite auch mit Unternehmen zusammen. Für viele Firmen ist es aber problematisch, dass ich in meinen Videos Worte wie »shit« und »fuck« benutze. Sie finden das anstößig oder beleidigend, sie wollen ihre Marke damit nicht in Verbindung bringen. Mich stört »shit« überhaupt nicht, für mich ist es anstößig oder beleidigend, wenn jemand gemein zu anderen Menschen ist oder Inhalte produziert, die respektlos sind oder anderen Leuten ein unwohles Gefühl geben. Vor Kurzem hast du dein erstes Produkt herausgebracht, einen Kalender. Genau, ich habe ihn »Every Day Calendar« genannt. Die Idee: Jeder Mensch würde gern Dinge in seinem Leben ändern, eine neue Sprache lernen, jeden Tag Gitarre üben oder Zahnseide benutzen. Aber wir verlieren diese Ziele immer wieder aus den Augen. Der Kalender schafft Anreize, dranzubleiben. Er besteht aus einem Board mit kleinen Lampen, eine für jeden Tag. Immer, wenn ich etwas getan habe, das mich meinem Ziel näherbringt, darf ich eine Lampe anknipsen – und dunkle Flecken in diesem leuchtenden Gebilde stechen sofort heraus. Deshalb möchte man alles tun, um die nächste Lampe anzuschalten. Wie kamst du darauf? Ursprünglich habe ich den Kalender nur für mich gebaut, weil ich jeden Tag meditieren wollte. Und ich fand es toll, immer wieder daran erinnert zu werden, wie viel ich schon geschafft hatte. Meine Freunde waren begeistert davon, darum habe ich beschlossen, ihn in Serie zu produzieren. Das Geld dafür habe ich über eine Kickstarter-Kampagne gesammelt. Warum hast du die Idee nicht einfach an einen großen Konzern verkauft? Dann müsstest du nicht alles selbst machen und hättest weniger Stress. Das kam für mich nie infrage. Ich liebe es, Dinge zu erfinden. Ich habe in meinem Leben schon so viele beschissene Roboter gebaut – ich wollte endlich mal etwas Richtiges schaffen, für mich, in Eigenregie. Das ist ja kein Merchandise-Kram, wo mein Gesicht auf ein T-Shirt gedruckt wird. Der Kalender hat mir wirklich geholfen, darum ist mir das Projekt so wichtig. Warum wolltest du eigentlich meditieren? Vor gut eineinhalb Jahren merkte ich, wie dieser ganze Internetstress an meine Substanz ging. Ich hatte Angst, in einen Burn-out zu rutschen. Ich musste etwas ändern. Zehn Minuten meditieren, zehn Minuten Yoga pro Tag, das klang machbar, um mir kleine Auszeiten vom Alltag zu schaffen. Mit dem Kalender bin ich drangeblieben, ich hab sogar am Tag der OP noch meditiert. Was meinst du mit »Internetstress«? Mir fällt es schwer, die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben immer klar zu ziehen, wenn Tausende Leute nachfragen: Wann postet du wieder etwas? Wo bist du? Was machst du? Fünf Tage nach meiner neunstündigen Hirn-OP – bei der die Ärzte den Tumor zum Glück komplett entfernen konnten – fühlte ich mich wahnsinnig gestresst, dass ich wieder posten muss, zumindest ein kleines Video, irgendwas auf Instagram. Ich habe immer auf diesen Punkt gewartet, an dem es sich für mich okay anfühlt, eine Pause zu machen. Aber der kam nicht mal nach einer Gehirn-OP. Da habe ich gemerkt, dass ich mir die Zeit einfach nehmen und mir sagen muss: Es ist okay. Naja, du musst regelmäßig posten, um Geld zu verdienen ... Eine Plattform wie Patreon nimmt schon Druck raus. Trotzdem ist mein ganzes Geschäftsmodell ein Kartenhaus. Wenn ich nicht vor der Kamera oder auf einer Bühne stehen kann, verdiene ich kaum Geld. Es hängt alles davon ab, dass ich performe. Ich habe ja auch Angestellte, einen Manager, die muss ich bezahlen. Darum möchte ich noch mehr Produkte entwickeln, um sicherzustellen, dass wir Einkommen haben, auch wenn ich nicht vor der Kamera stehen kann.

Mehr als eine halbe Million Euro hat Simone bis heute bei Kickstarter gesammelt.

»Mein Geschäftsmodell ist ein Kartenhaus.«

Von Lara Wiedeking

UniSPIEGEL 6/2018
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