01.11.2000

entscheidenFRAUEN UNTER SICH

OHNE MÄNNER STUDIERT ES SICH BESSER. DER VERSUCH EINER „INTERNATIONALEN FRAUEN-UNI“ IN HANNOVER SCHEITERTE ABER AN SEINEM HOHEN ANSPRUCH.
An der amerikanischen Ostküste, rund 50 Kilometer von Boston entfernt, beginnen steile Karrieren. Dort liegt Wellesley, eines der renommiertesten Frauencolleges der Vereinigten Staaten. Ein Studienjahr in den roten Backsteingebäuden - nur für Frauen - kostet zwar gut 30 000 Dollar, doch die Investition lohnt sich: First Lady Hillary Clinton und Außenministerin Madeleine Albright sind Wellesley-Absolventinnen; jede dritte amerikanische Topmanagerin und jede fünfte Kongressabgeordnete hat an einem Frauencollege studiert.
Auch Heike Pahl, 34, aus Berlin war in Wellesley. Gleich nach dem Abitur ging sie nach Amerika, weil ihr die Heimat zu "leistungsfeindlich" erschien. Ihren Bachelor in Biochemie bekam sie nach zwei anstatt der üblichen vier Jahre am College. "Ein Jahr wurde mir für mein Abitur angerechnet", erklärt Pahl, "und ein Jahr habe ich gespart, indem ich immer einen Kurs mehr pro Semester belegt habe."
Der Rest ihrer akademischen Laufbahn verlief in ähnlichem Tempo. Mit 25 Jahren machte Pahl ihren Doktor an der Harvard Medical School, mit 29 leitete sie eine Arbeitsgruppe an der Freiburger Universität, mit 30 war sie habilitiert. Kurz darauf folgte der Ruf auf den Lehrstuhl für Experimentelle Anästhesiologie an die Universität Freiburg. 1998, mit 31 Jahren, war Heike Pahl eine der jüngsten Professorinnen Deutschlands.
Das Studium nur unter Frauen, glaubt Pahl heute, hat entscheidend zu ihrem Erfolg beigetragen. "Die Ausbildung in Wellesley ist hervorragend", urteilt sie, "aber noch wichtiger ist das Gefühl, das den Studentinnen dort vermittelt wird: Was du erreichen willst, kannst du auch erreichen." Viele Studentinnen, so Pahl, belegen in Wellesley ganz selbstverständlich typische Männerfächer wie Physik und Astronomie und können sich später auch unter Männern in diesen Disziplinen behaupten.
Karrieren wie die von Heike Pahl sind auch etwa 100 Jahre nachdem Frauen an deutschen Universitäten allgemein zugelassen wurden, noch immer die Ausnahme. Mehr als die Hälfte aller Biologie-Studierenden in Deutschland sind zwar Frauen, in den Sprach- und Literaturwissenschaften und in Pharmazie sind es sogar knapp 70 Prozent. Professorinnen gibt es aber nach wie vor kaum: Der Frauenanteil an C4-Professuren in den Naturwissenschaften liegt bei mageren drei Prozent.
Um die Frauenquote auf den Lehrstühlen zu erhöhen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in den vergangenen Jahren verschiedene Programme aufgelegt. Ein Versuch, die Karriere von Frauen in männerfreier Atmosphäre zu fördern, ging Mitte Oktober in Hannover zu Ende, die "Internationale Frauenuniversität Technik und Kultur" (ifu). Das BMBF gab ein Drittel der 18 Millionen Mark, die das Projekt kostete.
Die erfolgreiche Tradition der amerikanischen Frauencolleges beschwören die ifu-Organisatorinnen gern als Beispiel dafür, wie Hochschulen ihren Studentinnen Fachkompetenz und genügend Selbstbewusstsein mitgeben können, um sich in ihrer wissenschaftlichen Laufbahn durchzusetzen.
"Wir haben bei der Planung natürlich nach Amerika geschaut und festgestellt, dass reine Frauenuniversitäten Studentinnen zum Teil besser ausbilden können", erklärt Aylâ Neusel, Bildungsforscherin an der Universität Kassel und Präsidentin der ifu. Eine dauerhafte Universität mit komplettem Fächerkanon aufzuziehen schien den ifu-Gründerinnen nicht realisierbar. Ihnen schwebte eine Art internationales Graduiertenkolleg für Studentinnen mit erstem Studienabschluss vor - zunächst für drei Monate und mit der Aussicht auf spätere Fortsetzung.
