09.04.2001

studierenABSTIMMUNG MIT DEN FÜSSEN

NUR MÜHSAM GEHT DIE REFORM DER VERZOPFTEN JURISTENAUSBILDUNG VORAN. NIRGENDWO SONST IST DIE BETREUUNG SO SCHLECHT.
Die Münchner Jurastudentin Ulrike Gräfe, 26, hatte fest der Werbung der Repetitoren vertraut: Eine Examensvorbereitung ohne Repetitor sei allenfalls etwas für "Überflieger" und "Aktentaschenträger" der Profs. Doch dann fiel sie trotz des Jahreskurses beim Rep Ende des zehnten Semesters im Ersten Staatsexamen durch.
Enttäuscht probierte Gräfe ein Angebot aus, das sie zuvor gar nicht richtig wahrgenommen hatte: Examenskurse, die von der Uni selber veranstaltet werden. Erstaunt stellte sie fest, "dass mir die Arbeit dort vom Flair her besser liegt".
Sie durchlief die Tutorien in Zivilrecht, ging in den Crashkurs Strafrecht, schrieb in einem Klausurenkurs Probearbeiten und ließ sich im Ferienkurs Fälle auf Examensniveau erklären - alles an der Universität. Nur im Öffentlichen Recht vertraute sie nach wie vor allein den Skripten und Fällen des Repetitors.
Das Ergebnis: insgesamt 6,5 Punkte im zweiten Versuch, das so genannte kleine Prädikat, mit dem sie schon fast zum oberen Drittel aller Prüflinge gehört. Ulrikes Fazit: "In München ist in Zivil- und Strafrecht genügend Uni-Angebot da, man kann damit sehr gute Noten schreiben."
Die Zeiten, in denen die Unis die Studenten zur Examensvorbereitung dem "Selbststudium" überließen, sind vorbei. Kaum eine juristische Fakultät, die nicht wenigstens im Ansatz versucht, dem lange vernachlässigten Lehrauftrag in puncto Prüfung nachzukommen. Dennoch ist der Anteil der Studenten, die zum Repetitor gehen, heute mit über 80 Prozent um einiges höher als in den sechziger Jahren.
"Die Unis strengen sich an wie wild", weiß Hans-Friedrich Nicklas, Leiter des baden-württembergischen Justizprüfungsamts, "aber wirklich zurückdrängen können sie die Repetitoren nicht." Auch wenn es wieder einen leichten Trend zu den Uni-Kursen gibt, die "Abstimmung mit den Füßen", wie es der Freiburger Fachschaftler Boris Sakowski nennt, läuft nach wie vor klar gegen die Universitäten.
Der anhaltende Boom in der Parallelwelt Repetitorium zeigt, dass es mit der Juristenausbildung an den ursprünglichen Stätten der Wissenschaft noch immer im Argen liegt. Nach im Schnitt viereinhalb Jahren werden die Jura-Novizen erstmals in der Ersten Juristischen Staatsprüfung auf ihre Eignung getestet - mit Durchfallquoten zwischen 18 und 50 Prozent.
Die lange Zeit ohne strenge Zwischenprüfungen ist ebenso eine Verschwendung von Ressourcen wie das anschließende Referendariat. Es soll zwar nach dem Gesetz vor allem auf den Richterberuf vorbereiten, aber nur etwa vier Prozent aller fertigen Juristen werden tatsächlich Richter oder Staatsanwälte, mehr als 80 Prozent dagegen arbeiten als Anwälte. Dass etwas zu tun ist, darüber sind sich fast alle einig. Aber was?
Bis vor kurzem noch propagierten etliche Justizminister der Länder das "einstufige Ausbildungsmodell", also die Abschaffung von Referendariat und Zweitem Staatsexamen, als Lösung aller Probleme. Doch über diesen großen Schnitt war keine Einigung möglich. Jetzt sind kleinere Reformschritte innerhalb des bestehenden Systems geplant - mit mehr Chancen auf Erfolg.
Das Repetitor-Problem ist nicht allein eine Folge der überholten Juristenausbildung, alle Massenfächer an den Massenuniversitäten kommen kaum noch ohne private Helfer aus. Doch "in Jura präjudiziert die Examensnote Karrieren wie nirgendwo sonst", so der Münchner Zivilrechtler Hans Christoph Grigoleit, "das wird immer einen Markt für Zusatzangebote schaffen". Auch in München ist die Frage unter Kommilitonen meist immer noch: "Zu welchem Rep gehst du?" und nicht "Gehst du zum Rep?"
