01.12.2000

streiten„GEISTESWISSENSCHAFTEN ALS FLUCHTBURG“

DIE WIRTSCHAFTSPROFESSORIN ANN-KRISTIN ACHLEITNER UND DER ALTPHILOLOGE THOMAS A. SCHMITZ ÜBER DEN NUTZWERT DES STUDIUMS
UniSPIEGEL:
Professor Schmitz, muss einen Altphilologen nicht das schnöde Nutzwertdenken ärgern, das derzeit in der Bildungspolitik modern ist?
Schmitz:
Mich betrübt, dass die Diskussion nicht mit Substanz geführt wird. Wir laufen wie eine Schafherde irgendwelchen Leithammeln hinterher, die "Modernisierung" blöken, anstatt zu diskutieren, was "modern" eigentlich bedeutet.
UniSPIEGEL:
Aber ist es nicht eine Tatsache, dass unser Bildungssystem reformiert werden muss?
Schmitz:
Sicher. Doch heute soll die Uni um jeden Preis wirtschaftsnah, flexibel und global sein. Wir sollten aber nicht nur darüber streiten, wie man das erreichen kann. Man muss auch fragen, ob es noch andere wichtige Kompetenzen und Inhalte gibt. Das fehlt mir.
UniSPIEGEL:
Frau Professor Achleitner, wie viele Altphilologen wie Herrn Schmitz kann der Standort Deutschland verkraften, ohne dass seine Wettbewerbsfähigkeit allzu sehr leidet?
Achleitner:
Die Frage ist gar nicht: Altphilologie oder Betriebswirtschaftslehre? Die Frage ist, was für Denkmethoden gelehrt werden sollten. In dem Sinn haben die so genannten Orchideenfächer ihre Existenzberechtigung. Ich habe das bei meinem Studium in St. Gallen selbst erfahren - ein Viertel des Diploms dort ist ein so genanntes Kulturfach. Das ist sehr wichtig, um die oft sehr monolithischen Fakultätsstrukturen aufzubrechen.
UniSPIEGEL:
Werden auf diese Weise nicht alle Studiengänge ohne direkten Nutzwert zu Nebenfächern reduziert und nur noch als Steinbruch betrachtet, aus dem sich die angewandten Wissenschaften bedienen können?
Achleitner:
Ich glaube, das "Neben" darf nicht als Wertung gesehen werden. Das "Neben" ist für mich eine Horizonterweiterung von elementarer Bedeutung.
UniSPIEGEL:
Und wie wollen Sie ein Zweiklassensystem der Studienfächer verhindern?
Achleitner:
Wir müssen in mehrstufigen Studiengängen denken. In Deutschland ist noch immer die Kaminkarriere die Regel: einmal Byzantinist, immer Byzantinist. Ich kann mir vorstellen, dass wir in einem ersten Schritt Altphilologen ausbilden, die sich in Aufbaustudiengängen wie dem MBA spezifisches Fachwissen aneignen und dann in vollkommen anderen Bereichen enden - etwa als Investmentbanker oder Unternehmensberater.
Schmitz:
Niemand möchte ja zurück ins 19. Jahrhundert, als Latein und Griechisch für jede Karriere nötig waren. Das ist Unfug. Aber wer heute Altphilologie studiert, sollte mit seiner Qualifikation eigentlich in allen möglichen Berufen gern gesehen sein.
UniSPIEGEL:
Oft ist der Berufseinstieg für Geisteswissenschaftler schwierig. Liegt das daran, dass die Wirtschaft immer noch vor allem Spezialistentum honoriert?
Achleitner:
Es gibt zwei Fehlleitungen in der deutschen Bildungslandschaft. Die erste ist, dass wir sehr lange studieren. Ich beurteile natürlich einen Altphilologen, der sich bei mir bewirbt, anders, ob er nun 22 oder 28 Jahre alt ist. Das zweite große Problem ist die Abschottung der Studiengänge gegeneinander. Dieses sehr deutsche Ideal macht es viel schwieriger, jemanden zu integrieren. Im Immobilienbereich etwa ist es enorm wichtig, dass BWLer mit Architekten und Landschaftsplanern zusammen arbeiten können. Und das wird natürlich leichter, wenn sie auch schon zusammen studieren.
