13.07.2019

Nicht ohne meine Mutter

Wer ein Studium beginnt, freut sich auf die neu gewonnene Freiheit. Doch was ist, wenn plötzlich die eigenen Eltern mit im Hörsaal sitzen?
Melanie und Anika hatten sich die Sache genau überlegt. In langen Diskussionen hatten sie das Für und Wider abgewogen, beide hatten Wünsche, Bedenken und Tabus angesprochen. Am Ende stand fest: Wir machen das. Wir gehen gemeinsam an die Uni.
Melanie und Anika Zähle sind Mutter und Tochter – und seit vier Semestern auch Kommilitoninnen im Fach Soziale Arbeit an der FOM München, einer Hochschule für Menschen, die berufsbegleitend studieren.
»Ein mulmiges Gefühl hatten wir anfangs schon, wir wollten auf keinen Fall, dass unsere Beziehung unter der veränderten Situation leidet«, erinnert sich Melanie Zähle, die Mutter.
Der wichtigste und zugleich schwierigste Punkt: An der Hochschule wollten sie sich auf Augenhöhe begegnen, es sollte keine Hierarchie, kein Gefälle geben – wie es unter Kommilitoninnen normal ist, innerhalb der Familie aber nur schwer vorstellbar. Melanie Zähle fiel es schwer, die Mutterrolle ruhen zu lassen: »20 Jahren lang wollte ich mein Kind beschützen, fördern und manchmal auch antreiben. Die Umstellung war wirklich schwierig.« Zwei Jahre ist das nun her.
Es gibt keine Statistiken darüber, wie viele Kinder zusammen mit ihren Eltern im Hörsaal sitzen. Die Zahl dürfte allerdings ziemlich überschaubar sein, schließlich ist für die meisten Studierenden genau das wichtig, was Melanie und Anika Zähle nicht haben: eine gewisse Distanz zum eigenen Elternhaus, die Möglichkeit unbeobachtet zu leben und sich auszuprobieren, jenseits der eingefahrenen Rollen, die seit der Kindheit festgelegt sind.
Die Zähles kennen diese Bedenken, auch in ihrem Umfeld gab es nicht nur positive Stimmen: Melanie Zähles ehemalige Chefin an der TU München, wo die 45-Jährige im Bereich Didaktik arbeitet, riet ihr sogar entschieden davon ab: Ein Studium sei doch auch ein Abnabelungsprozess, Anika sollte ihren eigenen Weg gehen – und zwar allein. Melanie Zähle hörte sich die Bedenken an, doch sie findet sie ungerechtfertigt. Ihre Tochter sei durchaus selbstständig. Anika hat das Elternhaus verlassen, wohnt mit ihrem Freund zusammen, war nach dem Abitur im Ausland und arbeitet neben dem Studium an der Hochschule, wo sie eine Studie mit Kindergartenkindern durchführt. Und da beide berufsbegleitend studieren, hocken sie nicht täglich aufeinander, sondern bloß zweimal in der Woche, jeweils von 8 bis 16 Uhr. So lange dauern die Vorlesungen und Seminare. Anschließend gehen sie manchmal noch gemeinsam einen Kaffee trinken oder bummeln eine Runde durch die Stadt, oft in Begleitung anderer Kommilitonen. Zu viel Nähe sei das nicht, finden die beiden. Meistens zumindest.
»Manchmal falle ich in alte Muster«, sagt Melanie Zähle, »dann ermahne ich mich selbst, dass Anika erwachsen ist und für sich selbst Verantwortung übernimmt. Und ich mache mir klar, dass es in diesem Studium in erster Linie um mich und meine Bedürfnisse gehen soll, dass ich für mich lerne und sehen muss, dass ich selbst vorwärtskomme.«
Melanie Zähle war Anfang vierzig, als sie beschloss, beruflich noch einmal durchzustarten. Den Wunsch nach Veränderung besaß sie schon länger, hatte ihm aber bisher nicht nachgegeben. Als Anika, die nach ihrem Abitur eine Stelle in einer tierpädagogischen Einrichtung für Kinder angetreten hatte, eines Tages erzählte, sie wolle gern ein Studium im Fach Soziale Arbeit beginnen, gab sich auch die Mutter einen Ruck. Jetzt oder nie!
