09.04.2001

forschenWISSENSCHAFT MIT TAUCHERBRILLE

ARCHÄOLOGIE MUSS NICHT IMMER STAUBTROCKEN SEIN: IN DER OSTSEE SUCHEN STUDENTEN NACH WRACKS AUS DEM MITTELALTER.
Wasser hat keine Balken? Hat es doch! Da unten, wo Jana gleich hintauchen wird, liegt jede Menge davon: das Holz eines Schiffs aus dem Spätmittelalter, das als Wrack in fünf Metern Tiefe in der Ostsee vor dem vorpommerschen Badeort Prerow unter einer Schicht aus Sand und Schlick schlummert. Doch bevor Jana Heinze, 30, rückwärts und mit der sichernden Hand an der Taucherbrille über die Bordkante der kleinen Barkasse "Goor" plumpsen kann, muss sie erst einmal in diese verdammt engen Klamotten kommen.
Weil es kalt ist in der märzlichen Ostsee, braucht die Archäologiestudentin einen so genannten Trockentauchanzug. Und in so einen kommt man ohne fremde Hilfe gar nicht richtig rein, denn der Reißverschluss läuft über den Rücken. Skipper Andreas Grundmann fragt freundlich: "Soll ich dich hinten zumachen?" Grabungsleiter Thomas Förster packt zusätzlich mit an, um ihr die noch viel engere Tauchermaske über den Kopf zu ziehen.
Nun ist Jana hinten zu, alles sitzt. Die Bleibeschwerung ist perfekt austariert, die Pressluftflaschen sind stramm aufgeschnallt, und auch die Leine mit dem "Blubb" wird gerade angeknotet. Das hat nichts mit Rahmspinat zu tun: Blubb nennen sie die kleine Boje, die immer Auskunft über Janas Aufenthaltsort geben soll.
Kaum im Wasser, greift sie sich das Rohr des großen Schlammsaugers, der von einem lärmenden und stinkenden Dieselgenerator betrieben wird, und verschwindet in den Fluten. Schon nach wenigen Sekunden hat das dunkle Grün sie verschluckt. Nur der rote Blubb tanzt fröhlich mit den Wellen. Immer muss einer der an Bord Gebliebenen hinschauen, denn das ist die einzige Verbindung nach unten.
Grabungsleiter Förster hat kaum Zeit, nach Lebenszeichen seiner abgetauchten Mitarbeiterin zu gucken, denn ständig piept sein Handy die Erkennungsmelodie von "Das Boot". Förster, 35, ist als Referatsleiter Unterwasserarchäologie beim Landesamt für Bodendenkmalpflege von Mecklenburg-Vorpommern schwer im Stress. Die Ostseeküste gilt als derzeitiger Brennpunkt archäologischer Forschung unter Wasser in Deutschland - mit bereits 700 bekannten Wrack-Fundstellen. Aus den vergangenen 250 Jahren sind über 1500 Schiffsverluste aktenkundig. Wann immer die Archäologen sich die Umgebung eines Fundplatzes anschauen, treffen sie schnell auf weitere Wracks.
Erst seit der Wende wird an der Küste eine geordnete Unterwasserforschung betrieben; Tauchen vor dem Ostseestrand hatte die DDR wegen Fluchtgefahr verboten. Förster hat trotzdem schon als 17-Jähriger nach Wracks getaucht, "unter Duldung der DDR-Marine". Irgendwann machte er aus seinem Steckenpferd einen Beruf. Der Diplom-Museologe arbeitet seit 1993 für das Landesamt.
Um zu wissen, was auf der Dringlichkeitsliste für Erhaltung, Schutz oder Bergung ganz oben stehen soll, müssen die Bestände möglichst lückenlos erfasst werden. Jana arbeitet in einem kleinen Taucherteam, dessen Aufgabe es ist, zunächst das Wrack teilweise freizulegen, um anschließend eine für die Unterwasserarchäologie neue Vermessungsmethode, die Fotogrammetrie, auszuprobieren.
Das Wrack ist bei der einwöchigen Aktion nur Statist, nicht der Star. Die Fotogrammetrie wird bislang überwiegend zur Luftbildvermessung angewandt und könnte, wenn's auch nass klappt, die bislang mühsam per Hand betriebene Aufmessung von Fundstellen erheblich beschleunigen. Aber erst mal heißt es: saugen, saugen, saugen.
Nach anderthalb Stunden im drei Grad kalten Wasser taucht Jana wieder auf. Sie nimmt die Maske ab und sieht darunter ziemlich verknautscht, aber auch sehr glücklich aus. "Ich habe gekämpft wie ein Löwe!", ruft sie den Kollegen zu. Die Arbeit kann zur Plackerei ausarten, und Jana ist eher ein Federgewicht. Trotzdem hat sie eine ganze Menge Sediment weggeschafft da unten, und jetzt darf sie sich in der beheizten Kajüte der "Goor" aufwärmen. Sie ist zufrieden mit ihrer "Schnupperarbeit": wieder ein Flossenschlag mehr, der sie ihrem Traum näher bringt, Archäologin unter Wasser zu werden.
