01.12.2000

studierenDIE KARRIEREMANAGER

DIE BISHER GRÖSSTE STUDIE ÜBER DIE BERUFSWEGE VON HOCHSCHULABSOLVENTEN ZEIGT: FAST JEDER STUDENT FINDET EINEN JOB - ABER ER MUSS MEHR KÖNNEN, ALS DIE UNI VERMITTELT.
Eines hat Holger Ellermann während seines Studiums gelernt: "Nur weil man studiert hat, bekommt man noch keinen Job. Da muss man sich schon selbst drum kümmern."
Ellermann, 32, muss es wissen: Sieben Jahre war er an der Uni Osnabrück für Literatur und Politik eingeschrieben - eine wenig Erfolg versprechende Fächerkombination. Er hatte beste Chancen, ein Premium-Kunde des Arbeitsamts zu werden.
Doch weil er sich früh für Medien interessierte, machte er Praktika bei der "Neuen Osnabrücker Zeitung" und beim Norddeutschen Rundfunk, verdingte sich als freier Mitarbeiter für Verlage und Filmfirmen. In seiner Examensarbeit analysierte er dann, wie Drehbücher geschrieben werden, und landete folgerichtig in der Filmindustrie.
Es war ein Aufstieg auf Raten: Erst arbeitete er frei für die Produktionsfirma Studio Hamburg, dann gab es einen Zeitvertrag und schließlich eine Festanstellung als Producer.
Ellermann gehört zu einer neuen Studentengeneration: Sie gestalten sich ihr Studium so, dass sie fit für den Überlebenskampf auf dem Arbeitsmarkt sind - auch wenn die akademische Ausbildung teilweise mangelhaft ist. Sie sind ihre eigenen Karrieremanager, jobben und organisieren sich Praktika und sorgen selbst für ihren Marktwert.
Und der Erfolg gibt den Absolventen Recht. Das Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung der Universität Kassel beweist mit der bisher größten Untersuchung über erfolgreiches Studieren: Akademiker haben wieder beste Chancen am Arbeitsmarkt. Vier Jahre nach dem Examen sind gerade drei Prozent der befragten Uni- und zwei Prozent der Fachhochschulabsolventen ohne Job. Nur Sozialwissenschaftler und Psychologen leiden unter einer erhöhten Arbeitslosigkeit.
Die Hälfte der befragten Absolventen hat maximal drei Monate nach einer Arbeitsstelle gesucht, ein weiteres Viertel bis zu einem halben Jahr. Nur sieben Prozent benötigten mehr als zwölf Monate - ein Schicksal, das vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler trifft.
So bereuen auch nur wenige ihre Studienzeit: 97 Prozent der 6400 befragten Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen würden wieder studieren, zwei Drittel sogar dasselbe Fach. Am zufriedensten sind die Informatiker an Universitäten, von denen 91 Prozent sich noch einmal der Computerwissenschaft widmen würden. Anglistik- und Romanistik-Absolventen hingegen würden oft eine andere Wahl treffen: Nur 53 Prozent erklärten, dass sie sich wieder mit Shakespeare oder Pirandello beschäftigen würden.
Weniger groß ist die Begeisterung für die einst besuchte Hochschule. Zwar plädieren 73 Prozent der Informatiker für ihre alte Alma Mater, aber nur 43 Prozent der Biologen und 41 Prozent der Mediziner würden an ihre frühere Studienstätte zurückkehren. Dabei ist die Wahl der Universität nach wie vor wenig entscheidend für den beruflichen Erfolg.
Die Kasseler Absolventenstudie liefert wertvolle Tipps für den Erfolg nach dem Studium: Was kann der Bewerber tun, um Pluspunkte bei den Personalchefs zu sammeln? Welche Fehler sollten bei der Jobsuche vermieden werden?
Eine wichtige Erkenntnis: Die Voraussetzung für einen guten Einstieg in den Beruf muss sich der Student schon während der Zeit an der Uni selbst erarbeiten. Zwar ist das Studienfach noch immer entscheidend - je nachdem, ob auf dem Arbeitsmarkt zum Beispiel wie jetzt Informatiker oder Ingenieure gesucht sind. Überdurchschnittliche Examensnoten und eine kurze Studienzeit versprechen allerdings nur in einigen Fächern eine Karriere mit hohem Einkommen. Eine gute Papierform hilft vor allem bei Wirtschaftswissenschaften und Jura.
