13.07.2019

Das letzte Mal ...

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, fand Herrmann Hesse. Und was ist mit dem Ende?
Vor fast genau einem Jahr erschien der UNI SPIEGEL mit einer Titelgeschichte zum Thema Neuanfang. Der Start des Wintersemesters stand vor den Tür, rund eine halbe Million junge Menschen saßen zum ersten Mal in ihrem Leben in Vorlesungen und Seminaren. Die Autorin schrieb über Adrenalin und Lampenfieber, über erste Begegnungen mit Fremden. Fünf Menschen erzählten im UNI SPIEGEL, wie es sich anfühlt, Dinge zum ersten Mal zu tun.
In diesen Tagen geht das Sommersemester und damit das Studienjahr 2018/2019 zu Ende. Mehr als 300 000 junge Menschen werden ihr Studium abschließen, werden Bachelor- und Masterarbeiten abgeben, ihre Zimmer in Wohnheimen und WGs verlassen. Wenn Dinge zum letzten Mal passieren, geschieht das manchmal mit einem großen Knall, dem Finale, dem Feuerwerk zum Schluss: das legendäre Besäufnis zum letzten Schultag, der Junggesellenabschied, an den sich manche nicht mal mehr erinnern, weil er so wild war. Das Ende eines Lebensabschnitts öffnet die Tür zum nächsten Level.
Doch letzte Male können auch leise sein, schnörkellos, unspektakulär – das nahende Ende ist vielleicht nicht einmal spürbar. Ihre Bedeutung bekommen diese Erfahrungen und Begegnungen erst in der Rückschau. Auf diese leisen Abschiede folgt – erst einmal – das Nichts, ein Vakuum, das nur langsam wieder gefüllt werden kann.
Sieben Menschen erzählen hier, wie es sich anfühlt, etwas zum letzten Mal zu tun – und was danach kam. Zum letzten Mal einen UNI SPIEGEL zu machen war begleitet von Melancholie: Schade, dass es vorbei ist. Hat doch Spaß gemacht, das Schreiben, das Lesen, das Planen und Diskutieren. Es gab diese Fuck-it-Momente: Wozu jetzt noch über Details streiten? Schließlich überwog aber doch der Wunsch, dieses Heft, dieses kleine Beiboot des »großen SPIEGEL« würdevoll zu verabschieden.

... in einer WG wohnen

Leonie Andersen, 23, ist freie Journalistin in Hamburg.
»Lisa und ich aßen Nudeln direkt aus dem Topf, unsere Teller standen in Zeitungspapier eingewickelt auf dem Boden, ebenso das Besteck. Sortiert in Umzugskartons. Drei Jahre lang wohnten wir zusammen, teilten uns alles. An diesem Tag Anfang April verabschiedete ich mich aus dem WG-Leben, ohne große Party, ohne Konfetti. Am nächsten Morgen trug ich meine Kartons aus der Wohnung. Es war vorbei.
Wir zogen beide in eine andere Stadt. Sie in eine neue WG, ich in eine Einzimmerwohnung. Keiner meiner Freunde suchte zu dem Zeitpunkt eine neue Mitbewohnerin, und bei Fremden einzuziehen, das kam für mich nicht infrage. Die Intimität eines gemeinsamen Zuhauses kann ich mir nur mit wenigen Menschen vorstellen. Deshalb wohne ich nun allein. Auch wenn mir die Entscheidung nicht leichtfiel.
Zu Hause, das hat für mich immer Gemeinschaft bedeutet. Nähe, für die ich mich nicht anstrengen muss. In einer WG konnte ich meinen Schlafanzug anbehalten, wenn ich ein offenes Ohr oder eine Umarmung brauchte. Wenn ich mich über ein gutes Klausurergebnis freute, musste ich niemanden anrufen: Lisa hörte mein Kreischen durch unsere halb geöffneten Zimmertüren. Sie wusste, wann ich aufstehe und wen ich nach einer Party mit nach Hause nehme. Dass ich Buttercroissants kaufe, wenn ich gestresst bin. Kleinigkeiten, die ich beim Kaffeetrinken mit Freundinnen nie erwähnen würde, erlebten wir miteinander, ganz nebenbei.
Das war meistens schön und manchmal zu viel. Denn daran, dass man theoretisch ständig zur Verfügung steht, änderte auch eine geschlossene Zimmertür nichts. Fuhr Lisa mal für eine Woche weg, genoss ich es, meine Schuhe mitten im Flur stehen und die Klamotten im Badezimmer verteilt zu lassen. Schlechte Musik laut aufzudrehen und dazu peinlich zu tanzen. Doch spätestens nach ein paar Tagen vermisste ich sie, jedes Mal.
Ohne Lisa ist meine Wohnung leblos. Das merkte ich schon wenige Tage nach dem Umzug. Zwar gehören Küche, Bad und Schlafzimmer jetzt mir, und wenn ich abends nach Hause komme, steht alles noch dort, wie ich es hinterlassen habe. Ich hatte mich eigentlich darauf gefreut, dreckiges Geschirr nicht wegräumen zu müssen, ohne schlechtes Gewissen. Aber dass jetzt niemand da ist, für den es sich lohnt abzuwaschen, finde ich viel schlimmer.«

