03.12.2001

studierenANTRETEN IM HÖRSAAL

IN DEN ZEITEN DES KRIEGES GEGEN DEN TERROR IST EIN STUDIUM AN DEN BUNDESWEHR-UNIS NUR BEDINGT ATTRAKTIV. DOCH DIE FRAUEN DRÄNGEN NACH.
Fallschirmspringer Markus Petek, 25, bleibt derzeit auf dem Boden. Nach drei Jahren militärischer Ausbildung zum Berufsoffizier studiert der Leutnant an der Universität der Bundeswehr im Hamburger Stadtteil Wandsbek.
"Frisch von der Truppe direkt in die zivile Welt mit all ihren Freiheiten - das war eine Umstellung", stöhnt nun der VWL-Student Petek. In dreieinviertel Jahren soll er sein Studium durchziehen. "Und das ist ganz schön stressig", gesteht der junge Offizier. Durch die Einteilung in zehn Trimester ist das Studium stark gerafft, der Stoff muss in kürzerer Zeit bewältigt werden. Seine Klausurnoten muss Petek dem Vorgesetzten melden, und wenn es ganz schlecht läuft, kann der Befehl auch lauten: "Rückzug in die Kaserne".
"Unser Auftrag heißt studieren", sagt Leutnant Petek - und das nehmen er und seine Kommilitonen Offizierskameraden sehr ernst. Sollten sie auch: Wer nach vier Jahren Studium immer noch nicht den Dipl.-Ing. oder Magister artium in der Tasche hat, kommt für den Rest der Dienstzeit zurück zur Truppe, kann die Karriere dort aber knicken. Als Berufsoffizier übernommen werden bei der Bundeswehr nur Akademiker.
Das war nicht von Anfang an so. Die Bundeswehr-Unis sind ein Produkt der sozial-liberalen Ära Anfang der siebziger Jahre, als sich in der Bundeswehr das Leitbild des "Staatsbürgers in Uniform" durchgesetzt hatte. Tumbe Troupiers witterten zwar weiterhin Verweichlichung allerorten, ein veritabler Heeresinspekteur weigerte sich gar volle sechs Jahre lang, die Ausbildungsstätte seiner Offiziere zu besuchen. Doch nukleare Konfliktszenarien verlangten weniger den Haudegen alter Schule mit Verwundetenabzeichen als kühl analysierende Technokraten des Krieges mit einem Reflexionsniveau deutlich oberhalb der Schützengrabenkante.
Vor allem plagten die Bundeswehr schon damals Nachwuchssorgen. In der Vietnam-Kriegs-Ära gab sich der Zeitgeist entschieden pazifistisch, und der Bund musste schon etwas bieten - zum Beispiel ein Studium.
Mediziner lässt die Bundeswehr seit jeher an öffentlichen Universitäten studieren, wo sie reservierte Platzkontingente hat. Doch einen Offiziersanwärter in ein Soziologie-Seminar nach Marburg zu schicken, wäre zur Zeit der Studentenunruhen wohl einem Kommandounternehmen im feindlichen Hinterland nahe gekommen.
Also verordnete Verteidigungsminister Helmut Schmidt (SPD) der Bundeswehr kurzerhand zwei eigene Hochschulen; 1973 begann der Lehrbetrieb. Heute bieten sie zusammen 17 universitäre Studiengänge für insgesamt rund 4500 Studenten. In München werden zusätzlich auch drei Fachhochschulstudiengänge angeboten. Das Sagen haben die Zivilisten. In allen akademischen Dingen gelten auch hier die Hochschulautonomie und die Freiheit von Lehre und Forschung: 270 nach Landeshochschulgesetz ordentlich bestellte Professoren können lehren, was sie für richtig halten; ihre Studenten sind frei, hinzugehen oder nicht, in Uniform oder ohne.
"Militärs aus anderen Staaten sind immer ganz perplex, wenn sie merken, dass ich Zivilist bin", schmunzelt Hans Georg Lößl, gelernter Theologe und Präsident der Münchner Bundeswehr-Uni (sowie in Personalunion ihr "Kasernenkommandant"): "Bei denen gibt es nur Militärakademien. Wir lehren hier aber nicht Militärwissenschaften, sondern bilden mit wissenschaftlichem Anspruch Offiziere in einem zivilen Beruf aus. Dieses Konzept ist weltweit einmalig."
