09.04.2001

„WIE KLEINE KINDER“

Einst galt das Berliner Otto-Suhr-Institut (OSI) als „rote Keimzelle“ der Republik - mit linken Koryphäen wie Richard Löwenthal und Elmar Altvater. Zu Zeiten der 68er Revolte beherrschte Studentenführer Rudi Dutschke die Sit-ins. Noch ist die Dahlemer Einrichtung das bundesweit größte politikwissenschaftliche Institut. Doch nach einem Gutachten des Wissenschaftsrats drohen radikale Kürzungen, zudem sollen Lehrinhalte und Studiengänge modernisiert werden (UniSPIEGEL 01/2001). Studenten und Professoren protestieren mit Warnstreiks und Institutsbesetzungen gegen die Sparpläne. Beim SPIEGEL-Forum am OSI wurde nicht nur die Lage in Berlin diskutiert. Nach dem Kahlschlag am OSI, fürchten Studenten und Wissenschaftler, steht die Zukunft der Sozialwissenschaften an deutschen Hochschulen auf dem Spiel.
UniSPIEGEL:
Nach den Stellenplänen der Freien Universität werden die Politologen im Jahr 2003 im Vergleich zu 1993 rund 63 Prozent ihrer Professoren verloren haben, die Physiker dagegen nur 40 Prozent, die Chemiker 38, die Pharmazeuten nur 27 Prozent. Herr Senator Stölzl, wer entscheidet eigentlich, dass manche Fächer wichtiger sind als andere?
Stölzl:
Das Land Berlin ist nach der Wiedervereinigung in eine große Finanzkrise geraten. Die Universitäten mussten in diesen Jahren insgesamt um eine Milliarde Mark abspecken. Dafür haben sie Strukturpläne vorgelegt. Alle Universitäten und Hochschulen in Berlin mussten herausfinden, wie sie sich in dieser Lage neu organisieren können. Die Politik hat, im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Wandersage, keine Vorgaben gemacht.
Der Wissenschaftsrat als neutrale Instanz hat nun Empfehlungen gegeben, die vielen nicht gefallen. Darüber muss diskutiert werden. Es ist allerdings klar, dass die reformierte Universität in der Frage der Studiendauer, des Abschlusses der Absolventen, der Einwerbung von Drittmitteln, bei Veröffentlichungen und in der Vorbereitung von Studenten und Absolventen für den Arbeitsmarkt Erfolge braucht.
Lenner:
Wir führen seit Monaten eine Debatte, in der mit Halbwahrheiten, Märchen und Legenden um sich geworfen wird. Die erste Legende ist die vom externen Sachverstand. Sie haben ja auch gerade wieder den Wissenschaftsrat als neutrale Instanz zitiert. Im Studium lernen wir eigentlich, dass Objektivität in der Gesellschaft nicht existiert. Es gibt immer ein erkenntnisleitendes Interesse, mit dem man an Probleme und Themenstellungen herangeht. Es ist ziemlich klar, dass es im Moment das ökonomische Interesse ist, die Sozialwissenschaften auf das herunterzusparen, was direkt verwertbar ist. Uns geht es aber um Ziele und Aufgaben der Sozialwissenschaften, nämlich Menschen zu befähigen, Strukturen beurteilen, analysieren und verändern zu können.
UniSPIEGEL:
Herr Gaehtgens, der Senator hat Ihnen den schwarzen Peter zugeschoben und gesagt, eigentlich habe er mit den Einsparungen gar nichts zu tun. Heißt das, in Wahrheit müssen Sie entscheiden, wie viele Professoren das Otto-Suhr-Institut in Zukunft haben wird?
Gaehtgens:
Natürlich nicht. Der Senator hat in dem Punkt Recht, dass die Hochschulen erheblich unter den Haushaltsnöten Berlins leiden. Das Abgeordnetenhaus hat eine Entscheidung gefällt, und innerhalb dieses Rahmens bewegen wir uns jetzt. Der Akademische Senat dieser Universität, der nach vorheriger Beratung über die Ausstattung der Fächer mit Professuren entscheidet, hat Ende 1997 einen Strukturplan verabschiedet, in dem die jetzt für das OSI vorgesehenen Professuren stehen, 18 an der Zahl.
Dieser Strukturplan ist umzusetzen. Wenn er geändert werden soll, dann muss das der Akademische Senat entscheiden. Aber die Politik erwartet natürlich, dass die Hochschulen den Empfehlungen des Wissenschaftsrats folgen oder aber mit überzeugenden Argumenten etwas anderes planen. Und wer entscheidet, ob die Argumente überzeugend sind oder nicht?
Zuruf:
Wir!
Gaehtgens:
Na ja, dann werden Sie hoffentlich auch entscheiden können, dass die Universität mehr Geld bekommt. Dann lassen Sie sich am besten ins Abgeordnetenhaus wählen.
