13.07.2019

Leben in der Warteschleife

Vor mehr als 40 Jahren zwang ein Bürgerkrieg ein ganzes Volk, aus seiner Heimat Westsahara zu fliehen. Heute warten noch immer rund 170000 Menschen in der algerischen Wüste darauf zurückzukehren. Drei Schicksale.
Nuna Mohamed will zurück ins Minenfeld. Zwei Jahre lang hat die 29-Jährige fast täglich in der Wüste ihr Leben riskiert, um die Reste eines Krieges zu beseitigen. Jetzt sitzt sie in der Sicherheit ihrer Lehmhütte, gießt grünen Tee in staubige Gläser und sagt: »Am liebsten würde ich sofort wieder rausfahren und weitersuchen.« Nuna Mohamed hat Psychologie studiert, spricht drei Sprachen. Woher kommt dieser lebensgefährliche Wunsch? Sie sagt: »Nur so kann ich mir ein Stück Heimat zurückholen.«
Mohameds Familie stammt aus der sogenannten Westsahara, einer Region südlich von Marokko. Im Oktober 1975 marschierten 300000 Marokkaner nach Süden und besetzten die ehemalige spanische Kolonie. Daraufhin begann ein Bürgerkrieg zwischen der marokkanischen Armee und der indigenen Gruppe der Saharauis, zu denen auch Mohameds Familie gehört. Hunderttausende Menschen flohen, sie marschierten in langen Trecks tagelang zu Fuß durch die Wüste, bis sie die Lager in Algerien erreichten.
15 Jahre lang tobte dieser Krieg. Die Wüste wurde mit Bomben und Minen überzogen. Dann, 1991, beschlossen beide Seiten einen Waffenstillstand. Ein Referendum sollte endgültig den Status der Westsahara klären. Doch diese Abstimmung fand nie statt. Die Parteien konnten sich nicht darauf einigen, wer eigentlich abstimmen darf: nur die Bewohner von 1974, als Spanien noch das Gebiet beherrschte – oder auch die neu zugezogenen Marokkaner?
Heute warten sie noch immer auf eine Lösung. Im Süden Algeriens, an einem der heißesten Orte der Sahara, leben etwa 170000 Menschen, verteilt auf sechs Camps.
Die meisten Bewohner der Camps kennen die Flucht aus der Westsahara nur aus Erzählungen. Eine ganze Generation ist in diesen Lagern geboren und herangewachsen. Mehr als 80 Prozent von ihnen hat bereits die Kindheit im Exil verbracht, rund ein Drittel der Bewohner ist unter 18 Jahren alt. Sie wurden in den Camps geboren und sind dort zur Schule gegangen. Sie leben von den Hilfslieferungen der Vereinten Nationen und vom Geld ihrer Verwandten im Ausland. Die Menschen führen ein Leben in der Warteschleife. Menschen wie Nuna, die studierte Minenräumerin, die unter Einsatz ihres Lebens ihrem Volk helfen will. Menschen wie Mohamed Ali, der am liebsten nach Europa auswandern möchte, wo er Wohlstand wähnt, und wie Mohamad Sulaiman, ein Künstler, der das Beste aus der vertrackten Situation machen will.
Seit ihrer Geburt hören sie: Eines Tages werdet ihr in der Westsahara leben, das ist eure Heimat. Doch wie lange lässt sich so eine Hoffnung aufrechterhalten? Und was tun diese Menschen in der Zwischenzeit?