UniSPIEGEL:
Die Halbwertzeit von Wissen nimmt rapide ab. Wenn Fachwissen so schnell veraltet, werden dann nicht Abstraktionsfähigkeit und Methodenkompetenz immer wichtiger?
Schmitz:
Das ist ein wichtiger Punkt: Man sollte sich fragen, wie viel Prozent der Kenntnisse aus dem Studium ein Betriebswirt in einem Wirtschaftsunternehmen direkt anwenden kann und wie viel ein Altphilologe.
UniSPIEGEL:
Wie viel meinen Sie denn?
Schmitz:
Ich glaube, es wäre wohl bei beiden eine niedrige Prozentzahl. Und der Abstand wäre nicht so groß, dass er die größere Nachfrage nach Ökonomen gegenüber Geisteswissenschaftlern am Arbeitsmarkt rechtfertigte. Beide müssen sich das Allermeiste im Lauf der ersten Berufsjahre selbst erarbeiten, und dazu muss man vor allem gelernt haben, effektiv zu lernen.
UniSPIEGEL:
Demnach wäre die Denk-Ausbildung an der Uni wichtiger, als im Praktikum Betriebsluft zu schnuppern?
Achleitner:
Nein. Der intellektuelle Transfer ist gerade eine der wichtigen Sachen bei den Praktika. Da lernt man Abläufe begreifen und das Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu durchschauen. Dazu kommt: Jemand, der Dinge aus Eigeninitiative tut, der Motivation und Energie zeigt, demonstriert Charaktereigenschaften, die als Einstellungskriterium unheimlich wichtig sind.
Schmitz:
Ich stelle auch fest, dass bei uns diejenigen, die ein Praktikum machen, die besten fünf oder zehn Prozent der Studenten sind. Die probieren sich in allen möglichen Richtungen aus und gehen mit sehr offenen Augen durch das Studium. Sie bauen nicht mehr darauf, dass ihnen allein der Uni-Abschluss später eine Karriere ermöglicht.
UniSPIEGEL:
Und die restlichen 90 Prozent?
Schmitz:
Man darf nicht verschweigen, dass gerade die geisteswissenschaftlichen Fächer auch eine Fluchtburg für Leute sind, die der harten Realität noch eine Weile ausweichen wollen. Davon haben wir überdurchschnittlich viele, und die sind weder gute Studenten, noch bringen sie genügend Eigeninitiative auf, in Praktika oder anderswo etwas auszuprobieren - dabei könnte gerade das ihnen helfen herauszufinden, was sie eigentlich vom Leben wollen.
Achleitner:
Genau, ganz wichtig ist, dass man sich selber kennen lernt. Es gibt jede Menge Medizinstudenten, die wollen Chirurgen werden, haben aber noch nie eine offene Wunde gesehen.
UniSPIEGEL:
Der Effizienzdruck auf die Universitäten nimmt zu; mehr und mehr werden Hochschulen geführt und bewertet wie Wirtschaftsunternehmen. Ist das der Beginn eines goldenen Zeitalters für Lehre und Forschung oder das Ende der "Universitas", des Humboldtschen Bildungsideals?
Schmitz:
Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, welche Fächer wir uns leisten wollen. Die Frage ist nicht nur, welche Ausbildung, sondern auch, was wir an Bildung benötigen. Die Vermittlung der geschichtlichen Dimension zum Beispiel ist absolut notwendig; junge Menschen mit den großen Werken aus Kunst und Literatur vertraut zu machen deckt ein gesellschaftliches Grundbedürfnis ab. In Europa sind wir ständig dabei, uns neu zu erfinden, wir haben gerade eine große Debatte über Leitkultur in diesem Land. Mit diesen sehr wichtigen Sinnfragen muss sich die Gesellschaft unbedingt auseinander setzen.