In den meisten anderen Fächern garantiert ein Studium nach dem Motto "gut und kurz" allein noch keine Führungsposition. Zunehmend spielen bei der Einstellung Fähigkeiten eine Rolle, die an den Hochschulen kaum vermittelt werden.
Erwartet werden gute Schlüsselqualifikationen; der junge Mitarbeiter sollte frei reden und sicher auftreten können sowie teamfähig sein. Geschätzt werden Bewerber mit nützlichem Zusatzwissen - ein Jurist, der sich in der Informatik auskennt, oder ein Maschinenbauer, der über betriebswirtschaftliches Grundwissen verfügt. Fremdsprachenkenntnisse sind heute unverzichtbar, auch ein Auslandsaufenthalt macht sich gut in den Bewerbungsunterlagen. Und jeder Hochschulabsolvent muss selbstverständlich mit dem Computer umgehen können; Textverarbeitung, Grafik-Programme sowie das Internet dürfen keine Schwierigkeiten machen.
"Es reicht für einen Ingenieur heute nicht mehr, nur tolle Ideen auszutüfteln, er muss sie auch präsentieren und verkaufen können", argumentiert der niedersächsische Wissenschaftsminister Thomas Oppermann (SPD). Für Günter Hörcher, Abteilungsleiter bei Hirschmann Electronics in Neckartenzlingen bei Stuttgart, einem Hersteller von moderner Kommunikationstechnik, steht fest: "Technische und soziale Fähigkeiten stehen gleichberechtigt nebeneinander."
Während in den geisteswissenschaftlichen Fächern häufig die praktischen Erfahrungen der Absolventen unterentwickelt sind, mangelt es vielen Studenten technischer Fächer an sozialem und kommunikativem Können.
Für Gert Stürzebecher, der von New York aus den Top-Nachwuchs für Bertelsmann rekrutiert, ist klar, warum nicht nur die Examensnote zählt: "Am Ende setzten sich die Leute durch, die eine besondere Kombination von Qualifikationen aufweisen können."
Für Mario Litta, 31, gilt wie für viele Studenten: "Das Studium hat mich nicht gut auf den Beruf vorbereitet", so die nüchterne Erkenntnis des ehemaligen Betriebswirtschaftsstudenten der Uni Leipzig. Das Arbeitsleben in freier Wildbahn lernte Litta nur durch Praktika kennen, bei einem Wirtschaftsverband, einer Unternehmensberatung und einer Steuerkanzlei. "Erst da habe ich gesehen, was wirklich abläuft." Inzwischen hat er einen Job bei einem Dresdner Wirtschaftsprüfer.
"Ein bis zwei Jahre vor dem Examen sollte jeder anfangen, den Arbeitsmarkt zu beobachten", rät Beate Hentschel-Schroeder vom Hochschulteam des Arbeitsamts Stuttgart. Noch immer sind ihrer Meinung nach die Stellenanzeigen vor allem in den überregionalen Tageszeitungen die wichtigste Informationsquelle. Doch andere Ressourcen gewinnen an Bedeutung: "Recruiting-Messen und Job-Börsen im Internet sind heute fast genauso hilfreich", rät die Berufsberaterin.
Der Vorteil von Absolventen-Messen: Die Jobsucher können an einem Tag zu mehreren potenziellen Arbeitgebern Kontakt aufnehmen und die Angebote direkt miteinander vergleichen. Eine wachsende Zahl von Absolventen-Messen gibt es sowohl für bestimmte Sparten der Wirtschaft ("Career Days Informationstechnologie") als auch branchenübergreifend ("JOBcon").
Am radikalsten verändert derzeit jedoch das Internet den Stellenmarkt. E-Recruiting, wie die Personalsuche online genannt wird, ist der neue Trend. Computerfirmen wie Dell oder IBM kontaktieren ihren Nachwuchs inzwischen fast ausschließlich über das Internet. Doch auch bei Firmen der Old Economy sind Bewerbungen per E-Mail keine Seltenheit mehr.