Die Bundeswehr macht keinen Hehl daraus, dass das Angebot zum Studium bei vollem Offiziersgehalt (derzeit rund 2500 Mark netto) vor allem die Attraktivität des Soldatendaseins erhöhen soll. "Natürlich ist das vor allem Werbung", gibt Lößl zu, "nur darum bildet die Bundeswehr weit über den eigenen Bedarf hinaus aus." Etwa 80 Prozent der Absolventen werden keine Berufssoldaten, sondern verlassen spätestens nach Ablauf der zwölfjährigen Verpflichtungsdauer die Bundeswehr.
Mit schnell abgeschlossenem Studium, höchstens Mitte 30 und mit praktischer Erfahrung als Kommandeure haben sie auf dem Arbeitsmarkt beste Chancen: "Das kann für Firmen sehr attraktiv sein", sagt Andreas von Specht, Partner bei der auf die Vermittlung von Spitzenkräften spezialisierten Personalberatung Egon Zehnder International. "Jemand mit diesem Qualifikationsmix hat einen Vorteil gegenüber anderen Bewerbern, vor allem, weil er ein deutliches Mehr an Führungserfahrung hat."
Unter den Absolventen finden sich denn auch zum Beispiel ein BMW-Vorstand, der kaufmännische Geschäftsführer eines Fußball-Bundesligisten oder ein Staatsrat der Bremer Innenbehörde. In der Bundeswehr selbst hat vor kurzem der erste Absolvent einen Generalsstern erhalten. Dennoch drängeln sich die Kandidaten derzeit nicht sonderlich vor den Türen der Kölner Offiziersbewerberprüfzentrale (OPZ). Nur etwa zwei bis drei Bewerber melden sich dort pro Platz, in einigen technischen Fächern liegen Lehrkapazitäten brach.
Der guten Studienbedingungen wegen auch das militärische Klimbim in Kauf zu nehmen - das zieht unter Bewerbern in den Zeiten von Out-of-Area-Einsätzen und Terrorkrieg nicht mehr. "Der Golf-Krieg 1991 war der Schnitt", sagt Daniel Gross, Vorsitzender des Studentischen Konvents der Münchner Uni, Leutnant zur See und Student der Staats- und Sozialwissenschaften im 7. Trimester. "Damals haben noch welche gekündigt. Wer danach eingestellt wurde, war im Bild, was ihn erwarten kann."
"Bei einer Diplomierungsfeier ist vor kurzem ein Teil der Diplomanden schon gar nicht mehr erschienen, weil sie direkt von der Uni weg zum Einsatz auf dem Balkan abkommandiert worden waren", illustriert Uni-Präsident Lößl die neue Situation. "Die Studenten sind sich schlagartig ihrer Rolle als Offiziere stärker bewusst geworden. Und sie fragen stärker nach dem Wert ihres Studiums für die neuen Anforderungen."
Gerade angesichts des Wandels der Aufgaben ist akademische Bildung "von unschätzbarem Wert", glaubt Lößl: Für Militärs, die nicht mehr nur als Kämpfer, sondern zunehmend als Polizisten oder gar Diplomaten auftreten müssten, "bekommt die Frage der Analysefähigkeit eine ganz neue Wertigkeit".
Das stärker gewordene Gewicht des militärischen Aspekts bei der Berufsentscheidung ihrer Studenten sehen die Professoren dennoch mit einem gewissen Zwiespalt. Nicht nur, weil die akademische Seite doch in Gefahr geraten könnte, eine eher dienende Rolle zu spielen. Das neue Bewusstsein für das "Soldatische" fördert auch die ohnehin bereits starke Homogenität der Studentenschaft. Natürlich gebe es die "Tendenz, dass eher der konservativ gesinnte junge Mann sich in diesen Strukturen wohl fühlt", gesteht Präsident Lößl. Die Studentenschaft sei "sehr homogen", sagt auch Dietmar Strey, Sprecher der Hamburger Schwester-Uni, das Lernklima dadurch "ungewöhnlich".