So folgte auch Niki Lödler, 25, mittlerweile Referendar, der, wie er sagt, "Massenhysterie": An der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) hatte er Professoren, die in den Vorlesungen nur ihr Lehrbuch herunterbeten, zur Genüge kennen gelernt. Viel Lernmotivation war da nicht, "die Scheine habe ich weitgehend mit Nichtwissen gemacht", gibt er freimütig zu. "Erst der Rep hat mir erklärt, wie's funktioniert."
Viele Studenten sind jedoch durchaus bereit, den Uni-Angeboten eine Chance zu geben. Sandra Bendler, 23, die im Frühjahr mit dem Repetitorium in München angefangen hat, überlegt, etwa das Probeexamen in den Semesterferien zu nutzen. Dennoch hat sie sich von vornherein für den Repetitor entschieden: "Mir ist es lieber, ich habe eine Struktur und bekomme Vorgaben in dem ganzen Wust an Stoff."
Auch Oscar Berning, 25, besucht seit einem halben Jahr einen Hauptkurs beim selben Repetitor. An den Uni-Kursen fehlt ihm ein "durchgehendes Korsett" - schon deshalb, weil in den Ferien halt Pause ist. "Ich wollte zum Rep gehen, um ein komplettes Angebot zu haben, ich hatte Angst, sonst etwas zu verpassen", sagt Berning. "Dabei tut mir das im Herzen weh, weil ich genau weiß, wie gut manche Leute an der Uni sind."
So ist es eine Schwäche fast jeder Uni, dass sie kein Examensprogramm aus einem Guss anbietet. In München ist vor allem das Programm im Öffentlichen Recht stark ausbaufähig - "da hapert's noch gewaltig", so Verena Sabaß von der Fachschaft Jura. Auch schriftliche Unterlagen gibt es an der Uni nur selten. Und während der Repetitor schwache Kursleiter ruck, zuck auf die Straße setzt, müssen Studenten an der Uni auch didaktisch minder begabte Dozenten ertragen oder auf die Veranstaltung verzichten.
Einen Schritt weiter sind beispielsweise Münster und Freiburg. Dort hat es die Uni mit ihrem Angebot an Wiederholungs- und Vertiefungskursen geschafft, zu einer zumindest wieder ernsthaft diskutierten Alternative zu werden - in Münster laufen die Kurse sogar in den Semesterferien weiter.
Der Doktorand Arved Greiner aus Freiburg hat vorurteilsfrei Uni und Repetitor besucht und dabei gemerkt: "Es lohnt sich, das Beste von allem rauszuholen." Im Strafrecht, merkte er bald, waren die Kurse an der Uni besser als beim privaten Helfer - dafür vermittelte ihm der Rep ansonsten mehr "anwendungsbezogenes Wissen" und "das gute, wenn auch manchmal vielleicht etwas trügerische Gefühl, alles einmal erklärt bekommen zu haben".
Mittlerweile, weiß der Münchner Strafrechtsprofessor und Studiendekan Ulrich Schroth, gewinnt die Uni die Studenten häufig kurz vor oder nach der schriftlichen Prüfung wieder zurück - sei es wegen der umfangreicheren Vorbereitung für die so genannten Wahlfächer, sei es wegen der Kurse, in denen der Ablauf einer mündlichen Prüfung simuliert werden kann. "Die Lücke zwischen dem 5. Semester und der Examensphase müssen wir schließen", fordert Schroth, "indem wir für diese Semester ein übersichtlicheres Examensprogramm machen."
Einen Anfang haben die Assistenten des Münchner Zivilrechtsprofessors Claus- Wilhelm Canaris schon vor Jahren gemacht. Ursprünglich nur für die mittleren Semester gründeten sie ein "Tutorium Zivilrecht". Sie bauten es beständig zu einem umfassenden, auf zwei Semester angelegten Examenskurs aus - und zwei der Tutoren erhielten dafür bereits den bayerischen "Preis für gute Lehre".
Wie beim privaten Rep geht es dabei vor allem um eines, so Preisträger Grigoleit: "Wie löse ich unter Examensbedingungen effizient einen Fall." Anders aber als der Rep wollen Grigoleit und seine Kollegen zusätzlich den "kritischen Anspruch der Rechtswissenschaft vermitteln", das heißt: Begründungen nicht nur aus der Rechtsprechung zu übernehmen, sondern gezielt nach ihrem Sinn zu fragen.
Als zusätzlichen "Clou" (Grigoleit) verteilen die Münchner insgesamt etwa 1400 Seiten eigener Lösungsskizzen und Übersichten an ihre Studenten - kostenlos. Seit neuestem gibt es im Internet sogar noch eine Art Examensforum. Dort können Kursteilnehmer von den Tutoren Dinge erfahren, die sie schon immer über Zivilrecht wissen wollten, aber nie zu fragen wagten.