... mit der eigenen Band auf der Bühne stehen

Yannick Weingartz, 23, war sechs Jahre lang Frontmann und Sänger der Kölsch-Band »Lupo«. Nach der Karnevals-Session 2019 trennte er sich von den anderen Mitgliedern, die Band tritt nun in neuer Besetzung auf. Weingartz studiert Sport in Düsseldorf.
Yannick, Aschermittwoch ist ja traditionell der Tag, an dem Karnevalisten verkatert aufwachen ... Eine Art Katerstimmung habe ich dieses Jahr auch verspürt. Allerdings weniger, weil ich so viel Alkohol getrunken hatte. Ich war noch ganz euphorisch, das Konzert am Abend zuvor war intensiv, die Stimmung besonders emotional. Und gleichzeitig fühlte es sich unwirklich an zu wissen: Das wars jetzt. Wie hast du dich von den Fans und der Band verabschiedet? Wir waren im Brauhaus Sion, einem der traditionellen Kölsch-Häuser, und haben vor rund 400 Leuten gespielt. Es war der Dienstag nach Rosenmontag, gleichzeitig also auch das Ende des Karnevals. Ich habe noch einmal alle Emotionen in die Songs gelegt, ich war ganz besonders motiviert. Einmal noch alles geben, wie ein Endspurt. Unsere letzte Zugabe an dem Abend war unser Song »Lääve«. Der Refrain lautet: »Denn mer lääve unser Lääve, joa mer sin total verröck, su ne Zick wie mir se han, die kütt nie mieh zoröck«. Das heißt: »Wir leben unser Leben, wir sind total verrückt. So eine Zeit wie wir sie haben, die kommt nie mehr zurück.« Und das passte, finde ich, sehr gut. Wie lief denn euer Alltag ab? Wir standen fast jedes Wochenende auf der Bühne, in der Karnevalssession sogar mehrmals am Tag. Wir haben zwischen Januar und Anfang März allein 150 Auftritte gespielt. Dazwischen haben wir geprobt und an neuen Songs gearbeitet. Wo tritt eine Kölsch-Band außerhalb der Karnevalszeit auf? Je bekannter wir wurden, umso häufiger wurden wir gebucht: für Stadtfeste, Geburtstage, Hochzeiten, Firmenfeiern. Das war großartig und hat riesigen Spaß gemacht. Der Kalender war immer gut gefüllt. Klingt anstrengend. Das war es auch. Trotzdem hat es mir unglaublich viel gegeben. Einmal haben wir in der Kölner Lanxess Arena gespielt, das war ein Wahnsinnsgefühl. Wenn 15 000 Leute deine Texte mitsingen – da kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Auf der Bühne zu stehen und die Menschen mitzureißen, das ist für mich das Größte. Vermisst du das schon? In bestimmten Momenten denke ich gern daran zurück und möchte auch nicht ausschließen, dass ich irgendwann wieder auf der Bühne stehen werde. Neue eigene Songs sind schon in Arbeit. Wie hast du die Tage danach verbracht? Ich habe mir erst einmal Zeit für mich genommen, um alles Revue passieren zu lassen und einen längeren Urlaub gemacht. Wie geht es jetzt weiter? Konkrete Pläne gibt es noch nicht. Ich bin gespannt, was die Zukunft für mich bereithält.
Interview: Miriam Olbrisch

