13.07.2019

Mein Leben als Berufsberaterin

Ein Berg Taschentücher, Ideen für Studiengänge und Ausbildungsstellen, ein Essen in der Kantine der Arbeitsagentur: Eine Berufsberaterin erzählt, was sie ihren Klienten anbietet.
Er weinte, als er reinkam. Er schluchzte noch, als er rausging. Ein junger Mann, 21 Jahre alt, mit Abitur, aber ohne jeden Plan. »Ich suche seit drei Jahren«, sagte er. »Nur weiß ich nicht, wonach genau.« Es kommt nicht häufig vor, dass Menschen bei mir weinen. Dieser Mann tat mir wirklich leid. Gleichzeitig war mein Ehrgeiz geweckt. Ich versuche, Menschen aufzufangen, mich in sie hineinzuversetzen. Gemeinsam überlegen wir: Wie lassen sich Ideen entwickeln? Wofür brennt ein Mensch? Was könnte ein gutes Ziel sein?
In meiner Beratung kann jeder frei sprechen. Es geht um die großen Fragezeichen nach dem Schulabschluss. Darum, wie es sich anfühlt, wenn alle Freunde an ihrer Zukunft basteln, nur man selbst hat den Weg noch nicht gefunden. Oder darum, wie es weitergehen soll, wenn die ersten drei Semester gezeigt haben: Ich will dieses Studium nicht. Wer zu mir kommt, bekommt Unterstützung.
Ich brauche viel Empathie, muss mich auf jeden Gesprächspartner neu einstellen. In einer vollen Woche führe ich bis zu 30 Gespräche. Meine Klienten sind zwischen 18 und 25 Jahre alt. Manche bringen ihre Eltern mit, viele sind allein.
Ich besuche auch Schulen und berate auf Messen. Auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch haben schon so einige gesessen. Es passiert, dass jemand, der Mediengestalter werden wollte, am Ende lieber zum Zoll ging. Es gibt Menschen, die hochbegabt sind und Hilfe suchen bei der Wahl der Uni. Viele sind dankbar, weil sie nach der Beratung endlich etwas Passendes gefunden haben. Schwierig sind die, die zwar freiwillig kommen, aber mit meinen Vorschlägen nicht viel anfangen können. Das kommt allerdings sehr selten vor.
Ich kann nicht jeden aufbrechen – nicht mal nach mehr als 20 Jahren in diesem Job. Auch dem Mann, der weinend ins Büro kam, konnte ich nur bedingt helfen. Denn sein Problem ging weit über die Suche nach einem passenden Beruf hinaus. Die Verzweiflung über seine Situation hatte ihn einsam werden lassen, er schaute den ganzen Tag Filme und Serien, ging kaum aus dem Haus – er war depressiv. Von mir bekam er ein offenes Ohr und einen Berg Taschentücher. Dann vermittelte ich ihn in psychologische Betreuung.
Im Vergleich zu früher haben sich meine Beratungen verändert – und die Menschen, mit denen ich spreche. Damals waren sie immer wieder gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Die Telefone steckten in der Wand, es gab keine Handys, kein WhatsApp, kein Instagram. Wenn Kumpels nicht erreichbar waren und der Fernseher nichts hergab, mussten junge Menschen sich fragen: Wozu hab ich denn jetzt Lust? So kamen sie auf Gedanken. »Kreative Langeweile«, nenne ich das.
Die gibt es heute nicht mehr. Wer sich langweilt, zückt das Smartphone und lässt sich unterhalten. Alle sind ständig erreichbar. Das führt dazu, dass sich viele nicht mehr konzentrieren und mit selbstreflexiven Fragen nicht viel anfangen können. Gleichzeitig können soziale Netzwerke und die vielen Streaming-Angebote die Berufswahl erleichtern. Wenn eine neue Arztserie läuft, häufen sich die Nachfragen nach Jobs in der Medizin. Die Knochenjägerin »Bones« hat dafür gesorgt, dass viele Forensik interessant fanden.
Was mich stört: Über die Arbeitsagentur gibt es einige Vorurteile. Es heißt, wir würden die Leute einfach in die Ausbildungsberufe stecken, in denen gerade Mangel herrscht. Das stimmt nicht. Unsere Beratungen sind neutral. Sie kosten auch nichts. Andere meinen, wir seien uncool oder starr, als sei bei der Arbeitsagentur die Zeit stehen geblieben. Zu jedem Termin gehören bis zu 30 Minuten Sachbearbeitung, jeder Klient bekommt eine elektronische Akte – und ich richte mich häufig nach den Terminwüschen der Leute. Berufsberater verdienen zwischen 3890 und 5360 Euro brutto im Monat, die genaue Höhe richtet sich nach der Berufserfahrung.
Manche Gespräche nehme ich im Kopf mit nach Hause. Einmal stand ein junger Mann vor mir und sagte: »Ich habe nichts zu essen, weil zu Hause nichts mehr stimmt.« Ihm fehlte nicht nur die Perspektive, er hatte eine suchtkranke Mutter und war halb verhungert. Ich nahm ihn mit in unsere Kantine und kaufte ihm etwas zu essen. Das hat mich schon sehr berührt.
Ich will den Menschen klarmachen, dass sie gut sind, so wie sie sind. Die Berufs- und Studienorientierung braucht nun mal Zeit. Manche treffen Entscheidungen im Sprint, für andere ist es eher ein Halbmarathon. Für fast alle ist der Beruf ein Teil ihrer Identität, er symbolisiert eine Rolle in der Gesellschaft. Deswegen ist es einigen unangenehm, keinen Berufswunsch zu haben. Doch das bedeutet nicht, dass sie keine Talente besitzen, dass nichts mehr kommt. Es gibt für jeden einen passenden Weg.
Von Aufgezeichnet von Nike Laurenz Illustration: Benedikt Rugar

UniSPIEGEL 4/2019
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