01.12.2000

forschenAUF NOPPIS SPUREN

STATT AN DER UNI FRANKFURT TREIBT SICH DIE BIOLOGIN ANDREA FRIEBE IM SCHWEDISCHEN WALD HERUM - BEIM WELTGRÖSSTEN BÄRENFORSCHUNGSPROJEKT.
Die geschotterte Piste endet im grünen, dicht bewachsenen Nichts. Hier ist Bärenland, in allen Himmelsrichtungen. Mehr als 250 Allesfresser der Art Ursus arctos ziehen ihre Fährten durch die Wildnis im Norden der mittelschwedischen Region Dalarna. 56 von ihnen sind mit einem Sender versehen, und An- drea Friebe, 29, nennt sie alle zärtlich beim Namen - "Noppi", "Untorparn" oder "Silias". Die deutsche Biologin arbeitet beim "Skandinavischen Braunbärenprojekt", dem größten Bärenforschungsvorhaben der Welt: "Als meine Vorgänger 1984 mit der Arbeit begannen, wussten sie zwar, dass die hiesige Population seit dem Tiefststand vom Anfang des Jahrhunderts wieder stark gestiegen war. Mehr aber nicht."
Andrea gibt einen vierstelligen Code in ihren Funkempfänger ein - die Nummer der Bärin Riga. Durch starkes Rauschen hindurch hört man - nichts. Und das ist gut so, schließlich will Andrea in die Höhle des Bären. Genauer gesagt: in die seit Anfang April verlassene Winterhöhle des siebenjährigen Weibchens.
Schon nach wenigen Schritten auf dem feuchten, nachschwingenden Boden sind keine Spuren menschlicher Existenz mehr zu sehen: weder Strommasten noch die überall sprießenden Mobilfunktürme, nicht einmal ein Trampelpfad. Nach einem viertelstündigen Marsch kommt die Höhle. Bislang dominierten Büsche und jüngere Bäume das Bild, die Winterruhestätte liegt inmitten einer kleinen Gruppe Fichten. Wie die meisten der Bären-Unterschlüpfe ist es ein riesiger verlassener Ameisenhaufen, in das Fundament des Kegels hat sich Riga ihr Lager gegraben.
Andrea nähert sich der Stelle wie Sherlock Holmes einem Tatort. Wo der unbedarfte Betrachter einfach nur das Loch im Haufen sieht, entdeckt sie am Bäumchen nebenan nadelfeine Kratzspuren der Jungbären. Und Stellen, an denen ihre Mutter Rinde geknabbert hat, um nach der Ruhezeit die Verdauung mit Ballaststoffen wieder in Gang zu bringen. Die Höhle ist komfortabel mit Strauchzweigen und Moos gepolstert - die Biologin spürt auch die Spuren am Boden auf, wo Riga das Material zusammengerafft hat. An der Borke einer Fichte findet sie als bestechendes Beweisstück für die Existenz der Bärin ein einzelnes Haar. Zurück zum Auto, auf noch einer Schotterpiste. Die Forscherin möchte sich weitere Höhlen ansehen, eine davon liegt tief im Zauberwald aus Farnen, Fichten und großen Findlingssteinen versteckt - so stellt sich der Laie die Bärenhöhle vor.
Andrea Friebe folgt seit 1997 den Fährten der Bären, 1998 hat sie mit ihrer Diplomarbeit begonnen, Thema "Das Winterverhalten und die täglichen Wanderungen von weiblichen Braunbären in Zentralschweden". Betreut wurde die Arbeit an der Frankfurter Uni, wo sie Biologie studiert hat: "Meine Professoren waren zum Glück sehr flexibel." Um die Finanzierung der Forschungsarbeit musste sich die Studentin allerdings selbst kümmern.
Zur Bärenforschung kam Andrea eher durch Zufall. Sie wollte eine Arbeit über Säugetiere schreiben, "weil das spannender ist". Und sie wollte im Freien arbeiten: "Genauso gut hätten es auch Kaffernbüffel in Kenia werden können."
