01.02.2001

DER PROF IM FADENKREUZ

DAS ONLINE-STUDIUM AN DER FERNUNI HAGEN VERLANGT NEBEN COMPUTER-KENNTNISSEN UND INTERNET-ANSCHLUSS VOR ALLEM EINES: VIEL DISZIPLIN.
Sonntags bleibt bei Roland Olbricht, 20, der Fernseher aus, Anrufer hören nur die Tonbandansage, und Freunde in Bier- oder Kinolaune müssen allein losziehen: Studieren ist angesagt.
"Da bin ich konsequent", erklärt der angehende Informatiker. Jeden Montag ist nämlich "Abgabetag" beim Online-Studium an der Fernuniversität Hagen, der Tag, an dem Olbricht seine Studienaufgaben via Internet zur Uni mailen muss. Schließlich sei so ein elektronisches Fernstudium eine verdammt ernste Sache: "Mit einer reinen Konsumhaltung hätte ich keine Chance."
Wenn Olbrichts Kommilitone Thomas Neumann, 21, die Voraussetzungen für ein Online-Studium beschreibt, dann klingt das gar nach militärischem Drill: "Das Wichtigste ist ein starker Wille, man muss das konsequent durchziehen wollen", betont er. Und das bedeute vor allem eins: "Disziplin!" Schließlich strebe er an der Virtuellen Universität in Hagen einen normalen Studienabschluss an, und 30 Stunden Studium pro Woche seien die Untergrenze, sagt Neumann, der nebenbei noch eine Ausbildung als Industriekaufmann absolviert.
Der Bottroper gehört zu den Pionieren in Hagen: Als an der Fernuni vor drei Semestern mit dem Fach Informatik der erste komplette Online-Studiengang in Deutschland angeboten wurde, ließ sich Neumann von der Aussicht begeistern, an jedem Ort und zu jeder Zeit online studieren zu können.
Digital ist derzeit Trumpf an den deutschen Hochschulen: Überall - von Kiel bis Freiburg - entstehen virtuelle Seminare, virtuelle Lehrstühle, virtuelle Labors, ja sogar ganze Universitäten, die nur noch im Cyberspace existieren.
Bayerns 9 Universitäten und 16 Fachhochschulen haben sich zur "Virtuellen Hochschule Bayern" zusammengeschlossen. Unter der Federführung der Fachhochschule Lübeck haben sich elf FH aus sieben Bundesländern und andere Bildungseinrichtungen zur "Virtuellen Fachhochschule" vereinigt. Und in Baden-Württemberg bauen die Universitäten Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe und Mannheim die "Virtuelle Universität Oberrhein" auf.
Neue Medien sollten im Bildungsbereich "konsequent genutzt werden", fordert Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), dies sei wichtig für den "Studienstandort Deutschland". "Ein Großteil der Studienangebote wird künftig virtuell verfügbar sein müssen", verlangt auch der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner, ebenfalls ein Sozialdemokrat.
Die Fernuniversität in Hagen, die seit 25 Jahren Unterrichtsmaterialien normalerweise per Post verschickt, ist Vorreiter beim Electronic Learning: Für insgesamt 16 000 Studierende hat die Hochschule Internet-Zugänge eingerichtet, 10 000 davon werden aktiv genutzt. Fast 3000 Studenten meldeten sich im vergangenen Oktober für den virtuellen Anfängerkurs in Informatik an.
Mittlerweile haben in Hagen auch Literaturwissenschaftler, Mathematiker, Psychologen und Volkswirte einzelne Kurse ins Netz gestellt, und seit dem Wintersemester ist unter dem Titel "ET Online" auch ein komplett virtuelles Elektrotechnik-Studium möglich.
Zu den begeisterten Online-Studis zählt Gabriele Hawlena, 32. Kritik wegen angeblicher Anonymität des Studiums aus der Datenleitung kann die zukünftige Informatikerin nicht verstehen: "Die persönliche Komponente fehlt mir überhaupt nicht", erzählt die mathematischtechnische Assistentin, im Gegenteil, der Kontakt zu den Kommilitonen sei sehr intensiv. Auch deshalb, weil jeder Teilnehmer zu Beginn des Kurses gebeten wurde, sich vorzustellen. Fotos wurden ins Netz gestellt, Lebensläufe hin und her gemailt: "Am Ende hat sich ein echtes Gruppengefühl eingestellt."