UniSPIEGEL:
Herr Sandschneider, wie kommen die Politologen hier am Otto-Suhr-Institut mit den Empfehlungen zurecht? Warum werden andere Institute nicht im selben Maße verkleinert?
Sandschneider:
Natürlich ist das ein politischer Wille. Die Aussage des Wissenschaftsrats an die Adresse des OSI ist klar: "Ihr habt zu viel. Ihr könnt abgeben und damit der FU in anderen Bereichen helfen, Löcher zu stopfen." Im Moment sehen wir den Versuch, uns als Institut den schwarzen Peter zuzuschieben, mit dem Hinweis: "Ihr müsst eure Professuren fachsystematisch begründen."
UniSPIEGEL:
Wir machen weiter mit dem Schwarzer-Peter-Spiel. Jetzt erklärt uns Professor Grottian, wer denn nun wirklich entscheidet.
Grottian:
Meine erste Reaktion auf die Beiträge von Herrn Gaehtgens und Herrn Stölzl war eigentlich: So viel Unschuld kann hier nicht versammelt sein. Aber der Spaß hört auf, wenn man sich anschaut, wie die Debatte über die Anforderungen an die Universität sozusagen von Ihnen beiden verlagert wird, indem so etwas wie eine Marktwirtschaftisierung der Universität passiert.
Die Geistes- und Sozialwissenschaften werden zwischen 1993 und 2003 um 55 Prozent gekürzt. Die Naturwissenschaften kommen erheblich milder weg. Es gibt eine strukturelle Hackordnung in der Gesellschaft, die von Ihnen beiden in die Universität hineinverlagert wird. Und das bei einer Wissenschaft, die - egal ob man Globalisierung nimmt, Rechtsextremismus, Umbau des Sozialstaats, Demokratieentwicklung oder andere Transformationsprozesse - dazu beitragen könnte, dass sich in dieser Gesellschaft möglicherweise etwas zum Positiven hin ändern kann.
Heise:
Ich mache nicht mit bei dem Schwarzer-Peter-Spiel. Ich will aber auch klarstellen: Dass wir hier nebeneinander sitzen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir außerhalb dieses Hörsaals keine gleichberechtigten Gesprächspartner sind. Wir haben oft das Gespräch mit Herrn Gaehtgens und Herrn Stölzl gesucht und sind mitunter vom Sicherheitsdienst abgewiesen worden. Warum findet diese Veranstaltung erst jetzt statt? Warum findet sie auf Einladung des SPIEGEL statt? Welche Rolle spielt das Publikum in dieser Veranstaltung? Ich sage hier bewusst Publikum, denn von einem Plenum ist hier kaum zu sprechen. Ihr seid reduziert auf die Rolle von ZuhörerInnen und ZuschauerInnen. Ich schlage deshalb vor, dass wir diese Veranstaltung jetzt umfunktionieren, dass aus dem Publikum ein Plenum wird, an dem sich alle beteiligen können. Die Studierenden werden jetzt das Podium verlassen.
Heise und Lenner verlassen das Podium.
UniSPIEGEL:
Wir werden auch heute so wie immer verfahren und nach der ersten Dreiviertelstunde das Publikum mit einbeziehen. Jetzt möchte ich Herrn Stölzl, der zuletzt angesprochen worden ist, die Möglichkeit geben, Stellung zu beziehen.
Stölzl:
Wir können natürlich an Utopia appellieren, dass mehr Geld da sein müsste für die Forschung und die Hochschulen. Aber wir müssen uns innerhalb der Rahmenbedingungen der Debatte bewegen. Selbstverständlich hat seit den sechziger Jahren, in denen die Sozialwissenschaften als Schlüssel der gesamten Politik galten, ein Paradigmenwechsel stattgefunden zu den Naturwissenschaften hin. Das bildet sich ab in der Politik, in der öffentlichen Meinung, in der Ökonomie und selbstverständlich in der Willensbildung auch der Hochschule.
Student (aus dem Publikum):
Es geht um das Eckpunktepapier, das die Menschen rund um Herrn Stölzl verfasst haben. Mit den Kriterien, die sich nach diesem Papier hier an der Universität durchsetzen sollen, ist Wissenschaft im engeren Sinne nicht mehr möglich, weil die Verschulung des Studiums mit Master- und Bachelor-Studiengängen fortschreitet und am Ende eine Infantilisierung der Studierenden zurück auf Abiturniveau stattfindet, damit gut in das Wirtschaftssystem passende Menschen die Universität verlassen.
Student (aus dem Publikum):
Die Studierenden hatten eigentlich eine inhaltliche Debatte über die Ziele der Sozialwissenschaften eingefordert. Bis jetzt ist aber nur über den Sparzwang gesprochen worden. Das ist mehr als enttäuschend - besonders, da mit dem so genannten Stölzl-Papier mal wieder Studiengebühren, Effizienz und Privatisierung aus der Mottenkiste geholt werden.