UniSPIEGEL:
Klaus Landfried, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, hat gesagt, das Herz der Wissenschaft schlage "sehr viel ruhiger als das des Marktes und seiner Moden". Braucht die Wissenschaft einen Herzschrittmacher?
Achleitner:
Die Wissenschaft braucht auf der einen Seite Stabilität in der Ausbildung. Auf der anderen Seite muss die Universität aber auch fähig sein, der Praxis neue Impulse zu geben. Deswegen ist es zum Beispiel wichtig, innovative Studiengänge zu entwickeln - aber auch Fächer zu streichen, die obsolet sind. Die European Business School hat mehrere Studiengänge zum ersten Mal überhaupt in Deutschland angeboten, etwa Umweltökonomie. Damals war das bahnbrechend, heute ist dies ein Gebiet, das die Wirtschaftswissenschaften vollkommen durchdrungen hat. Also hat man den Lehrstuhl wieder abgeschafft.
UniSPIEGEL:
An Privathochschulen geht so etwas, an den staatlichen Unis aber herrscht das Gremienunwesen ...
Schmitz:
... die Gremienwirtschaft hat zu einer allgemeinen Lähmung geführt, bei der man sich nur noch gegenseitig beobachtet und darauf schaut, dass niemand eine falsche Bewegung macht. Und das führt dann dazu, dass sich überhaupt niemand mehr bewegt.
UniSPIEGEL:
Wie kann man das ändern?
Achleitner:
Privatunis sind da auch Motoren. Wenn sie etwa neue Fächer anbieten, kann das Schneeballeffekte im staatlichen Bildungssektor haben. Die Universität Frankfurt am Main ist ein Beispiel dafür: eine öffentliche Uni, die sich in den Wirtschaftswissenschaften sehr stark neu erfunden hat, bis hin zu englischen Lehrstuhlbezeichnungen.
Schmitz:
Ich bin nicht sicher, ob sich das auf die Geisteswissenschaften übertragen lässt. Der Präsident von Harvard, Neil L. Rudenstine, hat 1997 geschrieben, es brauche einen Federstrich, um ein Fach zu schließen, aber 60 Jahre, um es wieder aufzubauen.
Achleitner:
Wir können Buchhaltung auch nicht einfach streichen, weil es Computer gibt. Aber es ist sicher richtig, dass bei uns der Prozess der kreativen Zerstörung sehr viel intensiver sein kann als bei Ihnen, wo Kontinuität ein Wesensmerkmal ist. Von daher würde ich es sogar als gefährlich ansehen, in Ihrem Gebiet auf Moden zu setzen.
UniSPIEGEL:
In Deutschland sind in den letzten zehn Jahren über 20 Privathochschulen gegründet worden. An allen werden nur wenige Mainstream-Fächer gelehrt, fast ausschließlich Wirtschaftswissenschaften. In den USA gibt es an privaten Unis auch Altphilologie. Warum nicht bei uns?
Achleitner:
Erst mal brauchen Sie immer den Anstoß von außen. In der Wirtschaft haben Sie einen natürlicheren Initiator für so etwas. Außerdem ist es teuer, eine Privatuni aufzubauen. Die wirtschaftswissenschaftlichen Fächer verursachen recht geringe Kosten bei gleichzeitig hohem Sponsorenpotenzial. Das ist bei Chemie oder Altphilologie eben anders. In Harvard gibt es zwar beides, aber das ist innerhalb von 200 Jahren gewachsen.
UniSPIEGEL:
Herr Schmitz, welche Freiheiten, die Frau Achleitner an einer privaten Uni hat, vermisst ein Universitätsprofessor an einer staatlichen?
