13.07.2019

Wo ist mein Ballkleid?

Wer braucht schon Berlin? Auch Bochum kann eine Hauptstadt sein. Dort befindet sich der größte Hörsaal der Republik. Anna-Lena Jaensch nahm Platz.
Rundum grauer Beton. Der erste Eindruck, den ich von der Uni Bochum bekomme, ist nicht gerade einladend: Farblich heben sich die Gebäude auf dem Campusgelände kaum vom wolkenverhangenen Himmel ab. Eilig hasten Studenten an mir vorbei, auch ich beschleunige meine Schritte, es beginnt zu nieseln. Mein Ziel liegt zwischen Mensa, Hörsaalzentrum und Unibibliothek: das Auditorium Maximum, kurz: Audimax. Dieses Monstrum aus Glas und Beton ist der größte Hörsaal in ganz Deutschland, 1749 Zuhörer finden dort Platz. Die Universität Hamburg besitzt zwei große Hörsäle, die sich verbinden lassen, sodass 1674 Studierende hineinpassen. Platz drei belegt das Audimax der Universität Regensburg mit 1472 Sitzen.
In Bochum durchschreite ich die Eingangshalle des denkmalgeschützten Bauwerks, vorbei an einer Garderobe mit 1948 Haken – zum Glück hat sich jemand die Mühe gemacht, sie durchzunummerieren. Dann stehe ich im Zentrum des Saals: edel glänzende Holzdielen wecken ein feierliches Gefühl. Um mich herum ragen orangefarbene Sitze in scheinbar endlosen Reihen in die Höhe, vorn steht ein schwarzer Flügel. Mein Blick fällt auf eine Orgel, eine echte Klais, 6400 Pfeifen. Mit meiner Jeans fühle ich mich mit einem Schlag fehl am Platz, ein Ballkleid wäre wohl angemessener. Es ist nur ein Vorlesungssaal, aber die Dimensionen beeindrucken: 74 Millionen Mark kostete der 1978 eingeweihte Bau, an seiner höchsten Stelle ist die Decke 17 Meter vom Boden entfernt.
Die Architektur lässt Raum für Interpretation: »Als ich neulich aus einem Flugzeug heraus den Campus von oben gesehen habe, hat mich der Audimax stark an eine Muschel erinnert«, erzählt Helena Stemmer. Stemmer arbeitet für die Veranstaltungsagentur »UNIversaal«, sie vermietet das Audimax für knapp 4000 Euro pro Tag, wenn gerade keine Vorlesungen stattfinden. Die Kunden sind hauptsächlich Unternehmen. »Wer das Audimax buchen möchte, muss das mittlerweile mehrere Monate, oft auch Jahre im Voraus planen«, berichtet Eventmanagerin Stemmer. Schon jetzt habe sie Termine für das Jahr 2024 im Kalender stehen. Aus ganz Deutschland und teils auch über die Landesgrenzen hinweg reisen die Besucher an. Die umliegenden Gebäude würden oft mit Kreuzfahrtdampfern verglichen, erfahre ich, weshalb Marketingleute sich den schmissigen Zusatz »Hafen des Wissens« für den Campus ausgedacht haben.
Na ja, man kann's auch übertreiben, finde ich, und setze mich auf einen gepolsterten Klappsitz in Block B – der Hörsaal ist zur besseren Orientierung alphabetisch nach Blöcken und numerisch nach Reihen und Sitzen geordnet. Wie soll man sonst auch die Freunde finden, mit denen man sich zum gemeinsamen Lauschen verabredet hat?
Eine Dozentin der Wirtschaftswissenschaften beginnt mit ihrem Unterricht, es geht um Marketingmanagement, so viel verstehe ich – viel mehr allerdings nicht. Die Frau spricht Englisch und verwendet haufenweise Fachbegriffe, die ich noch nie gehört habe. In dem großen Saal wirken die rund 80 anwesenden Studierenden etwas verloren, wie eine Schulklasse im Museum. Ab und an meldet sich einer zu Wort, doch um die Fragen akustisch verstehen zu können, ist für die Dozentin ein kleines Sportprogramm angesagt: Die Treppen rauf, zuhören, Treppen wieder runter, die Frage laut für alle anderen ins Mikrofon sprechen, dann erst kommt eine Antwort. Anregende Diskussionen? Keine Chance. »Für die Interaktion mit den Studierenden ist ein so großer Raum nicht gerade von Vorteil«, sagt sie nach der Sitzung.
Aber der hohe Saal hat auch praktische Seiten. Für Musiker erfüllt der Raum in Sachen Akustik und Ausstattung ideale Voraussetzungen, Wissenschaftler nutzen das Gebäude gern für Tagungen, Firmen für Fortbildungen.
Als ich durch das Foyer in Richtung Ausgang gehe, fallen feine Sonnenstrahlen durch die seitliche Glasfront des Gebäudes. Die dunklen Wolken sind weitergezogen, unter dem nun blauen Himmel wirken die hohen Bauten schon weniger trist als zuvor. Ich beschließe, das Audimax noch von außen zu besichtigen und bin sprachlos, als ich über die Steinmauer blicke, die das Gebäude seitlich umgibt. Ein Meer aus Wiesen und Wäldern liegt vor mir. Rundum grüne Täler. Gut, ich sehe es ein: Der Hafen des Wissens ist tatsächlich ganz schön – das habe ich wohl unterschätzt.
1. Bochum
2. Hamburg
3. Regensburg
Von Illustration: George Wylesol

UniSPIEGEL 4/2019
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