02.07.2001

studierenNIMM DOCH ZWEI

DOPPELTE CHANCEN MIT DEM DOPPELDIPLOM: AUF DEM JOBMARKT HELFEN KOMBI-ABSCHLÜSSE VON DEUTSCHEN UND AUSLÄNDISCHEN UNIS.
Die selbstbewussten Erstsemester, die Christine Boudin im Auslandsamt der Fachhochschule Kiel beraten soll, wissen meistens schon genau, was sie wollen: ein Auslandsstudium, aber bitte mit doppeltem Abschluss.
Für solche Wünsche hat Boudin eine Liste, die sich liest wie ein Katalog für Bildungsreisende: Soll es nach Sydney gehen oder doch lieber nach Singapur? Nicht mehr bloß ein Schnupper-Semester in der Fremde ist gefragt, für Karrieren in Zeiten der Globalisierung suchen viele ein Studium, das auch im Ausland voll anerkannt wird.
Clemens Jauch, 28, wollte eigentlich nur bei einem Praxissemester in Grimstad, etwa 300 Kilometer südwestlich von Oslo, sein Lieblingsthema erneuerbare Energien im langen norwegischen Winter vertiefen. Doch schnell wurde daraus ein Doppeldiplom-Studium, denn der Elektrotechnik-Student fühlte sich in Grimstad "sauwohl" und wollte nach einem Semester wieder dorthin - und er wollte einen zusätzlichen Abschluss. "Ich dachte mir, das sei bestimmt gut für den Lebenslauf", sagt Jauch, und das war es auch. Nach seinem Diplom an der "Høgskolen i Agder" und an der FH Kiel fiel seine Doppel-Qualifikation sofort auf; gleich die erste Bewerbung brachte ihm einen Job als Ingenieur bei einem Hersteller von Windkraftanlagen.
"Internationalisierung ist angesagt", meint Helene Harth, Vizepräsidentin der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) in Saarbrücken, die in beiden Ländern Doppeldiplom-Studiengänge koordiniert und fördert. Gerade in einem immer enger zusammenwachsenden Europa sei es wichtig, ein Gefühl für andere Kulturen und Menschen zu bekommen, den persönlichen Horizont und den Arbeitsmarktradius zu erweitern.
Unter den Auslandsaufenthalten ist das "Nimm zwei"-Angebot echte Spitze. "Das ist schon etwas Besonderes", sagt Siegbert Wuttig vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), "die Studenten müssen sich mindestens ein Jahr lang ganz auf ein fremdes Land, auf ein anderes Hochschulsystem einstellen, das bringt mehr als ein Auslandssemester." Und fordert auch mehr Einsatz.
Die Studierenden absolvieren beim Doppeldiplom in der Regel das Grundstudium an ihrer deutschen Hochschule. In dieser Zeit bereiten sie sich durch Sprachkurse und fremdsprachige Veranstaltungen auf ihren Auslandsaufenthalt vor. Im Hauptstudium verbringen sie dann mindestens ein Jahr an einer ausländischen Partnerhochschule und erwerben dort Scheine oder so genannte Credit Points. Ihren Abschluss machen sie meist wieder in Deutschland, einige Kooperationen ermöglichen das ganze Examen im Ausland. Wer alle Prüfungen besteht, erhält innerhalb der normalen Studiendauer einen doppelten Abschluss.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Doppeldiplomer haben internationale Erfahrung und eine zusätzliche Qualifikation, die ihre Berufschancen verbessert. Und durch die Abkommen zwischen den Partnerhochschulen reduzieren sich vielfach die teilweise sehr hohen Studiengebühren im Ausland. Auch das Studium verzögert sich normalerweise nicht, weil alle Studien- und Prüfungsleistungen gegenseitig anerkannt werden. So viel Abstimmung nimmt den Studenten eine Menge bürokratische Last ab, aber eine "Pauschalreise" ist so ein Doppeldiplom nicht, versichert Christine Boudin. "Die Studenten müssen schon Biss haben", sagt sie.
