01.04.2000

Folgenschwere Urteile

Vor gut einem Jahr, am 12. April 1999, veröffentlichte der SPIEGEL zum dritten Mal Ranglisten der deutschen Universitäten. In den zwölf meiststudierten Fächern beurteilten mehr als 12 000 Studierende die Studienbedingungen an ihren Universitäten. Jeweils zwei Professoren pro Fachbereich wurden von Interviewern des Emnid-Meinungsforschungsinstituts gefragt, welche Universitäten sie für das Studium ihres Faches empfehlen und von welchen sie abraten würden. In hunderten von Zeitungsartikeln und Leserbriefen wurden anschließend die Ergebnisse des Rankings diskutiert.
Daraus ergeben sich die folgenden Fragen: Welchen Einfloss haben die Ranglisten nun auf die Hochschulwahl der Abiturienten? Wer sind die Abiturienten und Studienanfänger, die sich bei der Entscheidung für eine Universität an Rankings orientieren? Welchen Einfluss hat das Urteil der Studierenden über die Studienbedingungen vor Ort einerseits und der Professorentipp andererseits auf die Abiturienten?
Für die zulassungsbeschränkten Studiengänge Betriebswirtschaft, Rechtswissenschaft, Biologie, Psychologie und Medizin lässt sich die dritte Frage vergleichsweise leicht beantworten, indem die Bewerberzahlen bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund vor Veröffentlichung der SPIEGEL-Ranglisten in Beziehung gesetzt werden zu den Bewerberzahlen nach der Veröffentlichung.
In allen diesen ZVS-Studiengängen besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Platzierung einer Universität in der SPIEGEL-Rangliste nach dem Urteil der Studierenden ("Wie zufrieden sind Sie alles in allem mit den Studienbedingungen in Ihrem Fach an dieser Universität?") und der Zu- und Abnahme der Bewerberzahlen. Demgegenüber haben die Empfehlungen und Warnungen der Professoren ("Welche drei Universitäten in Deutschland würden Sie für das Studium ihres Faches empfehlen?" beziehungsweise "Welche drei Universitäten würden Sie Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter eher nicht empfehlen?") keinen Einfluss auf die Hochschulpräferenz der Abiturienten.
Im Studiengang Medizin etwa bewarben sich bei der ZVS für das Wintersemester 1999/2000 gegenüber dem Vorjahr umso mehr Abiturienten um einen Studienplatz, je besser die Studienbedingungen von den Studierenden vor Ort beurteilt wurden. Gegenüber dem Wintersemester 1998/1999 hat sich die Bewerberzahl an den besser beurteilten Universitäten um etwa 20 Prozent erhöht, an den schlechter beurteilten Universitäten ist sie dagegen um rund 20 Prozent zurückgegangen. Der Hochschultipp der Professoren wirkt sich dagegen kaum auf die Bewerberzahlen aus.
Wer sind die Abiturienten und Studienanfänger, die sich bei der Entscheidung für eine Universität an Rankings orientieren? Antworten darauf geben die bundesweite Studienanfängerbefragung der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) in Hannover und die Befragung von Abgangsklassen an den Gymnasien und Fachoberschulen in der Umgebung der Universität Kassel durch das Wissenschaftliche Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung. An der HIS-Untersuchung im Wintersemester 1998/1999 beteiligten sich circa 5800 Studienanfänger. Den Kasseler Fragebogen "Schule - und was dann?" beantworteten im Frühjahr 1999 mehr als 1400 Abiturienten. In beiden Studien wurden die Abiturienten und Studienanfänger gefragt, warum sie sich für ein Studium entschieden haben, welches die Gründe für die Wahl ihrer Hochschule und ihres Studienfaches waren und welches ihre Lebensziele sind. Studienanfänger, die in der HISD-Studie angaben, dass bei der Wahl der Hochschule eine gute Bewertung in einer Hochschulrangliste wichtig gewesen sei, unterscheiden sich deutlich von den Studienanfängern, die angaben, dieser Grund sei unwichtig gewesen: Der HIS-Studie zufolge werden Ranking-Listen am stärksten von Studienanfängern in den Wirtschafts-, Rechts- und Ingenieurwissenschaften sowie der Medizin zu Rate gezogen. Weniger Einfluss haben Rankings in den Sozial-, Sprach- und Kulturwissenschaften. Männer orientieren sich häufiger an Rankings als Frauen. Studienanfänger, denen es wichtig ist, an einer Hochschule zu studieren, die in einem Ranking gut bewertet wurde, sind meist ehrgeiziger als ihre nicht an Rankings interessierten Kommilitonen (siehe Grafik).
Beide Gruppen von Studienanfängern unterscheiden sich auch deutlich in ihren Lebenszielen. Anfänger, denen es wichtig ist, an einer Hochschule zu studieren, die in einem Hochschul-Ranking gut bewertet wurde, nennen viel häufiger als Studienanfänger, denen dieser Grund unwichtig ist, folgende Lebensziele:
- aus meinem Leben etwas machen (52 versus 39 Prozent),
- Erfolg haben (41 versus 29 Prozent),
- ein anerkannter Fachmann im Beruf werden (32 versus 21 Prozent).
Die Befragung der 1400 Kasseler Abiturienten im Frühjahr 1999 kommt zu sehr ähnlichen Ergebnissen wie die Studienanfängerbefragung der HIS. Die Kasseler Studie zeigt außerdem, dass Abiturienten, die sich bei der Wahl ihrer Hochschule an Rankings orientieren, stärker als die übrigen Abiturienten an einer wissenschaftlichen Ausbildung (84 versus 72 Prozent) und an Forschung (51 versus 39 Prozent) interessiert sind. Sie streben häufiger eine leitende berufliche Funktion an (97 versus 83 Prozent), möchten häufiger eine Arbeit haben, die zum technischen Fortschritt beiträgt (43 versus 32 Prozent) und in fachlicher Hinsicht Überdurchschnittliches leisten (88 versus 77 Prozent).
Diejenigen, die sich bei der Hochschulwahl nicht an Rankings orientieren, studieren dagegen häufiger, weil sie neben der Routine des Berufslebens noch etwas anderes erleben möchten (67 versus 57 Prozent), sie möchten in ihrem späteren Berufsleben häufiger zu sozialen Veränderungen beitragen (63 versus 5o Prozent), kreativ-gestalterisch tätig sein (56 versus 46 Prozent) und sich für den Umweltschutz einsetzen (42 versus 34 Prozent).
Von Hans-Dieter Daniel

UniSPIEGEL 2/2000
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