Schmitz:
Dass an etablierten Universitäten kein Gespräch darüber möglich ist, was überhaupt notwendig ist und was nicht. Dort verharrt man in Besitzstandsdenken, weil so enge Vorgaben gemacht werden. Wir müssen ständig damit rechnen, dass Flexibilität als Schwäche ausgelegt wird und sofort zu massiven Kürzungen führt.
UniSPIEGEL:
Umgekehrt gefragt, Frau Achleitner: Welche Zwänge spüren Sie an einer wirtschaftsfinanzierten Hochschule, denen Herr Schmitz nicht unterliegt?
Achleitner:
Wir müssen uns am Markt behaupten. Wenn wir nicht schneller, besser, moderner sind, dann gibt es weder für Studenten noch für Sponsoren einen Grund, uns Geld zu geben.
Schmitz:
Dieser Refinanzierungszwang der deutschen Privatunis bedeutet doch, dass sie im Zweifelsfall jene Unabhängigkeit nicht verteidigen könnten, die für die Idee der Universität eigentlich konstitutiv ist. Ein Beispiel: Die amerikanische Elite-Uni Yale hat vor kurzem Fördergelder abgelehnt, weil der Stifter zu viel Einfluss auf den Inhalt nehmen wollte. Yale kann locker auf ein paar Millionen verzichten, eine deutsche Privat-Universität wäre wohl schon sehr viel eher bereit, mehr dafür zu tun. Nach meinem Eindruck hat die deutsche Wirtschaft ein sehr großes Anspruchsdenken und ist offenbar der Ansicht, in sehr hohem Umfang auch bestimmen zu dürfen, wenn sie zahlt.
Achleitner:
Ich habe eine Stiftungsprofessur - Einmischung in negativer Form habe ich trotz intensiven Praxiskontakts nie erlebt. Im Gegenteil, ich profitiere davon mitzubekommen, was für Inhalte fehlen oder welche neuen Richtungen es in meinem Fach gibt.
UniSPIEGEL:
Was würde passieren, Herr Schmitz, wenn Ihre Studenten Studiengebühren zahlen müssten wie an Privatunis?
Schmitz:
Wenn ich im Augenblick mit meiner Infrastruktur in Frankfurt Studiengebühren nehmen wollte, dann stünde
* Mit den Redakteuren Hans Michael Kloth und Julia Koch im Münchner SPIEGEL-Büro.
ich mit einem Bein im Gefängnis, weil das Betrug wäre. Aber im Ernst: Bei der Marktlage müssten wir unser Institut dichtmachen, weil wir niemandem garantieren können, dass er für diese Investition hinterher einen adäquaten Return bekommt.
UniSPIEGEL:
Beruht der geringe Marktwert Ihrer Studenten vielleicht auch auf Unkenntnis der Nachfrager?
Schmitz:
Ein erschreckendes Beispiel dafür habe ich durch meine Frau erfahren, die Sinologin ist: Ein VW-Manager beklagte sich bei einem Vortrag darüber, dass seine Leute nicht gern nach China gingen, weil sie die Sprache nicht beherrschten und kulturelle Schwierigkeiten hätten. Im Raum saßen 50 Sinologen, die alle geschrien haben: Wir würden das gern machen! Wir sprechen perfekt Englisch, wir können hervorragend Chinesisch, viele von uns haben Wirtschaft im Nebenfach. Die Antwort war: Wir brauchen aber Betriebswirte.
UniSPIEGEL:
Kommt es am Ende mehr darauf an, gut in seinem Fach zu sein, als auf das, was man genau studiert hat?
Achleitner:
Man sollte niemals im Leben etwas studieren, für das man nicht ein bisschen brennt - nur weil man glaubt, dass es der Markt verlangt. Der Beruf ist nach der Wahl des Ehepartners die wichtigste Entscheidung im Leben. Wenn man nicht mit dem Herzen dabei ist, wird dabei automatisch weniger herauskommen, als wenn man etwas mit Begeisterung tut.
UniSPIEGEL:
Frau Achleitner, Herr Schmitz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

UniSPIEGEL 6/2000
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