22.10.2001

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DIE FUNDAMENTALISTISCHE IMAN-UNIVERSITÄT IM JEMEN VERSTEHT SICH ALS BASTION GEGEN DIE UNMORAL DES WESTENS.
Der Scheich mit dem hennaroten Vollbart verkündet im Brustton der Überzeugung: "Hier wird der richtige Islam gelehrt." Die Studenten, die aus dem chaotischen Somalia in den Jemen gereist sind, nicken gläubig: "Weil es so ist, wie Ihr sagt, sind wir zu Euch gekommen, Eminenz."
Abd al-Madschid al-Sandani, 61, der Wohltäter, lächelt zufrieden. Der Gründungsvater der "Islamischen Iman-Universität" in Sanaa weiß sehr wohl, dass die meisten der Bewerber aus der sich selbst überlassenen Ex-Republik Somalia, aus Äthiopien, Kenia und Uganda weniger wegen des wissenschaftlichen Niveaus an seine Alma Mater drängen, sondern Stipendien erhoffen. Denn die vergibt die "Hochschule des Glaubens" seit ihrer Eröffnung im Jahr 1993 reichlich.
Der umfangreiche Gebäudekomplex an der Peripherie der expandierenden Hochgebirgsmetropole ist für die Zukunft ausgelegt. Die Betreiber der Hochschule, wohlhabende sunnitisch-islamische Kaufleute und Mäzene aus den Golfstaaten, wollen mit Hilfe der Iman-Universität das 19-Millionen-Volk im Süden der Arabischen Halbinsel zu fundamentalistischen Muslimen machen. Ein Dozent für die Fachrichtung "Der Glaube und die Moderne" ist sich sicher: "Wer bei uns studiert, kehrt zu den alten Wurzeln unserer Religion zurück. Wir verhindern, dass die Unmoral des Okzidents im Jemen um sich greift."
Eingeschrieben hatten sich fürs neue Semester 450 Studiosi aus verschiedenen Landesteilen des Jemen, aber auch aus mehreren asiatischen und afrikanischen Staaten. Zwar plant die Iman-Universität, das Lehrangebot, das sich bislang auf islamische Studien konzentriert, durch geisteswissenschaftliche und andere profane Fächer zu erweitern. Doch mit der Umsetzung hapert es noch.
Das liegt daran, dass Scheich al-Sandani nicht nur ein einflussreicher geistlicher Würdenträger und Prediger ist, sondern zugleich auch politische Ambitionen hat. Der erzkonservative Koraninterpret ist prominentes Mitglied der islamischen Islah-Partei, der stärksten Oppositionspartei. Die Islah (Reform-Partei) bekennt sich zwar nicht offen zum radikalen Islam, sie mahnt aber den laizistisch eingestellten Staatspräsidenten Ali Abdullah Salih fortwährend, nicht vom Kurs der Rechtgläubigen abzuweichen. Fällt in den Augen der Islah-Leute ein Gesetz oder ein Dekret zu "islamfremd" aus, sorgen die Frommen für Unruhen bei den Stämmen, die in schwer zugänglichen Regionen die Regierung ersetzen.
Doch ganz ohnmächtig ist die Regierung nicht, schon gar nicht in Sanaa und anderen Zentren. Die auf den Staatschef eingeschworene Regierungspartei, der "Allgemeine Volkskongress", hindert die Opposition der Frommen durch parlamentarische und juristische Tricks am zügigen Aufbau der Universität.
Die Führung der Iman-Uni selbst taktiert eher vorsichtig. Anders als an anderen islamischen Universitäten, wo es nach den Terroranschlägen in den USA zu teilweise gewalttätigen anti-amerikanischen Demonstrationen kam, ging die "Hochschule des Glaubens" rechtzeitig auf Nummer Sicher: Zwei Tage nach der Katastrophe beschloss der Aufsichtsrat, den Lehrbetrieb auszusetzen - "bis auf weiteres".
Die islamische Kaderschmiede ist denn auch keine ernst zu nehmende Konkurrenz zu den beiden staatlichen Universitäten in Sanaa und Aden. Mit Hilfe von in arabischen Bruderländern oder im Westen ausgebildeten Professoren haben sie einen den Landesbedürfnissen angepassten Studienbetrieb aufgebaut.
Dennoch geht die Saat der strengen Lehre in zahlreichen Dorfmoscheen auf, vor allem auf dem dicht besiedelten zentralen Hochplateau. "Der Zungenschlag der Freitagsprediger ist pochender geworden", stellte der Botschafter eines arabischen Nachbarstaates fest. "Wenn die so weitermachen, wird es später einen Flächenbrand geben."
VOLKHARD WINDFUHR
Von Volkhard Windfuhr

UniSPIEGEL 5/2001
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