22.10.2001

arbeitenAUF DEN FLUREN DER MACHT

EIN 630-MARK-JOB MIT EINFLUSS: PRAKTIKANTEN BEI BUNDESTAGSABGEORDNETEN LERNEN DAS POLITISCHE GESCHÄFT AUS DER NÄHE KENNEN
Eines Tages stand der Riese vor ihr. "So groß sieht der im Fernsehen gar nicht aus", dachte Karin Trautbeck-Kim, 24, und blickte erschrocken an Helmut Kohl hinauf. Inzwischen kann sie die Begegnung mit den Größen der deutschen Politik nicht mehr erschüttern. Schließlich ist sie nun schon zwei Jahre studentische Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag, im Dienst der CDU-Abgeordneten Rita Süssmuth.
Karin arbeitet Tür an Tür mit CDU-Promis in einem Gebäude direkt neben dem Hotel Adlon am Brandenburger Tor. Auf demselben Flur sitzen Altbundeskanzler Kohl, Ex-Hardthöhe-Chef Volker Rühe und andere ehemalige Regierungsmitglieder. "Wenn man einen von denen trifft, sagt man artig >Guten Tag< und geht weiter", erklärt Karin achselzuckend.
Ihre Chefin Rita Süssmuth, die ehemalige Bundestagspräsidentin, pflegt das regelmäßige Gespräch mit ihren vier Berliner Mitarbeiterinnen. Alle paar Monate gehen sie zusammen essen, mal Sushi, mal Weißwürste. Die Professorin für Erziehungswissenschaften, so Karin, "möchte dann oft wissen, was mich als junge Frau so bewegt".
Die angehende Politologin aus Prien am Chiemsee studiert im achten Semester an der Freien Universität Berlin. Zwei Tage pro Woche arbeitet sie im Abgeordnetenbüro - dann beruhigt sie genervte Anrufer und formuliert Briefe, die Süssmuth später absegnen muss. Immer wieder wollen die Wahlbürger von ihrer Abgeordneten wissen, welche Position die CDU/CSU-Fraktion zu einer speziellen Frage hat. Das weiß Karin meistens auch nicht - wenn sie Glück hat, aber wenigstens der zuständige Arbeitskreis der Fraktion.
Karin Trautbeck-Kim ist eine von vielen Studierenden, die in den Berliner Politikbetrieb hineinschnuppern und damit nebenbei Geld verdienen. Reich werden sie und ihre Kommilitonen dabei allerdings nicht, denn selten bezahlen die Abgeordneten mehr als 630 Mark. Andere Hochschüler versuchen durch unbezahlte Praktika - in Fraktionen, Abgeordnetenbüros oder Ministerien - einen Blick hinter die politischen Kulissen zu erhaschen.
Für die Bundestagsabgeordneten sind die Hiwis oft nicht nur einfach billige Arbeitskräfte, sondern auch Ausdruck ihres gesellschaftlichen Engagements und persönlicher Interessen. "Ich war viele Jahre hauptberuflich als Professorin tätig und gebe heute noch in jedem Semester ein Blockseminar an der Universität Göttingen", erklärt beispielsweise Rita Süssmuth, "mir macht der generationsübergreifende Austausch viel Freude."
Regelmäßig beschäftigt sie in ihrem Büro auch Studenten aus anderen Ländern, die am Internationalen Parlamentspraktika-Programm des Deutschen Bundestags teilnehmen. FDP-Chef Guido Westerwelle meint: "Weniger als die Hälfte aller Jugendlichen geht bei Landtags- oder Kommunalwahlen noch wählen. Da halte ich es für selbstverständlich, jungen Menschen mit einem Praktikum die Chance zu bieten, sich für Politik zu begeistern."
Bei Gesine Röder, 21, braucht sich der Liberale nicht mehr zu bemühen - die Sozialwissenschaftsstudentin aus Düsseldorf ist schon lange für die Politik entbrannt. Das Praktikum in Westerwelles Büro macht sie aus einem anderen Grund: "Ich versuche gerade per Ausschlussverfahren herauszufinden, was der richtige Job für mich ist."