... im Münchner »Atomic Café« feiern

Roland Schunk, 49, war zusammen mit Christian Heine Betreiber des Klubs »The Atomic Café« im Zentrum von München. Eröffnet wurde der Klub Mitte der Neunzigerjahre und etablierte sich schnell als beliebte Adresse für Partys und Konzerte im Bereich Indierock und Ravegroove. Acts wie Arctic Monkeys, Terry Callier, Buzzcocks oder Mumford & Sons spielten hier in intimer Atmosphäre. Roland Schlunk entwickelt heute Möbel für Plattensammler (www.plattenkreisel.com).
»Das Atomic Café schloss an Neujahr 2015, 20 Jahre lang hatten Menschen dort getanzt, gefeiert und Musik gehört. Ich hatte sehr gemischte Gefühle. Zum einen war das Ende emotional schon eingepreist, da wir schon mehr als zwei Jahre zuvor erfahren hatten, dass der Klub schließen muss. Trotzdem waren Wut und Enttäuschung groß, da wir nicht an unserem eigenen Versagen gescheitert waren, einen guten Klub zu führen. Unser neuer Vermieter – die Vermögensverwaltung einer Oligarchin – hatte uns den Stecker gezogen. Wir brachten wohl nicht genug Rendite. Wir hatten richtig Pech gehabt. Die Räumlichkeiten waren ideal, alle Versuche, gleichwertigen Ersatz zu finden, waren leider ins Leere gelaufen.
Dazu gesellte sich bei mir persönlich noch eine Portion Optimismus: Ein Jahr zuvor hatte ich einen Sohn bekommen, und die Aussicht, auch in den kommenden Jahren weiterhin Fulltime im Nachtleben aktiv zu sein, wäre nicht besonders familienfreundlich gewesen. Außerdem trug ich schon seit Jahren die Idee mit mir herum, eine Kollektion von High-End-Möbeln für Plattensammler zu entwickeln. Nach einem Vater- und Sabbatjahr brachte ich sie Mitte 2018 auf den Markt.
Die unmittelbar letzten Tage und Wochen vor der Schließung besaßen eine ganz eigene und eigentlich sehr schöne Atmosphäre. Sie waren eine Art Zeitreise, weil wir noch einmal alle relevanten Veranstaltungen aus 18 Jahren reanimiert und sogar noch eine neue Partyreihe entwickelt haben – was dazu führte, dass das letzte Quartal eines der erfolgreichsten und schönsten in der Geschichte des Atomic Café wurde.
Parallel dazu lief bereits die Planung für die Entkernung des Klubs, wozu wir vertraglich verpflichtet waren. Nur zwei Wochen hatten wir dafür Zeit bekommen. Trotzdem bestand der Ehrgeiz, die Sache so präzise anzugehen wie Harvey Keitel in Pulp Fiction – also so viel Inventar wie möglich unbeschädigt zu verkaufen oder an Mitarbeiter, Stammgäste und das Münchner Stadtmuseum zu verteilen. Diese Arbeit ließ kaum Luft dafür, Phantomschmerzen zu verspüren. Dennoch wird mich die Location bis ans Ende meiner Tage regelmäßig nachts im Traum begleiten – und eine ausgedehnte Sammlung an Erinnerungstücken besitze ich natürlich auch.
Tausende Stammgäste sind zum Glück nicht aus der Welt, mit ihnen haben wir immer ein schönes »Weißt du noch?«-Gesprächsthema, wenn wir ihnen mal begegnen. Was mir definitiv fehlt: die eigenen Platten richtig laut auf einer perfekten Anlage abzufeiern, ohne erst jemanden fragen zu müssen.
Auf einem Teil der alten Atomic-Fläche hat sich der Lacoste-Shop ausgedehnt, der schon damals unser Nachbar war. Ich komme dort jetzt allenfalls noch zufällig vorbei. Etwas sonderbar war, dass die linke Hälfte des Klubs jüngst immer noch leer stand.«
Aufgezeichnet von André Boße