Clemens Jauch hatte anfangs in Grimstad "Angst, kein Land zu sehen". Alles war fremd: die Sprache, die Literatur, der Leistungsdruck. "Und es gab keinen Bonus für ausländische Studenten." Dafür durfte er die Professoren duzen. "Mir hat die Zeit in Norwegen persönlich unglaublich viel gebracht", sagt er, "die Sprache zu lernen und die Fähigkeit, mich in einer fremden Kultur zurechtzufinden."
Doppeldiplom-Studenten sind oft "besonders motivierte, leistungsbewusste, sprachlich begabte Studenten", so Helene Harth von der DFH. Viele haben schon Auslandserfahrung und wollen ihrem Studium noch ein "Sahnehäubchen" obenauf setzen, so DAAD-Mann Wuttig.
Und in der Tat sind die Berufsperspektiven für Doppeldiplomer erfreulich: Nur drei von hundert Absolventen haben ein halbes Jahr nach ihrem zweifachen Abschluss noch keine feste Stelle. Und sie verdienen auch mehr als einfach Diplomierte. Professor Kay Poggensee, Auslandsbeauftragter des Fachbereichs Wirtschaft an der FH Kiel, hat bei einer Umfrage unter den mehr als 200 Absolventen seines Fachbereichs ein Drittel höhere Einstiegsgehälter ausgemacht. Und Untersuchungen der DFH zeigen, dass die meisten Absolventen in internationalen Unternehmen arbeiten, im Investmentbanking oder in der Beratung. Einige von ihnen bleiben gleich im Ausland und kommen nur für ihre mündliche Abschlussprüfung noch mal zurückgejettet.
Solche Erfolgsaussichten beflügeln offenbar: Die Zahl der Doppeldiplom-Studiengänge steigt seit Jahren. Bei der Hochschulrektorenkonferenz geht man derzeit von etwa 180 Studiengängen aus. Aber es sind wohl weitaus mehr. Allein bei der DFH in Saarbrücken sind mittlerweile 90 registriert, vor einem Jahr waren es noch 65. Und seit auch der DAAD vom Bundesbildungsministerium vergangenes Jahr spezielle Fördergelder bekommen hat, wurden an Hochschulen weitere 30 internationale Studiengänge gegründet.
Manch ein Doppeldiplom-Studiengang wird gar auf Wunsch der Industrie eingerichtet. An der Stuttgarter Hochschule für Druck und Medien gab es eine so große Nachfrage von Druckmaschinenherstellern, die in China aktiv sind, dass vor drei Jahren im Fach Drucktechnik ein deutsch-chinesischer Doppeldiplom-Studiengang eingerichtet wurde. Der Bedarf ist groß, mittlerweile studieren ein Dutzend Deutsche und 18 Chinesen dort, die ersten werden im Wintersemester fertig.
Dabei ist es offenbar gar nicht so einfach, einen Doppeldiplom-Studiengang einzurichten. "Es gibt im Ausland, aber auch bei deutschen Hochschulen, starke Vorbehalte, fremde Studienleistungen anzuerkennen und fremden Studenten ihr Diplom zu verleihen", sagt Christine Boudin von der FH Kiel. Da müssen deutsche Hochschulen schon mal etwas tun, was sie im eigenen Land oft nicht für nötig halten - kräftig für sich werben, auf die Bedürfnisse ausländischer Studenten eingehen.
Auch müssen sie zulassen, dass Vorlesungen von den Partnern angehört, Inhalte und Anforderungen verglichen werden, bevor dann nach langen Jahren ein Vertrag zwischen den Hochschulen abgeschlossen werden kann, berichtet Poggensee schmunzelnd. Für ihn gab es fast nie Probleme, sein Fachbereich Wirtschaft bietet Doppeldiplome von mehr als 30 Partnerhochschulen. Gerade konnte er Südafrika, Singapur und Neuseeland dazugewinnen.
Überhaupt liegt die Fachhochschule Kiel im Bereich der Doppeldiplom-Studiengänge vorn. An kaum einer anderen deutschen Uni gibt es so viele Verträge mit ausländischen Partnerhochschulen. Mittlerweile haben die Kieler 39 Kooperationen in 17 Ländern - weltweit von Finnland bis Australien. Kieler Studenten können einen Hochschulabschluss in Sydney, San Diego oder auf Mallorca erwerben.