Ob auf Papier oder elektronisch - die Studenten stellen sich dem Kampf um gute Jobs und beginnen immer früher mit der Arbeitssuche. Fast die Hälfte der befragten Absolventen testeten ihren Marktwert bereits vor dem Examen, ein Drittel meldete sich während der Prüfungsphase bei möglichen Arbeitgebern. Dabei verschickten die Maschinenbauer die meisten Bewerbungen, durchschnittlich 35, die Bauingenieure hingegen nur 11.
Künftig wollen mehr Hochschulen ihre Studenten bei der Vorbereitung auf den Beruf unterstützen. An fast 100 Unis und FH gibt es bereits "Career Center" oder Hochschulteams des Arbeitsamts, die Rhetorik- oder EDV-Kurse anbieten und Tipps geben für Bewerbungen und Vorstellungsgespräche. Meist sind diese Angebote kostenlos - im Gegensatz zu privaten Anbietern wie dem "Büro für Berufsstrategie" des Ratgeber-Autorenduos Jürgen Hesse und Hans Christian Schrader, die für eine Stunde individuelles Berufscoaching 200 Mark verlangen.
Absolventen technischer und mathematischer Studiengänge, vor allem Ingenieure und Informatiker, werden derzeit wie Stars umworben. Rund 90 Prozent von ihnen haben vier Jahre nach dem Examen eine reguläre und meist gut bezahlte Arbeitsstelle. Der Rest ist fast nie arbeitslos, sondern hat sich aus freien Stücken für einen anderen Weg entschieden.
Für Regina Tix, 30, war alles ganz einfach: An der Technischen Universität Darmstadt studierte sie Mathematik und Physik. Anschließend promovierte sie. Ihren heutigen Arbeitsplatz fand sie ohne Mühe: "Da war eine Stelle ausgeschrieben, die mich interessierte, auf die habe ich mich beworben und den Job bekommen." Tix arbeitet jetzt beim Deutschen Sparkassen Verlag im Bereich Zahlungssysteme.
Auf solche Chancen können Germanisten, Historiker, Chemiker oder Biologen nur neidvoll blicken. Viele Absolventen dieser Fächer schlagen sich mit befristeten Arbeitsverhältnissen herum, und ungefähr ebenso viele haben sich für ein weiteres Studium oder eine zusätzliche Ausbildung entschieden - oft auf Grund mangelnder Angebote.
Etwa 30 Bewerbungen brachte Martin Datzmann zur Post - ohne Erfolg. Und dabei wollte er nur einen Platz als Praktikant. Doch kein Arbeitgeber hatte Interesse an dem Sinologen und Völkerkundler. Um seine Aussichten zu verbessern, entschloss sich Datzmann, 34, zu einem Aufbaustudium zum Internationalen Betriebswirt. Das führte zum beruflichen Erfolg: Fünfmal bewarb er sich und erhielt drei Zusagen. Heute ist er Vertriebsbeauftragter für Asien in einem Maschinenbau-Unternehmen und kann seine Sprach- und Betriebswirtschaftskenntnisse perfekt kombinieren.
Bis in die achtziger Jahre war es normal, dass die meisten Hochschulabsolventen schon kurz nach dem Studienabschluss eine unbefristete Arbeitsstelle fanden. Das ist heute anders: Von allen befragten Uni-Absolventen hatten vier Jahre nach dem Examen insgesamt 28 Prozent nur einen befristeten Arbeitsvertrag, von den Abgängern der Fachhochschulen waren es 8 Prozent.
Am häufigsten trifft es Mediziner (93 Prozent), Biologen und Chemiker sowie Psychologen zu rund 50 Prozent. Von diesen sind allerdings viele, insbesondere unter den Ärzten, noch in einer Fachausbildung oder in wissenschaftlichen Berufen tätig. Unter den Sozialwissenschaftlern und Pädagogen haben jedoch auch 41 und 40 Prozent der Absolventen nur eine befristete Stelle gefunden - oft ein Zeichen unsicherer Beschäftigung.
