01.05.2000

ESSEN AUF DIE FEINE ART

Rund 6000 Essen gehen täglich über die Tresen, vom Eintopf bis zur selbst komponierten Salatkreation: "Wir Wollen den Studenten nicht abfüttern, der Student ist unser Gast."
Gut, dass Christian Rohlfing, 62, im Urlaub war, als im Juni 1997 ein Feuer die Mensa der Universität zu Bremen zerstörte. Nicht, dass sein Leben gefährdet gewesen wäre, aber die Ermittler mussten zunächst auch an Brandstiftung denken. Und da es zur Routine polizeilicher Spurensuche gehört, mögliche Nutznießer zu finden (cui bono?), hätten misstrauische Beamte vielleicht auch bei Rohlfing angefragt.
Denn der Geschäftsführer des Bremer Studentenwerks und Chef der Mensa bekam auf diese Weise "die einmalige Chance", den Laden völlig neu zu gestalten. Er nutzte die Gelegenheit, und nun haben Bremens Studierende eine Speisestätte auf höchstem technischem und kulinarischem Niveau.
"Ich sage nicht, wir sind die Besten", versucht sich Rohlfing in Bescheidenheit, "aber wir stehen ganz groß da."
Der Mann weiß, wovon er spricht, schließlich kennt er die Mensakost seit einem Vierteljahrhundert. So lange schon leitet Rohlfing das Studentenwerk in Bremen, seit jener Zeit also, als die oberste Lehranstalt der Hansestadt noch "Rote Kaderschmiede" geschimpft wurde. Die hatte 1975 eine Mensa bekommen - einen düsteren Betonbunker zur Massenspeisung, dessen einziger Schick unter der Decke offen verlegte Lüftungs- und Versorgungsrohre waren.
Dumm nur, dass sich dort Staub und Dreckpartikel sammelten und dann vereint ins Tellergericht rieselten.
Dennoch zogen mangels preiswerter und räumlicher Alternative abertausende Studierende über die Jahre geduldig an stets nur träge fließenden Bändern vorbei, um demütig ihr auf Plastikgeschirr geklatschtes Stammessen zu fassen: Fleischkloß Esterhazy, Mexikanischer Bohneneintopf, gebratene Fischschnitte - Mahlzeit.
Aber immer murrte es auch an diesem "Ort oraler Frustration", wie der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich deutsche Mensen 1969 genauer bezeichnete.
REIN IN DEN BUNKER, RUNTER MIT DER NAHRUNG
In einer eigens für die Universität Bremen angefertigten sozialpsychologischen Stellungnahme über die Versorgung des akademischen Nachwuchses fand Mitscherlich warnende Worte: "Im Übergang von der familiären Lebensform zu der üblichen studentischen Lebensweise wird die Begegnung mit der Mensaverpflegung als eine >orale< Konfliktsituation erfahren, d. h., der Student hat ein ihm neues charakteristisches Erlebnis von Entbehrung."
Mitscherlich stieg noch tiefer in die Psyche ein und erinnerte an kindliche Unlusterfahrungen beim Essen, weil die Nahrungsaufnahme oft auch als "Gehorsamsakt", von den Eltern erzwungen, verstanden würde: "Wenn in der
Mensa der Student wieder in die Lage kommt, Speisen zu sich nehmen zu sollen, die ihm nicht schmecken, so provoziert das alte Konfliktsituationen mit den Eltern und überträgt sie auf die Versorgungseinrichtung >Mensa<."
So war vorauszusehen, was in Bremen geschah, nachdem die Mensaplaner die weisen Ratschläge des Psychoanalytikers ignoriert hatten: Es entstand ein unwirtlicher Ort, den kaum jemand gern aufsuchte. Mensa-Chef Rohlfing musste bald "ausgeprägtes Fluchtverhalten" registrieren: rein in den Bunker, runter mit der Nahrung und mx wie weg.
Diese Tendenz nahm zu, je weiter sich die Weltrevolution in Richtung Horizont entfernte: Wenn ideologische Erfüllung nicht absehbar ist, gewinnen nähere Dinge des Lebens an Bedeutung, zumal sich über die Jahre ernährungsphysiologisch und ethisch einiges tat: weniger Fett und mehr Ballast, weniger Masse und mehr Natur.
Rohlfing erhörte den Ruf. Als täglicher Kunde der Speiseanstalt kannte er alle Schwächen und wollte selbst schon lange Neues. Planungen aber brauchen ihre Zeit, und knappe Finanzen lassen wenig Raum. Zehn Millionen Mark waren schließlich für die Umgestaltung der Mensa veranschlagt worden. Im Juli 1997 sollte der Umbau beginnen. Zwei Wochen vorher wütete der Feuerteufel - und zwar recht gründlich: Als die Löschtrupps abzogen, lag die studentische Futterkrippe in Schutt und Asche.