Ein Jahr lang spürte sie jeden Tag die Standorte von neun Bärinnen auf; die Ergebnisse begeisterten die skandinavischen Ober-Bärenforscher so sehr, dass Andrea als erste ihrer Studenten einen Forschungsbericht veröffentlichen durfte.
Sie beschritt Neuland, denn bislang gab es fast überhaupt keine Erkenntnisse zum Winterverhalten der schwedischen Bären. Jetzt weiß die internationale Bärenforscher-Gemeinschaft: Im Schnitt halten die Weibchen 181 Tage Winterruhe - die Hälfte der Lebenszeit wird vergammelt. Am längsten ruhen Weibchen, die ihre Jungen in der Höhle zur Welt bringen - im Schnitt 196 Tage. Am kürzesten verharren Weibchen, die mit ihren Jungen in die Höhle ziehen - wahrscheinlich bringen die Kids zu viel Unruhe in die Bude. Die kleine Sensation der Veröffentlichung: Je älter die Bärin, desto länger die Winterruhe. "Als ich das belegen konnte, habe ich vor Freude einen Luftsprung gemacht", erzählt Andrea.
Überraschend war auch, dass die Winterhöhlen keinesfalls zufällig gefunden und bezogen werden. Während der sechs Monate langen "Aktivzeit" halten sich die Bärinnen regelmäßig im näheren Umkreis der Höhle auf, im Schnitt in sechs Kilometer Entfernung. Und einmal im Monat besuchen sie deren unmittelbare Umgebung.
Sie benehmen sich im Wesentlichen wie jemand, der eine Immobilie in einem bestimmten Stadtviertel, am liebsten in einer bestimmten Straße kaufen möchte. Mit dem Unterschied, dass die Bärinnen nur einmal darin schlafen - denn kaum eine Höhle wird ein zweites Mal bezogen.
Jetzt, da die Diplomarbeit abgegeben ist, kann Andrea beruhigt zurückblicken: auf die harte Anfangszeit, als dem Frankfurter Stadtkind Einsamkeit, Kälte und der lange dunkle Winter arg zusetzten. Nun hat sie sich richtig eingelebt: "Ich werde in Schweden bleiben und weitermachen beim Bärenforschungsprojekt." Und mehr als das - weil zoologische Forschung allein die Frau nicht ernährt, hat sie Anfang des Jahres ihr eigenes kleines Unternehmen gegründet. Andrea lädt Touristen auf Bären-Safaris. Im Moment dient eines der rot gestrichenen, billigen Bauernhäuser als Gäste-Unterkunft. Bald schon kann sie komplette Reisen anbieten.
Heute ist so ein Safari-Tag. Andrea packt zu Kaffee, Kuchen und Lagerfeuer am See eine Übersicht aller bisher markierten Tiere aus, um sie den Reisenden näher zu bringen. Sie erzählt von Noppi, 19, dem "Glückskind" der Forscher: Die baut zwar schlampige Winterhöhlen, bringt aber regelmäßig ihre Würfe durch.
Untorparn ist der "König der Wälder", ein 29-jähriger Senior mit nur noch einem Zahn im Maul und einem halb abgerissenen Unterkiefer - der Bärenwald ist ein hartes Pflaster. Nicht nur für die Senioren, sondern auch und besonders für den Nachwuchs: "50 Prozent der Jungbären erreichen das erste Lebensjahr nicht. Und die meisten werden von männlichen Bären getötet. Die wollen sich wieder fortpflanzen, und solange die Weibchen Junge führen, lassen sie das nicht zu." Die Fachvokabel für dieses Treiben lautet "Infantizid". Dass so viele der Jungtiere auf diese Weise umkommen, ist ein weiteres überraschendes Ergebnis des Forschungsprojekts.