Ungewöhnlich reibungsarm - finden manche - für Studenten, die später im Beruf vor allem schnell begreifen müssen, wie das Gegenüber tickt. Könnte ein Offizier, der sich im Studium dauernd mit dem nervigen Trotzkisten vom Asta fetzen musste oder eine Hörsaalbesetzung der Feministischen Initiative überstanden hat, nicht besser mit einem albanischen Rebellenführer verhandeln als jemand, der in der Sicherheit seines Rudels sozialisiert wurde?
Student Gross, der zwei Semester Jura in Berlin hinter sich brachte, bevor er zum Bund kam, glaubt nicht, dass er und seine Kameraden sich zu sehr in eigenen Kreisen einbunkern: "Man ist Soldat, aber dann gehen die Meinungsunterschiede auch schon los." An einer zivilen Uni könne man Konflikten doch viel eher ausweichen als in der eng verwobenen Welt der Wohnheime einer kleinen Campus-Uni. "Man bewegt sich natürlich schon innerhalb des Systems", gibt jedoch auch Gross zu: "Die Bundeswehr abzuschaffen würde hier wohl niemand vertreten."
So versuchen deren Universitäten neuerdings eine vorsichtige Öffnung. Seit diesem Trimester studieren erstmals drei zivile Studenten, so genannte Industriestipendiaten, bei der Bundeswehr - und vier Frauen. Fähnrich zur See Barbara Schierl, 24, hat - nach dem Gleichstellungsurteil des Europäischen Gerichtshofs - in München, wie eine Kommilitonin in Hamburg, die Offizierslaufbahn ins Visier genommen. Oberleutnant Orosoo Ariunaa aus der Mongolei studiert im Rahmen militärischer Kooperationsabkommen, ebenso wie eine Albanerin.
Das Ende der Bundeswehr-Unis als Fortsetzung des Knabeninternats mit anderen Mitteln ist damit abzusehen - wenn sich künftig mehr Frauen für den Bund als Arbeitgeber entscheiden. Die Unis rechnen in den nächsten Jahren mit 30 bis 50 Studentinnen.
"Das Interesse der Mädchen gerade an unserem Studiengang Luft- und Raumfahrttechnik ist riesig", hat Norbert Hörpel, Sprecher der Münchner Hochschule, an vielen bayerischen Gymnasien beobachtet.
Probleme auf dem Campus gibt es bislang nicht, selbst wenn der Student (weiblich) mit Männern auf einem Flur mit gemeinsamer Dusche wohnt wie in Hamburg. "Die hängen halt draußen ein Schild dran, wer da gerade duscht - fertig", meint Sprecher Strey. Schließlich brächten die männlichen Studenten schon seit eh und je auch mal ihre Freundinnen mit ins Wohnheim. Die Aussicht auf eine etwas höhere Frauenquote bei der "TAF", der Trimester-Anfangs-Fete, lässt die studierten Jungs solch kleine Einschränkungen ohne Murren hinnehmen.
Geradezu geheimnisumwittert sind die in München erstmals eingeschriebenen Zivilstudenten, denn offiziell dürfte es sie eigentlich gar nicht geben - noch nicht jedenfalls: Die eigentlich notwendige Änderung des bayerischen Hochschulgesetzes steht immer noch aus.
Der politische Wille ist gleichwohl da: Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) hat die Bundeswehr-Unis als Speerspitzen bei der Verzahnung von Wirtschaft und Militär auserkoren. Noch machen Industrieaufträge, etwa in München, nur knapp acht Prozent des Fremdforschungsvolumens aus. Etwas über 50 Prozent der Aufträge kommen noch immer vom Bundesamt für Wehrtechnik und anderen Bundesbehörden, der Rest von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Europäischen Union.
Doch in einzelnen Bereichen läuft die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft bestens: Zwölf Millionen Mark an Drittmitteln hat etwa Physikprofessor Ignaz Eisele allein seit Februar von Unternehmen akquiriert, die von seinen Forschungsergebnissen im Halbleiterbau profitieren möchten.