Studentin (aus dem Publikum):
Zurzeit ist es doch so, dass nur geringe Minderheiten der Bevölkerung überhaupt die Möglichkeit zu einem unbeschwerten Studium haben. Menschen, die nicht von ihren Eltern unterstützt werden, auch Menschen, die Kinder haben, und Menschen mit Behinderungen werden aus diesem Studiensystem systematisch ausgeschlossen. Studiengebühren und die weitere Hierarchisierung der Universitäten, die Auslieferung der Inhalte an die Wirtschaft und die zeitliche Straffung des Studiums werden zu weiteren radikalen Ausschließungen dieser Gruppen führen. Wie genau denken Sie sich das neue System, Herr Stölzl?
Stölzl:
Das ist ganz einfach. Die Internationalisierung von Forschung und Lehre, die Einführung bewährter, weltweit kompatibler Studiengänge in einem zweistufigen System mit Bachelor und Master ist keine Infantilisierung, sondern eine Öffnung des deutschen Studiensystems.
Gaehtgens:
Ich würde mit dem Argument des systematischen Ausschlusses vom Studium doch ein bisschen vorsichtig umgehen. Diejenigen, die nicht studieren, werden sich sehr wohl fragen, warum die Hochschulen mit so viel Geld ausgestattet werden sollen.
Sandschneider:
Und wir alle stehen von außen unter Druck. (Studenten: Ohhhhh) Jetzt sage ich Ihnen, wir stehen in der Tat unter Sparzwang, ob wir es nun wollen oder nicht, und dann sagen Sie "Oh". Wenn Sie so in der Öffentlichkeit argumentieren wollen, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn die Leute sagen: "Was soll das denn?"
Grottian:
Herr Stölzl, Sie haben gesagt, der Paradigmenwechsel zwinge dazu, auch Ressourcen zu Gunsten dieses Paradigmenwechsels zu verteilen. Da geht es auch um Machtfragen. Und ich muss schon Sie, den Senator, fragen, wie Sie selbst dazu stehen - oder zur Geschlechterdemokratie oder zum Nahostkonflikt. Fragen Sie doch mal, was die Naturwissenschaften zum Nahostkonflikt zu sagen haben.
Was ich erschreckend finde in Ihrem Entwurf, ist, wie Sie sozusagen dem amerikanischen Modell von Universität hinterherlaufen und meinen, dass die MA- und BA-Seligkeit die Studenten nun zu ganz toller Qualifikation und ganz tollen Arbeitsmarktchancen führt. Sie sind zwar für die Freiheit von Studiengebühren, aber im Prinzip möchten Sie, dass die Leute nach sechs Semestern massenweise Examen machen. Humboldt würde sich im Grabe umdrehen.
Student (aus dem Publikum):
Vielleicht könnte Herr Sandschneider dazu Stellung beziehen, wie genau er dieses Institut ummodeln will? Der Eindruck drängt sich auf, dass er so eine Art williger Vollstrecker der Sparmaßnahmen und des gesellschaftlichen Anspruchs an die Politikwissenschaften ist, schön stromlinienförmig zu sein.
Sandschneider:
Sie alle wollen eine Globalisierungsprofessur am OSI. Warum sind Sie dann nicht beweglich genug, Globalisierung auch für das eigene Institut zu wollen und sich in der Struktur Ihrer Studiengänge fähig zu machen, internationalen Austausch zu pflegen? Warum erschrecken Sie wie kleine Kinder? Huch, Bachelor. Alles schlecht. Es geht darum, einen international kompatiblen Studiengang einzurichten. Das haben wir für das OSI getan, zum Teil gegen Ihren Widerstand. Und wir werden diesen Weg weitergehen. Dann können wir dem Senator sagen: "Hör zu. Wir bieten Studierenden am Otto-Suhr-Institut die breiteste Wahlmöglichkeit in Studiengängen an, die ihr europaweit findet. Ist dir das eine zusätzliche Professur wert?" Dann wird er politisch Farbe bekennen müssen.
Grottian:
Ich finde, Herr Senator, Sie müssten schon sehen, dass das Otto-Suhr-Institut durch kühle Haushaltslogik in seiner Vielfalt und Attraktivität massiv gefährdet wird. Wir überlegen inzwischen, ob wir in dieser existenziellen Situation als Beamte und Hochschullehrer die Arbeit niederlegen, weil wir das für so dramatisch halten.
Stölzl:
Innerhalb des gegebenen Budgets werde ich versuchen, so viel wie möglich herauszuholen, so weit es die Senatssolidarität zulässt. Da wird selbstverständlich um jede Mark gefeilscht. Ich glaube, dass es kein Problemlösungsmonopol für einzelne Universitätsinstitute geben kann, und seien sie noch so ruhmreich in der Vergangenheit. Die besseren Habilitationen, die besseren Promotionen, die besseren Diplomarbeiten werden sich gegenüber den schwächeren durchsetzen. Hier ist das OSI selbst gefordert, sich unersetzlich zu machen.
GESPRÄCHSTEILNEHMER

UniSPIEGEL 2/2001
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