Siegmar Mosdorf (SPD) ermöglicht als einziger von vier Wirtschaftsstaatssekretären Praktika in seinem Büro im Bundesministerium. Simon Vaut, 23, ist glücklicher Inhaber eines dieser raren Praktikumsplätze. Der blonde Schlaks studiert im siebten Semester Verwaltungswissenschaften an der Universität Potsdam und teilt sich mit einer Mitpraktikantin ein winziges Zimmer im wichtigsten Flur des Gebäudes - Bundeswirtschaftsminister Werner Müller und der Parlamentarische Staatssekretär Mosdorf sitzen gleich um die Ecke.
Die anderen 18 Praktikanten und Rechtsreferendare, die zugleich im Ministerium arbeiten, sind dagegen in Fachreferaten wie "Wettbewerbspolitik" eingesetzt. "In der Leitungsebene mitzuarbeiten ist natürlich super", findet Simon und zupft an seiner roten Krawatte herum. An den Binder, der hier Pflicht ist, muss er sich noch gewöhnen.
Die Mosdorf-Praktikanten erhalten eigene Projektaufgaben - so hat der Hamburger ein Round-Table-Gespräch mit Fachleuten organisiert. "Sie sollen darüber diskutieren, wie man amerikanische Elite-Unis dazu bewegen kann, in Deutschland eine Dependance aufzubauen", erklärt Simon. Die Idee hatte der Staatssekretär von einer Singapur-Reise mitgebracht, die Informationen und Hintergründe rund um das Thema hat der Student zusammengetragen.
Für den Einsatz gab es eine besondere Auszeichnung - der Student durfte Mosdorf zur Wirtschaftstagung der SPD begleiten und mit den anderen Mitarbeitern der Leitungsebene einen Betriebsausflug ins Kanzleramt machen.
Marion Link, 26, VWL-Studentin aus Frankfurt am Main, hat als Praktikantin in der Pressestelle der FDP-Fraktion Zugang zum Bundestag, zu Arbeitskreisen und Fraktionssitzungen und genießt die Vorzüge einer Mini-Partei: "Weil die Fraktion so klein ist und alle in einem Gebäude sitzen, bekommt man viel mit."
Die Praktikanten kommen oft aus ganz Deutschland, doch feste Jobs im politischen Bereich kann nur annehmen, wer in oder nahe der Hauptstadt wohnt - Studierende der Berliner und Potsdamer Universitäten also.
Ulrich Zöckler, 28, ist deshalb extra von seiner Mannheimer Uni nach Berlin gewechselt. Politiker seiner Wahl war der junge Bündnisgrüne Matthias Berninger, 30. Der musste jedoch erst von der Idee überzeugt werden, einen Studenten einzustellen. Etliche Telefonate, Briefe und persönliche Gespräche bei Veranstaltungen brauchte es, bis Ulrich sich schließlich vorstellen durfte. Nach einem vierwöchigen Praktikum 1999 konnte er dann als studentischer Mitarbeiter anfangen und machte den Job bis zum Abschluss seines BWL-Studiums im Sommer 2001. "Natürlich musste ich mich erst mal daran gewöhnen, dass er trotz seines jungen Alters ein Vollblutpolitiker ist - und mein Vorgesetzter", erzählt Ulrich. "Später haben wir dann viel inhaltlich diskutiert. Meine Meinung hat ihn sehr interessiert."
Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Auch sorgen auffällige Glanzpunkte im Lebenslauf für Vorteile bei der Bewerbung: Karin lebte ein Jahr in Südkorea - der Heimat ihrer Eltern - und machte in den Semesterferien Praktika in anerkannten Forschungsinstituten, wie dem Institute for Multi-Track Diplomacy in Washington. Simon studierte ein Jahr im irischen Limerick und hospitierte acht Monate in der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in Chicago. Ulrich absolvierte zwei Praktika in Unternehmen in den USA, und Marion zog es für ein halbes Jahr zum Arbeiten nach Neuseeland.
Auch Erfahrungen im politischen Geschäft können sich lohnen. "Es ist günstig, schon mal hinter einem Infostand gestanden zu haben", glaubt Westerwelles Praktikantin Gesine, die sich bei der FDP-Jugendorganisation, den Julis, engagiert.