Trotz aller Schwierigkeiten - entgegen dem Klischee reagieren die meisten Studenten flexibel und anpassungsfähig auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts. Am Traumjob festzuhalten ist out, Chancen suchen und ausprobieren dagegen in. Wer keinen zufrieden stellenden Arbeitsplatz findet, der macht eine Weiterbildung oder promoviert, akzeptiert Zeitverträge oder verdingt sich für eine Übergangsphase im Notfall auch mal in zwei Jobs gleichzeitig.
Den Aufstieg vom Klappsitz in der Vorlesung direkt auf den Chefsessel der eigenen Firma wagt in Deutschland bisher aber nur ein kleiner Teil der Akademiker. Doch auch für den ehrgeizigen Existenzgründer bieten immer mehr Hochschulen in Zusammenarbeit mit dem Bund, mit Landesregierungen oder Unternehmen Programme an. Projekte wie das "Bayerische Förderprogramm zum leichteren Übergang in eine Gründerexistenz" oder das "Hamburger Existenzgründungs Programm" wollen junge Absolventen ermutigen, sich selbständig zu machen und auf dem freien Markt ihr Glück zu versuchen.
Michael Bischoff hat mit 32 Jahren bereits wie viele seiner ehemaligen Kommilitonen eine akademische Patchwork-Karriere hinter sich: Er studierte an der Universität Erlangen Soziologie, Volkswirtschaft und Kommunikationswissenschaften.
Da er während des Studiums als freier Journalist gejobbt hatte, arbeitete er anschließend erst einmal für die "Nürnberger Nachrichten". Als ihn dies nicht mehr zufrieden stellte, wechselte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter zurück an die Uni, danach in gleicher Funktion zu einem Landtagsabgeordneten. Daneben gründete er einen Kleinverlag für Anzeigenblätter.
"Die Arbeit im Abgeordnetenbüro ist so gut, wie man es sich nur wünschen kann", sagt Bischoff zufrieden. Mit seinem Job als Verleger ist er hingegen noch nicht glücklich: "Das ist enorm verbesserungswürdig." JOACHIM MOHR
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DIE GROSSE UMFRAGE UNTER 6400 ABSOLVENTEN AUS ÜBER 20 FÄCHERN
Im Rahmen der internationalen Studie "Hochschule und Beruf in Europa" wurden in Deutschland rund 6400 Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen befragt. Die Ex-Studenten aus dem Studienjahr 1995 beantworteten einen langen Fragenkatalog - unter anderem zu ihrem Übergang vom Studium in den Beruf. Über 20 Studienfächer wurden von den Sozialwissenschaftlern Ulrich Teichler und Harald Schomburg vom Wissenschaftlichen Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung der Universität Kassel untersucht.
DER SPIEGEL präsentierte in seiner Ausgabe vom 13. November (Heft 46) in einer Titelgeschichte Ergebnisse über den Zusammenhang von Studium und Beruf. Der UniSPIEGEL veröffentlicht nun weitere Daten aus der Absolventenstudie.
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BESSER UND SCHNELLER IN DEN JOB
Die Hochschulteams der Arbeitsämter, vertreten an vielen größeren Studienorten, bieten ein vielfältiges Programm: Rhetorik-Kurse genauso wie Bewerbungstraining oder persönliche Beratung. Häufig berichten auch Vertreter aus der beruflichen Praxis über ihren Alltag. Informationen bei den Arbeitsämtern vor Ort oder online unter www.arbeitsamt.de/hst/services/studierende/bbhst1m.html.
Ein Überblick über anstehende Absolventen-Messen findet sich im Internet unter www.sueddeutsche.de/karriere/ campus/karr-cam-messen.htm
Bücher:
Jürgen Hesse, Hans Christian Schrader: "Neue Bewerbungsstrategien für Hochschulabsolventen". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 328 Seiten; 32 Mark.
Svenja Koch: "Stellensuche und Bewerbung im Internet". Humboldt Taschenbuchverlag, München; 144 Seiten; 19,90 Mark.
Klaus Schürmann, Suzanne Mullins: "Weltweit bewerben auf Englisch". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 184 Seiten; 29,80 Mark.

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