01.11.2000

forschenVORSICHT, EISBÄREN

DAS NÖRDLICHSTE UNI-INSTITUT DER WELT AUF SPITZBERGEN IST NUR ETWAS FÜR EISKALTE STUDENTEN.
Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, über die Schulter ein großkalibriges Gewehr gehängt und vor den Augen ein kräftiges Fernglas - so steht Charlotte Gunnefors, 22, Biologiestudentin aus Tromsø, auf dem höchsten Punkt einer großen Eisscholle und bewacht angespannt ihre Mitstudenten.
Das Satelliten-Navigationssystem GPS zeigt 80 Grad 46 Minuten nördlicher Breite. Das norwegische Forschungsschiff "Jan Mayen" hat sich den ganzen Tag durch die bis 2,50 Meter dicken Eisschollen gequält. An Bord sind 20 Studenten und 3 Professoren von "Unis" - The University Courses on Svalbard -, des nördlichsten Uni-Instituts der Welt.
* Vor dem Tauchen unters Eis.
Als es in dieser eisigen Wüste nicht mehr weitergeht, macht die "Jan Mayen" an einer großen Scholle fest. Ein paar Studenten, die sich mit Eisfauna - kleinen krebsartigen Tieren, die im Spalt- und Lückensystem des Eises leben - beschäftigen, warten schon ungeduldig darauf, mit ihrem Eisbohrer der Scholle Proben zu entnehmen. Eine Gruppe Taucher geht unter dem Eis zusätzlich mit Netzen und einer Art "Unterwasserstaubsauger" auf Jagd nach den Tierchen.
Erst gestern folgte ein Eisbär dem Geruch der "Jan Mayen" und lief direkt vor dem Bug des Schiffes herum. Charlotte nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. Es ist jederzeit mit dem Auftauchen eines Bären zu rechnen. Auch von der Brücke der "Jan Mayen" wird die Umgebung mit einem Fernglas überwacht.
Ole-Jørgen Lønne, Professor für Meeresbiologie, stellt einer Studentengruppe die Krebstierchen vor, die einer der Taucher soeben mit dem Unterwasserstaubsauger unter dem Eis hervorgeholt hat. Aufmerksam lauschen die Studenten, als Lønne die Anpassungen der Tiere an das Eis erklärt.
"Besser kann man nicht studieren", sagt Nicolai Schaaf, 23. Nach dem Biologie-Vordiplom und einem Job als studentische Hilfskraft am Institut für Polarökologie in Kiel entschloss er sich, erst mal in die Arktis zu gehen.
Nach der Arbeit lassen es sich ein paar Studenten nicht nehmen, zwischen die Eisschollen ins Meer zu springen - bei minus 1,5 Grad Wassertemperatur.
Die Exkursion mit der "Jan Mayen" ist Teil eines meeresbiologischen Kurses im Rahmen des einjährigen Studienprogramms in arktischer Biologie. Unis liegt in Longyearbyen, der norwegischen Hauptsiedlung Svalbards - in Deutschland bekannter als Spitzbergen.
Longyearbyen hat etwa 1400 Einwohner und lebt heute noch von den Resten ehemals reicher Kohleminen. In den letzten Jahren haben aber auch Lehre und Forschung ebenso wie der Tourismus an Bedeutung zugenommen.
Vom Strukturwandel Longyearbyens profitieren auch die Unis-Studenten. "Was uns hier für Mittel zur Verfügung stehen - davon kann man in Deutschland nur träumen", sagt Merike Schulz, 25, Meteorologiestudentin aus Hamburg. Sie nimmt am Jahresprogramm in Geophysik teil und ist eine von derzeit zehn deutschen Studenten auf Svalbard.
Seit dem Herbst 1993 können Studenten aus aller Welt Kurse bei Unis belegen. Studiengebühren gibt es nicht, nur einen Semesterbeitrag von etwa 85 Mark verlangt die Universität Tromsø. Alle Veranstaltungen und Kurse finden in der offiziellen Unis-Sprache Englisch statt. "Nach ein paar Monaten versteht man aber auch schon ganz gut Norwegisch", meint Merike, die nur mit ein paar schwierigen norwegischen Dialekten Probleme hat, ansonsten mit ihren skandinavischen Kommilitonen nach den Vorlesungen nur Norwegisch redet.
Unis ist eine Stiftung der vier norwegischen Universitäten Bergen, Oslo, Tromsø und Trondheim. Etwa 50 Prozent der im Jahr durchschnittlich 100 Studierenden kommen aus dem Ausland. "Viel mehr dürfen es aber nicht werden, sonst kriegen wir wohl Ärger mit dem norwegischen Steuerzahler", sagt der Vorstandsvorsitzende der Unis-Stiftung, der Bergener Professor Kjell A. Sælen.
Das Unis-Studienangebot ist ausschließlich auf polare Regionen ausgerichtet und orientiert sich an Svalbards geografischer Lage in der Arktis. Die vier Abteilungen Biologie, Geologie, Geophysik und Technologie bieten 36 verschiedene Kurse an. Neben den einjährigen Studienprogrammen gibt es auch kürzere, mehrwöchige Kurse, die unabhängig voneinander belegt werden können.
Selbstverständlich hat jeder Studierende einen eigenen Arbeitsplatz in einem der Studienzimmer, und auch die technische Ausstattung ist auf dem neuesten Stand. Wartezeiten auf einen freien Computer kennt man hier nicht. Trotzdem sagt Unis-Direktor Lasse Lønnum augenzwinkernd: "Unser bestes Labor beginnt allerdings erst vor der Haustür: Das ist Svalbards Natur."