Anpacken

Als Nuna Mohamed im Sommer 2016 einen Job im Minenräumprogramm der Uno bekam, war sie überglücklich. Hunderte hatten sich beworben, sechs von ihnen wurden ausgewählt, darunter zwei Frauen. Wenige Monate zuvor war Mohamed von der Universität zurück ins Camp gekommen. Sie hatte einen Abschluss, aber keine Perspektive. Das Jobangebot kam für sie zur rechten Zeit.
Drei Wochen lang bereitete sie sich auf ihren Einsatz im Minenfeld vor. Sie lernte, harmlosen Metallschrott von einer tödlichen Bombe zu unterscheiden, sie machte sich mit dem Piepen des Metalldetektors vertraut, als würde sie eine fremde Sprache lernen. Dann wurde sie zur Mauer geschickt, einem 2500 Kilometer langen Wall aus Sand, Stacheldraht und blassgelben Steinen, bewacht von mehr als 100000 marokkanischen Soldaten. Die Mauer trennt die Westsahara in zwei Teile: einen sehr großen Teil mit Küste und Bodenschätzen, von Marokko kontrolliert – und einen winzigen Sektor, der den Saharauis geblieben ist, durchzogen von unzähligen Landminen. Die Saharauis nennen ihn »die befreiten Gebiete«.
Die Saharauis haben eine Exilregierung gebildet und Pläne geschmiedet, wie sie die verlorene Heimat regieren wollen. Angeblich haben sie sogar schon Schürfrechte verkauft. Seit dem Waffenstillstand 1991 gibt es für die Saharauis nur ein Ziel: ein Referendum. Bisher warten sie vergebens.
Während Mohamed in der Wüste um eine Perspektive kämpft, verhandeln die politischen Führer in Genf wieder um eine Lösung des Konflikts. Doch die Fronten sind verhärtet. Keine der Parteien ist zu einem Kompromiss bereit. Mohamed glaubt nicht an eine schnelle Lösung. Wenn es schlecht läuft, dann ist der schmale Wüstenstreifen alles, was den Saharauis an Heimat bleibt.
Mohamed reinigt diesen Wüstenstreifen nicht nur, um Menschen zu schützen. Ihr Einsatz ist ein Versuch, die Hoffnung nicht zu verlieren. »Es hat sich angefühlt, als könnte ich endlich etwas bewegen.«
Mehr als 20000 Landminen haben Mohamed und ihre Kollegen bereits geräumt, 8583 Kilometer gesichert, etwa 7000 nicht explodierte Bomben gefunden. Vermutlich ist das jedoch nur ein Bruchteil der Arbeit, die noch vor ihnen liegt.
Zwei Jahre lang ist Mohamed beinahe täglich im Morgengrauen in ihrem Zelt aufgestanden und hat drei Schichten Kleidung angezogen, um sich vor der Sonne zu schützen. Dann ist sie durch den Sand gestapft und hat Markierungen aufgestellt. Sie durfte Männerkleidung tragen und mit Gleichaltrigen in großen Zelten übernachten. Sie hatte Kollegen aus Europa, aus Russland, aus Südafrika. »In der Wüste habe ich mich frei gefühlt. Das war die beste Zeit meines Lebens.«
Im Herbst 2018 lief ihre Stelle aus, dem Programm fehlten Spendengelder. Mohamed kehrte zurück ins Camp – verdammt zum Nichtstun. Sie kocht nun Tee für Gäste und für ihre Familie, sie kocht Tee um die Langeweile zu bekämpfen. »Normalerweise heiraten Frauen in meinem Alter und gründen eine Familie. Aber ich will arbeiten, ich will etwas Sinnvolles tun.«