... Studentin sein

Anna-Lena Oltersdorf, 23, hat gerade ihr Bachelor-Studium in Lüneburg abgeschlossen.
»In Lüneburg bin ich vier Jahre lang nur mit dem Fahrrad gefahren. Aber für diesen Tag hatte ich mir extra ein Auto geliehen. Das kaputte Rollo musste zum Wertstoffhof, ein paar Klamotten zur Kleiderspende und der Glasmüll endlich in den Container. Meine Mitbewohnerin und ich lösten gerade unsere WG auf. So kurz vor dem Umzug war keine Zeit für Melancholie. Als wir den Campus ansteuerten, unsere letzte Station, holte mich doch die Symbolik dieses Tages ein. Im Kofferraum lagen noch drei Wälzer über Theorien der internationalen Beziehungen. Die hatte ich für eine Hausarbeit gebraucht, die ich in einigen Nachtschichten geschrieben hatte. Denn eigentlich steckte ich schon mitten in einem Praktikum. Ich schob die Bücher in den Rückgabeautomaten der Bibliothek. Meine letzte Pflicht im Bachelorstudium. Das hier ist mein letztes Mal auf dem Campus, realisierte ich jetzt. Ein merkwürdiges Gefühl, das sich zwischen die Hektik des Tages drängelte und von da an die Gespräche im Auto bestimmte. Wir bogen vom Campus ab Richtung Wohnung und stellten fest: Der Schulabschluss hält Abi-Jahrgänge und ganze Familien über Monate in Atem. Dieser Lebensabschnitt geht meistens in großem Getöse zu Ende. Inklusive Abiballkleid, Büfett und Party in einer dekorierten Sporthalle. Der Uni-Abschluss passiert einfach. Leise und ziemlich unspektakulär. Meine Bachelorarbeit holte ich auf dem Rückweg vom Sport aus der Druckerei und gab sie beim Prüfungsamt ab. Die Prozedur war nach fünf Minuten und einer Unterschrift erledigt. Eine unglamouröse Situation, was vielleicht auch an meinen Sportleggings und den Laufschuhen lag. Dann begann das Warten auf die letzten Noten, die zu den 180 Creditpoints noch fehlten. Seitdem prüfe ich täglich den Briefkasten. Ich muss mein Bachelorzeugnis dringend weiter nach Dänemark schicken. Dort möchte ich im Herbst ein Masterstudium beginnen. Im November gibt es in Lüneburg zwar eine Graduiertenfeier. Aber wenn im Audimax die Zeugnisse vergeben werden, sitze ich hoffentlich schon im nächsten Hörsaal.«

