13.07.2019

»Wir brauchen mehr Druck«

Ungarn Die konservative Regierung von Viktor Orbán will Universitäten und Hochschulen immer stärker kontrollieren. Gerade junge Wissenschaftler verlassen das Land. Die akademische Freiheit ist in Gefahr.
Im Dezember 2018 gab die Central European University bekannt, Budapest zu verlassen und nach Wien zu ziehen. Die neuesten Pläne der Politik: die renommierte Akademie der Wissenschaft stärker zu kontrollieren. Die Forschungsinstitute sollen fortan einem Gremium unterstellt sein, das mehrheitlich vom Premierminister bestimmt wird – dem rechtskonservativen Viktor Orbán. Éva Judit Kovács ist seit 13 Jahren Professorin für Soziologie, sie lehrt an der Akademie der Wissenschaft.
Frau Kovács, haben Sie das Gefühl, noch frei forschen und lehren zu können? Eigentlich ja, ich werde bisher von niemandem kontrolliert. Das Problem ist nur: Meine Ergebnisse interessieren kaum noch jemanden im Land. Es gibt immer weniger freie Medien, die unsere Studien aufgreifen und darüber diskutieren. Vor einigen Jahren haben Fernsehen und Tageszeitungen noch regelmäßig über Ergebnisse der Sozialforschung berichtet. Das hat sich stark geändert. Speziell Studien zu Themen wie Migration oder Fremdenfeindlichkeit werden in der Öffentlichkeit kaum mehr behandelt. Im vergangenen Herbst wurde dem Studiengang »Gender Studies« die Zulassung entzogen. Das war rein symbolisch. In dem Fach waren nur etwa ein Dutzend Studierende eingeschrieben. Der Lehrstuhl hatte keinen großen Einfluss. Der Regierung ging es nur darum, ihr konservatives Bild von Familie und Geschlecht beizubehalten. Die Lehren der »Gender Studies« passen da nicht. Kürzlich hielten Sie in Regensburg einen Vortrag über die bedrohte Freiheit der Wissenschaft in Ungarn. Sie sprachen dort von einem Putsch der Regierung. Was meinen Sie damit? Vor einem Jahr gab es einen ersten Gesetzesentwurf der Regierung. Er sah vor, die Akademie der Wissenschaft neu zu organisieren. Unter anderem sollte sie die Autonomie über ihr Budget verlieren, zudem sollte mehr Einfluss auf die Forschungseinrichtungen genommen werden. Als der Akademie-Präsident diese Pläne vorgelegt bekam, ließ man ihm 54 Minuten Bedenkzeit, um darauf zu reagieren. In einer Demokratie erwarte ich, dass solche Entscheidungen ausgiebig debattiert werden. In den vergangenen Monaten gingen Tausende Menschen in Ungarn auf die Straße, um für eine freie Wissenschaft zu demonstrieren. Welchen Erfolg haben die Proteste? Wir spüren gerade viel Solidarität, nicht nur im Land, auch international. Aber ich bin skeptisch, wie lange sie anhält. Die Unterstützung aus dem Ausland kommt bisher überwiegend aus dem Wissenschaftsbetrieb: Die Leibniz-Gemeinschaft hat protestiert, die Max-Planck-Gesellschaft ebenfalls, auch viele andere wissenschaftliche Einrichtungen engagieren sich. Aber wir brauchen mehr Druck auf die Regierung von europäischen politischen Akteuren. Sonst wird die akademische Freiheit in Ungarn bald völlig abgebaut sein. Sie klingen resigniert. Es gibt viele talentierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Ungarn. Aber was bringt Talent, wenn die Universitäten und Forschungseinrichtungen nicht mehr frei sind? Viele überlegen deshalb, das Land zu verlassen. Ich gebe ein Doktoranden-Seminar, dort kommt das Thema ständig auf. Für viele Forscher ist das die einzige Möglichkeit, ihre Fähigkeiten voll zu entfalten.

UniSPIEGEL 4/2019
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