13.07.2019

Königin der Ekstase

Ein skurriler Tanzstil aus L.A. breitet sich weltweit aus: Krump. Nun erobert er Deutschland – Yara aus Hamburg ist Weltmeisterin.
Harte Beats dröhnen aus einem Lautsprecher, werden lauter. Yara Atrisha Traores sitzt auf einem Podest aus Holz, die Ellbogen auf ihre Oberschenkel gestützt, den Kopf in den Händen. Auf ihrer Stirn bilden sich Schweißperlen. Yaras Finger verbergen ihr Gesicht. An ihren Enden leuchten orangefarbene Acrylnägel. Ihr Markenzeichen.
Plötzlich springt sie auf, beginnt auf ungewohnte Art zu tanzen: Ihr ganzer Körper zuckt, die Arme rudern, die Brust schnellt nach vorn, über ihr Gesicht fliegen Grimassen. Sie macht ein paar Sätze nach vorn. Plötzlich stoppt sie. »Mein Nagel ist abgebrochen«, ruft sie und läuft einem Kameramann aus dem Bild.
Ein Samstagnachmittag in Rotterdam. Hinter dem Hauptbahnhof, in einer Straße, die Cafés, Bars und ein Biergarten säumen, drehen fünf Frauen ein Tanzvideo. Es soll ein Werbeclip werden für eine Hip-Hop-Veranstaltung – und Werbung für ihren Tanz: Krump.
Yara ist die Königin dieses Stils, Weltmeisterin im Krump. Krump ist ein Akronym für »Kingdom Radically Uplifted Mighty Praise«. Der Tanzstil ist an Hip-Hop angelehnt, er entstand Anfang der Nullerjahre in einem Armenviertel von Los Angeles. Afroamerikaner entwickelten ihn, aus einem Impuls der Frustration über Armut und Gewalt. Seither findet er immer mehr Anhängerinnen und Anhänger auf der ganzen Welt. Menschen wie Yara.
Sie ist an diesem Abend zu einem Event eingeladen und wird gegen eine junge Frau aus Russland tanzen. Denn zum Krump gehört der Wettkampf: Frauen und Männer treten gegeneinander an und »battlen«, wer die besten »moves« draufhat. Sie tragen dabei Künstlernamen. Die haften an den Tänzern wie eine zweite Identität. Yara nennt sich »Queen Buckhype«, den Namen hat der Chef ihres Teams verliehen. Am Rand stehen die »crowd«, das Publikum, sowie die »fams«, feste Tanzgruppen der jeweiligen Tänzer. Sie »hypen« die Tänzer und Tänzerinnen mit lauten Rufen und Pfiffen.
Wenn Krumper tanzen, gibt das für Außenstehende ein skurriles, einschüchterndes Bild ab, irgendwas zwischen Krampfanfall und Wutausbruch. Außer ein paar Grundbewegungen gibt es keine festen Choreografien. Beim Auftritt wird improvisiert. Manche Tänzer wirbeln dabei auch Caps oder die eigenen Schuhe durch die Luft und fangen sie mit dem Fuß wieder auf. Ziel ist es, einen eigenen Stil zu entwickeln. Einen »Krump«.
Yara gründete vor einiger Zeit mit drei Freundinnen eine eigene Gruppe, sie nennen sich »Bad Attitude«. Das steht auf der Vorderseite ihrer T-Shirts. Auf die Hinterseite ließen sie den Umriss des afrikanischen Kontinents drucken. Yaras Mittänzerinnen haben Familie in Ghana, Tunesien und im Kongo. Auf den Ärmeln tragen sie je einen Aufnäher mit Flaggen. Bei Yara sind es die von Deutschland und Senegal. Ihre Großeltern stammen aus Gambia und Senegal, sie zogen als junges Paar nach Deutschland. Yaras Mutter und sie selbst sind in Hamburg geboren.
Mit 17 Jahren fing Yara an zu krumpen. Sie ging gerade zur Berufsschule, wollte ihr Fachabitur machen. Ihr Onkel komponierte Hip-Hop-Musik und krumpte seit einiger Zeit selbst. Irgendwann nahm er die Nichte mit zum Training. »Erst dachte ich: 'Oh Gott, was ist das denn?'«, sagt Yara. »Und dann: 'Wow, krass, es gibt ja noch was anderes als Hip-Hop'«. Die Beweglichkeit und Energie beeindruckten sie. Das wollte sie auch machen.
Das Training wurde ihr immer wichtiger, sie schloss Freundschaften. Bald verlor sie die Lust, zur Schule zu gehen. Ihre Mutter, Yaras großes Vorbild, wie sie sagt, habe früher auch getanzt, als Backgroundtänzerin für internationale Popstars. Sie setzte alles auf eine Karte.
Yara jobbte eine Weile in einem Kindergarten, dann bewarb sie sich in einem Sneaker-Laden. Yara entdeckte eine zweite Leidenschaft: Schuhe. 69 Paar besitze sie inzwischen, sagt sie. Manche habe sie bisher kein einziges Mal getragen.
Dann, Yara krumpte seit etwa zwei Jahren, fragte ihr Trainer, ob sie in seine Gruppe aufgenommen werden wolle. Sie nennen sich »Team Buckmode«. Yara musste ein Aufnahmeritual durchlaufen, musste gegen jedes der zwölf Mitglieder tanzen, hintereinander weg. Insgesamt 43 Runden, sagt Yara. Am Ende zitterten ihr die Beine. Aber nun war sie endgültig Teil der Szene. Ihr neuer Name, ihre zweite Identität: Queen Buckhype.