... eine Fernsehshow machen

»Wetten, dass ..?«-Erfinder und Moderator Frank Elstner, 77, startete im Frühjahr ein neues Showformat – für ihn erstmals nicht im Fernsehen, sondern auf YouTube. Unter dem Titel »Wetten, dass war's ...« trifft er Prominente zum Gespräch. Sie sitzen auf der Bühne eines Theater, ohne Publikum. Sein erster Gast war Jan Böhmermann.
Herr Elstner, Sie machen seit den Sechzigerjahren Fernsehen. Seit Kurzem talken Sie auf YouTube. Sie haben schon in der ersten Folge angekündigt, dass dies Ihre letzte Sendungen sein werde. Sind Sie wehmütig? Überhaupt nicht. Das Schöne ist: Ich kann diesen Abschied ziehen wie Kaugummi. Sind es die letzten 10, die letzten 50, die letzten 100 Sendungen? Ich habe mich auf kein Datum festgelegt, wann ich Schluss mache. Na ja, immerhin heißt Ihre YouTube-Sendung »Wetten, das war's ...?«. Ich finde das witzig. Den Titel hat mein Sohn erfunden, dessen Firma Zoo Agency die Sendung produziert. Ich bin 77 Jahre alt, meine Karriere ist gelaufen. Aber wenn meine Gesundheit es zulässt, dass ich noch ein paarmal auftauchen kann, dann tu ich das. Warum sollte ich mir den Spaß nehmen? Im April haben Sie öffentlich gemacht, dass Sie Parkinson haben. Strengt Sie der YouTube-Talk an? Bisher nicht. Und bitte, lieber Gott, mach, dass es so bleibt. Wenn ich anfange, vor der Kamera dummes Zeug zu reden, wird man es mir hoffentlich sagen. Noch habe ich die Konzentration für ein längeres Gespräch. Es strengt mich mehr an, in ein voll besetztes Restaurant zu gehen, mich an einen Tisch zu setzen und zu spüren: Jetzt gucken alle, ob der Elstner zittert. Ein Leben ohne Arbeit – ist das für Sie ein schlimmer Gedanke? Kein angenehmer jedenfalls. Stellen Sie sich vor, ich würde aufhören zu arbeiten. Dann könnte ich die ganzen Bücher, die Sie hier in meinem Büro in den Regalen sehen, an meine Kinder verteilen, die Bilder von den Wänden nehmen, den Schlüssel rumdrehen und zu Hause bleiben. Ich würde mich furchtbar langweilen. In all den Jahrzehnten hatte ich nie das Gefühl zu arbeiten: Ich habe immer nur gespielt. Was ist auf YouTube anders als bei den Shows, die Sie für ARD, ZDF und RTL moderiert haben? YouTube ist der Hammer. Es bietet so viele Freiheiten. Mir war das anfangs nicht klar, bis mein Sohn gesagt hat: Papa, YouTube hat ganz andere Regeln als das Fernsehen, das du bisher gemacht hast. Wenn du ein Gespräch führst, und davon sind nur zehn Minuten gut, dann dauert die Sendung eben nur zehn Minuten. Wenn du Herbert Grönemeyer oder Helene Fischer zu Gast hast, und die Unterhaltung läuft fabelhaft, dann sind es eben zwei Stunden. Das heißt: Ich muss die Sendezeit nicht volllabern. Auf YouTube zeige ich das Beste, was ich habe – und nur das. Das hat mich gereizt. Sie gehen jetzt also noch einmal in die TV-Lehre. Mit jeder Sendung. Heute hat man einen völlig anderen Umgang mit Bild und Ton. Es wird anders geschnitten, mehr Tempo gemacht. Im Juli werde ich mit Gronkh eine Sendung aufzeichnen. Das ist ein junger Mann, der auf YouTube fast fünf Millionen Fans hat. Vor dem Gespräch bin ich richtig aufgeregt. Ich möchte wissen, was ich alter Elstner von ihm lernen kann. Was wird einmal von Ihnen bleiben? Darüber machen Sie sich offenbar mehr Gedanken als ich. »Wetten, dass ..?« wird wohl das Größte bleiben, das man mit mir in Verbindung bringt. Für mich persönlich waren meine 138 Nobelpreisträger-Interviews für das ZDF das Spannendste, weil ich dabei am meisten gelernt habe. Und für meine Familie waren wahrscheinlich die 800 Ausgaben von »Jeopardy« am wichtigsten, weil ich damit am meisten Geld verdient habe. Wüssten Sie gern vorher, welche Sendung Ihre letzte sein wird? Fragen Sie mich das doch bitte noch einmal, wenn es so weit ist.
Interview: Alexander Kühn