Noch einige andere dunkle Seiten im Leben der Kuscheltiere haben die Wissenschaftler aufgedeckt. Andrea erzählt zum Beispiel von Silias ,12. Der hatte das Weibchen Björnberg bei einer Auseinandersetzung um ihre Jungen getötet und anschließend mit Ästen und Laub bedeckt. Es gruselte und faszinierte die Fachwelt gleichermaßen, denn das ist die Art, wie Bären die Vorratshaltung mit ihren Beutetieren betreiben - der Petz als Kannibale?
Fleisch im Menü ist eher die Ausnahme, denn die hiesigen Bären ernähren sich vor allem von Beeren. Erst an zweiter Stelle kommt Elchfleisch, meist Aas und manchmal "frisch" von gerissenen Kälbern. Nummer drei in der Speisenfolge der Braunbären sind winzige Delikatessen: die Ameisen.
Silias hat vor Tagen ein Elchkalb gerissen und sich gemütlich in der Nähe des Kadavers eingerichtet, das Schlafzimmer direkt neben der Vorratskammer. Sein "Tagesbett" hat er gestern verlassen. Ein Forscher-Kollege hat es schon inspiziert und den Weg mit kleinen Fähnchen markiert.
Kurz peilen, ob Silias nicht zurückgekehrt ist. Nein, er hat aufgegessen und sich davongetrollt. Ein Treffen am Kadaver könnte prekär werden, genau wie ein Zusammenstoß mit einer Mutter-Kind-Gruppe. Ansonsten haben die Bären, sagt die Forscherin, "eine Mordsangst vor Menschen. Die machen sich aus dem Staub, bevor wir es gemerkt haben".
Nur bei einem von 20 Treffen bemerkt der Mensch überhaupt den Bären. Und so datiert der letzte tödliche Zwischenfall in Schweden ins Jahr 1902 zurück. Silias' Tagesbett entdeckt nur der geübte Bärenkundige, eine Druckstelle in der Bodenvegetation.
Dann kommt am späten Nachmittag die unvermeidliche Frage der abenteuerlustigen Touristen: "Sehen wir heute noch einen leibhaftigen Bären?" Das hat An- drea natürlich erwartet: "Es ist nicht das Ziel der Safari. Ich will Bärenspuren zeigen, nicht die Bären selbst. Wenn sich aber die Chance ergibt, einen zu beobachten, ohne zu stören, dann nutzen wir sie auch." Auf dem Rückweg kommen wir an einem Stück Wald mit hohen Bäumen und weiter Sicht ins Land vorbei. Andrea tippt die Frequenz von Hirva ein, die sich in der Gegend herumtreibt, und ihre Signale dringen laut klopfend vor das Hintergrundrauschen. Wir stoppen, Andrea nimmt ein paar Peilungen vor. Die Bärin ist nicht weit entfernt.
Die Gruppe schleicht sich in den Forst hinein, auf einen Wall zu, hinter dem Andrea Hirva vermutet. Bloß auf keines der unzähligen dürren Ästchen treten, man kennt das von Winnetou. Man kann gerade über den Wall schauen, als von links Hirva herantrottet - anderthalb Jahre alt, vor zwei Wochen von Mama Grivla verstoßen, ein Enkelkind von Noppi, der schlampigen Super-Mutter.
Alle erstarren. Das Bärchen zieht kaum zehn Meter entfernt im gemütlichen Tempo vorbei und bemerkt die Beobachter nicht. 40 Kilogramm schwer, noch mit großen Puschelohren und sehr kindlichen Proportionen. Nur nicht bewegen, auch wenn die Mücken das schamlos ausnutzen.
Hirva schnuppert hier, buddelt dort und verschwindet schließlich wieder im Grün. Nach acht Stunden haben die Safari-Touris endlich den ersehnten Blick auf den Bären gehabt - und die Forscherin ist froh, dass das Objekt der Neugier ungestört in seinem Trott weitermachen konnte.
ANDREAS BEERLAGE
Kontakt: Bearproject@gmx.de
Von Andreas Beerlage

UniSPIEGEL 6/2000
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