21.05.2001

entscheidenKÖDER FÜR GYMNASIASTEN

AKADEMIKERMANGEL MACHT ERFINDERISCH: MIT SHOW-VORSTELLUNGEN UND GESCHENKEN WERBEN HOCHSCHULEN UM DIE STUDENTEN VON MORGEN.
Die Kurzen erobern die Uni. Mit leuchtenden Augen und roten Wangen basteln die Viertklässler Tragflächen und Brücken aus Papier, im Schüttelherd trennen sie feinen Sand von groben Klumpen, und durch den Windkanal fliegen sie in ihrer Phantasie. Ihren Hunger können die Schulkinder in der Mensa stillen - mit Würstchen und Pommes frites.
Mehrmals pro Semester geht das so an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen. Ganze Grundschulklassen dürfen die Räume der Stahlbauer, das Werkzeugmaschinenlabor oder das Aerodynamische Institut stürmen, weil die Uni bereits die Zielgruppe im Pokémon-Alter für die Wissenschaft begeistern will.
Organisatorin Sylke Juckel vom Außen-Institut der RWTH weiß, dass sie bei den "Unihits für Kids" ein dankbares Publikum hat. "Mit zehn oder elf Jahren sind die Schüler für neue Eindrücke und Erlebnisse besonders aufgeschlossen und haben noch keine Angst vor der Technik." Und manche, so die Hoffnung, kommen später vielleicht als Erstsemester wieder.
Wie die Aachener Ingenieurschmiede versuchen immer mehr Hochschulen, künftige Studenten so früh wie möglich zu ködern. Sie veranstalten Wissenschaftsshows, locken mit Geschenken und präsentieren sich ganz auf der Höhe der Erlebnisgesellschaft.
Wer etwas älter ist, der darf in Aachen sogar übers Wochenende mit dem Schlafsack ins Labor. Das Deutsche Wollforschungsinstitut an der RWTH veranstaltet seit vergangenem Jahr "Science Nights" für Mittel- und Oberstufenschüler.
Chemieprofessor Hartwig Höcker hatte anfangs noch Bedenken, dass die 14- oder 17-Jährigen die Übernachtung an der Universität eher für ihre pubertären Neigungen als für die Wissenschaft nutzen würden. Doch die Sorge erwies sich als unbegründet.
"Besonders gut kommen die Experimente zum Färben von Wolle an", berichtet Höcker. Auch dass Dauerwellen und Tönungen näher besehen die Haare kaputtmachen, wird den Besuchern anschaulich demonstriert. "Hätte nicht gedacht, dass Chemie so spannend ist", hörte Höcker immer wieder als Kommentar der Jugendlichen.
Neuerdings präsentiert sich die Aachener Hochschule sogar an den Schulen - mit dem "RWTH Science Truck". Der 15 Meter lange Sattelschlepper ist bis unters Dach vollgestopft mit Messgeräten, Versuchsständen, Video- und Computeranlagen; Mitarbeiter der Uni informieren über Studiengänge und Berufschancen. Bei seiner Premiere an einem Dürener Gymnasium umringten mehr als tausend Schüler das mobile Labor; demnächst geht es sogar auf Werbetour ins Ausland. Der Slogan ist in Riesenlettern auf den Anhänger gepinselt: "RWTH Aachen - Karriere beginnt bei uns!"
Lange Zeit war Nachwuchswerbung für deutsche Unis kein Thema. "Wer kommt, der kommt", lautete die Devise der meisten Professoren. Viele waren ohnehin froh, wenn die Studentenmassen nicht aus den überfüllten Hörsälen quollen. Allenfalls eine "Schnuppervorlesung" oder ein "Tag der Offenen Tür" sollte hier und dort Lust aufs Studium machen, aber oft wurden die Abiturienten durch lieblose Vorträge oder schlappe Experimente eher abgeschreckt.
Seit der Nachwuchs ausbleibt, müssen sich Unis und Fachhochschulen etwas einfallen lassen. Immer weniger Schulabgänger wollen insbesondere die als schwierig verrufenen Technikfächer sowie die Bio- und Naturwissenschaften studieren.
Die Aachener RWTH hat heute 29 000 Studenten, rund 10 000 weniger als vor zehn Jahren, an den meisten anderen Technischen Unis sieht es ähnlich aus. Chemiefirmen und Maschinenbauer suchen dringend gut ausgebildeten Nachwuchs. Weil es erheblich an Fachkräften mangelt, fürchtet die deutsche Biotech-Branche den Wettlauf mit der Konkurrenz aus Amerika und Fernost zu verlieren, bevor er richtig begonnen hat.