Zusammenarbeit dieser Art soll in den nächsten Jahren durch bis zu 50 zivile Industriestipendiaten gefördert werden, die mit dem Offiziersnachwuchs studieren sollen - bezahlt von der Industrie, versorgt vom Bund, ausgewählt und ausgebildet von der Universität. "Schaffung von Multiplikatoren in der Wirtschaft", heißt das Ziel der Militärs, Nutzung der kurzen und guten Ausbildung das Motiv der Industrie, Auslastung vorhandener Kapazitäten nebst Auflockerung der Studentenschaft der Wunsch der Universitäten - allen scheint mit dem Modell gedient.
Und Uni-Präsident Lößl denkt schon in größeren Dimensionen: Er fände 250 bis 300 zivile Studenten, also 10 bis 15 Prozent, "die richtige Zahl".
Nicht ohne Hintergedanken: Durch eine noch weitergehende Öffnung, als sie bislang den Militärs vorschwebt, erhielte die Universität mehr Gewicht bei der Auswahl der Studenten. "Die Bundeswehr kann uns zuweisen, wen sie will", seufzt Lößl. "Hinsichtlich des Studienerfolgs wäre es wünschenswert, den Unis bei der Auswahl mehr Einfluss zu geben." Zwar prüft die OPZ bei der Einstellung neben militärischen Aspekten wie körperlicher Fitness auch die allgemeine Studierfähigkeit, nicht aber die Eignung für ein bestimmtes Fach - ein Grund für hohe Durchfallerquoten von 30 bis 35 Prozent. Die Industriestipendiaten dagegen wählt die Uni selbst aus, auf Vorschlag der Unternehmen.
Eine stärkere Öffnung würde auch zeigen, ob das in vielerlei Hinsicht verlockende Angebot der Bundeswehr-Hochschulen auf dem Bildungsmarkt ein deutliches Manko ausgleichen kann: die mangelnde Internationalität des Bundeswehr-Studiums. Zwar gibt es einige Dutzend Studenten aus 15 Nationen von Albanien über Senegal bis Thailand. Selbst während des Studiums ins Ausland zu gehen ist für die deutschen Studenten aber "realistisch gesehen nicht machbar", konzidiert Präsident Lößl, das Studium ist zu straff organisiert.
"Wir sorgen für Internationalität durch die Forschung", so Lößl. Doch der hohe Anteil von ausländischen wissenschaftlichen Mitarbeitern ist in erster Linie Folge der eigenen Nachwuchssorgen: Weil die Bundeswehr ihre Leute nach dem Studium zur Truppe schickt und selbst den Besten kaum eine wissenschaftliche Karriere erlaubt, müssen die Professoren junge Talente von außen holen.
Nur Offiziersanwärter der Marine haben echte Chancen auf Auslandserfahrung: Für sie existiert ein Austauschprogramm mit Frankreich, bei dem die Anwärter jeweils ihre gesamte Offiziersausbildung im Partnerland absolvieren können.
Der Mangel an Internationalität mag für viele Studenten noch erträglich sein. Richtig bedauerlich ist ein anderer gravierender Nachteil des Studiums an einer Bundeswehr-Hochschule: Der Studentenausweis der Besserverdiener-Uni berechtigt nicht zu Preisnachlässen beim Erwerb von Kinokarten.

STUDIEREN IN OLIVUniversität der Bundeswehr München: www.unibw-muenchen.deFachbereiche: Bauingenieur- und Vermessungswesen, Elektro- undInformationstechnik, Informatik, Luft- und Raumfahrttechnik,Pädagogik und Sportwissenschaften, Sozialwissenschaften,Wirtschafts- und Organisationswissenschaften Universität derBundeswehr Hamburg: www.unibw-hamburg.de Fachbereiche:Elektrotechnik, Pädagogik, Wirtschafts- undOrganisationswissenschaften, Maschinenbau
Von Hans Michael Kloth und Sebastian Unger

UniSPIEGEL 6/2001
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