"As soon as you're ready, four rounds! Fire!" Fred Skancke Hansen, der Unis-Sicherheitschef, lässt die vier Studenten, die vor ihm auf dem Boden liegen und mit ihren Gewehren auf die etwa 50 Meter entfernt stehenden Papptafeln zielen, deutlich spüren, dass dies ein Befehl war. Für viele Studenten ist es hier das erste Mal, dass sie ein Gewehr in der Hand halten.
"Zunächst war es schon komisch, nach meinem Zivildienst nun doch noch schießen zu müssen", erzählt Nicolai, "man gewöhnt sich aber relativ schnell daran." Warnend wird die Geschichte einer Kommilitonin aus Island erzählt, die in der Polarnacht beim Verrichten eines dringenden Geschäfts hinterrücks von einem Eisbären überrascht wurde - sie war unbewaffnet, konnte sich aber noch knapp in eine Hütte flüchten.
Der Studienaufenthalt in der Arktis beginnt stets mit einem Sicherheitskurs. Neben der Schießausbildung stehen unter anderem Funken, Kartenlesen, Kompass, Schneemobilfahren, Notausrüstungen und Erste Hilfe unter arktischen Bedingungen auf dem Stundenplan. Bei einer theoretischen und praktischen Abschlussprüfung müssen die Studenten am Ende unter anderem zeigen, dass sie im Dunkeln Zelte aufbauen, ihre kleinen Benzinkocher zum Schneeschmelzen anwerfen können und wissen, wie groß die Kompassmissweisung auf Svalbard ist.
"Allein die richtige Kleidung bei minus 30 Grad ist eine Wissenschaft für sich", sagt die Norddeutsche Maren Mommens, 24, die zuvor schon an der Tromsøer Universität studierte und nach ihrem Svalbard-Jahr in Tromsø mit ihrer Diplomarbeit über Dorsch-Larven anfangen will. Im Januar, mitten in der Polarnacht des arktischen Winters, ist sie nach Spitzbergen gekommen.
Das Leben jenseits von 78 Grad nördlicher Breite ist manchmal alles andere als einfach. Auch wenn Longyearbyen mit Kino, Schwimmbad, Sporthalle, Krankenhaus, Bars, Geschäften und drei Hotels die Infrastruktur einer kleinen Stadt bietet - die Dunkelheit der Polarnacht, die hier knapp vier Monate dauert, ist nicht für jeden erträglich, auch wenn immer wieder tolle Nordlichter den Himmel erhellen. Temperaturen um minus 35 Grad sind keine Seltenheit. Wenn der Wind bläst, sind manchmal sogar minus 50 bis minus 60 Grad auszuhalten.
"Zwei Monate dachte ich, in einem roten Haus zu wohnen, bis ich, als es heller wurde, feststellte, dass es gelb ist", erzählt Maren. Die Studenten wohnen in Nybyen, einem kleinen Ortsteil Longyearbyens, der direkt vor der Moräne des großen Longyeargletschers liegt. Das Wohnheim besteht aus frisch renovierten ehemaligen Bergarbeiterbaracken. Mit sechs anderen Studenten teilt sich Maren eine gemütliche Küche. Ein Badezimmer hat sie zusammen mit ihrem dänischen Freund Jan Davidsen, 25, der zusammen mit ihr aus Tromsø zum Studium nach Spitzbergen gekommen ist. Umgerechnet rund 450 Mark Miete müssen die beiden jeweils für ihre kleinen Zimmer bezahlen.
"In dieser Lage und mit diesem Standard noch ein erträglicher Preis", meint Jan, bemängelt dann aber, dass häufig im Winter die Wasserleitungen eingefroren waren. Immer wenn es Wetter und Stundenplan erlauben, werden direkt vor dem Haus die Skier angeschnallt, und los geht's zu einer Tour auf den Nordenskjøldtoppet oder den Longyeargletscher. Neben dem Studium ist für die meisten Studierenden im Winter das
* Bei der Untersuchung von Fischen.
Skilaufen oder Schneemobilfahren die Hauptbeschäftigung, im Sommer das Wandern oder Paddeln.
Im Sommer locken 24 Stunden Helligkeit und das Licht der Mitternachtssonne auch nachts zu Unternehmungen. Die Sommer-Beachparty, bei der man die Lage in der Arktis fast vergessen kann, wird jedes Jahr im Juni von den Unis-Angestellten für die Studenten organisiert. Gegen die pralle Sonne muss auch noch um Mitternacht die Nase eingeschmiert werden, und zwischen zwei Grillwürstchen springen einige Mutige ins Wasser. Bloß lange drin bleiben will keiner.
"Spitzbergen ein ganzes Jahr lang erleben - den dunklen Winter mit Polarnacht und Nordlicht, den Schnee im Frühjahr, den Sommer mit Mitternachtssonne und dann wieder den Herbst mit der rückkehrenden Dunkelheit", sagt Geologiestudent Thomas Chereyron aus Frankreich, "das ist wie ein Traum."
SEBASTIAN UNGER
INFOS UND KONTAKTE
Umfangreiche Informationen zu den Studienmöglichkeiten auf Spitzbergen bietet der Studienführer "The University Courses on Svalbard"
Kontaktadresse:
UNIS, P. O. Box 156
N-9171 Longyearbyen
Tel.: 0047 7902 3300
E-Mail: studadm@unis.no
Bewerbungsfristen:
Frühlingssemester (Januar bis Juni): bis 15. Oktober
Herbstsemester (August bis Dezember): bis 15. April
Hilfreiche Homepages:
www.unis.no
www.svalbard.net
www.svalbard.com
Stipendien:
Deutscher Akademischer
Austauschdienst (DAAD)
Kennedyallee 50
53175 Bonn
www.daad.de
Von Sebastian Unger

UniSPIEGEL 5/2000
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