01.11.2000

arbeitenREISE UNTER DIE HIRNSCHALE

DIE KÜNSTLERIN CLAUDIA SPERLICH VERBRINGT VIEL ZEIT MIT LEICHEN - SIE ILLUSTRIERT MEDIZINISCHE FACHBÜCHER.
Die Räume haben etwas vom Muff eines Heimatmuseums - und vom Schauer des Labors eines Dr. Frankenstein. Zu sehen sind in Alkohol eingelegte halbierte Köpfe, einzelne Arme, ein Bein, an dem der größte Teil des Oberschenkels fehlt, aber die Zehennägel allesamt vorhanden sind, außerdem in Scheiben geschnittene Brustkörbe, die aussehen wie verblasste Schinken. Oder ein männlicher Torso, der an eine griechische Skulptur erinnern würde, hätte ihm nicht jemand die Haut abgezogen und so die bandnudelartigen Fasern seiner Muskeln freigelegt.
Dies ist die Sammlung des Anatomischen Instituts der Christian-Albrechts-Universität in Kiel - und der Arbeitsplatz der Künstlerin Claudia Sperlich, 43.
Seit neun Jahren illustriert die Malerin und Bildhauerin für einen Verlag medizinische Fachbücher und dokumentiert den menschlichen Körper - von außen, vor allem aber von innen. Ihre Modelle sind allesamt tot.
Sperlich, die vor ihrem ersten Arbeitstag in der Anatomie noch nie eine Leiche gesehen hatte, skizzierte für ein zahnmedizinisches Nachschlagewerk zersägte Köp-
* Im Anatomischen Institut der Kieler Christian-Albrechts-Universität.
fe. Sie zeichnete Gelenkkapseln oder Beckenknochen für Präparier-Anleitungen, mit deren Hilfe Medizinstudenten lernen, Körper zu sezieren und zu konservieren. Zurzeit arbeitet sie an einem Großprojekt mit: einem Atlas des menschlichen Körpers - eine Reise vom Zeh bis unter die Hirnschale.
Viele Künstler, so kommentiert Sperlich ihren Zweitjob, seien auf einen Zusatzverdienst angewiesen, würden Taxi fahren oder Waschsalons betreiben. Sie selbst, sagt sie, könne immerhin Blei- und Buntstift benutzen.
Ihre eigentlichen künstlerischen Werke, die sie ihre freien Arbeiten nennt, malt sie oft auf große Leinwände oder auf Glas. Eine ihrer jüngsten Hinterglasmalereien ist eine Serie von blau schillernden Fischbildern. Außerdem hat sie ein Faible für Comics, und sie modelliert gern riesige Legostein-bunte Plastiken.
Ihre Bilder und Skulpturen heißen "The Day under the Water" oder "Das Blaue vom Himmel". Was fast schon poetisch klingt im Vergleich zu den Titeln der anatomischen Präparate, für die Bezeichnungen wie "Rechte Augenhöhle, seitlich eröffnet" üblich sind.
Überhaupt scheinen ihre zwei Berufe in zwei Welten stattzufinden. Die eine besteht aus ihrem weitläufigen, mit Büchern, Farbtuben und Zementsäcken vollgestopften Atelier, das sie mit zwei Freunden teilt, in dem ihr überdimensionaler Hund herumtapst und in dem der CD-Spieler permanent läuft. Die andere Welt ist fast lautlos, und dort trägt Sperlich einen weißen Kittel.
Meistens zieht sie sich dann in den hinteren Raum der anatomischen Sammlung zurück, in dem etliche Schädel zu sehen sind und der während ihrer Arbeitszeit für Besucher zur Tabuzone erklärt wird: Denn durch eine Seitentür wird ein Körper - oder wenigstens ein Teil davon - hineingeschoben und vor ihrem Stahlpult aufgebahrt.
An manchen Tagen muss sie sich gleich mit 30 Toten im Präpariersaal aufhalten. Sie steht daneben, wenn die Präparatoren ihre Schnitte setzen und dann langsam ins Innere des Körpers vordringen.
Sezieren, sollte man meinen, ist unheimlich. Zwar fließt kaum Blut, weil die meisten Leichen mit Desinfektionsmittel ausgespült wurden. Aber wer hat schon gern täglich den Tod vor Augen, und sei es nur arme- oder lungenweise?
In früheren Zeiten war so viel Neugier auf die menschliche Beschaffenheit sogar verboten. Im 13. Jahrhundert belegte der Papst Sektionen mit einem Kirchenbann. Später durften in Bologna vor allem hingerichtete Schwerverbrecher aufgeschnitten werden - nicht um die Wissenschaft zu unterstützen, sondern als zusätzliche Strafe. Im anatomischen Theater in Padua, 1594 eingeweiht, durften Laien bei den bis zu drei Tage dauernden Sektionen zuschauen, mussten aber Eintritt bezahlen. Bei Frauenleichen oder wenn Geschlechtsteile zu sehen waren, wurde die Gebühr verdoppelt.