Die grassierende Studierunlust in vielen Zukunftsfächern bedroht jedoch nicht nur die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands, wie die Bundesregierung Anfang März in einem alarmierenden Bericht festgestellt hat. Auch immer mehr Doktoranden- und Mitarbeiterstellen bleiben unbesetzt, Forschung und Lehre liegen vielerorts brach. "Den Unis selber steht das Wasser bis zum Hals", sagt der Bremer Physikprofessor Walter Anheier, der Schüler schon früh für ein Studium und eine Karriere an der Uni zu begeistern versucht.
Die Politiker, die das Geld verteilen, wollen erstmals wirklich genau wissen, wo die Hörsäle und Institute gut gefüllt sind und wo nicht. In Nordrhein-Westfalen etwa plant Wissenschaftsministerin Gabriele Behler (SPD), in den nächsten Jahren bis zu 80 schlecht ausgelastete oder unrentable Studiengänge zusammenzulegen, zu verlagern oder ganz dichtzumachen. Auch anderswo sind Schließungen kein Tabu mehr.
Wer den Nachwuchs begeistern will, muss sich deshalb etwas einfallen lassen. In Berlin etwa gehen das Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität und das Kinder- und Jugendmuseum im Prenzlauer Berg mit Fünft- und Sechstklässlern auf Exkursion am Fluss Panke: Schüler, Lehrer und Forscher beobachten gemeinsam Tiere, bestimmen Pflanzen und entnehmen Gewässerproben, die später in der Schule ausgewertet werden. In Bremen erklären Elektrotechniker der Uni im Physikunterricht, wie Handys funktionieren, und laden
* Oben: in der Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität; unten: in einem Schullabor der Universität in Bremen.
die Schüler zum Experimentieren in ihr Institut ein. Manche Hochschulen versuchen es schlicht mit Geschenken. So erhielten an der Uni Paderborn in den vergangenen beiden Jahren alle Erstsemester in Physik für die Dauer ihres Studiums kostenlos einen neuen Computer samt Software. Die Dortmunder Uni spendiert Studentinnen im Männerfach Maschinenbau pro Monat 100 Mark für Bücher und andere Arbeitsutensilien.
Auf den Kick der Wissenschaft setzt das Institut für Kernphysik der Technischen Universität Darmstadt; die Spezialisten laden Oberstufenschüler zu "Saturday Morning Physics" (SMP) ein. An acht aufeinander folgenden Samstagen absolvieren die Schüler ein anspruchsvolles Programm mit Vorlesungen, Experimenten, Diskussionen und Führungen durch die Hochschullabors. Wer bis zum Schluss durchhält, wird mit einem "SMP-Diplom" belohnt. Ähnliche Veranstaltungsreihen gibt es auch in Gießen, Heidelberg, Mainz und München.
Das Interesse an den ungewöhnlichen Werbeaktionen ist groß. Die Darmstädter "Saturday Morning Physics" wurden gleich bei der Premiere von mehr als tausend Schülern überrannt, mehrere hundert mussten aufs nächste Jahr vertröstet werden. Beim Wollforschungsinstitut an der Aachener RWTH stehen schon Dutzende Schulklassen auf der Anmeldeliste für die "Science Nights".
Probleme gibt es höchstens mit den Lehrern: "Die sind manches Mal erheblich weniger zugänglich als ihre Schüler", sagt Heinz Saedler, Direktor am Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung, der schon in den achtziger Jahren einen biotechnischen Lehrgarten für Schüler angelegt hat. Hinter der Zurückhaltung mancher Pädagogen vermutet Saedler schlicht Angst. "Viele sehen es als Autoritätsverlust an, wenn plötzlich Professoren im Unterricht erklären, wie toll Biologie oder Physik sein kann."
Keine Ängste verursacht hingegen die Greifswalder Initiative Public Understanding of Life Sciences (Puls). In ihr werben nicht Professoren für die Wissenschaft, sondern Studenten der Biologie. Sie gehen in die Schulen und stellen mit selbst erarbeiteten Vorträgen ihr Fach vor.
"Mal geht es um Gen-Food, mal um das Genomprojekt", erläutert Nadine Lehan, eine der Puls-Aktiven. Das Interesse an den Schulen ist groß, und ganz nebenbei erweisen sich die Hochschüler selbst einen Dienst: "Wir lernen, vor Publikum zu sprechen und uns verständlich auszudrücken. Das brauchen wir später im Beruf." MARCO FINETTI

UniSPIEGEL 3/2001
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