04.02.2002

studierenKLEINES MISS-VERSTÄNDNIS

DIE CSU SCHMÜCKT SICH MIT EINER SCHÖNHEITSKÖNIGIN AUS IRAN. DIE JUNGE STUDENTIN PASST SO GAR NICHT INS KLISCHEE DER BAYERN-PARTEI.
Die letzten Takte von Margot Werners "So ein Mann, so ein Mann" kommen aus dem Lautsprecher. Der Parteitag applaudiert. Da beugt sich Edmund Stoiber vor und flüstert ihr ins Ohr: "Vielen Dank." Volltreffer.
Dabei hatte Sheila Malek erst Bedenken gehabt, als CSU-Größen sie um den Auftritt zu Stoibers 60. Geburtstag auf dem Nürnberger Parteitag baten. "Was soll der bloß von mir denken?" Aber dann fand sie es doch "ganz lustig", im kleinen Schwarzen aus einer Riesentorte zu steigen und den bayerischen Ministerpräsidenten mit einem Tanz zu umgarnen, in der Hand einen dicken Ordner. Schließlich soll Stoiber mal angemerkt haben, eine dicke Akte sei ihm lieber als eine dünne Nackte. Und so sah er dann auch aus. "Wir zwei waren wahrscheinlich die Aufgeregtesten", glaubt Sheila, obwohl man ihr das nicht mal abnimmt. Dafür genießt sie große Auftritte viel zu sehr.
Am Morgen nach dem Tanz-Ständchen geht Sheila Malek auf ihre allwochenendliche Tingeltour: erst Jurorin bei einer Bartweltmeisterschaft, dann am Abend bei einer Miss-Wahl. Seit sie im Januar 2001 den bayerischen Schönheitsköniginnen-Titel gewann, tourt sie von Neustadt bis Pfaffenhofen, von der Discothek in die Mehrzweckhalle und dann am Montagmorgen in die Physikvorlesung.
Sheila Malek ist 21, in Teheran geboren, Ex-Miss Bayern, CSU-Mitglied mit Listenplatz 18 bei der Kommunalwahl für den Schwabinger Bezirksausschuss, Medizinstudentin - und passt nicht in klassische Klischees.
Sie trägt einen beigefarbenen Rollkragenpulli mit Goldfädchen. Kajalstriche betonen ihre dunklen Mandelaugen. Auf einem Schneidezahn glitzert ein kleiner Brillant. Das Image von Miss-Wahlen sei schon nicht so toll, gibt sie zu. Sie zieht die Nase kraus und grinst. Aber das war eben daheim in Passau gleich nach dem Abitur, "im Vulkano, 'ne richtige Landdisco". Mach doch mit, sagen die Freunde. "Das war aus Spaß. Und dann bin ich süchtig geworden." Sie liebt die Bühne, wie früher in der Theatergruppe oder als Turniertänzerin, "ich wollte überhaupt nicht wieder runter".
Ein paar Monate später, nach zwei Durchgängen, im Abendkleid und im Badeanzug, wird sie Miss Bayern. "Man wird da auch über Politik gefragt, aber nicht so extrem, über den Weltfrieden oder so", lacht sie. Da sie aber sowieso in der Politik mitreden wollte, wurde sie im vergangenen Juni CSU-Mitglied.
Der bayerischen Partei passt das weibliche Schmuckstück fremder Herkunft bestens ins Konzept. Nachdem Sheila in der Parteizentrale ihren Aufnahmeantrag abgegeben hatte, warteten unten mehr als 15 Journalisten. Aus den Augenwinkeln sah sie die leichte Panik bei der Pressesprecherin und Generalsekretär Thomas Goppel. "Die wussten ja nicht, ob ich bei der ersten kritischen Frage gleich anfange zu heulen."
Das Parteiprogramm kann sie nicht "im Detail auswendig. Das Wichtige kriegt man eh mit". Sie will "alte Werte" bewahren. "Vor allem, dass man die Familie schätzt." Ihre Familie musste 1980 drei Monate nach Sheilas Geburt aus Iran fliehen, nachdem der Schah vertrieben war. Und Sheila, die den deutschen Pass besitzt und Persisch spricht, fragt sich, was die Union am Doppelpass so gefährlich findet. Aber Zuwanderung müsse geregelt werden, "es muss ja so sein, dass alle dann noch miteinander zurechtkommen".
Ihre Mutter ist - nicht praktizierende - Muslimin, sie selbst gehört keiner Religion an: "Ich habe meinen eigenen Gott." Und weil sie in der Schule in den katholischen Religionsunterricht gegangen ist, antwortet sie eben, sie sei katholisch, wenn einer fragt.
Erst mal hofft Sheila Malek noch auf einen Studienplatztausch, denn die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen hat sie im Wintersemester nach Hamburg verschickt. Malek hatte Jura studiert, aber dann gemerkt, "dass ich doch lieber Ärztin werden will. Ich hatte mir nur vorgestellt, dass ich eine Staranwältin in einer großen Kanzlei wäre, mit Glamour eben". Also umsatteln auf Medizin. Jetzt paukt sie Chemie und Biologie, in der U-Bahn ist Latein dran.
Donnerstags steigt sie nach zehn Stunden Vorlesung in den Flieger, gezahlt von ihrer Miss-Agentur. Auch als Ex-Miss hat sie viele Termine: Modenschauen, Glücksfee auf der Kirmes, Moderatorin beim Betriebsfest. Damit kann sie sich das Studium leicht finanzieren. Dass sie einen Titel hat, will sie trotzdem nicht allen auf die Nase binden, "das wär peinlich, wenn ich damit hausieren ginge". Letztens kam ein Kommilitone aus einem Dorf in Baden-Württemberg, der bat sie, ihr Foto in einer Zeitschrift zu signieren, "damit sei er in seinem Kaff der Held. Da mussten wir beide ziemlich lachen". Nur eins nervt sie nach der Tortennummer wirklich: "Ich werde immer gefragt, ob ich Stoiber sexy finde. Ich bewunder ihn zwar, aber der ist nun wirklich nicht meine Altersklasse."
Von Cordula Meyer

UniSPIEGEL 1/2002
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