"Das hilft beim Umgang mit unverschämten Anrufern. Denn viele Leute denken nicht nach, die haben einfach Lust, einem Politiker vor die Füße zu kotzen - oder eben seiner Praktikantin."
Simon ist dagegen bei den Jusos aktiv, bekommt ein Stipendium der SPDnahen Friedrich-Ebert-Stiftung und hat auch schon bei einem SPD-Bundestagsabgeordneten gearbeitet. Ulrich wiederum ist Mitglied der Grünen; Marion hat zwar noch das Buch einer anderen Partei in der Tasche, überlegt aber, demnächst zur FDP zu wechseln.
Glaubt man den Politikern, wird eine Parteimitgliedschaft von studentischen Hilfskräften und Praktikanten allerdings gar nicht erwartet. Die Bewerber sollten sich bürgerschaftlich engagieren. Ob das in einer Partei oder Organisation stattfindet, ist dabei zweitrangig. "Leistung geht vor Richtung", erklärt Siegmar Mosdorf. Und Guido Westerwelle beteuert: "Die Parteizugehörigkeit spielt keine Rolle, sofern es sich um Demokraten handelt."
Wie die Parteimitgliedschaft ist auch das Studienfach bei der Bewerbung nicht wirklich wichtig - es sei denn, der einzelne Politiker hat eine besondere Vorliebe. So wie Siegmar Mosdorf, der selbst in Konstanz Verwaltungswissenschaft studierte und nun gern "Verwalter" in sein Büro holt. Das Querschnittsstudium aus Wirtschaftswissenschaften, Politologie und Jura passe eben gut "zur vielseitigen Arbeit im BMWi", erklärt Mosdorf.
Vor allem Politik-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler interessieren sich für die Arbeit bei Parlament und Regierung. So nah am Geschehen zu sein kann für das theorielastige Studium durchaus nützlich sein. "Man kommt schnell in Kontakt mit interessanten Gesprächspartnern", lobt Karin.
Ulrich Zöckler war vor allem vom Einfluss der Lobbygruppen beeindruckt: "Wer da wo mitreden will und darf, ist schon erstaunlich." Und noch etwas hat er durch die Arbeit bei Berninger gelernt: "Man lässt sich nicht mehr so stark von der Stellung einer Person beeindrucken und lernt, sich auf die Sachaussagen zu konzentrieren." Das, glaubt er, sei sehr nützlich, "wenn man am Studienende im ersten wichtigen Bewerbungsgespräch seines Lebens sitzt." Ihm selbst scheint es zumindest geholfen zu haben, denn seit Anfang Oktober arbeitet der frisch gebackene Betriebswirt als Analyst bei einer Münchner Venture-Capital Firma.
In die Politik zog es ihn nicht - dabei wird der Studenten-Job oder das Praktikum im Bundestag oft zum ersten Schritt auf dem Weg zu einer Stelle als Fraktionsreferent für einen bestimmten Themenbereich oder zur festen Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Abgeordneten.
Marion Link jedenfalls ist durch ihr Praktikum in der FDP-Pressestelle richtig angefixt: "Ich dachte immer, PR sei der Bereich, in dem ich später mal arbeiten möchte", sagt sie. Doch neuerdings hat sie ihre Berufsziele neu gesteckt: "Später möchte ich als politische Referentin arbeiten - oder als Abgeordnete selbst mitmischen." FENJA MENS
WEGE IN DIE POLITIK
Über die Internet-Seite des Deutschen Bundestags www.bundestag.de erhält man Informationen zu den einzelnen Abgeordneten. Mitgliedschaften in Ausschüssen geben Aufschluss über die Arbeitsschwerpunkte des MdB.
Die Bundestagsfraktionen im Internet:
www.spdfraktion.de, www.cducsu.de, www.gruene-fraktion.de, www.fdpfraktion.de, www2.pds-online.de/bt/
Die Website der Bundesregierung www.bundesregierung.de bietet Links zu allen Ministerien. Auch hier sind Praktika möglich.

UniSPIEGEL 5/2001
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