Für ein intensives Wir-Gefühl sorge unter anderem auch die veränderte Präsentation von Referaten beim Electronic Learning. "Soll der Chat via Netz gelingen, müssen die Teilnehmer die Texte vorher kennen", macht Gabriele Hawlena klar. Der klassische Uni-Vortrag - der Referent monologisiert sich durch seinen Text, während die Kommilitonen desinteressiert ihre Zeit absitzen - funktioniert online nicht.
Für viele Studenten machen die kleinen Dinge das virtuelle Studieren leichter: Am elektronischen schwarzen Brett können Zettel nicht abgerissen werden. Wichtige Texte, einmal digitalisiert, sind nie vergriffen oder ausgeliehen. Zum Problem wird höchstens mangelnde Fingerfertigkeit: "Wer zu langsam tippt, hat beim wissenschaftlichen Chatten verloren", sagt Hawlena.
Noch lässt sich nicht alles per Tastatur und Mausklick erledigen. So erlebt Thomas Neumann immer wieder die Grenzen der digitalen Wunderwelt: "Mathematische Formeln etwa lassen sich nicht computergerecht übermitteln", mäkelt er. Dafür gibt es andere Vorteile: "Ein normales, gedrucktes Vorlesungsskript muss ich komplett überfliegen, um herauszufinden, ob mein Thema darin vorkommt. Im E-Script nutze ich einfach die >Suchen<-Funktion."
Noch tauchen beim Fernstudium via Modem allerdings immer wieder technische Probleme auf. Weniger ist mehr, propagiert deshalb mancher überzeugte Online-Student. Neumann etwa operiert mit einem "fast veralteten" Pentium 100 und 17-Zoll-Monitor, ISDN-Karte und einer heutzutage schon kleinen 1,2-GB-Festplatte. "Es muss nicht schön und bunt sein, sondern brauchbar", beschreibt Informatikprofessor Hans-Werner Six, 56, die Anforderungen. Eine preiswerte Kamera für Videokonferenzen und selbst ein CD-ROM-Laufwerk seien nur "optional", lockt eine Werbe-CD-ROM der Uni.
Auch die Kosten bleiben überschaubar. 400 bis 600 Mark pro Semester, schätzt Neumann, bezahle er Gebühren für die von ihm belegten Kurse. Genauso viel wäre für die gedruckte Papierfassung fällig. "Dazu kommen noch ein paar Mark im Monat für die Einwahl ins Internet, das war's." Dafür erspare er sich die Anreise zur Hochschule, die Suche nach einem Parkplatz und das abschreckende Gedränge überfüllter Hörsäle.
Manchmal werden die Macher der Virtuellen Uni sogar vom eigenen Erfolg überrollt. Im Fach Technische Informatik etwa ging im vergangenen Jahr der zuständige Professor in den Ruhestand, "und 1000 Studenten haben die beiden verbliebenen Mitarbeiter mit eingesandten Arbeiten und Anfragen zugedeckt", berichtet Roland Olbricht. Korrekturaufgaben blieben unbearbeitet liegen, Mails wurden nicht beantwortet. Für Olbricht ist klar: "Wenn Politiker das Studium via Internet fordern, müssen die Unis entsprechend ausgestattet werden. " Dann müsse die Politik auch mehr Geld zur Verfügung stellen.
Die Fernuni Hagen will mit offensivem Marketing dafür sorgen, dass sich die Virtuelle Universität als Hochschule der Zukunft etabliert. Sie wirbt mit einer von Studenten gestalteten CD-ROM ganz im Stil aktueller Computerspiele. Zu wummernden Techno-Beats können sich angehende Studenten der Generation@ informieren.
Wer Näheres über die Professoren wissen will, zielt mit einem überdimensionalen Fadenkreuz auf das Porträt eines Dozenten. Ein kurzer Videofilm startet, und der Getroffene stellt sich vor - locker als neuer Medien-Profi oder doch noch eher im steifen Stil der alten Katheder-Profs.
ARMIN HIMMELRATH
Von Armin Himmelrath

UniSPIEGEL 1/2001
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