Doppeldiplom-Studiengänge sind für Hochschulen ein Aushängeschild im internationalen Wettbewerb um die besten Studenten. Die Unis bieten nicht nur ihren eigenen Studenten Auslandserfahrungen, sie werden auch attraktiv für ausländische Studenten, weil Lehrveranstaltungen in Englisch angeboten und Lehrinhalte abgestimmt werden. Denn was ein Partner nicht anbietet, wird vielleicht beim anderen gelehrt. 90 Prozent der BWL-Studierenden an der FH Kiel kommen wegen des Doppeldiploms, sagt Kay Poggensee.
Auch Maja Goebel, 27, zog es aus der Nähe von Stuttgart an die Förde, weil sie "was Internationales" studieren wollte. Ein Personalchef bei Bosch hatte ihr Kiel empfohlen.
"Ich war vor dem Studium schon ein Jahr als Au-Pair in den USA und zu einem Praktikum in Mexiko und möchte später unbedingt wieder im Ausland arbeiten", erzählt die BWL-Studentin, "am liebsten im Vertrieb und im Marketing."
Maja Goebel ist gerade aus San Diego zurück, wo sie ein Jahr lang an der United States International University studiert hat. Dass sie wieder in Deutschland war, merkte sie, als sie nachts in einen Supermarkt wollte. Jetzt schreibt sie ihre Diplomarbeit darüber, welche Rolle kulturelle Unterschiede in Wirtschaftsbeziehungen spielen.
Die meisten neuen Doppeldiplom-Kooperationen werden im Moment mit osteuropäischen Ländern geschlossen - obwohl die deutschen Studenten dort gar nicht hin wollen. Das Problem ist: Alle zieht es nach Westen. Polnische Studenten wollen nach Deutschland, deutsche nach Großbritannien. Weil für eine finanzielle Förderung von beiden Seiten mindestens fünf Studierende kommen müssen, aber oft nicht kommen, mussten etliche Studiengänge schon wieder geschlossen werden.
MARION SCHMIDT
INFOS ZUM DOPPELDIPLOM
Deutsche Hochschulen bieten mehrere hundert Studiengänge an, die mit einem doppelten Examen abgeschlossen werden können.
Einen Überblick über internationale Studiengänge gibt die Suchmaschine des DAAD unter www.daad.de/cgi-bin/daad.pl Eine Datenbank liefert zudem Länderinformationen, Tipps zur Bewerbung und zu Stipendien. Unter www.studieren.de sind in der Suchmaschine 266 international ausgerichtete europäische Studiengänge sortiert, bei denen ein Doppeldiplom erworben werden kann. Über etwa 90 binationale Studienangebote mit Frankreich informiert die Deutsch-Französische Hochschule (DFH) unter www.dfh-ufa.org
Stipendien und Studiengebühren
Die DFH vergibt so genannte Mobilitätsbeihilfen in Höhe von 300 Euro monatlich an Studierende in deutsch-französischen Doppeldiplom-Studiengängen. Interessenten müssen sich über ihre jeweilige Hochschule bewerben.
Spezielle Stipendien für Doppeldiplomer hat der DAAD nicht, die Studenten können aber eine Auslandsförderung beantragen. Wer innerhalb Europas ein Doppeldiplom macht, kann eine Finanzspritze aus den EU-Programmen "Erasmus" oder "Sokrates" bekommen. Auch Bafög kann im EU-Ausland bezogen werden.
Studiengebühren entfallen für geförderte Studierende innerhalb der EU. In Übersee ist mit zum Teil sehr hohen Gebühren zu rechnen, die oftmals durch ein Stipendium aufgefangen werden können. Manchmal hat auch die deutsche Hochschule mit ihren ausländischen Partnern spezielle Konditionen vereinbart, nach denen die Studiengebühren zumindest reduziert werden.
Ansprechpartner für alle Informationen über Studiengänge, Partnerhochschulen und Förderungsmöglichkeiten ist jedes Akademische Auslandsamt.
Von Marion Schmidt

UniSPIEGEL 4/2001
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