Weglaufen

In manchen Nächten, wenn die Luft nicht abkühlen will, bleibt Mohamed Ali bis um vier Uhr morgens wach. Er liegt dann auf dem Teppich im Haus seiner Eltern und schaut der Welt zu, wie sie sich weiter dreht, während er feststeckt. Auf YouTube klickt sich der 26-Jährige durch Videos US-amerikanischer Comedians und träumt davon, selbst ein Star zu sein. Doch Ali sitzt in der Wüste. Ein schlechter Ausgangspunkt, um international berühmt zu werden. Er sagt: »Im Fernsehen sehen wir, wie die jungen Leute in Europa leben. Jeder dort hat Arbeit und kann durch die ganze Welt reisen. Hier gibt es nichts.« Ali träumt davon, all das hinter sich zu lassen. Er will weg, weit weg, am liebsten nach Europa.
Vier Jahre lang hat er in Algerien Französisch und Spanisch studiert. Dann, im Jahr 2016, kurz vor seinem Abschluss, schmiss er hin und kehrte zurück ins Lager. Nun schlägt er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Er putzt Autos, bewacht Parkplätze, hilft im lokalen Radio aus. In Algerien dürfen die Saharauis zwar studieren, aber es ist ihnen verboten zu arbeiten. Ali sagt: »Warum soll ich studieren, wenn ich damit doch keine Arbeit finde?«
Es ist später Nachmittag, als Ali einen Laden im Camp Al-Ayyoun betritt. Drinnen spiegelt sich kaltes Neonlicht in langen Glasvitrinen voller Handys; Deckenventilatoren pusten heiße Luft durch den Raum.
Ali schlängelt sich durch eine Gruppe von Kunden und begrüßt den Mann hinter der Ladentheke mit Handschlag: Mohamed Salko ist 32 Jahre alt und führt den größten Handyladen im Camp. Die beiden Männer sind Freunde, manchmal hilft Ali im Laden aus, kopiert Dokumente und verkauft Handykarten. Er sagt: »Das ist besser als das Nichtstun.«
Für Ali ist Salko ein Vorbild. Er fährt einen grünen Mercedes und trägt neue Nike-Sneakers. Vor drei Jahren kehrte er aus Europa zurück, heute ist Salko ein wohlhabender Mann. Ali glaubt, wenn er es nach Europa schaffen würde, könnte auch er ein besseres Leben beginnen.
Was Salko von Europa erzählt, klingt allerdings nicht gerade einladend. Er spricht dann von der Kälte der Menschen, vom Rassismus, von den Gesetzen, die ihm das Leben schwer gemacht haben. Mit nur 50 Euro und einer alten Fotokamera in der Tasche sei er aus Europa zurückgekehrt und habe sich Stück für Stück einen bescheidenen Wohlstand aufgebaut, zunächst mit einem improvisierten Fotostudio, später mit seinem Handyladen. Ali will davon nichts wissen. Stattdessen erzählt er von legalen und illegalen Wegen, das Mittelmeer zu überqueren. »Mir fehlt nur noch das Startkapital.«
Manchmal fährt Ali nachts mit Freunden hinaus in die Wüste. Unter dem Sternenhimmel entzünden sie ein kleines Feuer und kochen darauf Tee, sie hören Musik und rauchen Zigaretten. Sie erinnern sich in diesen Nächten häufig an früher: wie sie als Kinder von einer Hilfsorganisation nach Spanien gebracht wurden, um dort die Sommerferien zu verbringen. Wie sie staunten: über das viele Grün, über das fremde Essen und den Luxus in den Häusern. »Wir sind in eine andere Welt gereist, uns sind großartige Dinge passiert. Vielleicht sogar die besten Dinge unseres Lebens.« Diese Erinnerung nährt Alis Sehnsucht nach Europa. Der Alte Kontinent, das Ferienparadies. Für viele Jugendliche in den Camps ist Europa keine konkrete Idee, sondern ein Sinnbild für Fortschritt, wie ein Notausgang aus der Sackgasse. Endlich vorankommen.