Noch im selben Jahr folgte Yaras erster Wettkampf auf großer Bühne. Bei der European Buck Session, in einer großen Konzerthalle in Oberhausen, mit mehreren Hundert Teilnehmern und Besuchern.
Im Herbst 2018 wurde sie Weltmeisterin. Sie sagt, dass es sich manchmal noch »unecht« anfühle, wenn sie den Gürtel sehe. Aktuell reist sie in der Welt umher, nach Frankreich, Thailand, in die USA. Als sie in Indien einen Workshop geben sollte und den Trainingsraum betrat, hätten die Teilnehmerinnen laut gekreischt. »Uncool«, sagt sie. Sie wolle genauso behandelt werden wie alle anderen auch.
Die Kosten für Reisen und Unterkunft übernehmen inzwischen die Veranstalter. Gewinnt Yara ein Event, verdiene sie daran bis zu 900 Euro. Davon könnte sie eigentlich leben, sagt sie. Da sie bei ihrer Mutter wohne, habe sie kaum Ausgaben. Doch ihren Job in Hamburg, in der Filiale eines Mode-Labels, wolle sie nicht aufgeben. »Ich mag mein Leben, so wie es gerade ist«, sagt sie.
Irgendwann würde sie gern eine Tanzschule eröffnen. Sie wolle dann vor allem Mädchen und Frauen zum Krump motivieren. Denn die Mehrheit der Tänzer seien Männer. Yara sagt, die männlichen Tänzer unterstützten ihre weiblichen Mitstreiterinnen durchaus – aber viele fühlten sich am Ende doch überlegen, einfach weil sie Männer seien.
In Rotterdam wird es Abend. Tänzerinnen und Tänzer bereiten sich auf ihre Battles vor. Yara und ihre Krump-Kollegin »Lady Konkrete« stehen etwas abseits, üben. In ihren Ohren stecken Kopfhörer. Die Musik, zu der sich die Frauen bewegen, hören nur sie, dadurch wirken sie wie außer Kontrolle geratene Roboter.
Der Raum ist voll, etwa 50 Leute sind gekommen. Einige sitzen auf Klappstühlen, die meisten stehen um den Tanzkreis herum. Yara hat ihr Krump-Outfit angelegt: schwarzes T-Shirt, schwarze Lederjacke, schwarzes Bandana, ernster Blick.
Zuerst wird »Princess Knucklehead« aufgerufen, ihre russische Konkurrentin. Das Publikum klatscht, jemand ruft: »You go girl!« Die ersten Beats erschüttern den Raum. In einer Plastikflasche schlägt das Wasser runde Wellen. Die Prinzessin lässt Arme und Beine durch die Luft schnellen. Es ist ein Wunder, dass ihre Faust die Köpfe der Zuschauer verfehlt, wenn auch nur um Haaresbreite. Ihre Gesichtszüge verziehen sich. Und als bestünde zwischen ihrem Nervensystem und dem der Menge eine direkte Verbindung, reagieren die Männer und Frauen um sie herum: als könnten sie ihren Schmerz und ihre Wut mitfühlen.
Wut ist ein Gefühl, das auch Yara lange begleitet hat. Als Mädchen sei sie aggressiv gewesen. In der Schule sei es oft zu Kabbeleien mit den Jungs gekommen. Wenn sie als »Neger« beschimpft wurde, war die rote Linie überschritten. Dann wehrte sie sich mit Schlägen. Seit sie tanzt, sei sie viel ruhiger geworden, sagt sie.
Ihr »Krump«, also ihr Stil, den sie über Jahre entwickelt hat, spiegelt ihre persönliche Entwicklung wider. Sie sei besonders für die Kraft in ihren Bewegungen bekannt, und die sogenannten Get-offs: »Das sind die Momente, in denen du über nichts mehr nachdenkst, wenn du alles loslässt und alles aus dir herauskommt, was raus muss«, sagt Yara. Ein absoluter Kontrollverlust. Und zugleich Bewegung voller Präzision.
Princess Knuckleheads Runde ist vorbei. Zwei Minuten hat sie gekämpft. Keuchend vor Anstrengung lässt sie sich am Rand der Tanzfläche zu Boden fallen. Aus den Lautsprechern tönt: »Let's go, Queen Buckhype«, und Yara tritt mit gestrecktem Rücken auf die Tanzfläche. Erst zuckt sie nur ein bisschen, zieht langsame Kreise wie ein Raubtier im Käfig. »Yeah, Yeah, that's how you deal?!«, schallt es aus den Lautsprechern. Yaras Körper bewegt sich schneller und schneller, das Publikum wird lauter und lauter. Ausrufe der Überraschung und Bewunderung, über die spontane Kombination aus Bewegungen, die eine Geschichte zu erzählen scheinen. Es ist Yaras Geschichte.

Seit sie tanzt, sei sie ruhiger geworden, sagt Yara.

Von Nora Belghaus Fotos: Helena Lea Manhartsberger

UniSPIEGEL 4/2019
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