... mit einem Menschen sprechen

Nach mehreren Todesfällen in der Familie beschloss Beatrice Bleß-Lieb, 57, sich in einem Hospiz ehrenamtlich zu engagieren. Sie möchte ihre Erfahrungen nutzen, um Betroffenen und Angehörigen in dieser schwierigen Lebensphase Halt zu geben. Sie lebt in Hamburg.
»Seit neun Jahren begleite ich Menschen, die todkrank sind. Die meisten von ihnen haben nur noch wenige Wochen zu leben, manche sogar nur wenige Tage. Wenn ich mich nach einem Besuch bei ihnen verabschiede, weiß ich nie, ob ich sie noch einmal wiedersehe. Ich nutze die Zeit, die ihnen bleibt, um mit ihnen spazieren zu gehen, vorzulesen oder einfach nur zuzuhören. Es ist ganz unterschiedlich, wie Menschen mit ihrem nahenden Tod umgehen. Manche sind regelrecht aggressiv, wollen nicht wahrhaben, dass es zu Ende geht. Es kann vorkommen, dass sie Frust in meinem Beisein rauslassen. Sie wollen ihre Familie und Freunde nicht mit dunklen Gedanken belasten. Damit muss ich umgehen – und das ist auch in Ordnung. Sie sind ja nicht wütend auf mich persönlich.
Manchmal trifft es Menschen mittleren Alters, sie haben Familie oder sind gerade dabei, sich eine aufzubauen. Mit der Diagnose – in den meisten Fällen ist es eine Krebserkrankung – fallen plötzlich all ihre Zukunftspläne in sich zusammen. Es ist klar, dass es ihnen ungerecht vorkommt, gehen zu müssen. Viele versuchen aber, das Beste aus der Situation zu machen und ihren Frieden zu finden. Dazu gehört auch, das eigene Leben zu reflektieren. Es gibt Eltern, die nach Jahren ohne Kontakt das Gespräch mit ihren Kindern aufnehmen, um einen Streit zu begraben. Andere suchen Zuflucht im Glauben. Ich unterstütze die Menschen auf diesem letzten Weg. Zuletzt habe ich eine alte Dame begleitet, die schwer an Demenz erkrankt war. Ich habe sie mehrere Monate regelmäßig besucht, oft habe ich einfach ihre Hand gehalten. Auch am Tag ihres Todes war ich bei ihr, habe mich von ihr verabschiedet und versucht, ihrer Tochter in diesen schweren Stunden ein wenig Halt zu geben. Danach habe ich im Hospiz eine Kerze für sie angezündet.
Ich baue Bindungen zu Menschen auf, ich empfinde Mitgefühl. Es wäre aber falsch, mit ihnen oder den Angehörigen zu leiden. Das hilft niemandem. Vielmehr versuche ich, ihnen das zu geben, was sie brauchen: Ruhe, Verständnis, ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Ängste. Dieser ständige Umgang mit dem Tod hat mir persönlich auch die Furcht vor dem Sterben genommen. Es gehört nun mal zum Leben dazu – das habe ich in den letzten Jahren gelernt.«
Aufgezeichnet von Anna-Lena Jaensch