Heute wird so viel seziert oder auch Gewebe weggeätzt, dass an manch einem tranchierten Kopf nur die Ohren als solche wiederzuerkennen sind oder von einem anderen Schädel nicht mehr als ein kompliziertes Gewirr von Arterien erhalten bleibt. Für solche schaurig-schönen Objekte erhalten Präparatoren Preise.
Allerdings kann ein blau eingefärbter Querschnitt durch den Hals tatsächlich erstaunlich ästhetisch wirken - und so abstrakt, dass man vergisst, dass dieser Hals je einen echten Kopf getragen hat. Sperlich hat ohnehin längst ihren eigenen Forschungsdrang entwickelt. Um ein Gefühl für Aufbau und Konsistenz von Gewebe, Knochen, Knorpeln oder Muskeln zu bekommen, hat sie auch selbst schon seziert. Kleine Schnitte nur, die aber hilfreich für das Begreifen gewesen seien.
Auf ihr Gemüt schlage die morbide Atmosphäre im Anatomischen Institut jedenfalls nicht. Es werde, sagt sie, viel gelacht. Aber nie in der Nähe eines Toten. Im Gegenteil. Ihr gefalle die "selbstverständliche Pietät" ihrer Medizinerkollegen.
Natürlich denkt sie manchmal darüber nach, wie die Menschen, die "als Leichen ziemlich einsam wirken" , wohl gelebt haben. "Aber man kann sich ja vorstellen", sagt sie, "dass diese Leute eine schöne Biografie hinter sich haben."
Wer vor ihr liegt, auch das beruhigt, ist freiwillig da. Nur wenn jemand in seinem Testament verfügt hatte, dass er seinen Körper der Wissenschaft vermacht, darf er hier seziert werden. Später werden die einzelnen Körperteile eines Spenders in einen Sarg gelegt, nach einer Feuerbestattung wird die Urne auf einem Ehrenfriedhof begraben.
Oft handelt es sich, weiß Sperlich, um frühere Mediziner, manchmal aber auch um Leute aus der Umgebung, die fasziniert von dem Gedanken gewesen seien, dass ihr Körper als Forschungsobjekt die Menschheit womöglich klüger werden lasse. Bevorzugt werden männliche Tote, weil deren Muskeln und Organe ausgeprägter und anschaulicher sind.
Etwa tausend Zeichnungen hat Sperlich im Lauf der Jahre abgeliefert und sich "beinahe durch den ganzen Körper gearbeitet". Galle, Leber und Bauchspeicheldrüse fehlen ihr noch, und denen fiebere sie jetzt regelrecht entgegen.
Zwei bis drei Stunden sitzt sie an einer einzelnen Skizze. Die Reinzeichnungen, die als Druckvorlage dienen, fertigt sie in ihrem Atelier an. Ihre künstlerische Freiheit ist aber begrenzt.
Auf ihren Leinwänden mag die Künstlerin den "großen Schwung". Die Mediziner verlangen dagegen eine nüchterne Spitzfindigkeit und ein Talent zum Schematisieren. Was bedeutet: Sperlich hat einen individuellen Körper vor sich, aber sie soll allgemein gültige Strukturen erfassen. Eine Arterie zweige sich anders auf als ein Nerv, und das muss auch nachzuvollziehen sein.
Sie muss sich, damit sich die Mediziner später schnell durch ihre Abbildungen navigieren können, an einen Farbstandard halten: Arterien werden rot, Nervenbahnen gelb und Venen blau ausgemalt, Lymphknoten sind immer grün. Fotos mögen naturnäher ausfallen. Aber häufig sind auf ihnen wesentliche Details kaum zu unterscheiden.
Ab und an lässt sich die Künstlerin von den Erlebnissen im Anatomischen Institut inspirieren. Sie hat auf postkartengroßen Blättern ihre Tage im Atelier und im Institut gezeichnet und sie "Aus dem Leben. Von dem Tod" genannt. Ein Bild zeigt ihren Frühstückstisch, ein anderes einen nackten Fuß, an dessen Zeh eine Plakette hängt. Ein Crossover zwischen tödlicher Thematik und comicartiger Gelassenheit.
"Im Dienste der Wissenschaft zu arbeiten", sagt Sperlich, "ist ja durchaus befriedigend." Aber wichtiger sei ihr, keine Frage, die freie Kunst.
Eines ihrer Lieblingsobjekte ist ein riesiger bunter Drache aus einem Spezialzement, den sie Anfang der neunziger Jahre modelliert hat und der heute im Garten einer Schule steht.
Die Anatomie des Tieres spielte keine Rolle, wichtig war nur, dass der Drache bloß nicht furchterregend wirkt und dass er nicht zusammenkracht, wenn die Kinder auf ihm herumklettern.
ULRIKE KNÖFEL
Von Ulrike Knöfel

UniSPIEGEL 5/2000
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