Träumen

Auch Mohamad Sulaiman wollte immer weg. Er hatte einen Bachelor-Abschluss in Englischer Literatur gemacht, sich auf einen Master-Studiengang in England beworben, eine Zusage erhalten – und war dann kurz vor dem Ziel gescheitert. Die Universität erkannte seinen Sprachtest nicht an. Das war im Jahr 2014. Mit einem Mal war die Tür zur Welt fest verschlossen.
Fünf Jahre später sitzt Mohamad Sulaiman an seinem Schreibtisch und bearbeitet einen Pappkarton mit dicken Klebebändern. »Vor Kurzem habe ich das Prinzip der Lochkamera für mich entdeckt. Es ist so einfach, man kann damit den Moment festhalten.« Sulaiman ist 32 Jahre alt, kurz geschorene Haare, Jogginghose. Er hockt auf bunt angemalten Autoreifen in einer kleinen Hütte, in der sich Farbeimer und Werkzeuge stapeln. »Ich will meine Kunst nutzen, um die Welt um mich herum zu verändern.«
Als Sulaiman nach seinem Bachelor zurück in die Camps kam, ging es ihm wie Ali und Nuna. Er war gut ausgebildet und saß in der Wüste fest. Dann beschloss er, Künstler zu werden.
Sulaiman wohnt mit seiner Familie in niedrigen Lehmhütten, dahinter erhebt sich ein Berg aus Schrott: Autoteile, Metallstreben, kaputte Möbel. Dieser Schrott hat sein Leben verändert. Er sagt: »Es wird so schnell keine Lösung für diesen Konflikt geben, also müssen wir uns mit unserer Situation auseinandersetzen.« Sulaiman nahm, was er in der Wüste finden konnte, und begann zu bauen. Er sagt, er wolle »außerhalb der festgefahrenen Bahnen denken«.
Neben dem Schrottplatz steht eine kleine Hütte aus Metall. Sie ist Sulaimans Atelier, gleichzeitig sein erstes Kunstwerk: ein Raum gebaut aus Schrott, isoliert durch alte Milchkartons und Holzreste. Der Müll schützt nun vor der sengenden Hitze, die Luft im Inneren ist angenehm kühl. »Die Saharauis sind immer ein Volk von Nomaden gewesen, das sich seiner Umgebung angepasst hat.«
Mohamad Sulaiman ist besessen von seiner Arbeit. Er malt und bastelt, dreht Videos, nimmt Geräusche auf – und schraubt alles neu zusammen. Er sagt: »Ich will den Leuten zeigen, dass man Probleme neu denken muss, um sie zu lösen.«
Vor einiger Zeit teilte Sulaiman ein Video auf Facebook. Er erzählt darin die Geschichte der Saharauis. »Wir leben im Niemandsland, wie paralysiert von einer Situation, die uns nirgendwo hinbringt«, sagt er darin. Der Zuschauer sieht Aufnahmen von verrosteten Panzern im Wüstensand und Menschen, die sich durch Staublandschaften kämpfen. Doch dann wechseln die Bilder: Junge Männer basteln kleine Kunstwerke aus Plastikmüll, verschleierte Frauen schneiden mit einem Schweißgerät rostige Tonnen auseinander. Man sieht, wie die Menschen mitten in der Wüste ein Kunstatelier aufbauen.
Das Video soll zeigen: Es gibt noch Hoffnung. »Wir müssen aufhören, immer nur auf Marokko zu schauen, und endlich unser Leben hier selbst gestalten«, sagt Sulaiman. Obwohl er manchmal klingt wie ein Träumer, ist er für viele Jugendliche in den Camps ein Vorbild. Denn mittlerweile ist er ein gefragter Mann. Er wird zu Kunstveranstaltungen nach Deutschland, Spanien und England eingeladen. Im Herbst darf er für zwei Monate in Stockholm als Gastkünstler wohnen, finanziert von der schwedischen Botschaft. Für Sulaiman ist die Kunst eine Art Sprachrohr. Er glaubt, nur wenn die Welt sich wieder für die Saharauis interessiere, lasse sich auch der Konflikt mit Marokko lösen.

»In der Wüste habe ich mich frei gefühlt. Das war die beste Zeit meines Lebens.«

»Im Fernsehen sehen wir, wie die jungen Leute in Europa leben. Jeder dort hat Arbeit – hier gibt es nichts.«

»Wir müssen aufhören, immer nur auf Marokko zu schauen. Wir müssen unser Leben endlich selbst gestalten.«

Von Paul Hildebrandt Fotos: Frieder Heitmann

UniSPIEGEL 4/2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


UniSPIEGEL 4/2019
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"