Die Greifswalderin hat schon einen weiten Weg hinter sich, angefangen mit der Ausbildung zur Elektronikerin noch zu DDR-Zeiten. Fünf Jahre arbeitete sie als Bürokauffrau. Dann ging sie auf die Abendschule, um das Abitur nachzumachen. Für die Eltern war klar: Die Tochter wird dann Jura oder Medizin studieren. Derweil hatte Jana begonnen zu tauchen. Bei einem Urlaub in Spanien bekam sie ihr erstes Wrack zu sehen. Das war allerdings eigens für tauchende Touristen versenkt worden. An der türkischen Riviera entdeckte sie dann ihr erstes "echtes" Wrack. Und sofort kamen die Fragen: "Wie mag das Schiff heißen? Wie alt ist es? Was hat es transportiert?"
Damit war ihr Berufsziel klar: Unterwasserarchäologin. Leider merkte Jana schnell, dass es eine solche Studiendisziplin gar nicht gibt, sondern nur mehr oder minder feuchte Fundstellen, die spezielle Arbeitstechniken erfordern. Nun studiert sie an der Uni Greifswald Klassische Archäologie sowie Vor- und Frühgeschichte und macht mit beim alljährlichen "Schiffsarchäologischen Seminar" der Uni Rostock oder bei einer Prospektionsfahrt des Forschungskutters "Seefuchs". Bei einer Wrackgrabung im Mittelmeer lernte sie das "Staubsaugen".
Derzeit absolviert Jana eine einjährige Ausbildung zum Forschungstaucher, die mittlerweile zwingend vorgeschrieben ist für die Teilnahme an Unterwasser-Grabungsaktionen. "Man muss selbst aktiv werden", sagt Jana, "wenn man in diesem Bereich etwas werden will." Teuer ist das Tauchen auch. Jana schätzt, mittlerweile gut 5000 Mark in ihre Ausrüstung gepumpt zu haben.
Wer in der Archäologie etwas erreichen möchte - ob zu Lande oder unter Wasser -, braucht ein Spezialgebiet. Jana, jetzt im 5. Semester, will sich nun auf die Steinzeit konzentrieren. Denn es gibt an der Küste neben Wracks noch weitere lohnende Arbeitsfelder. Bei der Untersuchung einer gesunkenen Kogge vor der Ostseeinsel Poel wurden Artefakte einer mittelsteinzeitlichen Siedlung gefunden, die vor mehr als 6000 Jahren von Fischern und Jägern bewohnt war.
In anderen Landesteilen waren deren Zeitgenossen schon zur Landwirtschaft übergegangen. Die Siedlungsreste sollen in diesem Jahr näher untersucht werden, und vieles deutet darauf hin, dass daraus ein langfristiges Projekt wird. Jana hofft, mitmachen zu können beim Grabungsteam des Steinzeitkenners Harald Lübke. Ihre Chancen stünden gut, meint Thomas Förster. Vielleicht springt ja irgendwann der unbefristete Job dabei heraus, von dem sie heute träumt.
Frank Wehden, 24, fröstelt es nur beim Gedanken an Unterwasserarchäologie. Der angehende Vermessungsingenieur hat die Fotogrammetrie für die Arbeit auf dem Meeresgrund adaptiert und will darüber seine Diplomarbeit an der Fachhochschule Neubrandenburg schreiben. Grabungsleiter Förster hat ihm einen Tauchgang angeboten, Frank will aber lieber den Sommer abwarten. Noch weiß er gar nicht, ob seine Methode auch unter Wasser funktioniert.
Wehden lässt den Unterwasserfotografen Roland Obst das Wrack in vier Streifen abfotografieren, wobei sich die Fotos überlappen. Der Computer erstellt daraus dann ein dreidimensionales Oberflächenprofil: "Genau so errechnet sich unser Hirn aus den zweidimensionalen Bildern unserer beiden Augen die dritte Dimension."
Wer auf einem Auge blind ist, sieht nur eine Fläche ohne Tiefe. Wenn's klappt, will auch Frank den "Forschungstaucher" absolvieren. Wenn nicht, wird er sich nach einem neuen Thema für die Diplomarbeit umsehen müssen.
ANDREAS BEERLAGE
RICHTIG UNTERTAUCHEN
Buch zum Thema: "In Poseidons Reich, Archäologie unter Wasser". Verlag Philipp von Zabern; 45 Mark.
Zeitschrift: "NAU" - "Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie". Janus-Verlag Dr. Joachim Köninger, Eschholzstraße 38, 79106 Freiburg.
Internet: www.unterwasserarchaeologie.de, www.abc.se/~m10354/publ/uwa-brd.htm, www.museum-mv.de/uwamv/links.html
Archäologische Forschungstaucher bildet die Freiburger Grabungsfirma Teraqua (Tel. 07633/98 23 78) im Auftrag des Verbands der Landesarchäologen aus. Der Lehrgang umfasst archäologische Arbeitstechniken unter Wasser. Kosten: rund 3500 Mark.

UniSPIEGEL 2/2001
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