13.04.2019

Medizin»Wir brauchen mehr Studienplätze«

Niedersachsen lockt angehende Ärzte mit einem Stipendium aufs Land. Doch ein großer Teil des Geldes ist noch nicht vergeben.
Bundesweit fehlen zurzeit mehr als 2600 Hausärzte, bis 2030 sollen über 10 000 weitere Praxen leer stehen, schätzt die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Vor allem auf dem Land könnten dann viele Menschen nur noch schwer medizinisch versorgt werden. Einige Bundesländer starteten Stipendienprogramme für angehende Landärzte. Niedersachsen etwa zahlt vier Jahre lang 400 Euro monatlich. Im Gegenzug verpflichten sich die Stipendiaten, nach ihrem Abschluss für mindestens vier Jahre als Landarzt zu arbeiten. Thilo von Engelhardt koordiniert die Weiterbildung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen und hat das dortige Stipendienprogramm mitaufgebaut.
Herr von Engelhardt, warum wollen junge Mediziner nicht aufs Land ziehen? Es ist vor allem schwierig, sie aus ihrer gewohnten Umgebung zu locken. Der Großteil der Studierenden lebt in einer Großstadt, dort hat man Freunde, den Alltag. Das wollen nicht viele aufgeben. Ihr Stipendienprogramm klingt attraktiv, 400 Euro monatlich für vier Jahre sind viel Geld. Trotzdem haben Sie bislang nur 30 der 60 Plätze vergeben. Warum? Wer das Stipendium annimmt, muss schon sicher wissen, dass er später Facharzt für Allgemeinmedizin werden möchte. Welche Fachrichtung ein angehender Arzt einschlägt, ist eine wichtige Entscheidung, die viele nicht zu Beginn ihres Studiums treffen wollen. Das heißt, wer sich um ein Stipendium bewirbt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eins bekommen? Im Regelfall, ja. Wir befinden uns da in einer privilegierten Lage. Im Jahr 2016, als das Programm begann, wurden nur 20 Stipendien vergeben, die waren auch schnell verteilt. Die Landesregierung hat die Mittel nun aufgestockt, sodass wir 60 junge Menschen fördern können. Wer entscheidet, in welcher Region die Mediziner später arbeiten? Da sind die Studierenden frei – sie können sich in ganz Niedersachsen niederlassen. Ausgeschlossen sind lediglich Städte mit mehr als 100000 Einwohnern. Sie müssen übrigens nicht einmal in Niedersachsen studieren. Wir haben aktuell Stipendiaten, die in Heidelberg, Rostock oder Regensburg eingeschrieben sind. Bundesländer wie Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt haben eine Landarztquote eingeführt – ein Teil der Studienplätze ist für angehende Landärzte reserviert. Sie sind nicht so streng an den Numerus clausus gebunden, auch Bewerber ohne Einser-Abitur haben eine Chance. Ist das der richtige Weg? Die Landarztquote ist sicherlich sinnvoll, aber nicht die Lösung all unserer Probleme. Wir brauchen insgesamt mehr Studienplätze. Der Großteil der Bewerber bekommt eine Absage – obwohl wir dringend Ärzte brauchen. Führt eine Landarztquote nicht zu einer Zweiklassengesellschaft der Ärzte: in den Städten die Top-Abiturienten, auf dem Land der Rest? Die Abiturnote sagt nichts über die Qualität eines Arztes aus. Sie ist vor allem eine Zulassungsvoraussetzung, mehr nicht. Und wir sprechen ja nicht von Schulabgängern mit einem Durchschnitt von 4,0. Die werden auch weiterhin keinen Studienplatz bekommen. Aber wer mit 2,1 abschließt und davon träumt, als Arzt zu arbeiten, sollte die Chance erhalten. Wie verhindern Sie, dass die Hausärzte, die Ihr Stipendium erhielten, nach den vier Pflichtjahren auf dem Land zurück in die Stadt ziehen? Ausschließen können wir das nicht, aber unsere Erfahrung zeigt: Wer anfängt zu arbeiten und zufrieden ist, will nicht zwingend weg. Der hat sich ein Netzwerk aufgebaut. Außerdem ist es nicht leicht, einen freien Praxisplatz in einer Stadt zu finden.

UniSPIEGEL 2/2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


UniSPIEGEL 2/2019
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt