01.12.2000

arbeitenDIE LANGE NACHT DER NÄHTE

ANGEHENDE MODEDESIGNER BRAUCHEN NEBEN PHANTASIE AUCH VIEL PRAXIS - IM STUDIUM MÜSSEN SIE ERST MAL KNOPFLÖCHER NÄHEN UND ROSEN STICKEN.
Der Stoff raschelt, ein Reißverschluss wird geöffnet. Vier Hände halten die enge Korsage über dem ausladenden Rock auf, in den das Model vorsichtig schlüpft. 40 Meter Tüll verbergen sich unter dem zarten beigefarbenen Seidenrips und lassen das Kleid sich majestätisch entfalten. Der Verschluss wird zugezogen, unter der Last des Stoffs spannt sich das schulterfreie Oberteil um die Taille der schlanken Schönheit. Der Modeschöpfer legt ihr noch eine Pelzstola um und ist zufrieden.
Keine Haute Couture aus Paris und auch keine Prada-Kostüme aus Mailand kommen hier auf den Laufsteg. Es sind Diplomarbeiten der Modedesign-Studenten von der FH Trier, die zum Studienabschluss im Foyer präsentiert werden. "Die sieben Todsünden" hat Markus Ehrhard, 29, in Stoff verwandelt. Jedes Kleid verkörpert eine Todsünde, etwa den Neid. "Der sollte das schönste Kleid ergeben", meint Ehrhard, denn wer neidisch sei, lebe in zwanghafter Opulenz.
Seine kreative Kollektion hat dem Studenten den Lorch-Preis eingebracht, mitsamt 10 000 Mark - die höchste Auszeichnung für Nachwuchsdesigner in der deutschen Textilindustrie.
Rund 2300 Studenten für Textilgestaltung sind derzeit an deutschen Universitäten und Fachhochschulen eingeschrieben. Die Branche ist umkämpft: Nur wenige schaffen den Sprung in die großen Modehäuser wie Cerruti, Dior oder Chanel. Absolventen der FH Trier finden sich immer darunter.
Julia Schwab, 22 Jahre und im dritten Semester, wollte eigentlich Produktdesign studieren. Aber bei dem Auswahlverfahren hielten die Professoren sie für zu jung. Dann arbeitete sie in einem kleinen Atelier, und danach wusste sie, "das isses".
Bei Jessica Reyes, 23, liegt Mode in der Familie. Ihre Großeltern waren Schneider in Spanien und auch ihre Eltern. Während ihrer Ausbildung zur Schneidergesellin hat Reyes die Kleider für ein Ballett zum Westfälischen Frieden in Münster entworfen. Als dann die Kostüme auf der Bühne gezeigt wurden, "da war ich einfach nur stolz. Ich hätte platzen können. Seht her, das bin ich, und die Leute sehen jetzt meine Klamotten!"
Für Jessica war die FH am Rande von Rheinland-Pfalz, unweit der luxemburgischen Grenze, allerdings erst die dritte Wahl. Zunächst wollte sie nach Berlin oder Hamburg. Die großen Modeschulen in den Metropolen locken mit international renommierten Gastdozenten wie der Engländerin Vivienne Westwood. Inzwischen ist sie froh, hier zu sein. "In Berlin sind die ganz Verrückten, also die Abgespaceten mit den Superkreationen. Hier wird einem aber beigebracht, wie man später in der Branche arbeitet, da muss man sich schon nach den Kunden richten."
Barbara Best, die Dekanin des Fachbereichs, sagt es in schnörkelloser Klarheit: "Wir wollen die Studenten so ausbilden, dass sie industriereif sind." Dazu gibt es ein Allround-Programm: Marketing, Recht, ein Praxissemester in der Industrie und natürlich die Grundlagen für gutes Design stehen auf dem Lehrplan der acht Semester; von der Beschaffenheit und dem Aufbau der Stoffe in Textilchemie über Kostümkunde und Kunstgeschichte zum sauber gezeichneten Entwurf. Daraus entstehen in jedem Semester ganze Kollektionen, von denen die Studenten einzelne Outfits verwirklichen - und das in reiner Handarbeit.
Nähen, sticken, stricken, Reißverschlüsse einsetzen - jeder Handgriff wird im Unterricht für industrielle Techniken perfektioniert. "Sticken habe ich gehasst", meint Luminata Banuta, 25, aus dem vierten Semester. Aber der Nählehrer habe sie so angetrieben, dass sie es sich selber beweisen wollte. Jetzt ist sie auf die fein gearbeitete Rose, die sie auf dem transparenten Rückenteil ihres Kleides aus dem letzten Semester wie ein Tattoo aufgestickt hat, besonders stolz.
Mit einem guten Entwurf und einer Kollektion ist es aber noch nicht getan. "Präsentation" heißt das magische Wort, auf das die Dozenten besonderen Wert legen. Der Designer muss sich als Erstes selbst inszenieren, dann seinen Entwurf durchstylen. Dazu gehört zum Beispiel ein "Shop-Konzept", mit dem die Kleider verkauft werden sollen. Vom Katalog über den Bügel bis zum Preisschild wird ein einheitliches Design rund um das Produkt entworfen.
Steht der Entwurf einer Kollektion, müssen ihn die Studenten im Kurs vorstellen und in der Diskussion mit Professor und Kommilitonen verteidigen. Höhepunkt solcher Präsentationen sind die öffentlichen Modenschauen, bei denen die Studenten selber ihre Kleider tragen. Beim letzten "Tag der offenen Tür" musste auch die zurückhaltende Julia auf den Laufsteg. "Aufregend" war das natürlich, vor allem weil sie die Nacht lang vorher durchgearbeitet hatte, um alles fertig zu nähen. Und dann, "hinterher war ich total erleichtert, weil: Ich bin nicht gestolpert, ich bin nicht gestorben. Es ist alles gut gelaufen".