... Profifußballer sein

Nils Rütten kämpfte als Innenverteidiger mit Eintracht Braunschweig gegen den Abstieg aus der dritten Fußball-bundesliga. Nun beendete er seine Profi-Karriere – mit 23.
Am Ende ging es um alles. 38. Spieltag der 3. Liga, Eintracht Braunschweig gegen Energie Cottbus. Das letzte Spiel der Saison, der Vierzehnte gegen den Fünfzehnten. Ein Fußballwahnsinn, das Stadion ausverkauft. Es ging um Abstieg oder Klassenerhalt, um den letzten Kampf, Hoffen und Bangen. Die Zeitungen schrieben am nächsten Tag, es sei ein »Nervenkrimi« gewesen.
Auf der Braunschweiger Bank: Nils Rütten, 23 Jahre, Innenverteidiger. Zehnmal spielte er in der Saison, stand 603 Minuten auf dem Platz. Doch zuletzt war er verletzt gewesen, noch nicht fit für einen Einsatz. Und so blieb ihm nur: auszuharren.
Es stand 1:0. Dann 1:1. Am Ende, nach 95 Minuten, schaffte Braunschweig ein Unentschieden, der Verein war gerettet. Für Nils Rütten war es, wahrscheinlich, das letzte Fußballspiel als Profi.
Vier Wochen später verkündete er seinen Abschied vom Verein, seinen Abschied von Braunschweig. »Ich habe mir in den vergangenen Wochen viele Gedanken gemacht und musste eine schwierige Entscheidung treffen«, lautete der Text in der Pressemitteilung. Und weiter: »Die ist am Ende für das Studium und gegen den Fußball gefallen.« Rütter wollte Jura studieren, wie Tausende andere junge Menschen in Deutschland auch.
Wie viel Mut braucht man, sich für die Vernunft zu entscheiden?
Rütten begann mit vier Jahren, Fußball zu spielen. Er war sieben Jahre alt, als ihn Talentsichter entdeckten. Er wechselte in die Jugendmannschaft von Borussia Mönchengladbach. Ein Erstligist, die Nachwuchsförderung gilt als eine der besten in Deutschland. Müsste man seinen Alltag in wenigen Worten zusammenfassen, es wären: Schule, Training, Schlafen. »Ich musste auf einiges verzichten, aber ich würde mich nie beschweren«, sagt er heute, wenn er am Telefon von seiner Entscheidung erzählt.
Rütten arbeitete an seinem Traum: Profifußballer zu werden.
Mit 21 Jahren stand er zum erste Mal im Profikader, beim Champions-League-Spiel in Glasgow. Das war im Jahr 2016. Immer wieder saß er danach auf der Bank, bekam einen Einblick in die Welt der Profis. Er war nah dran, hatte ein Probetraining bei einem Erstligisten in Schottland. Ein junger Mann mit Talent.
Doch da war ein zweiter Traum: zu studieren, am liebsten Jura. Nach dem Abi hatte es Rütten für einige Semester mit einem Fernstudium versucht, Wirtschaftswissenschaften. Das gefiel ihm nicht. Blickt man zurück auf die vergangenen Jahre, merkt man, wie Rütten hin und her schwankte zwischen seinen Träumen. Und wie schwer es ihm fiel, Balance zu finden.
Mit 22 Jahren beschloss Rütten, sich in Bonn für Jura einzuschreiben. »Ich wollte nicht alles auf eine Karte setzen, nicht nur an den Fußball denken.« Er spielte jetzt für den Bonner SC, einem Viertligisten. Ging morgens in die Vorlesung und trainierte abends.
Nach einigen Monaten bekam er das Angebot, nach Braunschweig zu wechseln. Ein Drittligist; wer in dieser Liga spielt, gilt als Profi. Und verdient gutes Geld. Im Januar 2019 wechselte er. »Ich wollte es noch einmal versucht haben«, sagt er. An der Uni in Bonn blieb er eingeschrieben. Bei seinen Braunschweiger Kollegen hatte er deshalb bald den Spitznamen »Richter Rütten«. Er trainierte nun tagsüber. Fand er ein paar freie Stunden, las er sich Aufzeichnungen eines Kommilitonen durch.
Doch das Grübeln hörte nicht auf. »Ich merkte, dass ich beides nicht schaffte – und dass ich mich entscheiden muss«, sagt er. Er überlegte. Fußball könne er noch einige Jahre spielen, zehn vielleicht, maximal fünfzehn. Und was käme danach?
Bald begann er, in Gesprächen mit seiner Familie und Freunden zu fragen, was sie wohl davon halten würden, wenn er mit dem Fußball aufhöre. Heute sagt er, es waren gar nicht die Antworten, die ihn überzeugt haben. Sondern der Gedanke daran, wie sein Leben wieder aussehen könnte: in Bonn, bei seiner Freundin, an der Uni.
Nicht jeder könne seine Entscheidung nachvollziehen, sagt Rütten. Kurz nachdem der Verein sie verkündet hatte, bekam er Nachrichten bei Instagram. Viele gratulierten ihm zu dem Schritt, bewunderten seinen Mut. Aber es gab auch Menschen, die ihn beleidigten. Einer schrieb: »Dumm, dümmer, Rütten«. Er selbst sagt, er könne darüber lachen. Eines habe er sich vorgenommen: In den kommenden Monaten wolle er keinen Fußball spielen.
Christopher Piltz

UniSPIEGEL 4/2019
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