»Die Vorstellung, mit Menschen zu arbeiten, hat mich schon immer angesprochen«, sagt Melanie Zähle heute. Auch wenn sie nach der Schule etwas völlig anderes gelernt hatte: Der Vater hatte ihr seinerzeit zu einer Ausbildung als Versicherungskauffrau geraten.
Mutter und Tochter machten sich gemeinsam auf die Suche, tauschten sich über passende Angebote aus. Ein paar Tage lang diskutierten sie, ob eine der beiden ein Semester warten sollte, sodass sie nicht im gleichen Jahrgang landen würden. »Diese Idee haben wir dann aber verworfen, auch weil es für den Studienkredit, den wir aufgenommen haben, eine Altersgrenze gab«, sagt Melanie Zähle. Bereut hätten sie diese Entscheidung nie.
Rund 600 Kilometer von München entfernt, in Hannover, gibt es eine Frau, die Anika Zähle ziemlich ähnelt. Auch sie ist Mitte zwanzig, studiert berufsbegleitend – und auch sie hat einen ungewöhnlichen Kommilitonen an ihrer Seite: ihren Vater. Anders als bei den beiden Bayerinnen handelt es sich allerdings nicht um das gesamte Studium, sondern nur um ein Modul, und anders als bei Mutter und Tochter gab es bei den beiden keine großen Diskussionen um das Vorhaben. »Ich hatte, ganz ehrlich, überhaupt keine Bedenken, dass mein Vater mit mir im gleichen Seminar sitzen würde«, sagt Julia Hußtegge, »wir sind da ganz unbedarft rangegangen.«
Die ausgebildete Industriekauffrau studiert seit zweieinhalb Jahren an drei Abenden in der Woche Betriebswirtschaft und Wirtschaftspsychologie. Seit diesem Semester ist im Modul Change Management auch ihr Vater Gerd eingeschrieben, der in einer Bank für die Unternehmensentwicklung zuständig ist. »Meine Kommilitonen fanden das total witzig, als ich es ihnen erzählt habe. Mittlerweile gehört mein Vater richtig dazu, neulich sollte ich ihn sogar von einem anderen Studenten grüßen.«
Für Gerd Hußtegge ist das Studium – neben dem neu gewonnenen Wissen – eine tolle Möglichkeit, Zeit mit seiner Tochter zu verbringen, die seit einigen Jahren nicht mehr zu Hause wohnt. Und er ist überrascht, wie erwachsen Julia schon ist: »Ich sehe Julia seit diesem Seminar in einem völlig anderen Licht. Ich wusste natürlich, dass sie in ihrem Fachgebiet einiges drauf hat, schließlich haben wir uns auch früher schon über unsere Arbeit ausgetauscht«, sagt er. »Aber ich bin begeistert, wie eloquent sie ist und wie toll sie diskutieren kann. Ich habe mich noch mal ganz neu in meine Tochter verliebt.«
Julia lacht, als ihr Vater das sagt, aber sie weiß genau, was er meint: »Meinen Vater in einem ganz neuen Kontext zu beobachten, ist spannend. Ich bin richtig stolz, dass er die wissenschaftlichen Inhalte des Studienganges mit seinen praktischen Erfahrungen ergänzt und der Dozent auch an seiner Meinung interessiert ist.« Beide können sich vorstellen, auch in den kommenden Semestern wieder ein Modul gemeinsam zu belegen
Anika und Melanie Zähle werden noch mindestens ein Jahr gemeinsam lernen. Für sie ist diese Zeit ein Geschenk. »Wir sind uns nähergekommen«, sagen sie. Dann müssen sie los. Sie haben noch eine Verabredung: In der Bibliothek wollen sie Literatur für eine anstehende Hausarbeit sichten.

»Manchmal falle ich in alte Muster«, sagt Melanie Zähle.

Von Marie-Charlotte Maas Fotos: Roderick Aichinger

UniSPIEGEL 4/2019
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