Katrin Friedrich, 25, die sich bis auf einen Klausurenkurs ohne Repetitor und stattdessen überwiegend mit dem Tutorium auf das Examen vorbereitete, ist jedenfalls hellauf begeistert: "Das war perfekt, vieles hab ich nirgendwo besser erklärt bekommen. Da musste man nicht mal mehr ein Lehrbuch dazu lesen, denen hab ich voll vertraut." Das Vertrauen wurde belohnt - mit knapp 11 Punkten nach dem Mündlichen.
Doch ohne weiteres würde die Universität den Ansturm der Leute, die bisher zum Rep gehen, gar nicht verkraften: "Ohne Repetitoren", gibt LMU-Studiendekan Schroth zu, würden die wenigen Examenskurse an der Uni "wahnwitzig voll".
"Wenn man Uni-Repetitorien in vernünftigem Maße aufbauen wollte, würde man noch ganz andere Mittel brauchen", stellt der Münchner Fachschaftler Felix Hofmeir resigniert fest. Zumindest Baden-Württemberg und der Freistaat Bayern wollen deshalb die Tutorenprogramme zusätzlich fördern.
Das ist aber die Ausnahme. Die Jurastudenten, die auf eigene Kosten Repetitorien besuchen, entlasten dagegen den Hochschuletat. Bundes-Fachschaftssprecher Alexander Irmisch vom Bundesfachverband Jura sieht in den Rep-Kosten "verkappte Studiengebühren": Denn weil die Examensvorbereitung in der bisherigen Bedarfsrechnung für Jura praktisch nicht berücksichtigt ist, kommt das Fach mit relativ wenig Lehrkräften aus. Es ist damit für den Staat die billigste Variante, Akademiker-Nachwuchs zu produzieren, der zudem vielseitig einsetzbar ist.
Und dennoch scheint derzeit eine Lösung für die Misere der Juristenausbildung wieder greifbar zu sein - durch eine behutsame Umstrukturierung des gesamten Jurastudiums:
- Bundesweit soll eine universitäre Zwischenprüfung eingeführt werden, um potenzielle Durchfaller schon früher aussieben zu können.
- Die Justizminister diskutieren derzeit, die Wahl- und Grundlagenfächer künftig vorab an den Unis prüfen zu lassen und dieses Ergebnis mit bis zu 50 Prozent ins Erste Staatsexamen einfließen zu lassen, um das Uni-Studium wieder wichtiger zu machen.
- Mit Abschluss des Ersten Staatsexamens sollen Juristen einen eigenen Titel erhalten; etwa "Diplom-Jurist" oder "Diplom-Rechtswissenschaftler".
- Die Orientierung auf den anwaltlichen Beruf soll bereits im Studium und auch im Referendariat ausgebaut werden. Bisher bieten nur wenige Universitäten wie Heidelberg, Bielefeld oder Köln anwaltsorientierte Studiengänge an.
Sollten sich Bund und Länder nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, könnten auch einige Länder wie Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen zumindest Teile des Reformkatalogs eigenständig umsetzen.
Die Repetitoren werden ihre Kunden wohl auch weiterhin finden. Sie sind auf jeden Fall vorbereitet, selbst darauf, dass ein Rep-Teilnehmer durchfällt. Dann greift laut Werbung das Angebot: "Hemmer Individual", für knapp 1000 Mark im Monat - "inklusive Erfrischungsgetränk". Motto: "Wir helfen auch denen, die durchgefallen sind." DIETMAR HIPP
OHNE REP ZUM EXAMEN
Achim Berge (u.a.): "Examen ohne Repetitor - Leitfaden für eine selbstbestimmte und erfolgreiche Examensvorbereitung". Nomos Verlag, Baden-Baden; 244 Seiten; 24 Mark.
Das nahezu einzige Buch zum Thema, entstanden aus "Selbsterfahrung", ist weniger eine genaue Anleitung zur Examensvorbereitung als Motivationshilfe und Ratgeber.
Seiten im Internet:
www.jura.uni-freiburg.de/fs/files/
exorep.htm
Umfangreiche, aber leider etwas veraltete Ex-ohne-Rep-Seite.
www.fachschaft.jura.uni-muenchen.de/1998w/examen-ohne-rep/
Werbung für Uni-Kurse, Studien- und Lernplan, Umfrageergebnisse.
www.juracafe.de/ausbildung/ examen/ex-rep.htm
Zahlreiche Klausurfälle mit Lösungen, weitere Links.
www.triehm.de/index.html
Seite von Thomas Riehm, Zivilrechts-Tutor und Autor einer sehr empfehlenswerten Lern-CD-Rom zum Zivilrecht.
www.jura.uni-sb.de/yoorah/
Portal der Uni Saarbrücken mit Lernmaterial und zahlreichen Links.

UniSPIEGEL 2/2001
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