Nach einem Umzug in ein ehemaliges Kloster können die Studenten auf zwei Laufstegen üben und in einem großen Fotostudio die Kreationen professionell ablichten. Mit neuen Computern erstellen die FH-Designer ihre Schnitte nun digital.
Darauf ist Jo Meurer, der den Schwerpunkt "Industrielle Fertigung" unterrichtet, besonders stolz. Er ist Designer für Betty Barclay und entwirft regelmäßig die offizielle Kleidung der deutschen Olympioniken. Auch wenn Meurer viel Zeit in seinem Münchner Atelier verbringt, ist er es doch, der den Studenten die nötigen Kontakte zu den großen Modefirmen verschafft. Mit dem Chef der Jeansfirma Mustang hat er vereinbart, dass fünf Studenten für ein Praktikum in den Betrieb kommen.
Dieses Netz von Kontakten hat sich mittlerweile bewährt. Designer und Chefdesigner, die einst in Trier studiert haben, arbeiten bei Strenesse, Cerruti, Jil Sander und anderen großen Modehäusern und melden sich jetzt bei ihrer alten Schule, um sich die Nachwuchskräfte zu holen. "Täglich" kämen Faxe von Firmen, bestätigt Best, "mit der Aufforderung: Schickt uns Praktikanten".
Eine, die davon profitiert hat, ist Cordula Metternich, 24. Sie hat Anfang August ihre Diplomarbeit abgegeben und bereits zwei Angebote als Designerin ausgeschlagen. Das dritte hat sie angenommen. Sicherlich war Metternich keine gewöhnliche Studentin. "Andere haben nächtelang genäht, das habe ich nie gemacht. Ich habe immer nur so viel getan, dass es gereicht hat." Mit dieser Einstellung bekam sie immerhin den zweiten Preis bei der Herrenmodewoche in Köln für einen selbst entworfenen Mantel.
Kreatives Arbeiten liegt ihr nicht so, aber sie weiß eben, was der Kunde will. Das hat sie vor allem durch etliche Praktika gelernt. Das Studium hätte, wenn's nach ihr ginge, ruhig noch kürzer ausfallen können. Für ihre Diplomarbeit wollte sie unter so realen Bedingungen wie möglich arbeiten - Meurer vermittelte ihr dafür einen Platz bei Betty Barclay.
Jetzt ist Cordula Metternich Designerin für Accessoires bei QS, einer Marke von S. Oliver. Kreative Entwürfe sind da nicht mehr gefragt. "Jede Naht kostet Geld", war die erste Lehre in ihrem neuen Job. Die Ideen entstehen in anderen Häusern, von denen sie die Schnitte kopiert. Wichtig ist, was der Kundin gefällt, und "wenn die Hose 2- bis 3000mal verkauft wurde".
Einen solchen Job hätte Markus Ehrhard, der Lorch-Preisträger, wohl nicht angenommen. Er glänzte schon immer durch seine extravaganten Kreationen. Sein kreatives Coming-out hatte er im Studium während seines "Stricksemesters", eines der Schwerpunkte der Modeschule.
In dem Kurs bei Uta Kimling gestalten die Studenten vom Garn über Masche und Stoff bis zum Kleid alles selber. Höhepunkt ist das alljährliche "Strickereisymposium" in Apolda in Thüringen. Für eine Woche legen einige Strickbetriebe in der Textilregion ihre Aufträge beiseite und sind nur für die Ideen der Studenten da. Markus Ehrhard hat in
* Die Studentinnen Julia Weinstock, Isabell Schmitt, Melanie Siebenhaar und Tanja Machert präsentieren für das UniSPIEGEL-Titelbild Abschlussarbeiten von Alexandra Weise (Streifenkollektion "Varius", Filzexperiment "Kiasma") und Markus Ehrhard ("Die sieben Todsünden", 2. v. l.).
Apolda "jeden Tag gehört, das geht nicht - und es ging doch". Er habe einfach lernen müssen, sich hinter seine Entwürfe zu stellen und den Produzenten Lösungen anzubieten, wenn ihnen die Umsetzung unmöglich erschien.
Offenbar kann der junge Mann aus Idar-Oberstein sich durchsetzen: Seit kurzem ist er Designer bei Philip Treacy in London. Gemeinsam mit ihm entwirft Ehrhard jetzt die Hüte und Accessoires für die königliche Familie, die Reichen von Ascot und Modehäuser wie Givenchy oder Chanel. Diesen Traumstart, darauf legt er Wert, habe er nicht irgendwelchen Beziehungen zu verdanken. Er habe sich einfach nur mit seiner Mappe vorgestellt. Eine Woche später hat sich Treacy bei ihm gemeldet und ihm das Angebot unterbreitet.
Sein erstes Projekt bei der Londoner Firma war eine Sonderanfertigung: "Eine Schlafbrille aus Nerz für Joan Collins."
INGRID BERTRAM
STUDIUM MODEDESIGN
Fachhochschule Trier (Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung): www.fh-trier.de
Hochschule der Künste Berlin: Fakultät Gestaltung, www.hdk-berlin.de
Fachhochschule Hamburg: Fachbereich Gestaltung, www.fh-hamburg.de
Ecole Superieure des Arts et Techniques de la Mode (ESMOD): Internationale, sehr renommierte Modeschule mit weltweit 17 Standorten, unter anderem in Berlin und Hamburg, www.esmod.de
Von Ingrid Bertram

UniSPIEGEL 6/2000
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