Doch mit dem edlen Vorsatz, forschende Frauen zu fördern, ist es nicht getan. Hannover ist nicht Wellesley, und ein 100-Tage-Frauen-Workshop ist keine Uni. Der ifu ist deutlich anzumerken, dass die Organisatorinnen zu viele gut gemeinte Ideen zusammenbringen wollten, als dass dabei ein sinnvoller Lehrbetrieb hätte entstehen können.
Herausgekommen ist eine Frauenuniversität als Selbstzweck - ein Sommerspektakel für Frauen, das mit dem leistungsorientierten Frauenstudium an Colleges wie Wellesley nichts zu tun hat.
Herkömmliche Fächer konnten an der ifu nicht studiert werden, das interdisziplinäre Curriculum gliederte sich in "Projektbereiche" zu den Themen Wasser, Migration, Körper, Stadt, Information und Arbeit. Geforscht wurde aus weiblicher Sicht. Im Projekt Stadt wurde zum Beispiel untersucht, wie frauenfreundlich die Architektur verschiedener Städte ist, und im Bereich Migration schwärmten die ifu-Studentinnen zur "ethnografischen Feldforschung" in den hannoverschen Stadtteil Linden aus.
Sicher, die Stimmung war gut unter den 900 Studentinnen aus 115 Nationen, die nach Hannover gekommen waren, zwei Drittel davon aus Entwicklungsländern. Die internationale Atmosphäre inspirierte, es wurde lebhaft debattiert. Doch wegen der Internationalität war es auch unmöglich, bei allen eine vergleichbare Ausbildung vorauszusetzen.
An einer Wand im Foyer des Hörsaalgebäudes hing diesen Sommer eine Weltkarte, auf der die Studentinnen mit Stecknadeln ihr Herkunftsland markiert hatten: Bunte Nadelköpfe ragten aus allen Teilen der Welt. Zu Beginn der ifu hatte jede Studentin einen Gegenstand aus ihrer Heimat mitgebracht. Am Ende sollte daraus ein Gesamtkunstwerk entstehen.
So kreativ das sein mag, es wird die Frauen kaum fit machen für den Konkurrenzkampf an den Universitäten. Zwar hielten in den Projektbereichen Wissenschaftlerinnen aus der ganzen Welt vormittags Gastvorträge, zwar musste jede Studentin am Ende der ifu eine Abschlussarbeit vorlegen. Dennoch erinnerte das Ganze eher an einen großen Volkshochschulkurs als an eine Kaderschmiede für die Spitzenforschung. Das wäre kein Problem, wäre die ifu nicht als hoch wissenschaftliche Veranstaltung angetreten. So aber scheiterte sie hoffnungslos am eigenen Anspruch.
Der Austausch mit Frauen aus sehr unterschiedlichen Ländern war immerhin spannend und für viele ein wichtiger Grund, zur ifu zu kommen. "Ich habe hier viel gelernt", resümiert Carmen Caamano, 38, Psychologin aus Costa Rica, "gar nicht unbedingt in den Vorlesungen, sondern im Gespräch mit den anderen Studentinnen."
Für Christine Knauer, 24, die in Tübingen Geschichte und Amerikanistik studiert, waren die vielen Gastdozentinnen aus aller Welt wichtige Vorbilder - zum Teil sehr bekannte Forscherinnen, die zeigen, dass es möglich ist, auch als Frau in der Wissenschaft voranzukommen.
Doch multikulturelle Kontakte allein machen noch keine Frauenförderung aus. Erfolgversprechender als das zeitlich begrenzte Rundumprogramm der ifu sind möglicherweise einzelne Studiengänge nur für Frauen - besonders in Fächern, die gewöhnlich eher von Männern gewählt werden. Beispiele dafür gibt es bereits: An der Fachhochschule Wilhelmshaven sind Studentinnen im Fach Wirtschaftsingenieurwesen unter sich (UniSPIEGEL 2/2000), an der Hochschule Bremen werden Frauen zu Diplom-Informatikerinnen ausgebildet.
Die Zukunft der ifu ist derweil noch ungewiss. Präsidentin Neusel hofft, ab dem nächsten Jahr ihre Idee vom interdisziplinären postgradualen Studium verwirklichen zu können, bei dem sich Präsenzphasen in Hannover und virtuelle Phasen via Internet abwechseln sollen. Entschieden ist noch nichts. Die virtuelle ifu allerdings hat schon begonnen: Unter www.vifu.de wird das frisch geknüpfte Frauennetzwerk fortbestehen. JULIA KOCH

UniSPIEGEL 5/2000
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