Die Täter waren rasch ermittelt. Natürlich war es nicht Rohlfing - und es waren auch keine oral geschädigten Studis, die durchaus Vorbilder gehabt hätten: jene darbenden Lernenden etwa, die I536 in Freiburg ihr Haus (die "Burse") niederbrannten, nachdem sie bereits Jahre zuvor den Betreiber ermordet hatten.
BEZAHLT WIRD MIT DER MENSA-CARD - ODER AUCH BAR
In Bremen anno 1997 lag die Sache ganz anders: Zwei Kinder hatten auf dem Dach der Mensa wenig akademisch mit Feuer hantiert und von Handwerkern leichtfertig hinterlassene Brandbeschleuniger in ihre Experimente einbezogen.
"Eine kleine Katastrophe" sei der Brand schon gewesen, sagt Rohlfing heute. Eine kleine eben nur.
Denn schließlich konnte er nun zum großen Wurf ausholen: Knapp 36 Millionen Mark kamen zusammen - rund 10 Millionen gab der Bund, 13,5 das Land, den Rest trug die Versicherung. Ein Haufen Geld, mit dem sich gut etwas anfangen ließ.
Stabparkett bedeckt nun den Boden der rund 3000 Quadratmeter großen Mensa, die abgehängte Lochdecke absorbiert den Schall und liefert dezente Akustik. Selbstverständlich werden alle Speisen auf Porzellan gereicht: "Wenn das Geschirr klappert, schmeckt es einfach besser", hat Rohlfing festgestellt. Das alles entspreche einem völlig neuen Verpflegungskonzept: "Wir wollen den Studenten nicht abfüttern, der Student ist unser Gast."
Rund 6000 Essen gehen täglich über die Tresen, vom Eintopf über das preiswerte Stammessen bis zur selbst komponierten Salatkreation. Wer will, kann vegetarisch essen, sich ein Steak oder ein Lachsfilet braten lassen, zwischen verschiedenen Aufläufen, Suppen, Nudelgerichten oder Desserts wählen und Biomilch dazu trinken - die Mensa sieht eher wie ein helles Selbstbedienungsrestaurant der feineren Art aus.
Bezahlt wird mit der Mensa-Card, einer Plastikkarte, die an Automaten im Eingangsbereich aufgeladen werden kann. Essensmarken gibt es nicht mehr, wer will, kann an zwei der acht Kassen aber noch bar bezahlen. "Mit der Karte geht alles viel schneller", lobt Rohlfing seine Mensa-Card, die bei einigen Studenten - im Gegensatz zum Essen - aber gar nicht gut ankommt.
DIE SERVIETTEN SIND MIT WERBUNG BEDRUCKT
"Die Karte ist ein Schritt auf dem Weg zur Digitalisierung aller Finanz- und Verwaltungsvorgänge an der Uni", befürchtet Informatikstudent Marcus Graetsch, 25. "Warum ist denn sonst wohl die Immatrikulationsnummer darauf vermerkt?" Schließlich liefen auch schon längst die Planungen für eine personenbezogene Uni-Card, mit der Bücherausleihe, Zugang zu Räumen und Rechnern sowie Zahlungsvorgänge abgewickelt und kontrolliert werden können.
Dazu dann noch eine Chipkarte mit digitaler Signatur, die der Bremer Senat auf den Weg bringen will, um die öffentliche Verwaltung effizienter zu machen - so entstehe der gläserne Mensch. "Nein danke", sagt Graetsch, "wir werden die Mensa-Card boykottieren."
Übel stößt einigen Studierenden auch auf, dass Studentenwerk-Chef Rohlfing die Mensa für Sponsoren öffnen will. Schon jetzt werden mit Werbung bedruckte Servietten ausgegeben: "Das nervt mich total beim Essen", sagt Politikstudentin Christiane Alisch, 28.
"Wer das nicht mag, kann die Serviette ja umdrehen", sagt Rohlfing, "von hinten ist sie nicht bedruckt." Immerhin spare er jährlich so rund 12 000 Mark. Bald soll noch mehr Geld hereinkommen - Rohlfing will in der Mensa drei Werbeflächen einrichten: "Da habe ich keine Berührungsängste", sagt er, "Interessenten gibt es zudem genug." Wirtschaftlich ist das gewiss recht interessant, doch Obacht! Nicht, dass die Reklame den Studierenden zu sehr aufs Gemüt schlägt. Denn eine Mensa ist - so lehrte es einst Mitscherlich - tiefenpsychologisch gesehen ein höchst fragiler Raum: "Werden die oral-passiven Versorgungsbedürfnisse junger Menschen kollektiv enttäuscht, so führt das zu aggressiven Reaktionen."
Von Hans-Ulrich Stoldt

UniSPIEGEL 3/2000
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